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Die Väter des Wiederaufbaus#

Für Österreichs Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten nicht zuletzt die Hilfen aus den USA.#


Von der Wiener Zeitung (14. Mai 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

von

Günter Bischof


Insbesondere Investitionen in den Tourismus (wie hier in St. Anton am Arlberg) sorgten für Devisengewinne.
Insbesondere Investitionen in den Tourismus (wie hier in St. Anton am Arlberg) sorgten für Devisengewinne.
Foto: Vorarlberger Landesbibliothek

Wer hatte an Österreichs wirtschaftlichem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg den entscheidenden Anteil? Die meisten Städte waren durch die Bombenangriffe der Alliierten zerstört, die Infrastruktur lag danieder, es fehlten Rohstoffe und Arbeitskräfte, um die Wirtschaft rasch wieder hochzufahren. Der Großteil der Bevölkerung – vor allem in den Städten – hatte nicht genug zu essen.

Bei Politikern bürgerte sich nach dem Krieg rasch ein, die Arbeitsleistung der heimischen Bevölkerung für den raschen Wiederaufbau verantwortlich zu machen. Der ehemalige ÖVP-Obmann Josef Taus sprach den Mythos vom „heroischen Zeitalter“ nach dem Krieg an, in dem die Österreicher ihr Land ganz alleine aufgebaut hätten. Kanzler Julius Raab hingegen dankte den Amerikanern für ihre Hilfe immer wieder in seinen Reden. Ohne die US-Wirtschaftshilfe hätte Österreich die zehnjährige Besatzungszeit nicht so gut überstanden. Raab betonte in den späten 1950ern, dass der Mythos vom „lebensunfähigen Österreich“ längst tot und vergessen sei.

In seiner Kolumne vom 25. April 2020 in den „Vorarlberger Nachrichten“ sprach der Unternehmer und Ex-Minister Hannes Androsch davon, dass Österreichs Nachkriegswohlstand durch „eigene Anstrengungen, politische Zusammenarbeit, und internationale Unterstützung“ geschaffen wurde. Was meinte er damit? Natürlich ist die Arbeitsleistung der Wiederaufbau-Generation (inklusive „Trümmerfrauen“ und Kriegsheimkehrer) nicht zu unterschätzen. Die politische Zusammenarbeit im Rahmen der großen Koalition von ÖVP und SPÖ hätte nicht so lange gehalten, hätten die westlichen Besatzungsmächte nicht so großen Druck auf die Parteien ausgeübt, eben diesen Zusammenhalt zu pflegen, um die Nachkriegsdemokratie zu stärken. Den westlichen Besatzungsmächten war zu sehr der „Quasi-Bürgerkrieg“ zwischen den politischen Lagern in der Zwischenkriegszeit noch in Erinnerung.

Die USA schütteten so viel aus, wie die Sowjets absaugten#

Was Androsch mit „internationaler Unterstützung“ wohl meint, sind die vielfältigen von den USA finanzierten Unterstützungsprogramme: Armeehilfe, Unterstützung durch die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), Kongresshilfsprogramme und schlussendlich der Marshall-Plan. Insgesamt schütteten die USA von 1945 bis 1953 rund 1,8 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfen an Österreich aus – ungefähr so viel, wie die Sowjets in diesen Jahren an Reparationsleistungen aus ihrer Zone absaugten (Öl- und USIA-Lieferungen, Staatsvertragsabgeltungen).

Diese erstaunliche Äquivalenz amerikanischer Wirtschaftshilfe und sowjetischer Begehrlichkeit mittels Reparationen hat bereits Hans Seidel, langjähriger Staatssekretär in Androschs Finanzministerium, errechnet. Man kann nicht sagen, dass die Amerikaner die österreichischen Reparationen bezahlt haben. Aber was die Russen am östlichen Ende der jungen Zweiten Republik abzwackten, steckten die Amerikaner am westlichen Ende hinein. Das hat den Nachkriegswohlstand der Alpenrepublik am Ende geschaffen. Und dabei hätte das „befreite“ Österreich ursprünglich gar keine Reparationen zahlen sollen.

Die US-Hilfsleistungen haben in Österreich von 1946 bis 1954 das heimische Handelsdefizit abgedeckt. Die US-Marshall-Planer übten auch auf die Regierung von Kanzler Leopold Figl Druck aus, mehr zu exportieren, um das Handelsbilanzdefizit nach dem Krieg in den Griff zu kriegen. Das US-Stabilitätsprogramm zwang 1952 der österreichischen Regierung rigorose anti-inflationäre Sparmaßnahmen auf, die Figls Regierung zu Fall brachten und später als „Raab-Kamitz-Kurs“ in die Geschichtsbücher eingingen.

Devisengewinne dank Investitionen in den Tourismus#

Am Ende waren es dann aber die Investitionen, die über sogenannte ERP-Gegenwertkonten in die Fremdenverkehrswirtschaft flossen, die Zahl der ausländischen Gäste im Land massiv erhöhten und damit auch zu Devisengewinnen und ab 1954 wieder zu ausgeglichenen Handelsbilanzen führten. Gerade Vorarlberg, Tirol und Salzburg erhielten den Löwenanteil dieser „Counterpart-Investitionen“ (gut 80 Prozent), die in den Tourismus investiert wurden. Damit wurde im alpinen Teil Österreichs eine zweite Wintersaison hochgefahren, die zahlreiche ausländische Gäste ins Land brachte. Die bekannten Wintersportorte Lech, St. Anton und Bad Gastein erhielten den Löwenanteil dieser ERP-Investitionen aus dem Marshall-Plan für Liftbauten, zur Modernisierung der Hotelinfrastruktur und beim Ausbau der Zufahrtsstraßen.

Gerade in Zeiten der Corona-Krise, in der der Tourismus besonders in Mitleidenshaft gezogen ist und wo jeden Tag von Politikern nach einem „neuen Marshall-Plan für die EU“ gerufen wird, sollte man diesen Anteil großzügiger amerikanischer Hilfsleistungen in der Erinnerung der Österreicher festhalten. Die USA in Zeiten der Präsidentschaft Donald Trumps verspielen zwar jetzt alle Sympathiewerte, die man für das Land je gehabt haben mag, aber ihren historischen Anteil am Wiederaufbau Österreichs nach dem Krieg sollte man nicht Vergessenheit geraten lassen.

Günter Bischof ist Marshall Plan Chair und Direktor des Center Austria an der University of New Orleans; derzeit Gastprofessor für amerikanische Geschichte am Institut für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck.

Wiener Zeitung, 14. Mai 2020