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Betrachtungen zur „heiligen“ und zur ganz „normalen“ Familie#


Von

Uwe Eglau

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 316/2019


Hat Familie noch eine Zukunft in unserem Land? Oder ist „Familie“ bei uns hier zu einem „Auslaufmodell“ geworden, zu einer netten Illusion, die immer weniger mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hat?

Viele glauben ja lange schon, dass es „Familie“ im eigentlichen Sinne kaum mehr gibt. Und: „Familie“ ist heute keine eindeutige Größe mehr. Ist Familie nur „Vater, Mutter, Kinder“, also die intime Kernfamilie, oder doch eher die Mehrgenerationenfamilie oder gar der ganze Familienclan mit Nichten und Neffen und allen Verwandten? Was ist dann eine so genannte Patchworkfamilie Geschiedener, die wieder heiraten und Kindern verschiedener Vater- und Mutterschaften mitbringen? Ist die alleinerziehende Mutter oder der alleinerziehende Vater mit Kind auch Familie? Sind jetzt homosexuelle Ehepaare mit adoptierten Kindern auch Familien?

Auch die große Familiensynode in Rom hat diese Frage nach der Familie in all ihren Facetten intensiv und oft auch kontrovers diskutiert. Die „heilige Familie“ und ihr Mitglieder, Jesus, Maria und Josef, so traut, so lieblich, so blass und weltfremd, wie wir sie von Krippendarstellungen und Heiligenbildchen kennen, frustrieren heute eher viele, als dass sie noch als Vorbild dienen können. Aber: Ist das wirklich so? Wie war sie denn, diese „heilige Familie“, wenn wir sie einmal ganz biblisch, aber auch ganz nüchtern betrachten? Für manch Frommen, damals wie heute, war es vielleicht sogar eine eher „unheilige Familie“:

  • Da ist Maria, die man als unehelich Schwangere aus dem Dorf geprügelt hätte – ihr Verlobter nimmt sie zu sich, um den guten Ruf und den Schein zu wahren. – Denken wir an die Mädchen, die heute in schwierigen Situationen verzweifelt nach Auswegen suchen, nur weil ihnen ihre Umgebung kein Verständnis entgegenbringt.
  • Da muss Maria in einer Scheune ihr Kind zu Welt bringen, weil es nichts gibt, wo sie vorübergehend samt Lebensgefährten hätte wohnen können. – Nichts unterscheidet sie von jungen Leuten, die von einem Wohnungsangebot zum anderen rennen, und überall hören: Nichts frei! Oder: Zu teuer!
  • Da lebt die Heilige Familie nach ihrer überstürzten Flucht aus Palästina jahrelang im ägyptischen Asyl, in einem fremden Land. – Wie viele Eltern können heute als Flüchtlinge ihren Kindern die Geborgenheit eines Elternhauses nicht bieten.
  • Dann macht sich der Sohn Jesus auf einer gemeinsamen Wallfahrt selbständig und setzt sich von seinen Eltern ab. Die suchen ihn tagelang, fragen völlig irritiert, warum er ihnen das angetan hat. – Jeder von uns kennt heute Eltern, deren Kinder plötzlich eigene, oft unverständliche Wege gehen.
  • Da sind Eltern, die die öffentlichen Auftritte ihrer Tochter / ihres Sohnes mit immer größerer Sorge verfolgen, denn dieser gerät mit den herrschenden Sitten und Gesetzen immer mehr in Widerspruch. – Das machen viele Eltern durch, deren Kinder mit der Gesellschaft und ihren Gesetzen ungute Erfahrungen machen.
  • Schließlich bleibt da eine Mutter, die den Schmerz und die Schande ertragen muss, Mutter eines Hingerichteten zu sein. – Wie fühlt sich eine Mutter, ein Vater, heute, wenn das eigene Kind einen tödlichen Unfall verursacht, den Drogentod stirbt oder eine Gefängnisstrafe verbüßen muss?

Ich weiß nicht, ob es die vermeintlich „perfekte Familie“ wirklich gibt, ja, ob es sie überhaupt geben muss. Ich weiß nur, dass „Familie“, wenn ein Mensch sie denn wirklich erfahren darf, zum wichtigsten und wertvollsten im Leben gehört.

Dabei kann es auch sein, dass Kinder einmal Wege gehen, die die Eltern nicht verstehen, vielleicht auch nicht gut heißen. Aber das mussten auch Maria und Josef schon früh erfahren, wenn wir dem heutigen Evangelium glauben. Dennoch können auch solche unverstandenen Wege gute Wege werden, denn Gott verlässt niemanden.

Ein lieber Freund hat mir das vor einigen Jahren einmal in einem Weihnachtsbrief so geschrieben:

Vor zweitausend Jahren ward uns ein Kind geboren, ein ganz besonderes Kind.

Hätten seine Eltern für dieses Kind gesorgt, wie Eltern es tun,
wäre auch dieses Kind geworden, wie Eltern so sind.

Hätten es die Eltern erzogen, gut erzogen, hätte es dabei gelernt, andere zu erziehen.

Hätten ihm die Eltern die besten Predigten der Welt gehalten,
hätte es dabei predigen gelernt.

Hätten ihm die Eltern jeden Fehler ausgebessert, hätte es gelernt, bei Anderen Fehler auszubessern.

Hätten sie es bei jedem Fehler angeschrien, hätte es gelernt, andere anzubrüllen.

Hätte es öfters eine gesunde Ohrfeige bekommen, hätte es gelernt, andere zu schlagen.

Aber diesem Kind haben seine Eltern Liebe gegeben, ihre ganze Liebe,
daher hatte es Liebe zu geben gelernt,
Liebe für die ganze Welt.

Prof. Dr. Uwe Eglau ist Polizeiseelsorger, praktizierender Psychologe und Psychotherapeut. Als Diakon ist er Seelsorger der röm. Kath. Pfarre St. Leopold-Gersthof in 1180 Wien, Geistlicher Begleiter und Mitglied des Diakonenrates der Erzdiözese Wien