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Ein Jahrhundertprojekt als Einbahnstraße #

Einst hat die Seidenstraße fremde Kulturen miteinander verbunden, ihre Neuauflage kennt vor allem einen Gewinner: China. Für viele andere Länder ist sie ein Weg in eine Schuldenfalle. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (3. März 2019)

Von

Bruno Baumann


tierischer Passagier auf der neuen Seidenstraße
tierischer Passagier auf der neuen Seidenstraße
Foto: BAUMANN
mongolisches Jurtenfernsehen in der Wüste Gobi
mongolisches Jurtenfernsehen in der Wüste Gobi
Foto: BAUMANN
Lkw-Fahrer in Usbekistan
Lkw-Fahrer in Usbekistan
Foto: BAUMANN

Es war der Superhighway der Antike, jenes Geflecht von uralten Karawanen- und Völkerwanderungswegen, das sich über Tausende Kilometer vom Osten Chinas bis ans Mittelmeer spannte und das der deutsche Geograf Ferdinand von Richthofen erst im vorletzten Jahrhundert mit dem Begriff Seidenstraße überschrieb. Für dessen Schüler, den schwedischen Asienforscher Sven Hedin, war es gar das „bedeutendste Band“, „das es je auf Erden zwischen Völkern und Kontinenten gab“. Tatsächlich stellte die Seidenstraße eine oft gefährdete, aber nie ganz unterbrochene Verbindung zweier einander fremder Weltkulturen her: der abendländischen und der chinesischen. Hinzu kamen indische, persische und zentralasiatische Einflüsse. Kaufleute, Mönche und fromme Pilger, aber auch blutrünstige Eroberer folgten diesen Routen.

Der Austausch fand auf verschiedenen Ebenen statt. Es wurden nicht nur Waren befördert, sondern auch Religionen, Kunststile und Technologien verbreitet. Das Papier, der Buchdruck, der Kompass, allesamt Erfindungen aus dem Reich der Mitte, fanden so den Weg nach Westen. Aus der umgekehrten Richtung gelangten Glaubensbekenntnisse wie die persische Lichtreligion des Mani, die indische Lehre des Buddha oder die christliche nestorianische Kirche bis in das heutige Xi’an.

An den Umschlagplätzen, den Akupunkturpunkten mit ihren Märkten und Karawansereien, herrschte Multikulti mit bemerkenswerter Toleranz. In der Oase Turpan haben Archäologen eine alte Stadt freigelegt, mit Kultstätten unterschiedlichster Religionen, die neben- und miteinander koexistierten. Aber auch das war die Seidenstraße. Auf Zeiten großer Toleranz und kultureller Blüte folgten Zeiten schlimmster Barbarei.

Mit dem Vorrücken der arabischen Heere begann der Niedergang und als der Venezianer Marco Polo seine Reise nach China antrat, hatte die Seidenstraße längst ihre Glanzzeit hinter sich. Umso erstaunlicher ist es, dass die Seidenstraße heute eine Renaissance erlebt. Das Zauberwort heißt „Neue Seidenstraße“. Die Vision dazu lieferte der kirgisische Dichter Tschingis Aitmatow, einstmals einer der engsten Berater von Michail Gorbatschow. Durch den Ausbau moderner Verkehrs- und Kommunikationswege – Straßen, Schienenstrang, Pipelines, Stromtrassen und Datenhighway – sollte an das Erbe der Seidenstraße angeknüpft werden und all die blühenden Landschaften entstehen, die die postkommunistischen Führer Zentralasiens bei ihren Völkern gebetsmühlenartig heraufbeschworen.

Aber so richtig Durchschlagskraft erhielt die Idee erst, als Chinas Staats- und Parteilenker Xi Jinping 2013 das Konzept zur Chefsache machte. Seitdem wird die Entwicklung in schwindelerregendem Tempo vorangetrieben, vor allem in den Provinzen Gansu und Xinjiang. Auf neuen Trassen gleiten Hochgeschwindigkeitszüge mit bis zu 250 km/h durch den Gansu- Korridor, jenen Flaschenhals zwischen der Wüste Gobi und dem tibetischen Hochland, der als Tor zur Seidenstraße galt. Parallel dazu führt eine mehrspurige Autobahn vorbei an den Resten der Großen Mauer, jenem Produkt der Angst, das Chinas Kaiser einstmals vergeblich gegen die Reitervölker errichten ließ.

Satellitenstädte werden aus dem Boden gestampft und ein Pflanzenwall gezogen – die sogenannte „Grüne Mauer“ –, um dem Vorrücken der Wüsten Einhalt zu gebieten, während ein Internet- Firewall die Deutungshoheit und das Meinungsmonopol der Partei absichern soll. So oder so ähnlich stellt sich Xi Jinping sein Lieblingsprojekt auch auf internationaler Ebene vor. „One Belt, One Road“ (OBOR) nennt sich das ehrgeizige Vorhaben. 68 Länder haben sich bisher dem Projekt angeschlossen, darunter fast alle asiatischen Länder bis auf Indien, das sich als geopolitischer Gegenspieler im neuen „Great Game“ demonstrativ verweigert. Hunderte Milliarden investiert China in Infrastrukturprojekte zur Beschleunigung des Handels, vor allem in den klammen Ländern Zentral- und Mittelasiens, aber auch in angeschlagenen EU-Ländern wie Griechenland, und verkauft seine Offensive mit großer Propaganda als Win-win-Situation für alle Beteiligten. Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Lokalaugenschein am Irkeschtam- Pass, der Grenze zwischen China und Kirgistan inmitten des Pamir-Gebirges, über das, nach dem Willen Chinas, eine der Hauptrouten der „Neuen Seidenstraße“ führen soll. Im Niemandsland vor der chinesischen Grenzabfertigung staut sich eine kilometerlange Lkw- Schlange.

Die Lastwagen sind alle leer. Sie sind unterwegs zu einem der Container Hubs in Kaxgar oder Ürümqi, um dort Waren zu laden. Die „Neue Seidenstraße“ präsentiert sich hier als Einbahnstraße, als Hardcore-Absatzförderungsprogramm für Chinas Exportwirtschaft.

Der Warenaustausch funktioniert hier nur in eine Richtung, denn Kirgistan hat nichts zu bieten, was sich am chinesischen Markt verkaufen ließe. Die Containerlastzüge hingegen, die von der anderen Seite kommen, sind bis zum Anschlag mit Konsumgütern beladen, die so billig sind, dass sie eine eigene Produktion in den zentralasiatischen Republiken von vornherein unrentabel machen. Das „One Belt, One Road“ hat nichts mit Seidenstraßen- Nostalgie zu tun und oder mit Völkerverständigung, denn es versteht sich nur als ökonomisches Projekt. Freier Fluss von Waren und Finanzströmen, aber nicht von Menschen und Meinungen. Die chinesischen Personenkontrollen am Irkeschtampass haben Orwell’schen Charakter. Ein gruseliges Szenario totaler Überwachung, das sich in Städten der Uiguren-Provinz Xinjiang noch steigert. Nach Schätzungen internationaler Organisationen werden dort etwa eine Million muslimische Uiguren in Lagern prophylaktisch einer Gehirnwäsche unterzogen, zur Erziehung zu richtigen Staatsbürgern, wie es heißt.

Die einseitige kommerzielle Penetration zeigt in Zentralasien Wirkung. Inzwischen hat sich bis in die letzten Jurten und Datschas herumgesprochen, dass die Investitionen keine Entwicklungshilfe bedeuten, sondern die Länder in die Schuldenfalle treiben und Gewinne nach China abfließen, an jene Staatsbetriebe, die die Projekte umsetzen und dafür häufig noch Bleiberecht für die chinesischen Arbeiter samt Familiennachzug fordern.

„Die antike Seidenstraße ist längst Vergangenheit“, schrieb Tschingis Aitmatow, „doch ihr multikultureller Geist ist relevanter denn je“. Da irrte der Dichter. Der multikulturelle Geist ist heute ferner denn je.

Teil der neuen Seidenstraße ist der Karakorum Highway in Pakistan
Teil der neuen Seidenstraße ist der Karakorum Highway in Pakistan
Foto: BAUMANN
Der Pamir Highway in Tadschikistan führt entlang der alten Seidenstraße
Der Pamir Highway in Tadschikistan führt entlang der alten Seidenstraße
Foto: BAUMANN
Alte Seidenstraße
Alte Seidenstraße
Foto: BAUMANN


Bericht und Grafiken von Susanne Rakowitz und Günter Pichler; Quelle: Kleine Zeitung
Bericht und Grafiken von Susanne Rakowitz und Günter Pichler
Quelle: Kleine Zeitung
Kleine Zeitung, 3. März 2019