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Warum ich mit der „Menschwerdung“ Gottes Probleme habe#


Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 324/2020

Von

Herbert Kohlmaier


Die bekannte Ordensfrau Sr. Dr. Katharina Deifel OP hat letzte Weihnachten einen besinnlichen Brief ausgesendet, den ich gekürzt wiedergebe und der eine mich schon lange beschäftigende Frage betrifft:

Cur DEUS homo? (Warum wurde GOTT Mensch?)#

„.... Aber sobald man an einen personhaften, sich in der Geschichte offenbarenden GOTT glaubt, erscheint der Gedanke der Inkarnation fast zwingend: Denn ein geistiger, unendlicher, vollkommener GOTT wäre von der materiellen, endlichen, unvollkommenen Schöpfung so verschieden, dass Seine Offenbarung von ihr gar nicht verstanden werde könnte. Die Überbrückung dieses Gegensatzes ist nur vom Unendlichen her möglich: Das Unendliche kann das Endliche in Sich fassen, aber nicht umgekehrt. Diese Einsicht finden wir etwa bei THOMAS (bes. ScG 4,40.49), vorher bei IGNATIUS v.A. u.a. griechischen Vätern und noch früher im NT, besonders im JOH-Ev.

... Der ewige SOHN des VATERS wird Mensch und kehrt nach dem irdischen Leben und Sterben zum VATER zurück – doch Er kehrt nicht allein zurück, sondern öffnet uns den Weg zum

VATER. Nicht erst durch den Kreuzestod, sondern schon durch die Menschwerdung beginnt der bereits erwähnte Heimholungs-und Vergöttlichungsprozess der gesamten Schöpfung. Zu Recht wird daher im Weihnachtsevangelium JESUS als „Retter“ und „Herr“ tituliert – und zu Recht bezeichnen wir diese Botschaft als Evangelium, als Frohbotschaft.“

* * *

Sr. Katharina reflektiert auf schöne Weise ein ganz wesentliches Element des christlichen Glaubens, nämlich die Inkarnation Gottes in Jesus Christus. Ich muss gestehen, dass ich trotz der überragenden Bedeutung dieses Teils der Lehre große Zweifel an seiner Plausibilität habe. Man kann mir daher vorwerfen, dass ich gleichsam an einer Säule unseres Glaubens rüttle. Doch ich stelle nicht nur die Unentbehrlichkeit dieses Glaubenselements in Frage, sondern meine auch, dass eine andere Sicht des Jesusereignisses sehr wohl denkbar und im Sinne des Glaubens mindestens ebenso annehmbar ist. Sieht man es richtig, wird dieses Thema durch das Gottesbild der Menschen bestimmt, nämlich wie weit es „anthropomorph“, also menschenähnlich sein soll und darf – oder nicht. Die Hochreligionen wie die bedeutenden Denker der Menschheit erkennen ja die absolute Unbegreiflichkeit Gottes als Wesen ohne Grenzen und Dimensionen. Jeder Glaube versucht allerdings, dem drängenden Bedürfnis des Menschen zu entsprechen, sich das Göttliche verständlich zu machen und darzustellen. Damit geschieht allerdings das, was der Dekalog verwirft: „Du sollst dir kein Gotesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“

Es ist für den nach Gott Forschenden natürlich naheliegend, sich diesen dennoch unter Heranziehung von Begriffen vorzustellen, die menschlicher Vorstellung entsprechen. Bevorzugt als Person, obwohl das Wesen der Person (als Individuum mit physischer und psychischer Eigenart) Gegenstand der Schöpfung ist, aber keinesfalls als Beschreibung des Schöpfers geeignet sein kann. Wir neigen in unserer Vorstellung auch dazu, das Göttliche sprechen zu lassen. Nicht nur dieses, in den Fabeln reden auch Tiere oder gar Gegenstände. So richten wir uns in einer der unseren entsprechenden, aber eben doch eingebildeten Welt ein.

Einst, in der antiken Götterwelt „menschelte“ es total, bis hin zum Absonderlichen. (Bekanntlich nahm der Göttervater Zeus zum Zweck erotischer Abenteuer Tiergestalten an.) Aber auch der Jahwe des Judentums, der in unzugänglichem Licht wohnt und dessen Namen man nicht einmal aussprechen durfte, weist ganz menschliche Züge auf. Er zürnt, lässt sich versöhnen und ist gar eifersüchtig.

Die Kirche setzte dann im Lauf der Zeit trotz des biblischen Verbots doch ganz auf die Kraft der Bilder. In unzähligen Kirchen sehen wir die Dreifaltigkeit personenhaft abgebildet – den Vater als alten Mann mit weißem, einen jugendlichen Jesus mit schwarzem Bart und den Geist als Taube. Zuzugeben ist natürlich, dass mit einer ganz abstrakten Gottesvorstellung sehr schwer umzugehen ist. Aber man darf der Problematik aller Gottesbilder nicht ausweichen. Sie sind letztlich doch immer unzutreffend oder sogar gar irreführend.

Ebenso ist die Vorstellung, dass sich Gott, der ja in keiner Weise lokalisierbar ist, an irgendeinem Ort befände, sich irgendwohin begeben oder irgendeine Gestalt annehmen würde, typischer Ausdruck anthropomorpher Sichtweise. Dasselbe gilt für die Annahme, Gott würde auf das, was in der in der Welt geschieht, jeweils durch eigenes Eingreifen reagieren, um von ihm Gewünschtes herbeizuführen. Über die Frage, ob und wie Gott überhaupt „handelt“, lässt sich trefflich streiten. Sicher geschieht das aber – wenn überhaupt – ganz anders, als wir Menschen es tun.

Gott – sich selbst oder den Menschen zugewandt?#

Das Problematische an der Auffassung eines persönlichen Gottes kommt ganz im Glaubensbild von der Dreifaltigkeit Gottes zum Ausdruck. Jesus ist da eine der drei göttlichen Personen und das von Anfang an. Johannes lässt ihn sagen „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich“ Also bestand die göttliche Dreieinigkeit schon von je her. Die Lehre der Kirche versucht dem entsprechend, das Wesen eines an sich einzigen Gottes in drei Personen zu erklären. Nach dem Katechismus beschränke sich deren „reale Verschiedenheit“ nur auf ihre gegenseitige Beziehung, aber sie seien dennoch „eine Natur oder Substanz“ (255).

Doch diese Sicht Gottes ist und bleibt unbegreiflich. Nachvollziehbar ist wohl nur, von unterschiedlichen Erscheinungsformen des Göttlichen auszugehen. Die Lehre von der Dreifaltigkeit ist Konsequenz der in den frühchristlichen Konzilen getroffenen Entscheidung, dass Gott und Jesus „wesenseins“ seien. Zuvor, aber auch noch danach war die Frage nach der Natur Jesu allerdings heftig umstritten. Selbst bei der vom Kaiser zwecks Klärung im Jahr 325 nach Nizäa einberufenen Versammlung gerieten die Vertreter verschiedener Auffassungen über das Wesen Jesu in wütende Auseinandersetzungen; schließlich dürfte das Wort Konstantins entscheidend gewesen sein. Man wollte natürlich keinesfalls mehrere Götter, aber beim Blick auf den Kirchengott den Vater und den Sohn gleichsam als dessen „Bestandteile“ gesondert betrachten und verehren können, ebenso den Geist Gottes.

Doch die Welt hatte Jesus ganz und gar als Menschen erlebt. Wie konnte das Problem von „zwei Naturen“ in Jesus bewältigt werden? Ganz verschiedene Lösungen wurden lange und heftig diskutiert und wieder verworfen[1]. Das Ergebnis sieht eigentlich ganz so aus, als hätte man den Widerspruch der Auffassungen, ob Jesus „nur“ Mensch oder doch Gott war, einfach dadurch beseitigen wollen, dass eben beides stimme! So sagt heute der Katechismus, dass Jesus „wahrhaft Mensch geworden und dabei doch wahrhaft Gott geblieben“ sei (464), und – nota bene! – dass „alles, was Christus in seiner Person ist und tut, ist und tut ‚einer der Dreifaltigkeit‘“ (470). Damit sind wir bei der Menschwerdung Gottes, dem Thema dieser Überlegungen.

Für mich stellt sich die Frage: Ist das von der Christenheit wahrgenommene Heilsgeschehen nicht doch anders zu verstehen, als es die miteinander streitenden Konzilsteilnehmer dreihundert Jahre nach dem österlichen Geschehen herausfinden wollten? (Sie waren übrigens nicht einmal für die ganze Christenheit zu reden berufen.) Und dies auf Wunsch des Kaisers, der sich offenbar nicht eine Staatsreligion mit der Kultfigur eines jüdischen Predigers vorstellen konnte. Die getroffene Entscheidung bedeutet aber eindeutig, wie der Katechismus ja feststellt, dass das ganze Jesusgeschehen, sein Leben, sein Tun, sein ganzes Schicksal unmittelbar Gott selbst zuzurechnen ist, der uns im Christus entgegentritt. Den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen darf man nicht ausweichen und ich will versuchen, sie darzulegen.

Ganz unumwunden gesagt: Wenn Jesus Gott war und ist, hat Pontius Pilatus Gott hinrichten lassen, der dann tot war. Nicht wie es Nietzsche[2] meinte, sondern tatsächlich. ganz und gar, also auch physisch-leiblich. Die totale Absurdität dessen kann man nicht mit der Erklärung beseitigen, dass Gott seinen eingeborenen Sohn aus Liebe zur Welt hingab, um jedem, der an ihn glaubt, das ewige Leben zu geben (Katechismus 457 unter Zitierung des Johannesevangeliums). Man hat damit den uralten Opfergedanken der Religionen ins Spiel gebracht. Jesus wäre also nicht schreckliches Unrecht widerfahren, sondern sein Tod am Kreuz sei ein von Gott beabsichtigtes Geschehen zur Überwindung der Sünden, nämlich die Erlösung der Menschheit durch den Kreuzestod. In der katholischen Messe wird ja Jesus als Lamm Gottes angebetet, als Rückgriff auf den Kult im Tempel Jerusalems, wo ein untadeliges Lamm das geeignetste Opfertier war, um Gott zu versöhnen. Hostie bedeutet Opfertier und Jesus nimmt als solches, wie gebetet wird, „die Sünden der Welt hinweg“. Zu merken ist davon allerdings bis heute ganz und gar nichts.

Hier zeigt sich eine eigentlich unerträgliche Sicht Gottes. Was für ein Vater wäre das, der das Heil der Welt mit dem unendlich grausamen Umbringen seines Sohnes herbeiführen wollte? Neben der an sich undenkbaren Sterblichkeit des Gottes Christus kommt man hier auch zur ganz wesentlichen Frage, wie dessen „Auferstehung“ zu verstehen ist. Dass Gott Jesus von den Toten erweckt hat, gehörte ja von Anfang an zum Wesen des neuen Glaubens und gab diesem den entscheidenden Anstoß! Aber kann man sich überhaupt vorstellen, dass Jesus, falls tatsächlich gestorben, als Gott ohne diese Rettung andauernd tot geblieben wäre?

Gott muss von Gott nicht geholfen werden, er könnte sich wohl selbst vom Tod befreien! Wenn Jesus Gott ist, dann ist die „Auferstehung“ keinesfalls ein epochal großartiges Ereignis. Denn was sollte Gott denn anderes tun, als seinen „Tod“ abzuschütteln! Man sieht also, dass der Streit um die Natur Jesu und das lange Suchen nach einer Lösung des Problems „Mensch oder Gott?“ einfach nicht wirklich Überzeugendes hervorbrachte. Hat der Vater als eine der göttlichen Personen die andere zweite vom Tod erweckt? Das wird ja stets so dargestellt. Aber auf der anderen Seite wird uns gesagt, dass es nur einen Gott gibt. Der muss daher dieses Sühne- und Erlösungsgeschehen quasi mit sich selbst ausgemacht und „inszeniert“ haben. Ein eigenständiges Vorgehen einer der drei Personen in der Dreifaltigkeit, wie es das Herausholen aus dem Grab bedeutet, ist ja angesichts der Lehre von einem Gott nicht denkbar.

„Teilweise“ Menschwerdung?#

Weiteres muss uns zu denken geben. Obwohl gelehrt wird, dass Jesus ganz Mensch war, versucht man bei seiner Darstellung manches geflissentlich auszublenden, was zweifellos zum Menschsein gehört. Er war, wie von Anfang an gesagt wurde, „ohne Sünde“. Kann das ein Mensch sein, wenn man ihn wirklich als solchen sehen will? Man verzeihe mir die sicher als unangemessen empfundene Frage: Hatte Jesus nicht nur Verdauungs- sondern auch Sexualorgane, von diesen produzierte Hormone und die damit einhergehenden Gefühle? Das wäre doch in den Augen frommer Menschen als höchst peinlich zu empfinden!

Gleiches gilt für seine Mutter. Auch diese darf nicht eine ganz und gar „normale“ Frau wie alle anderen sein. Sie gebar nach dem Kirchenglauben Jesus und bewahrte dennoch ihre „unversehrte Jungfräulichkeit“. (Bekanntlich diskutierte man sogar darüber, ob ihr Hymen bei der Niederkunft ihres Erstgeborenen unverletzt blieb.) Jedenfalls musste sie von allem Niedrigen der Menschennatur befreit sein, weswegen schließlich festgestellt wurde, dass sie schon bei ihrer Empfängnis frei von der „Erbsünde“ war. Damit ist ihre religiöse Karriere aber noch nicht beendet. Sie wurde Himmelskönigin und hilft auf Gebete in aller Not. Aber nicht nur das, sie eilt trotz leiblicher Anwesenheit im Himmel von einem Wallfahrtsort zum anderen, wo sie zu den Menschen spricht.

Das alles tut bekanntlich nicht einmal Gott. An Maria wird also unübersehbar bei ihm vermisstes Tun übertragen, sie ersetzt es sogar. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: „Normale“ Menschen haben in der kirchlichen Frömmigkeit keinen Platz, sie müssen daher durch heilige Betrachtung in die Sphäre des Göttlichen befördert werden. Denn wo kämen wir da hin, wenn Leute wie wir alle es sind, eine entscheidende Rolle im Heilsgeschehen spielen sollten! „Menschwerdung“ kann also offenbar nur mit wesentlichen Einschränkungen geschehen, welche die Inferiorität des Menschlichen beseitigen. Aber ist es dann überhaupt Menschwerdung? Man bildet ja Konstrukte, die sich in einer anderen Sphäre als der Mensch befinden, der nach biblischer Auffassung Ebenbild Gottes ist und solcher Verbesserungsmaßnahmen eigentlich nicht bedürfen sollte. Wirken in dem Ganzen gar die Götterbilder der Antike nach? Da gab es ja einen lebhaften und unmittelbaren Austausch zwischen den Unsterblichen und den Menschen und es existierten auch Halbgötter.

Damals gängige Auffassung war, dass große Herrscherpersönlichkeiten von einem Gott und einer Jungfrau abstammen mussten, was ihnen überirdisch hohen Rang verlieh und wiederum Entmenschlichung bedeutete. Von Genen wusste man ja noch nichts und auch nichts davon, dass in jedem Menschen das Erbgut nicht nur seiner Mutter sondern auch eines biologischen Vaters vorhanden ist. Aber trotzdem müssen wir in jeder Messe aufstehen und feierlich „bekennen“, dass Jesus vom Heiligen Geist empfangen und von einer Jungfrau geboren wurde!

Wie immer man es sieht, man stößt bei Betrachtung der kirchlichen Lehre auf unüberwindliche Hindernisse, dieser wirklich folgen zu können. Der Streit um das Wesen Jesu hat zu keiner plausiblen Lösung geführt. Die Auseinandersetzungen waren aber auch überflüssig. Die synoptischen Evangelien, wie es heißt „Wort Gottes“, geben überhaupt keinen Hinweis darauf, dass sich Jesus als Gott in Menschengestalt angesehen oder deklariert hätte – außer bei Johannes, aber da finden wir schon viele theologische Erwägungen. Der Menschensohn ist auch von seinen Jüngern nicht so verstanden worden. Da ging es um die ganz andere Frage, ob er der erwartete Messias sei.

Bedenken wir an dieser Stelle: Die Kirche nimmt die biblischen Worte so, wie sie nach den Erzählungen der Evangelisten berichtet werden, wortwörtlich ganz ernst und leitet daraus allerlei Schwerwiegendes ab (Stichwort Ehescheidung). Warum geschieht dies aber nicht in Bezug auf den Bericht, wonach Jesus nicht einmal gut genannt werden wollte? Er hielt dem entgegen, dass nur einer gut sei, der eine Vater im Himmel[3]. Eigentlich widerlegt schon dieses sein Wort all das, was man sich später über ihn und jenen Gott ausdachte, zu dem der Rabbi Jehoschua betete und zu beten lehrte. Zu vermerken ist auch, dass Jesus – was wohl glaubwürdig überliefert ist – den von ihm Geheilten sagte, ihr Glaube habe ihnen geholfen. Sich selbst stellte er in den Hintergrund. Eigentlich ein Täuschungsmanöver, das Gottes ganz unwürdig wäre! Der Mensch Jesus war großartig – Gott ist es ohnedies

Betrachtet man es recht, entwertet die Vorstellung von der Menschwerdung Gottes das unfassbar großartige Wirken Jesu. Dieser empfand sich offensichtlich als ganz vom Geist Gottes erfüllter Mensch dazu berufen, seinen Zuhörern den Vater nahezubringen, den Liebenden und Verzeihenden. Er blieb dieser Aufgabe im unendlichen Vertrauen auf diesen bis zur letzten Konsequenz treu, der Hingabe seines Lebens. Der Vater hat ihn gerechtfertigt und zu sich genommen. Er ist nun ganz bei Gott und lebt weiter für uns Menschen und mit uns.

Das ist auf eine uns aufrüttelnde Weise wohl viel eher der „Wahrheit“ nahe als die Vorstellung eines menschgewordenen Gottes, der auf Erden wandelte. Eine alles erklärende Wahrheit herauszufinden, ist da wohl nicht möglich, will man nicht in komplizierte und eigentlich unverständliche Spekulationen geraten. Braucht man diese überhaupt? Jesu Auferweckung ist aber sicher ein unüberbietbares Zeichen der Hoffnung für das Menschengeschlecht. Sie sagt uns, dass nicht Unrecht, Gewalt und Tod das letzte Wort haben. Das Epochale dieser Offenbarung können wir nur erkennen, wenn sie einem von uns wiederfuhr. Gott will nicht zeigen, welche liebevolle Zuwendung der zweiten göttlichen Person widerfuhr, sondern uns allen! Hier liegt wohl der springende Punkt.

Wenn wir es als Aufgabe verstehen, Jesus nachzufolgen, dann bedeutet das nicht, Gott nachzufolgen, denn das ist uns nicht möglich. Aber in jedem Menschen ist das Göttliche beheimatet, bei Jesus war das auf vollkommene Weise der Fall. Was er uns vermitteln wollte, ist eine Erkenntnis, die viele durch sein Wort gewonnen haben und die ihr Leben als Christen auf wunderbare Weise bestimmt hat: Wir sollen dieses Göttliche in uns zur vollen Entfaltung bringen. Es ist das die Perspektive des Reiches Gottes, das in uns schon angelegt ist. Jesus ist aufgrund der Überlegungen, die ich dargelegt habe, für mich nicht menschgewordener Gott, sondern Bruder, der uns auf unüberbietbare Weise Helfer auf dem Weg zu Gott ist.

Ich will in diesem Zusammenhang noch einen kritischen Gedanken anschließen, der die Motive der Lehre erklären könnte, welche die Kirche dann entwickelte. Vieles weist darauf hin, dass diese, nachdem sie eine mächtige Institution geworden war, die Absicht verfolgte, Gott den Menschen nicht nur nahezubringen, sondern mit der Person Jesu gleichsam in Besitz zu nehmen. Angeblich wird dieser und damit Gott bei der Messe durch das Wort des Priesters (und nur durch dieses!) in den Gaben tatsächlich anwesend („Realpräsenz“) und damit für die Kirche verfügbar.

Damit es jetzt nicht allzu ernst wird: Gott hat wohl Humor. Wenn er „von oben“ zusieht, wie jemand vor dem Tabernakel niederkniet, wird er wohl über die Vorstellung lächeln, dass er sich durch die eine Natur und Substanz mit dem Sohn dort drinnen eingeschlossen befände. Natürlich ist auch diese Bemerkung ganz „anthropomorph“. Wie schön wäre es doch, könnten wir Gott wirklich in unserem armseligen Leben leicht fassbar und begreifbar finden! Aber das ist uns verwehrt und hat wohl seinen Sinn. Wir müssen ihm in unserem Herzen begegnen; und dabei haben wir, wie zu hoffen ist, seine Hilfe. Aber so einfach, wie man es sich einst vorgestellt hat und heute noch zu glauben vorschreibt, ist es sicher nicht. Selber nachzudenken ist geboten!

Also auch über die „Menschwerdung Gottes“! Doch abschließend und zu dem am Beginn erwähnten Anlass zurückkehrend: kein Wort gegen Weihnachten! Was wir zur Wintersonnenwende statt der Verehrung des Sol invictus feiern, führt uns wunderbare Bilder des Glaubens vor Augen. Wir dürfen auf Rettung hoffen. Sie kommt nicht von irdischer Macht, auch nicht von menschlicher Weisheit oder gar der Politik. Sie zeigt sich in einem hilflosen Kind, das klein und ganz schwach ist. In einem Menschlein, das dann zu uns über Gott und das Heil sprechen sollte. Aber Gott macht sich nicht selbst klein in diesem Kind, sondern uns alle groß, wenn wir an ihn und an das glauben, was er uns in seiner Güte durch einen auserwählten Menschen sagt.

Mancher wird meinen, dass ich mit dieser meiner Auffassung nicht nur die Kirche sondern sogar den ganzen Glauben verlasse. Doch dem ist nicht so. Ich bin überzeugter Christ. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass ich der kirchlichen Lehre nicht meinen Verstand als sacrificium intellectus zu opfern habe. Und auch davon, dass alle Religionsgemeinschaften irren, wenn sie meinen, den Menschen bis ins Detail vorschreiben zu müssen, was diese zu glauben haben. Sie stellen sich damit an die Stelle von Gott. Aber es gelingt ihnen ohnedies nicht.

Ich lasse mir meinen Weg zu Gott von dazu berufenen Menschen gern nahelegen, aber nicht von kirchlichen Amtsträgern vorschreiben oder gar versperren. Das sage ich als Katholik, der seine Kirche trotz ihrer argen Mängel nicht verlässt, aber meint, dass sie, will sie weiterhin Bedeutung haben, unbedingt glaubwürdiger werden muss. Die Welt würde das so sehr brauchen!

Fußnoten#

[1] U.a.: Arianismus – Sabellianismus – Monophysitismus – Monoergenismus - Monotheletismus
[2] Aphorismus der fröhlichen Wissenschaft
[3] Mk 10,18