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Eine Aktion, die nachdenklich macht#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 237/2017


Derzeit ist eine bemerkenswerte Initiative im Gange. In einem offenen und von sehr vielen unterstützten Brief an Papst Franziskus erklären prominent Persönlichkeiten aus Kirche und öffentlichem Leben, dass sie seine „von einer Gruppe scharf attackierte“ Amtsführung unterstützen, denn diese sei „mutig und theologisch wohl begründet“. (www.pro-pope-francis.com.)

Dem kann und soll man natürlich zustimmen! Doch diese Aktion lenkt den Blick auf gewichtige und ungeklärte Fragen. Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass die Gläubigen aufgerufen werden müssen, sich in einer stattfindenden Auseinandersetzung mit Kritikern aus dem konservativen Lager an die Seite des Papstes zu stellen? Werden diese Leute davon beeindruckt sein? Stärkt das dem Papst, den man da nicht allein lassen dürfe, tatsächlich den Rücken?

Beides ist eher nicht zu erwarten. Wer sich gegen das Kirchenoberhaupt stellt, für den sind noch so viele Stimmen „von unten“ unwichtig. Und andererseits: Braucht der Papst eine solche öffentliche Bekundung, da er doch kraft seines Amtes über eine unumschränkte Autorität verfügt? Das Kirchenrecht stellt in Can. 331 fest, dass der Papst „über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt verfügt, die er immer frei ausüben kann“. Ist er doch „Stellvertreter Christi“, und mehr kann ein Mensch gar nicht sein, daher ist Gehorsam für alle Kleriker nicht nur geboten, sondern aus der Natur der Sache selbstverständlich!

Ein „schwacher“ Papst?#

So lag es bisher außerhalb aller Vorstellungen, diese absolut uneingeschränkte Amtsgewalt gar noch unterstützen zu müssen. Im Gegenteil! Die meisten bisherigen Auseinandersetzungen in der Kirche stellten ja die von der Hierarchie bedingungslos unterstützte päpstliche Macht und deren Ausübung in Frage. Eine geradezu totale Umkehr der Gegebenheiten zeigt sich. Haben wir es also mit einem „schwachen“ Papst zu tun, der Hilfe braucht? Aber andererseits lässt Franziskus beeindruckenden Mut erkennen! Setzt er sich doch nicht nur über fragwürdige Gepflogenheiten des „Stuhles Petri“ hinweg, sondern er lässt ein neues und geradezu revolutionäres Amtsverständnis erkennen.

Ganz offensichtlich orientiert er sich in erster Linie am Evangelium und nicht am Regelwerk der Kirche. Er will nicht in Vollkommenheit allein entscheiden, sondern sucht die Übereinstimmung mit seinen Brüdern im Bischofsamt. An die Stelle des Machwortes tritt sein Bemühen, gemeinsame Wege zu finden. Er lässt ausdrücklich andere Meinungen zu. Jeder habe ein Recht, nicht mit ihm einer Meinung zu sein. "Wenn ich ein Problem mit abweichenden Meinungen hätte, läge darin der Keim zu einer Diktatur".[1] Bei Strukturänderungen innerhalb der Kirche gehe es letztlich um die „freudige Erfahrung der Begegnung mit Christus“ und die „Voranstellung Gottes vor jeglichen anderen Dingen“.[2]

Der deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf sieht im Verhalten des Papstes sogar ein „Zeichen der Stärke“, wenn dieser auf eine Zurechtweisung seiner Kritiker verzichte. Tatsächlich ist hier ein gewaltiger Wandel eingetreten. Die Liste der von den Vorgängern in unnachsichtiger (eigentlich unbarmherziger) Härte Gemaßregelten ist lang, sie weist bekanntlich den Lehrverlust bedeutender Theologen auf. Schon das Stellen unangenehmer Fragen wurde als Gehorsamsverweigerung qualifiziert.

In diesem Zusammenhang sei an einen besonders unbegreiflichen Fall der Disziplinierung erinnert. Der Australische Bischof William Morris wurde von Benedikt XVI. seines Amtes nur deshalb enthoben, weil er angesichts des katastrophalen Priestermangels in einem Brief an seine Gemeinden darauf hinwies, dass sich die Frage der Zulassungsbedingungen für das Priesteramt stelle. Wie sehr sich die Verhältnisse geändert haben, zeigt der Umstand, dass Franziskus nun die Bischöfe auffordert, Vorschläge für die Behebung des Seelsorgenotstands zu erstellen, nämlich sogar mutige!

Gehorsam nach bischöflichem Belieben#

Bekanntlich müssen Bischöfe vor ihrer Ernennung dem Papst bedingungslose Gefolgschaft geloben.[3] Die Hardliner in der Kirchenführung beriefen sich bisher bei der Ahndung von „Ungehorsam“ auf diese Verpflichtung. Konsequenterweise müssten sie sich also unter Franziskus ebenfalls dieser Tugend befleißigen! Dass sie das mit ungehemmter Kritik am Papst ganz und gar nicht tun, lässt erkennen, dass es ihnen um viel mehr als nur um Disziplin als Ordnungselement geht. Sie wünschen sich jene Kirche, welche die Päpste bisher vor Augen hatten. Eine Kirche, für die nicht die Freiheit und Würde der Gotteskindschaft oberstes Gebot sind, sondern die Ausübung klerikaler Macht im Stufenbau der Hierarchie.

Klar erkennbar ist, dass man die Kritik am Papst anhand seines wohlüberlegten und das Ergebnis intensiver Beratungen darstellenden Schreibens „Amoris Laetitia“ ausübt, aber in Wirklichkeit viel mehr meint. Zwei unterschiedliche Kirchenbilder stehen einander unvereinbar gegenüber. Ebenso klar ist, dass die weitaus überwiegende Mehrheit im Kirchenvolk die Haltung des Papstes unterstützt. Seine Gegner rekrutieren sich aus den Mannschaften, welche vorherige Päpste auswählten, um ihre Auflassung von Kirche zu festigen und abzusichern. Sie beriefen Leute ins Amt, denen das Kirchenvolk nicht nur gleichgültig ist, sondern dessen Zähmung durch Anordnungen ihnen geboten erscheint.

Doch nicht nur zwei Auffassungen über das Wesen von Kirche stehen einander gegenüber. Es geschieht etwas höchst Bemerkenswertes. Mit seinem an der Nachfolge Jesu Handeln orientierten Handeln stellt Franziskus das gesamte System in Frage. Er relativiert jenes Gebilde, das über Jahrhunderte ganz zu dem Zweck errichtet wurde, die Gläubigen zu bevormunden. Das Kirchenrecht lässt daran überhaupt keinen Zweifel, es stellt sich mit dem Ausschluss unentbehrlicher Mitsprache- und Mitwirkungsrechte des Kirchenvolkes als die Verfassung einer klerikalen Diktatur dar.

Die daraus erfließenden Möglichkeiten, wie von autoritären Systemen im weltlichen Bereich sattsam bekannt sind, will der Papst aber nicht anwenden, offenbar hält er sie für nicht tragbar. Damit entsteht eine besondere Situation. Ein Mann, der alle Möglichkeiten in der Hand hätte, seine Vorstellungen einfach durchzusetzen, steht an der Spitze eines Systems, das dies vorsieht,

aber er tut es nicht. Ins Weltliche übersetzt würde dies bedeuten, dass ein Staatsoberhaupt in einem durchorganisierten autoritären Regime als Demokrat handelt, es aber unterlässt, das System in diesem Sinn zu ändern, obwohl er die Macht dazu hätte!

Grenzen, die sichtbar werden#

Die Gründe dafür sind unschwer zu erkennen. Würde Franziskus eine zeitgemäße und den Grundsätzen des Christentums entsprechende neue Kirchenordnung in Angriff nehmen, wäre Feuer am Dach. Ein Großteil der hohen Würdenträger wäre entsetzt und total verunsichert. Sie hätten alle das Empfinden, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen würde, auf dem sie ihr bisheriges Handeln und ihre Karriere begründet haben. Aber auch Teile des Kirchgenvolkes wären damit überfordert und würden Stützen ihres traditionellen Glaubens einstürzen sehen.

Widerstand würde sich organisieren und es drohte das, was für den Papst das schlimmste wäre und eine Zerstörung seines Lebenswerkes bedeuten würde, nämlich in die Geschichte als Verursacher einer neuerlichen Spaltung einzugehen. Es ist einzusehen, dass er also den Weg der kleinen Schritte gehen will. Viele sind ja der Ansicht, dass es einfach unvorstellbar wäre, dass alles, was er auf diese Weise verändert hat, von einem konservativ orientierten Nachfolger wieder rückgängig gemacht werden könnte. Eigentlich könnte und müsste es fortgesetzt werden!

Aber ist das so sicher? Franziskus hat ja im Wesentlichen nur die Ausübung des Amtes nach seinem Verständnis gestaltet. Entscheidende Erneuerungen der Regeln blieben eher aus, auch wenn etwa die Abschaffung von Titeln oder die Verlagerung von Kompetenzen an die Ortsbischöfe Signalwirkung haben. Auch in der Kurie wurden Reformen in Angriff genommen, aber würde all dies einen nächsten Papst daran hindern, das Lenkrad wieder zurückzudrehen?

Eher verwunderlich ist freilich, dass es Franziskus unterlässt, konsequent die Weichen für eine glückhafte Wahl seines Nachfolgers dadurch zu stellen dass er das Kardinalskollegium durchgreifend mit Männern besetzt, die seiner Gesinnung angehören. Er ist bereits fortgeschrittenen Alters und damit entsteht eine bestimmte Haltung in der Hierarchie, die deutlich spürbar ist: Man empfindet so etwas wie ein Provisorium, dessen weiterer Bestand fraglich ist.

Wird man am Ende des Pontifikats womöglich nur sagen, dass ein idealistisches und persönlich geprägtes Experiment stattgefunden habe, aber nun wäre wieder zur Normalität zurückzukehren? Also gelte es nun, wie offenbar viele in der Kirchenleitung meinen, abzuwarten und es sich mit niemandem zu verscherzen. Wohl deswegen unterlassen es die Bischöfe, die erwünschten Vorschläge zur Milderung des personellen Priestermangels zu erstellen.

Ein Papst, der um Humor betet#

Kehren wir zur Initiative „Pro Pope Francis“ zurück. Dass es in der gegebenen Situation viele drängt, sich an die Seite des Papstes zu stellen, ist selbstverständlich. Ein derartiges und möglichst unüberhörbares Signal ist zweifellos angebracht. Aber kann es wirklich hilfreich sein? Klingt da nicht sogar schon ein wenig Mitleid mit einem Mann an, der Gutes will, aber nicht verstanden und sogar bekämpft wird? Und der als begnadeter Seelsorger anscheinend kein geschickter Kirchenpolitiker und schon gar nicht ein Machtmensch ist?

Will er überhaupt, dass sich „Reformer“ um ihn scharen und damit eine Frontlinie markieren, was erst recht den Konflikt anheizen würde? Auf die Frage, ob er sich von Angriffen aus dem Vatikan getroffen fühle, erklärte Franziskus, er bete täglich um viel Sinn für Humor und um

inneren Frieden. Er habe diesen allerdings seit der Papstwahl nicht verloren. „Ich kann verstehen, wenn meine Art, die Dinge anzugehen, manchen nicht gefällt, das ist legitim und menschlich und bereichernd.[4]

Niemand kann wissen, was angesichts der Auseinandersetzungen in unserer Kirche, in die nun auch der Papst einbezogen ist, auf uns zukommt. Wirklich beistehen kann Franziskus in seinem von Widerständen begleiteten Weg niemand außerhalb der Kirchenleitung. Aber die Hoffnung ist eine christliche Tugend, auch wenn es Situationen gibt, in denen droht, dass man sie verliert. Wir dürfen sie nicht fahren lassen – gerade jetzt! Denn Franziskus scheint über jene Kraft zu verfügen, die der Geist Gottes verleiht.

Fußnoten#

[1] Interview mit der spanischen Tageszeitung "El Pais" v. 21. 1. 2017
[2] Radio Vatikan, 30. 3. 17
[3]"Ich ... zum Bischofssitz von ... befördert, werde der Katholischen Kirche und dem römischen Bischof, ihrem obersten Hirten, dem Stellvertreter Christi und dem Nachfol¬¬ger des Apostels Petrus im Primat sowie dem Haupt des Bischofskollegiums immer treu bleiben.“
[4]Interview in „Die Zeit“ Nr. 11 /2017