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Magellan und der Mythos Weltumrundung#

Vor 500 Jahren fand die erste Weltumsegelung statt - sie war nicht beabsichtigt.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 20. September 2019

Von

Edwin Baumgartner


Weltumsegelung
Die Welt umrunden: Per Schiff, per Flugzeug - und einer ist zu Fuß gegangen.
Grafik: Wiener Zeitung

Vor 500 Jahren ist die Erde erstmals geschrumpft. Der portugiesische Seefahrer Fernão de Magalhães, auf Spanisch Fernando de Magallanes, bricht am 20. September 1519 im Auftrag von Spaniens König Karl I., der bald Kaiser Karl V. sein wird, mit fünf Schiffen und 242 Mann Besatzung zu großer Fahrt auf. Von Sanlúcar de Barrameda aus geht die Reise nach Westen. Magalhães soll Gewürze aus Asien bringen. Die Besatzung sieht aus, als wäre sie von einer EU-Kommission nominiert worden: Spanier, Portugiesen, Italiener, Franzosen, Flamen, Griechen, Deutsche und ein Engländer sind darunter.

Alles für die Gewürze#

Spanien hat bei seinem Gewürzimport ein Problem. Das heißt zu diesem Zeitpunkt "Land von Christoph Columbus im Auftrag des Königs von Castilien entdeckt", obwohl der Freiburger Kartograph Martin Waldseemüller griffigere Namen vorschlägt wie "Papageienland". (Man stelle sich vor: Beinahe wäre Donald Trump der Obervogel der Papageianer geworden.)

Jedenfalls soll Magalhães Gewürze besorgen. Die Landmasse ist ihm im Weg. Was tun? - Er tastet sich an der Landmasse so lange Richtung Süden, bis er den Durchgang findet, der bis heute seinen Namen trägt: die Magellan-Straße. Am Schluss der Unternehmung kommen am 6. September 1522 gerade einmal ein Schiff und 19 Besatzungsmitglieder nach Spanien zurück. Magellan ist nicht darunter. Er ist am 27. April 1521 auf der Philippinen-Insel Mactan in einem Scharmützel mit Einheimischen gefallen.

Magellan, der erste Weltumsegler: eine Legende. In Wahrheit gebührt die Ehre Juan Sebastián Elcano, einem Offizier der "Victoria", der in den Wirren um Untergänge, Todesopfer und einer Meuterei zum Schiffsführer der "Concepción" gewählt worden war.

Dabei hat Elcano eine Vertragsverletzung begangen: Der König und nachmalige Kaiser hat Magellan verboten gehabt, die Welt zu umsegeln, um nicht die Einflusssphäre des portugiesischen Königs Manuel I. zu verletzen. Schließlich hatte Papst Alexander VI., mit bürgerlichem Namen Rodrigo Borgia (ja, genau: der Schurke aus den "Borgias"-Fernsehserien), im Vertrag von Tordesillas die Welt in einen portugiesischen und einen spanischen Teil geteilt. Vielleicht kannte Elcano den Vertrag mit Magellan gar nicht, vielleicht doch und ignorierte ihn - sein Hauptanliegen war, die "Concepción" auf dem kürzesten Weg nach Spanien zurückzusegeln. Das war Kurs Westen ums Kap der Guten Hoffnung herum.

Magellans Nachruhm: Die Magellanstraße ist nach ihm benannt, die chilenische Provinz Magallanes, dazu eine Raumsonde, zwei Mond- und ein Marskrater, etliche Schiffe, Vögel und sogar ein Baum der Buchen-Familie und eine Art der Kapuzinerkresse. Was bleibt für Elcano? - Kaum ein Schulbuch-Eintrag. Ungerecht ist die Welt, auch, wenn sie umrundet ist.

Elcanos englischer Weltumsegelungs-Nachfolger hatte ebenfalls keine sportliche Großleistung im Sinn: Francis Drake war Pirat, oder sagen wir’s vornehmer: Freibeuter. Das heißt, er hatte von Königin Elisabeth I. von England einen Kaperbrief, der es ihm erlaubte, spanische Schiffe auszurauben. Von spanischer Seite war der Schrieb naturgemäß nicht ratifiziert.

1577 brach Drake mit fünf Schiffen auf. Was er vorhatte, ist umstritten. Möglicherweise suchte er, neben der Ausübung des Piratenhandwerks, versteht sich, den sagenhaften Südkontinent Terra Australis, vielleicht die Nordwestpassage. Oder er folgte dem Kielwasser der spanischen Schiffe, um sie um ihre Schätze zu erleichtern. Drakes Weltumsegelung war quasi ein Nebenprodukt seiner Freibeuterei.

Ehrlicherweise sei zugestanden, dass die Sache mit dem Kaperbrief nicht ganz gesichert ist. Mag sein, dass Drake aus eigenen freien Stücken gehandelt hat. Dafür würde sprechen, dass sich Königin Elisabeth von ihm abwandte, nachdem sie an Bord der "Golden Hind" mit ihm soupiert hatte und den französischen Gesandten Monsieur de Marchaumont darum bat, Drake in den Ritterstand zu erheben, statt es selbst zu tun. Das Gesicht zu wahren war schon damals eine besondere Kunst der Machthaber. Selbstverständlich blieb Sir Francis gut gelitten am Hof der Königin.

Die beiden ersten Weltumsegelungen waren somit keine Absicht. Sie ergaben sich aus dem Kurs der Schiffe.

Die Seele baumeln lassen#

Bei Joshuah Slocum war es anders: Der US-Amerikaner suchte das Alleinsein, den Kontakt mit der See. In den Jahren 1895 bis 1898 machte er die erste Einhand-Weltumseglung, bei der er reichlich Zwischenstopps einlegte und die Seele baumeln ließ. Der Törn war der Trip eines Aussteigers.

Sir Francis Chichester hingegen versuchte 1966 auf der "Gypsy Moth IV", seiner Krebserkrankung gewissermaßen davonzusegeln. Er startete am 27. August 1966 in Plymouth und kehrte nach nur einem Zwischenstopp am 28. Mai 1967 zurück. Chichester starb am 26. August 1972. Er gilt in Großbritannien als letzter Seeheld der Nation, obwohl auch der erste Mensch, der allein nonstop die Welt umsegelte, Engländer war, nämlich Robin Knox-Johnston, der im Rahmen des Sunday Times Golden Globe Race nach 312 Tagen allein auf See am 22. April 1969 in Falmouth anlegte. Der Franzose Bernard Moitessier hätte den Sieg in der Tasche gehabt, drehte aber im letzten Moment mit Kurs auf Tahiti ab. Und der Engländer Donald Crowhurst fälschte seine Logbücher, wurde darüber wahnsinnig und verschwand unter ungeklärten Umständen. Darüber gibt es den Film "Vor uns das Meer" mit Colin Firth.

Jules Vernes Mythos#

Die Erde umrunden, die Enden der Welt überbrücken: Den Mythos dazu hat Jules Verne 1873 im Roman "In 80 Tagen um die Welt" geliefert. Das Vorbild für seinen Phileas Fogg fand er im US-Amerikaner George Francis Train, einem Kaufmann und Schriftsteller, der 1870 in 80 Tagen um die Erde gereist war. 20 Jahre später brach eine Frau Trains Rekord: Die Journalistin Nellie Bly schaffte die Erdumrundung in 72 Tagen und ohne männliche Begleitung.

Immer weiter schrumpft die Welt, als wäre sie eine vertrocknende Orange. Jetzt kommt die Fliegerei dazu. Schneller und schneller wird alles. Im Jahr 1929 braucht das Luftschiff "Graf Zeppelin" für die Strecke 35 Tage. 31,5 Stunden sind es 1995 mit der "Concorde", die ihren Passagieren zwei Sonnenaufgänge beschert und die 36.784 Kilometer mit Überschallgeschwindigkeit zurücklegt. Noch schneller ist die Raumstation ISS: Sie schafft das mit 28.000 Stundenkilometern in eineinhalb Stunden.

Aber warum denn immer nur aufs Tempo drücken? Wie sagte Goethe? - "Nur wo Du zu Fuß warst, bist Du auch wirklich gewesen." Andrew Siess aus Minnesota umrundete die Welt zu Fuß. Mit damals 25 Jahren ist er der jüngste Weltumrunder (obwohl: Vielleicht war einer der 19 Rückkehrer der Magellan-Reise noch jünger? Wo mag das verzeichnet stehen?) Siess’ Wanderung dauerte 1020 Tage. Mit Fug und Recht kann er von sich sagen, in der Welt zu sein.

Wiener Zeitung, 20. September 2019