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Was als Österreich übrig blieb#

Von Mai bis September 1919: Der lange, mühsame Weg zum Staatsvertrag von Saint-Germain.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 2. Juni 2019

Von

Gerhard Stadler


In der 'Rennerei' genannten, bis heute unveränderten Villa in Saint-Germain-en-Laye lebten Staatskanzler Karl Renner und ein Teil der österreichischen Delegation vom Mai bis September 1919, unter Bewachung und isoliert
In der "Rennerei" genannten, bis heute unveränderten Villa in Saint-Germain-en-Laye lebten Staatskanzler Karl Renner und ein Teil der österreichischen Delegation vom Mai bis September 1919, unter Bewachung und isoliert.
Foto: © Stadler

"L’Autriche, c’est ce qui reste": Dieser dem französischen Premier Clemenceau zugeschriebene Satz charakterisiert das wichtigste Ergebnis des "Diktates von Saint-Germain", wie oft die Bewertung des Österreich treffenden Vertrages von 1919 ist: Es wurde mit den neuen Grenzen auf 29 Prozent der Fläche der 1914 "im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder" reduziert. Dies war (und ist) größenmäßig etwa der Raum, den Kaiser Maximilian I. 1505 erreicht hatte.

Anfang Mai wurde das von Hunger und Trennungswünschen der westlichen Bundesländer bedrohte Österreich aufgefordert, eine Delegation nach Saint-Germain bei Paris zu senden. Der für Außenpolitik zuständige Staatssekretär Otto Bauer, der den Anschluss an Deutschland forcierte, lehnte die Delegationsleitung ab. Daher musste sie sein sozialdemokratischer Parteikollege Staatskanzler Karl Renner übernehmen.

Kleine Delegation#

Renner war als Reichsratsabgeordneter innenpolitisch und in Minderheitenfragen erfahren, doch außenpolitisch ein Neuling. Zur Delegation gehörten (nur) 35 Personen. 12 waren Vertreter der Gebiete, auf die die neue Republik Deutschösterreich auch Anspruch erhob, auf das von US-Präsident Wilson 1918 stipulierte Selbstbestimmungsrecht der Völker vertrauend: Südtirol, die Randgebiete der ehemaligen Kronländer Böhmen und Schlesien nebst einiger Sprachinseln dort und in Mähren, sowie die Südsteiermark und Deutsch-Westungarn. Gleichrangige Verhandlungsziele waren der Anschluss an Deutschland und die Abwehr eines Kriegsschuldartikels, um den vermeintlich lebensunfähigen neuen Staat vor der Verpflichtung von Reparationen zu schützen.

Doch all dies war bereits entschieden - negativ, in Vorgesprächen der Siegermächte und im Entwurf des Vertrages mit Deutschland (der Anfang Mai bekannt war und in Broschüren käuflich gewesen sein soll): Ein Aufgehen Österreichs in Deutschland hätte dazu geführt, dass das nach Ansicht der Alliierten kriegsschuldige Deutschland für den Verlust von Ostgebieten und Elsaß-Lothringen mit Österreich entschädigt worden wäre!


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Die Brennergrenze wiederum war seit dem Londoner Vertrag vom April 1915 eine völkerrechtliche Zusage der Alliierten an Italien, das dafür in den Krieg gegen Österreich-Ungarn eintrat. Auch beim Anspruch auf die von Deutschsprachigen besiedelten Teile der böhmischen Länder stellte sich ein rechtliches Problem: Die "Vierzehn Punkte" Wilsons waren als Vorschlag für eine neue Friedensordnung unverbindlich. Hingegen war die Anerkennung der Tschechoslowakei durch die Alliierten als kriegführend und im Oktober 1918 als unabhängiger Staat, völkerrechtlich relevant - und sie ging vom historischen Ganzen der Länder der böhmischen Krone aus. Weiters: Dass der Krieg den Alliierten von den Mittelmächten "aufgezwungen worden war" und von diesen daher Schadenersatz zu erfolgen habe, fand sich bereits in Art. 231 des Vertragsentwurfes mit Deutschland (dem für Österreich später der Art. 177 entsprach).

Im düsteren Schloss von Saint-Germain - damals wie heute ein Museum für Altertümer - kam es nach der Übergabe der Vollmachten nur zu zwei Sitzungen, an denen Renner teilnehmen konnte: Beim Erhalt des ersten Teils des Vertragsentwurfes hielt er eine Rede (im gerade erlernten Französisch), und am 10. September erfolgte die Unterschrift unter den hinter verschlossenen Türen fertig formulierten Vertragstext. Verhandelt worden war nur zwischen den Siegern, nicht zwischen den Siegern und den Unterlegenen.

Während der Monate in Saint-Germain wohnte die Delegation in drei Villen durchaus bequem und so gut verpflegt, dass Renner seiner Frau bedenkliche Gewichtszunahme berichten musste. Man lebte in der "Rennerei" in einer Art Hausarrest, dessen Langeweile man durch Klavier-, Tanz- und Kartenspielabende zu begegnen suchte. Zu den Entente-Entwürfen zeichnete man (Gegen-)Landkarten, entwarf Protestnoten und Memoranden und übermittelte sie nach mühsamer Diskussion, wie man die vorgegebenen Ziele doch noch erreichen könne, an den Generalsekretär der Konferenz, einen Neffen Clemenceaus.

Deutschland hatte am 28. Juni den Vertrag in Versailles zu unterschreiben; Art. 80 enthielt das Anschlussverbot. Am 20. Juli musste Renner im neuen, jetzt vollständigen Vertragsentwurf für Österreich lesen, dass von den beanspruchten Gebieten nur ein Teil Westungarns zugesprochen werden sollte, und Südkärnten nur nach einer Volksabstimmung. Erst jetzt trat Ernüchterung ein. Beim dritten Aufenthalt in Feldkirch in den letzten Julitagen einigten sich Renner - der nach dem Rücktritt von Bauer auch das Außenamt übernahm - und Präsident Seitz auf die Aufgabe aller ursprünglichen Ziele, um wenigstens Verbesserungen in Details zu erreichen.

Warum musste Österreich scheitern? Zunächst wegen der harten Bestimmungen des Vertrages mit Deutschland, die in weiten Teilen für Österreich abgeschrieben wurden, wegen der Interessen der anderen Nachfolgestaaten auf österreichische Gebiete, der oben erwähnten Absprachen während und gleich nach dem Krieg - und wegen zweier Personalien: In Wien wie in Bozen, Pettau und Troppau war man überzeugt, dass die hehren Ideen Wilsons für einen dauernden, auf dem Willen der Völker beruhenden Frieden zur primären Grundlage der Friedensverträge würden.

Tatsächlich bereiste eine US-Kommission die Regionen, um die Sprachverhältnisse vor Ort festzustellen und danach neue Grenzen vorzuschlagen. Sie kam auch ins südsteirische Marburg. Dass hier die Mehrheit der Bewohner deutsch war, durfte nicht bemerkt werden, sodass die slowenischen Besatzer vorher einen Aufmarsch der Deutschen beschossen, wonach die flohen. Gegen Wilson gab es bald Widerstand - und er konzentrierte sich dann gleichsam messianisch auf den letzten seiner Punkte, die Schaffung des Völkerbundes zur institutionellen Friedensgarantie. Wilson erkrankte und nahm an den Sitzungen der "Großen Vier" nur mehr selten teil. Paris verließ er vor der entscheidenden Phase der Ausarbeitung des Vertrages mit Österreich (Sigmund Freud analysierte über Anregung des US-Diplomaten W. Bullitt seine "schwierige Persönlichkeit", was aber erst 1967 publiziert wurde).


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Clemenceaus Rolle#

Mit Woodrow Wilsons Abreise wurde Georges Clemenceau noch dominanter: 1841 geboren, Radikalsozialist, nach 1871 stets mit dem Ziel der Revanche gegen Deutschland wegen der Besetzung Elsaß-Lothringens, wurde er 1917 Ministerpräsident mit General-Vollmachten. Mit Österreich hatte er lange gute persönliche Beziehungen: Sein Bruder heiratete 1886 in Wien Sophie Szeps; Brautführer war Georges. Er habe auch mit Sophies Schwester Bertha geflirtet - doch diese hatte gerade den Anatomen Zuckerkandl geheiratet (später wurde sie Wiens bekannteste Salonnière). Im Dezember 1918 schrieb sie noch einen Brief an Georges mit der Bitte, Österreich nicht zu zerstören. Er blieb unbeantwortet.

Im Steinzeitsaal des Musée des Antiquités nationales mussteStaatskanzler Karl Renner am 10. September 1919 den Friedensvertragunterschreiben, stehend.
Im Steinzeitsaal des Musée des Antiquités nationales mussteStaatskanzler Karl Renner am 10. September 1919 den Friedensvertragunterschreiben, stehend.
Quelle: Wiener Zeitung

Im April 1918 hatten sich Clemenceau und der k.u.k. Außenminister Czernin in der "Sixtus-Affaire" gegenseitig der Lüge bezichtigt. Clemenceau konnte sie mit der Veröffentlichung eines Briefes von Kaiser Karl, in dem dieser die Rückgabe Elsaß-Lothringens unterstützte, beweisen. Czernin hatte von diesem Brief nichts gewusst, ihn geleugnet. Daraufhin brach Clemenceau den Stab auch über Österreich; Frankreich erkannte im Juni 1918 das Recht der Tschechen und Slowaken auf Unabhängigkeit an.

Italien beharrte auf der vollen Umsetzung des Londoner Vertrages, der ja nicht nur die Wasserscheide zwischen Adria und Schwarzem Meer als Grenze am Alpenhauptkamm zugestanden hatte, sondern auch Istrien und Dalmatien. Hier war aber nun der SHS-Staat, auch auf der Siegerseite. Er erhielt Dalmatien und für den Verzicht auf Istrien das Miestal mit den Eisenwerken und die Südsteiermark. Italien bekam zum Brenner als "Draufgaben" das Sextner Tal jenseits der Wasserscheide und das bis dahin Kärntner Kanaltal mit den Bergwerken von Raibl. Doch es wollte nicht, dass der SHS-Staat zu stark werde. Der musste sich auf die Murlinie zurückziehen, womit Radkersburg und Leutschach steirisch blieben.

Bereits die in der südlichen Zone Kärntens im Vertrag vorgesehene Volksabstimmung fiel am 10. Oktober 1920 zugunsten Österreichs aus. Schließlich profitierte Österreich davon, dass Ungarns kommunistische Regierung noch nicht nach Paris eingeladen worden war: Von mehreren Plänen für Westungarn - einer davon ein "Slawischer Korridor" zwischen den neuen Staaten Tschechoslowakei und Südslawien - wurde schließlich das Abtreten West-Ungarns an Österreich realisiert. Nach bewaffneten Auseinandersetzungen und einer Volksabstimmung um den Hauptort Ödenburg entstand 1921/22 das Bundesland "Burgenland".

Die Tschechoslowakei setzte die alten Grenzen von Böhmen, Mähren und Schlesien durch und, mit verkehrspolitischer Begründung, auch die Abtretung zweier Streifen von Niederösterreich: Der Bahnknoten Gmünd musste tschechisch und Gmünd damit geteilt werden, und die Bahnlinie von Lundenburg nach Znaim sollte zur Gänze über tschechisches Gebiet führen, womit Feldsberg abgetreten werden musste.

Der Kriegsschuldartikel blieb wie erwähnt, doch gemildert durch die Zuständigkeitserklärung eines Ausschusses, der auf die Leistungsmöglichkeit Österreichs Bedacht zu nehmen habe - was zum Teil geschah. Die Sanierung der Wirtschaft konnte aber erst beginnen, als 1922 in den Genfer Protokollen die Alliierten vom Generalpfandrecht auf alle staatlichen Einnahmen (Art. 197) abwichen. Erst damit konnte Österreich internationale Anleihen aufnehmen, wurde aber unter die Aufsicht des Völkerbundes gestellt. Ein hartes Sanierungsprogramm musste durchgeführt und die Unabhängigkeit auf 20 Jahre garantiert werden.

Ob 1919 bei einer anderen Strategie ein besseres Ergebnis hätte erzielt werden können, ist auch mit der Weisheit des Rückblicks nicht zu beantworten. Schon zwanzig Jahre später hat aber die Geschichte bewiesen, dass die auf der Macht weniger Staaten beruhende Konzeption der Pariser Vorortverträge nicht weitere Kriege verhindern konnte, sondern geradezu deren Keim war.

Gerhard Stadler, Sektionschef i.R., hat "auf rotweißroten Spuren" alle Gebiete der Donaumonarchie bereist, z.T. mit Reisegruppen, und darüber publiziert.

Wiener Zeitung, 2. Juni 2019