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Die zwei Mütter Jesu#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 224/2017


Die Zeitschrift meiner Pfarre St. Erhard widmete ihren Inhalt im Marienmonat Mai dieser Heiligen und erschien unter dem Titel „Mutter Gottes beschütze uns“. Im Inneren war ein Artikel zu lesen, der beschreibt, wie gerade in einer Zeit, die Gott beiseiteschiebe, Maria „eindringlicher als je zuvor ruft. Millionen Menschen pilgern nach Medjugorje, wo sie echte Gotteserfahrung machen und ihr Leben neu auf Gott ausrichten. Sie lernen von Maria, die zu ihnen durch einfache Menschen spricht.“

Ich schrieb dem Redaktionskomitee, dass ich da ernsthafte Einwände hätte. Sei ich doch, schon was den Titel betreffe, der Meinung, dass uns Gott selbst beschütze. Die Marienerscheinungen von Medjugorje als eine Art von „regelmäßigem Plauderstündchen“ hielte ich für unglaubwürdig. (Sie sind übrigens von der Kirche nicht anerkannt und Wallfahrten zu diesem Ort verboten - erst neulich hat der Papst dazu deutliche Skepsis geäußert.)[1]

Die Antwort ließ zwar Verständnis erkennen, aber ich sollte ein bisschen Toleranz walten lassen. Für viele Leser sei man nämlich bisher (wahrscheinlich) meist zu wenig fromm gewesen. Dies regte mich an, mich nun mit dem Phänomen Marienverehrung etwas näher zu befassen.

Blicken wir dabei zunächst auf die historische Gestalt der Mutter Jesu. Sie spielt in den frühen Zeugnissen des Christentums keine besondere Rolle, Paulus befasst sich mit ihr nicht wirklich. Wohl zuverlässig wird im ältesten, nämlich dem Markusevangelium (3,21) berichtet, dass Maria gemeinsam mit Jesu Brüdern versuchte, ihren Sohn „mit Gewalt“ von seiner Predigertätigkeit wegzuholen.[2] Seine Angehörigen meinten nämlich, wie wir ebenfalls erfahren, er sei von Sinnen. Matthäus (13,53-57) erzählt, wie es Jesus in seiner Heimatstadt Nazareth erging, wo er als Sohn des Zimmermanns bekannt war und seine namentlich genannten Brüder und seine Schwestern lebten. Doch bei diesem Evangelisten wie bei Lukas entfaltet sich in Bezug auf Maria bereits eine Darstellung, die sich ganz in Glaubensvorstellungen vertieft und die dann im Lauf der Kirchengeschichte immer mehr und überreich ausgebaut wurde.

Für diese Entwicklung einer bestimmten Frömmigkeit gab es zwei Ursachen. Zunächst erforderte die besondere Rolle Jesu im Heilsgeschehen, die schließlich zu seiner Feststellung als eine der drei göttlichen Personen in der Dreifaltigkeit führte, dass bereits seine Herkunft als eine ganz außergewöhnliche darzustellen war. Daher rühren die Erzählungen von der Verkündigung durch Gabriel und der Geburt in Bethlehem mit allem wirklich wunderschön dargestellten Drumherum Der „englische Gruß“[3] und die Weihnachtsgeschichte wurden zu kostbarem Glaubensgut. Es entsprach das alles aber einfach dem gängigen Muster antiker Vorstellungen. Bei großen geistlichen Führungspersönlichkeiten – wie schon den Pharaonen Ägyptens – ging man von einer Zeugung durch einen Gott und eine Jungfrau aus.

Einen weiteren Anstoß für die sich ausbreitende Marienverehrung gab das Fehlen einer weiblichen Göttin im Christentum, wie solche damals zahlreich angebetet wurden. Die jungfräuliche Artemis hatte in Ephesos einen Tempel, bei dem durchaus vergleichbar mit heutigen Marienheiligtümern ein Wallfahrtsleben blühte, welches zu stören man bekanntlich dem Apostel Paulus höchst übelnahm. Immer wieder wird also vermutet, dass bei Gott die weibliche, also mütterliche Seite vermisst werde, wofür Maria gleichsam einspringen müsse.

Diese Betrachtung scheint etwas zu kurz zu greifen. Für viele Menschen ist ja Gott ein zu fürchtender, der von uns weit entfernt wohnender Schöpfer, der Elend und Unrecht zulässt, den man nicht verstehen kann und von dem gar droht, dass er uns wegen unserer Sünden am Ende in die ewige Verdammnis schickt. Da sucht man dann eben nach einer anderen Adresse im Himmel, die Vertrauen gibt. Also eine liebliche, uns mild zugewendete Verkörperung des Göttlichen, eine uns Menschen barmherzig und schützend begleitende Figur.

Doch wenn man diese göttlichen Attribute bei Maria einblendet, blendet man sie bei Gott aus! Unübersehbar ist doch, dass uns Jesus eindringlich den liebenden Gott vor Augen führt, den wir ebenso lieben und dem wir bedingungslos vertrauen sollen. Er ist der Vater, den Jesus auf aramäisch mit „Abba“ anredet, was unserem Wort Papa entspricht, und nach dessen Reich wir streben sollen. Dass dieses von Jesus uns vor Augen geführte Gottesbild verblasst und auf seine Mutter übertragen wird, halte ich für das eigentliche Problem der Marienverehrung. Zu Recht stellt Papst Franziskus die Barmherzigkeit Gottes in den Mittelpunkt seiner Aussagen!

Jedenfalls steht am Ende der Entwicklung ein ganz großartiges Glaubensgebilde. Als Himmelskönigin wird Maria von Jesus gekrönt, sie ist gar leiblich dorthin aufgenommen worden und wirkt an diesem Ort vielfach – als Fürsprecherin, Helferin, Gnadenmutter. Ohne Erbsünde geboren ist sie frei von jeder Last des Bösen.

Im Ergebnis zeigt sich also, dass wir zwei verschiedene Mütter Jesu vor uns sehen. Die eine, seine natürliche, war wohl eine fromme Frau aus dem Volk. Hätte man sie auf ihre bevorstehende Himmelskarriere aufmerksam gemacht, wäre das von ihr wohl kaum verstanden worden, ja sie hätte das nach den Grundsätzen ihres jüdischen Glaubens wahrscheinlich sogar entsetzt zurückgewiesen. Und daneben gibt es das Glaubensprodukt Mutter Gottes als wesentliches Merkmal des Katholizismus. Ich will nicht verhehlen, dass meine Zuwendung und auch ehrende Haltung der Erstgenannten gilt. Aber damit will ich nicht die ganze Marienverehrung, die allerdings sehr stark einen ganz unangebrachten Kultcharakter angenommen hat, einfach ablehnen und als falsch erklären. Das wäre nur angebracht, wenn man derartigen Bildern des Göttlichen andere und richtigere entgegenhalten könnte. Doch die gibt es nicht, weil wir uns vom unfassbaren Gott kein stimmendes Bild machen können und das nach dem Gebot des Mose auch gar nicht sollen.

Seien wir ehrlich – jede Religion hat ihre und jeder Mensch hat seine Gottesvorstellungen. Ob sie „wahr“ sind, kann niemand beurteilen. Müssen sie das überhaupt sein? Gleichen sie doch allen jenen anderen geschaffenen Bildern, wie sie sich in der Kunst und in der Literatur finden, von Menschen geschaffen und mit ihrer ganz großen Bedeutung: Sie sollen unseren Sinn und unser Fühlen zum Erhabenen, eben zum Göttlichen lenken. Das ist ihr eigentlicher und unentbehrlicher Wert! David Steindl-Rast sagt, dass Dichtung nicht Lüge sondern verdichtete Wahrheit sei. Eine ganz bestimmte Wahrheit spricht er damit an, nämlich eine nicht objektive, sondern eine unserer Menschennatur entsprechende, welche nach Erkenntnis und Gott sucht.

Mein Einwand gegen den Inhalt der Pfarrzeitung geht aber von meiner Auffassung aus, dass dennoch beim Glauben Vernunft und Verstand nicht auf der Strecke bleiben dürfen, schon gar nicht das, was aus dem ursprünglichen und unverfälschten Evangelium zu erschließen ist. Wenn Jesus sagt, dass unser Vater im Himmel wisse, wessen wir bedürfen, bevor wir nur zu beten beginnen, kann ich mich mit dem Bild einer Fürsprecherin gar nicht anfreunden. Da stellt man sich offenbar Gott so vor, als ob er jemanden bräuchte, der ihn auf unsere Nöte erst aufmerksam machen müsste. Die Behauptung, dass Maria von Ort zu Ort eilt und bestimmten Menschen im Auftrag Gottes eröffnet, was dieser uns mitteilen wolle, halte ich für absurd. Kann oder will Gott nicht zu uns sprechen, sehr wohl aber die Mutter Jesu?

Welche skurrilen Blüten die katholische Marienverehrung getrieben hat, wird wohl beim Dogma der leiblichen Aufnahme in den Himmel am deutlichsten. Wo ist er wohl, der Ort, wo ein menschlicher Körper existieren kann, passendes Klima ebenso bietend wie Nahrung und Getränk? Aber auch das Altern ausschließend und ewiges Leben mit jugendlichem Antlitz gewährend! Dem wird man natürlich entgegenhalten, dass es ja da um den verklärten Leib Marias ginge! Doch ist die Auferstehung in einem solchen nicht uns allen zugesagt? Wozu also das Dogma, außer als Ausdruck schwülstiger Phantasien?

Die Kirche sieht die Mutter Jesu als große Heilige an, aber nicht als Göttin. Doch in diese Rolle ist sie durch den ausufernden Marienkult tatsächlich geraten. Da braucht man nur die Votivbilder an Wallfahrtsorten zu betrachten, wo sie im Himmel schwebend und mit einem Schutzmantel bekleidet eingegriffen hat, um Unheil abzuwenden. Es ist eindeutig: Ein Wesen, das auf der ganzen Welt und zu jeder Zeit alles wahrnimmt, was uns widerfährt oder gar droht, um dann zu handeln, kann nur göttlichen Charakter haben. Das alles setzt ja nicht nur Omnipräsenz, sondern auch Allwissenheit und Allmächtigkeit voraus.

Und nun ganz ernsthaft gefragt: Wenn man diese Eigenschaften neben Gott irgendjemandem anderen zuschreibt, grenzt das nicht, wenn schon nicht an Blasphemie, dann doch zumindest an Aberglauben? In der großen Verkündigung der Elemente unseres Glaubens, dem Dekalog, sagt

der Herr am Beginn „du sollst neben mir keine anderen Götter haben“. Das wird von Judentum und Islam streng beachtet und sollte ebenso für uns gelten. Dies schließt nicht aus, dass wir Heilige verehren, und das hat durchaus seinen Wert. Wir schließen uns ihrer Frömmigkeit an, wir wollen uns in das Volk Gottes als eine „Gemeinschaft der Heiligen“ mit deren Vorbildern einreihen, von denen wir Inspiration empfangen. Und damit auch Kraft des Glaubens. Die Versenkung in ein Heiligenbild oder eine Ikone kann zu wertvoller Meditation des Glaubens führen.

Aber immer sollten wir bedenken, dass wir gemeinsam mit den Heiligen und auch gemeinsam mit Jesus Gott gegenüberstehen und ihn anbeten. Gott hat sich durch Jesus mit dem Menschsein solidarisiert. Die Meinung, alles rund um Jesus müsste wie er in der unerreichbaren Sphäre des Göttlichen und weit weg von allem Irdischen dieser Welt angesiedelt sein, verkennt das eigentliche Wesen des Christentum als die Offenbarung jenes, der uns Menschen unabhängig vom Merkmal des Geschlechtes zur unübertrefflichen Würde der Gotteskindschaft erhebt.

Ich komme damit nochmals zur eingangs erwähnten Pfarrzeitung zurück Die Kirche leidet sehr unter der Tatsache, dass ihre Lehre von den Menschen nicht mehr angenommen wird. Was im Katechismus steht wird vielfach als heillos antiquiert angesehen, vor allem von der Jugend, die zum größten Teil mit dem Kirchenglauben vergangener Zeiten „nichts am Hut“ hat. Es wäre also dringend geboten, die Lehre unserer Kirche heutigem Wissen und Verständnis anzugleichen. Leider will oder kann sich die Leitung in Rom dazu nicht aufraffen, obwohl es so dringend geboten wäre und ein doch aufgeschlossener Papst ins Amt berufen wurde! Aber da sollte wenigstens unterbleiben, Menschen, die trotz allem ihrer Glaubensgemeinschaft die Treue halten wollen, gar seltsame und längst überholte Vorstellungen in dick aufgetragener Form als „fromm“ zuzumuten!

Fußnoten#

[1] Rom, 14.05.2017 (KAP): Mit Blick auf die Vorgänge in Medjugorje wiederholte Franziskus sein ironisches Bild von der Muttergottes als "Chefin eines Telegrafenamtes, die täglich eine Nachricht schickt". Solche "angeblichen Erscheinungen" hätten "keinen großen Wert". - Allerdings reiste Franziskus etwa zur gleichen Zeit nach Fatima, um Kinder, die dort eine Marienerscheinung hatten, selig zu sprechen.
[2] Da in diesem Zusammenhang Josef nicht erwähnt wird, kann vermutet werden, dass Maria damals bereits Witwe war, auch dass sie dessen zweite Frau war und Geschwister aus einer früheren Ehe existierten.
[3] vom Wort Engel abgeleitet.