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Schlussfolgerungen aus einem ganz besonderen Pontifikat#

Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 207/2017


Papst Franziskus
Papst Franziskus
Quelle: Herbert Kohlmaier

Seit Jorge Mario Bergoglio SJ den Petrusdienst angetreten hat, bewegt er die Gemüter wie kaum einer seiner Vorgänger – Johannes XXIII. ausgenommen. Wie er sein Amt ausübt, wirft viele Fragen auf, deren Beantwortung schwer ist. Nun steht in der öffentlichen Diskussion die Ungewissheit im Vordergrund, ob das, was er Neues und Mutiges unternimmt, von bleibender Wirkung sein wird. Manche hoffen das, andere empfinden da Skepsis. Was ist es aber, das andauern sollte? Hier bedarf es einer ebenso fairen wie nüchternen Analyse.

Ein Papst, der Außerordentliches bewirkt#

Zunächst das Wichtigste, das zweifellos alles andere bestimmt: Franziskus will sein Amt in getreuer Nachfolge Christi ausüben. Er folgt der Frohbotschaft auch dort, wo sie uns lehrt, dass

nicht die Einhaltung von Vorschriften sondern dass der Glaube zum Heil führe. Jesus stand im Gegensatz zu den Pharisäern, die ihm mangelnde Gesetzestreue vorwarfen. Die Wiederbesinnung darauf bedeutet eine Abkehr von der Sicht eines perfekten Gebildes Kirche, wie sie die Päpste zuvor vertraten und wie sie in Lehre und Kirchenrecht festgeschrieben ist. Bezeichnend für dieses Umdenken ist, wie Franziskus Ordensvertretern aus Lateinamerika ermutigte: sie sollten sich nicht vor Fehlern fürchten. Ihm sei eine Kirche lieber, die etwas falsch mache, als eine solche, die sich nur um sich selber drehe[1].

Franziskus lehnt jenes Allmachtsprinzip des Kirchenrechts ab, wonach der Papst „über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt verfügt, die er immer frei ausüben kann“ (Can. 331 CIC). Er will diese angemaßten Befugnisse eines „Stellvertreters Christi“ nicht in Anspruch nehmen und mit Bescheidenheit so handeln, wie es für ihn der Dienst an der Kirche erfordert. Er wünscht als Bischof von Rom, dass alle wichtigen Entscheidungen in Gemeinsamkeit mit seinen Amtsbrüdern und offener Beratung getroffen werden. Das bedeutet eine ganz westliche Kursänderung! Höchst bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der Papst sagte[2], jeder habe ein Recht, nicht mit ihm einer Meinung zu sein. "Wenn ich ein Problem mit abweichenden Meinungen hätte, läge darin der Keim zu einer Diktatur". Das steht im diametralen Gegensatz zur bisherigen Auffassung päpstlicher „Unfehlbarkeit“! Diese gilt zwar nur bei verpflichtender Verkündung der Glaubens- und Sittenlehre (Can. 749 §1), aber sie wurde auf absurde Weise weit darüber hinaus ausgedehnt.

Für Franziskus soll an die Stelle autoritären Anordnens eine Erörterung wichtiger Fragen treten, die nicht in abgeschlossenen elitären Zirkeln erfolgt, sondern im offenen Diskurs. Er benennt die Probleme, die zu lösen wären, und dies oft in spontaner Form, wobei er deutlich von der Sicht des Seelsorgers geleitet ist. Das ist sehr bedeutsam und unterscheidet ihn von seinem unmittelbaren Vorgänger Josef Ratzinger. Dieser dachte und handelte als oberster Theologe der Kirche, aber es fehlte ihm jene Einsicht, die Franziskus zugutekommt, der immer unter die Leute ging und auf deren Sorgen und Nöte hörte.

Dieser Papst weiß, dass sich manches ändern muss, soll die Kirche erfolgreich sein. Bei einer Morgenmesse in der Casa Marta äußerte er[3], dass es im Leben der Christen sowie der Kirche „antike Strukturen“ gäbe, die zu erneuern wären. "Habt also davor keine Angst! Habt keine Angst vor dem Neuen, das der Heilige Geist in uns bewirkt!" So ist sehr verständlich, dass derartige Erklärungen die Hoffnung hervorriefen, es würden während seines Pontifikats tief greifende Erneuerungen im System erfolgen und nicht nur in seiner Handhabung!

Hoffnung, deren Erfüllung ausbleibt#

Doch mittlerweile hat sich erwiesen, dass unter Franziskus keine wesentlichen Änderungen von Lehre und Ordnung der Kirche stattfinden werden. Er fühlt sich an die Entscheidungen der Päpste vor ihm gebunden und vermeidet, deren Handeln zu desavouieren. Er hat einen Bischof, den Benedikt offensichtlich unter Anwendung von Willkür absetzte, nicht rehabilitiert. Bedenken wir es also: Auch dieser Papst steht an der Spitze jenes klerikalen Systems, das er zwar menschlicher und verträglicher machen will, das in Frage zu stellen er sich aber keineswegs berufen erachtet. Er sieht sich wie jeder in der Hierarchie jener Institution eingefügt, in der aufzusteigen gar nicht möglich ist, ohne sie zu akzeptieren.

Kann er aber dennoch angesichts der tief greifenden Krise zupacken und Wegbereiter einer zukunftsfähigen Kirche sein? Was will und vor allem was kann dieser so sympathische Papst tatsächlich erreichen? Ganz eindeutig wird sichtbar, dass er innerhalb fest gezogener Grenzen handeln muss. Sie sind schon dadurch bestimmt, dass er ins Amt berufen wurde, um jene Missstände in der Kurie zu überwinden, die Benedikt XVI. so sehr zu schaffen machten. Das bedeutete eine bestimmte Erwartung, die man in ihn setzte, also eigentlich einen Auftrag, den ihm das vom Rücktritt Ratzingers schockierte Kardinalskollegium erteilte.

Gab es gar eine Wahlkapitulation, eine „capitulatio caesarea“ als Bedingung seiner Berufung? Viele Kardinäle werden das wohl so verstanden haben. Aber es ist ebenso beeindruckend wie überraschend: Franziskus hat sein „Mandat“ mit dem, wie er handelt, weit überschritten. Das beunruhigt nicht wenige in der Kirchenzentrale. Für sie gerät durch ein unkonventionell handelndes Kirchenoberhaupt jenes System konstruierter Heiligkeit ins Wanken, das sie hervorgebracht hat, das sie ganz verinnerlicht haben und das für sie das Wesen der Kirche ausmacht.

Der Papst muss aber mit diesen Leuten rechnen, gerade weil er nicht allein entscheiden will. Schon damit ist ihm viel Spielraum genommen. Offenbar bedenkt er, dass er durch eine Überforderung der einflussreichen beharrenden Kräfte eine Spaltung in der Kirche auslösen könnte. Damit sind jene Veränderungen außer Reichweite, die sich die Erneuerungswilligen in der Kirche von ihm erhoffen. Nein, auch dieser Papst steht keinesfalls auf der Seite der Reformbewegungen! Er hat auch niemals erkennen lassen, dass er diesen irgendeine Bedeutung zubilligen würde.

Die eintretende Ernüchterung ist verständlich. Welchen Wert hat die Verkündung von Barmherzigkeit, wenn die Kirche nach wie vor in vieler Hinsicht unbarmherzig ist? Gegenüber Geistlichen, die vom Pflichtzölibat und von den Folgen des Priestermangels überfordert sind. Uneinsichtig auch gegenüber so genannten Laien, die sich in der Praxis des Glaubens von überholten Vorschriften lösen wollen. Und in tiefsitzenden Abwehrreflexen verharrend, wenn Frauen sich zum geistlichen Dienst berufen fühlen. Diese müssen die angeordnete aber sogleich klein geredete Erhebung, ob es in der jungen Kirche Diakoninnen gab, geradezu als Verhöhnung empfinden.

So enttäuschend das alles sein mag - was Franziskus unternimmt ist dennoch von großer Bedeutung. Er prägt das Wesen des Petrusdienstes anders und neu, und zwar so, dass die Leitung der Kirche viel beweglicher und offener geschieht. Das eröffnet immerhin Chancen! Es wird einem anders gearteten Nachfolger kaum möglich sein, von dieser Auffassung des Amtes wieder abzugehen. Es würde dies von der weitaus überwiegenden Mehrheit der Kirchenangehörigen als schwerer Fehler betrachtet werden und gravierende Folgen auslösen! Insofern hat Franziskus bereits etwas bewegt, dessen Wert gar nicht genug hoch eingeschätzt werden kann!

Ein würdeloses Schauspiel#

So sehr dies alles zu würdigen ist, entstand eine Situation, die nicht nur problematisch sondern sogar gefährlich ist, was keinesfalls übersehen werden darf! Der Papst stößt bei seinen Vorhaben auf offene Kritik und sogar Widerspruch aus seiner Umgebung, das war bisher undenkbar. Sehr deutlich wurde dies im Zusammenhang mit der Verwertung der Ergebnisse der Familiensynode in Amoris laetitia. Die Lockerung der für die Leitung der Kirche geltenden Spielregeln beeinträchtigt die bisherige „heilige“ aber doch nicht verzichtbare Autorität des Papstes. Dieser selbst hat sich auf Distanz zum alten System begeben und die Glaubensbürokraten nahmen das als einen ihnen hingeworfenen Fehdehandschuh wahr, den sie aufgreifen wollen.

Es hat sich also ereignet, womit niemand rechnete, offenbar auch Franziskus nicht. Der Gegensatz zwischen beharrenden und veränderungswilligen Kräften, der die Katholiken in den fortgeschrittenen Ländern trennt, ist im Vatikan angekommen. Während sich bisher Kritiker des Systems einer geschlossenen Phalanx der so genannten „Papsttreuen“ gegenübersahen, nehmen sie nun dort Streit und Intrigen wahr, die vor aller Öffentlichkeit ausgetragen werden.

Nun wäre ein Fehler, zu meinen, dies bedeute gleichsam ein Vordringen des verbreiteten Reformdrängens nach Rom. Franziskus ist ein Einzelkämpfer, der seine eigenen Vorstellungen hat, die sich mit denen der Erneuerungswilligen „draußen“ kaum decken. Eine sehr schwierige Situation ist es also, in der er geraten ist. Nur wenige unterstützen ihn wirklich, während der Großteil der Hierarchie abwartend zusieht. Es sind das meist Leute, die auf Gehorsam getrimmt waren und denen man selbständiges Handeln oder gar Kampfgeist systematisch ausgetrieben hat. (Könnte nicht bald wieder ein strenges Kirchenoberhaupt kommen?)

So ist Franziskus bei seinem Tun einer mehrfachen Belastung ausgesetzt. Für wesentliche Teile des Kirchenapparats geht er unbedacht vor und bringt den tradierten Glauben in ernste Gefahr, nicht nur durch sein Handeln sondern auch mit seinem als unbedacht empfundenen Reden. Er hat aber auch nicht jenen Teil des Kirchenvolkes unterstützend zur Seite, der auf Fortschritte drängt. Aus verständlichen Gründen will er keine Hilfe von hier, schon gar nicht eine sichtbare. Die Widerstand, die ihm entgegenschlägt, würde sich dann gewaltig steigern.

Naivität oder jesuitische Schläue?#

Aber ist das alles womöglich zu kurz gedacht? Franziskus ist Jesuit und denen wird besondere Klugheit zugeschrieben, gar Schläue. Könnte es sein, dass er den Finger in die Wunde legen will, um ihre Heilung zu ermöglichen? An sich hat er ja mit seinem Vorgehen die Krise keineswegs beseitigt sondern sogar deutlich verschärft! Er lässt – gewollt oder ungewollt – erkennen, dass der Winter der Erstarrung des Kirchengebildes nicht nur andauert, sondern durch Stürme noch unerträglicher wird. Will er damit korrigierende Gegenkräfte mobilisieren? Oder handelt es sich um einen Verzweiflungsakt, ein Experiment, das gelingen aber auch total misslingen kann?

Man muss sich besorgt fragen, wie angesichts dessen die weitere Entwicklung aussieht. Kann als Folge eines ganz außergewöhnlichen Handelns dieses Papstes wirklich die Einsicht schließlich Oberhand gewinnen, dass es doch energischer Schritte bedarf, auch gegen den Willen der Ewiggestrigen und auch mit dem Risiko der Trennung von diesen? Aber ebenso könnte man Franziskus als tragische Figur erkennen, als einen, der geradezu naiv meint, er könne gegen ein Gebilde ankämpfen, das über viele Jahrhunderte so wurde wie es sich heute eben darstellt, und dessen Produkt er schließlich selbst ist.

Bis zur Stunde liefert Franziskus bei all seinen Bemühungen den traurigen Beleg dafür, dass die Kirche von oben nicht wirklich reformiert werden kann. Man könnte nun sagen, es wären eben erste Schritte, die er setze. Doch selbst daran wollen ihn jene hindern, die im alten System verfangen und verderbt sind. Ja, kleine Schritte hätten viel bewirken können, wenn sie in Fortsetzung des Konzils beständig fortgeführt worden wären. Aber das unterblieb und an die Stelle der Bewegung traten die Erstarrung, das Unbehagen und die Hoffnungslosigkeit. Das bewirkte erst recht Spaltung, sie ist längst da und würde nicht erst durch notwendige Fortschritte riskiert!

Eigentlich folgt nun ursprünglicher Hoffnung wiederum Hoffnungslosigkeit. Muss das wirklich so sein und weitergehen? Was für ein Schauspiel wird uns da geboten? Eigentlich ist es in hohem Maß entwürdigend, für die Akteure ebenso wie für das Publikum. Soll dieses weiterhin zusehen, teils empört, teils doch auf einen günstigen Fortgang hoffend, aber zu einem wesentlichen Teil bereits gelangweilt den Ort des Geschehens verlassend?

Sind wir wirklich nur Zuschauer?#

Nicht selten hört man den Vorwurf, das Bemühen des Papstes Franziskus werde von den Reformfreudigen nicht ausreichend gewürdigt. Er bewegt tatsächlich sehr viel, aber wir müssen immer auch an das Wort Jesu denken, dass man den wahren Wert jedes Tuns an seinen Früchten erkennt. Es kann wohl als bereits feststehend angesehen werden, dass das System Kirche auch mit diesem Papst im Wesentlichen so bleiben wird, wie es ist. Es mag weniger hart und stur geworden sein. Aber es wird weiterhin Regelungen beibehalten, die nicht in Übereinstimmung mit Jesu Wollen stehen, überholt sind und einem fruchtbaren Glaubensleben entgegenstehen. Der Verlust an Gläubigen, Vertrauen und Bedeutung wird sich fortsetzen, ja sogar eher verstärken.

Man kann Franziskus nicht den Vorwurf machen, dass er das gleichsam mit einem Machtwort ändern könnte, es aber nicht tue. Kann man eine solche notwendige aber für viele auch schwer zu verdauende Gesamtrevision von einem Papst erwarten, der in diesem System vom einfachen Priester und Ordensmann bis zum Erzbischof aufgestiegen ist? Die Allmacht, die er nach dem Kirchenrecht hat, kann er nicht gegen dieses Rechtsgebilde einsetzen, das wäre kaum möglich. Es ist nicht sein Fehler, woran die Kirche letztlich leidet, nämlich dass man die Frohbotschaft schon sehr bald in das Gebilde einer Vorschriftenreligion gepresst und damit verfälscht hat.

Neulich setzten sich elf deutsche Priester anlässlich ihres Weihejubiläums in einem offenen Schreiben mit fehlenden Strukturreformen in der Kirche und ihrer eigenen vereinsamten Lebensweise auseinander. Das fand außerordentlich große Aufmerksamkeit! Wird bloßes Wegsehen auf Dauer möglich sein? Es wurde schon oft gesagt: die Erneuerung der Kirche kann nicht von außen erfolgen. Die Kirche entstand im Volk und setzte sich von hier aus durch. Der Glaube geriet aber dann in die Hände der Mächtigen, also derer, vor denen Jesus so eindringlich warnte.

Nach Auffassung des angesehenen Pastoraltheologen Paul M. Zulehner findet ein „Umbau von einer Priesterkirche zu einer priesterlichen Volk-Gottes-Kirche" statt, der sich fortsetzen werde. Alle Menschen in der Kirche hätten als Grundamt die Berufung, Mitarbeiter Gottes zu sein. Aber auch das prophetische Amt ist ein allgemeines in der Kirche! Wir können dieses System nicht mit einem auf Rom fixierten Blick ändern. Angesichts der vatikanischen „Irrungen und Wirrungen“ (Theodor Fontane) müssen Christen und Christinnen im Vertrauen auf nichts anderes als auf ihre eigene Berufung, Verantwortung und Würde einen authentischen Glauben leben.

Und auch deutlich sichtbar machen! Es müsste das gerade in einer Welt geschehen, deren Fortschritt den der Herzen und der Gesinnungen hinter sich gelassen hat. Viel vom Glauben ist bereits verlorengegangen, doch auch vieles ist noch vorhanden und könnte so wieder wirksam werden.

Wäre das die gebotene Unterstützung für das Erneuerungsstreben des Papstes Franziskus? Sicher kein „Bündnis“ mit ihm, aber dennoch keinesfalls wirkungslos. Denn der Fortschritt kann nur gelingen, wenn er in einer frei und inspiriert gelebten Glaubenswirklichkeit Basis, Halt und Wirkkraft findet. Das war immer das einzig Entscheidende!

Fußnoten#

[1] "Vielleicht wird sogar ein Brief der Glaubenskongregation bei euch eintreffen, in dem es heißt, dass ihr dies oder jenes gesagt hättet - macht euch darüber keine Sorgen!“ - Laut dem Gedächtnisprotokoll eines Teilnehmers, das in der Zeitschrift "Reflexiòn y Liberaciòn" abgedruckt wurde und von vatikanischer Seite undementiert blieb.

[2] Interview mit der spanischen Tageszeitung "El Pais" v. 22. 1. 17

[3] Radio Vatikan am 6. 7. 13