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Sakrosankte Lehre?[1]#

„... durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus“ (Röm 5,15)#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 214/2017


Es ist eindeutig festzustellen, dass sich die Bestrebungen der kirchlichen Reformbewegungen stets auf bestimmte Regeln und Vorgangsweisen konzentriert haben, die als überholt oder wenigstens änderungsbedürftig betrachtet werden. Hingegen wurde im Allgemeinen die Lehre, wie sie im Katechismus zusammengefasst ist, nicht unmittelbar zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung. Es könnte ja kaum gelingen, im eigenen Bereich der Erneuerungswilligen Übereinstimmung zu finden, wollte man auch in Frage stellen, was für viele und auch Kritische unantastbares Glaubensgut ist. Sich uneingeschränkt in Opposition zu begeben, wäre auch nicht klug. Der Vorwurf, damit eine Spaltung der Kirche heraufzubeschwören, wäre nur schwer erträglich.

Soll diese Zurückhaltung wirklich immer und ewig gelten? Das ist ernsthaft in Frage zu stellen. Viel von dem, was die Reformkräfte beanstanden, ergibt sich ja aus der Lehre! Das beginnt mit einem Umstand, der gleichsam über allen Einzelfragen steht: Die Kirche betrachtet sich als von Christus eingesetzt und bevollmächtigt. Sie sieht sich dem entsprechend als heilig und prinzipiell fehlerfrei an, was naturgemäß in gewissem Sinn auch für die einzelnen Amtsträger geltend gemacht wird. Für das Regime besteht also von vorneherein zwischen hoher Geistlichkeit und Kirchenvolk ein unüberwindlicher Qualitätsunterschied. Ein Dialog „auf gleicher Augenhöhe“ ist damit ausgeschlossen. Soweit der Stand der Dinge zumindest vor (und nach?) Franziskus.

Aber auch wenn es um Inhalte geht, ist es die Lehre, die zur Abwehr gewünschter Erneuerung führt, denn die gesamte Fülle des als geoffenbart geltenden Glaubensgutes steht für Rom nicht zur Disposition. Diese Unantastbarkeit wurde geflissentlich auf alles ausgedehnt, was – wie es Pius XII. ausdrückte – „von Menschen außergewöhnlicher Geisteskraft und Heiligkeit unter der Aufsicht des kirchlichen Lehramtes, in der Gnade und unter Leitung des Heiligen Geistes“ entschieden wurde. Es kann und darf schon gar nicht von Laien, die das Kirchengesetzbuch zu Ergebenheit und Gehorsam gegenüber den Hirten verpflichtet, in Frage gestellt werden.

Ist die Lehre der Kirche aber wirklich sakrosankt? Und ist damit allem Reformstreben eine unüberwindliche Grenze gesetzt? Muss nicht irgendwann doch ernsthaft darüber nachgedacht werden, ob nicht gerade hier die Ursache der Kirchenkrise zu finden ist? Bedenkt man es recht, erleben wir eigentlich eine Krise der Lehre. Wer kennt überhaupt noch die Inhalte des angeblich gemeinsamen Glaubens? Wer richtet sich noch danach? Geht man dem nach, kommt man zu höchst betrüblichen Ergebnissen. Warum wird heute allseits nach Ethikunterricht statt nach Religionsunterricht gerufen? Und warum gehen kluge Pädagogen schon diesen Weg?

Eigentlich hält nur eine ganz unangebrachte Scheu davon ab, festzustellen, dass Vieles, was im Katechismus steht, als „gebotener“ Glaube für gebildete Menschen unserer Zeit nicht mehr geeignet ist. Bedeutet das Verdrängen oder Verschweigen dieses Umstands nicht ein Vergehen, begangen von allen, die von Wert und Notwendigkeit der Kirche überzeugt sind? Ist man nicht geradezu verpflichtet, nun von den Verantwortlichen in der Kirche mit aller Ernsthaftigkeit einzumahnen, endlich Augen und Ohren zu öffnen? Und zu erkennen, dass mit Glaubenssätzen, die man sich im Altertum zurechtgelegt hat, heute keine Menschen mehr zu überzeugen sind!

Einst kreiste für Päpste die Sonne um die Erde. Erst nach dreihundert Jahren rechtfertigte man Galilei, dessen Forschungsergebnisse man verdammt hatte. Aber damit ist nicht alles getan. Es ist ja nicht die einzige Betrachtungsweise des Altertums, die fortwirkt. Da geht es auch um die ganz wesentliche und den Kerngehalt des einst errichteten Glaubens betreffende Frage, als wen wir Jesus zu erkennen haben. Er ist nach geltender Lehre untrennbar wahrer Gott und wahrer Mensch, und dies ohne aufzuhören, Gott zu sein! Wahrer Mensch bedeutet klarerweise, das auch im biologischen Sinn zu sein, weswegen Jesu Genom das Erbgut eines natürlichen Vaters beinhalten musste. Ohne dieses konnte ihn auch eine „erbsündenfreie“ Jungfrau nicht zur Welt gebracht haben. Die Zeugung durch den Heiligen Geist als Einfügung von göttlichem Genmaterial zu deuten, erscheint absurd. Wäre Jesus gar ein Klon Marias, wäre er eine Frau gewesen. Welche Antwort gibt die Kirche auf diese heutigen Erkenntnisse der Naturwissenschaft? Wer Christ ist, für den hat sich Gott in Jesus geoffenbart, daran gibt es keine Zweifel. Aber muss man das immer noch so erklären wie vor fast zwei Jahrtausenden? Wann rafft man sich endlich dazu auf, ebenso behutsam wie klug die Lehre mit dem Wissen von heute in Einklang zu bringen? Unterlässt man es wirklich nur aus Furcht vor den Ewiggestrigen in jenen Ämtern, in welche sie der ängstliche Konservativismus der Päpste vor Franziskus beförderte?

Eine bemerkenswerte Stimme von heute#

Zum geistigmoralischen Zustand der Kirchenleitung gehörte immer, dass man abweichende Meinungen verdammte und bei Lehrenden ebenso wie bei Amtsträgern der Kirche, sogar Bischöfe, streng ahndete. Umso mehr ist die Stimme bemerkenswert, die der Universitätsdozent für Pastoraltheologie Paul Weß nun hören lässt, der viele als Leiter der fortschrittlichen Pfarre Machstraße in Wien beeindruckte. Seine kritischen Ansichten hat er an vielen Stellen und nun in der angesehenen Wochenzeitschrift „Die Furche“ veröffentlicht.[2] Er kommt bei Auseinandersetzung mit der Neuausgabe der Bibel zum Schluss, dass man sich wiederum nicht an die biblischen Texte halte, sondern die Bibel dem Dogma angleiche. Und dieses laute, dass Jesus zweite göttliche Person sei, was aber nicht dem Evangelium entspreche.

Weß legt dar, woran kein Zweifel bestehen kann: Für seine Jünger ebenso wie für die Verfasser der synoptischen Evangelien war Jesus „Sohn Gottes“ in dem Sinn, wie dieser Begriff im Judentum verstanden wurde, das auch den Rahmen für den Glauben Jesu bildete und daher für das Verständnis der Evangelien maßgeblich sein muss. Man bezeichnete besonders Berufenen so, auch David oder das auserwählte Volk. Eine Gotteseigenschaft, die ein Mensch für sich in Anspruch genommen hätte, wäre als ungeheuerliche Blasphemie empfunden worden. So weist absolut nichts darauf hin, dass Jesus als eine der drei göttlichen Personen verstanden wurde oder sich selbst bei seiner Lehrtätigkeit so dargestellt hätte. Weß zitiert hier als besonders aufschlussreich die Stelle bei Markus (10,18), wo Jesus sich dagegen verwahrt, guter Meister genannt zu werden: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott“.

Wie verträgt sich das mit Jesus als selbst Gott, also mit den Glaubenskonstruktionen der Konzile ab dem vierten Jahrhundert? Erstritten in heftigen Auseinandersetzungen mit den Anhängern des Arius und durchgesetzt von einem Kaiser, der eine Staatsreligion und einen Reichsgott brauchte. Aber schreibt nicht Paulus im Römerbrief, einem der wichtigsten Dokumente des Christentums, dass nach der Übertretung des einen, nämlich Adams, Gott die Gnade durch die Gnadentat des Menschen Christus bewirkte? Durch den, der nach den Worten des Hymnus im Philipperbrief „von Gott erhöht“ wurde. In Nicäa entschied man sich hingegen auf das Wort des Kaisers hin für den schließlich vorgeschriebenen Glaubenssatz: Jesus ist gezeugt und ungeschaffen wesenseins mit dem Vater und als Person der Dreieinigkeit nicht Teil der Schöpfung.

Der Kirche, die zum Machtfaktor im Staat werden sollte, kam dies sehr gelegen. Sie hatte nun mit Jesus auch Gott in Besitz, den in die Hostie zu „befördern“ sie dem heiligen Stand eines dem Urchristentum fremden (wieder-)eingeführten Priesterstandes vorbehielt. Ist das nicht unerträgliche Hybris? Der Heilige Geist, oft als Urheber solcher Beschlüsse bemüht, kann da kaum mitgewirkt haben. Auch nicht beim Konzil, das zur Verbrennung der Bücher des Arius führte; der Besitz seiner Schriften wurde unter Todesstrafe gestellt. Der Geist Gottes brennt, aber er verführt nicht, Bücher zu verbrennen.

War die Entscheidung der frühen Konzile also richtig oder falsch? Die Antwort kann weder ein Ja noch ein Nein sein. Als welches Wesen der Auferstandene wirkte und ob das überhaupt „erklärt“ werden kann, wäre heute neu zu überdenken. Losgelöst von antiken Vorstellungen, als der Himmel noch von menschenähnlichen Göttern bevölkert war. Das war für ein ungebildetes Volk anschaulich, aber eben Aberglaube. Alle Vernunft sagt uns ja, dass wir Gott nur durch sein Wirken erahnen können. Er kann keine Person sein, eine solche ist vielmehr von ihm geschaffen. Er kann auch nicht als irgendwo lokalisiert gedacht werden, sich selbst auch nicht irgendwohin begeben, das wäre simple Menschensicht. Ihn mit wallendem weißem Bart neben Jesus und einer Taube darzustellen, ist nur für schlichte Gemüter hilfreich. Natürlich muss man auch an diese denken, sie laufen auch heutzutage zahlreich umher. Aber ein auf sie zugeschnittener Glaube darf nicht jene vertreiben, die tiefer denken, und das zu verhindern wäre Aufgabe der Kirche!

Den offenbar als geboten erscheinenden Widerspruch zu Weß verfasst der Grazer Dogmatiker Bernhard Körner.[3] Wenig überzeugend ist, was man da liest, schon gar nicht gelingt eine Widerlegung. Körner argumentiert damit, dass man doch aus den menschlichen Worten der Schrift den Sinn des geoffenbarten Wortes Gottes erst „herausfiltern“ müsse. Weß‘ Ausführungen könnten der Gegenprobe nicht standhalten, was sich im Johannes-Kommentar des Tübinger Bibelwissenschaftlers Michael Theobald zeige. Aus dem Prolog des Evangeliums ergäbe sich doch, dass der Logos, der in Christus Fleisch wurde, von Gottes Wesen sei. In ihm spreche sich der einzige (?) Gott aus. In Christus begegne uns daher wirklich Gott selbst, als „authentische Selbstauslegung“.

Doch man kann trefflich darüber diskutieren, ob das, was der „heilige Schriftsteller“ (so das Konzil über die Evangelisten) Johannes sagt, wirklich Gottes Wort oder nicht eigene Deutung ist, also eigentlich theologische Erwägung, angestellt gegen Ende des ersten Jahrhunderts. Weß weist auf überzeugende Weise darauf hin, dass aber auch im Johannesevangelium Jesus nicht als zweite göttliche Person verstanden wird, und ganz offensichtlich geht es ihm darum. Als Leser des Disputs kann man insofern keinen wirklichen Widerspruch entdecken, als es in beiden Fällen der unterschiedlichen Betrachtungen Jesus das fleischgewordene Wort Gottes ist. Nur: Muss es Gott selbst sein? Salopp gesagt, „God himself?“

Nur neues Durchdenken kann die Frohbotschaft bewahren#

Sosehr die These Körners stimmen mag, dass man aus allen biblischen Texten das wahre Wort Gottes erst herausfiltern müsse, erscheint es nicht zulässig, die einzelnen Formulierungen in den Evangelien einfach zu relativieren. Da dürfte dann die Kirche aus dem einen Satz „was Gott verbunden hat“ nicht eine unter allen Umständen geltende Unauflöslichkeit der Ehe ableiten. Was nun Johannes betrifft, mag man da und dort und vor allem in den bei Johannes zu findenden, historisch aber zumindest umstrittenen „Ich bin“-Worten eine angenommene Göttlichkeit Jesu herauslesen. Aber bei Johannes spricht Jesus über das, „was er von dem gehört hat, der ihn gesandt hat“ (8,26). Müssen die drei göttlichen und wesenseinen Personen einander durch Reden und Hören Wissen vermitteln und Aufträge erteilen? Das wäre höchst seltsam. Die beschränkte Bedeutung dessen, was man sich einst im Bestreben zurechtlegte, das Heilsgeschehen bis ins Detail zu erklären, liegt freilich auf der Hand. Die Kirche ist so stark oder so schwach, wie sie im täglichen Leben den Menschen und deren religiösem Bedürfnis begegnet. Da spielen Dogmen wenig Rolle. Aber doch sind sie die Hintergrundmusik für die Aufführungen auf der großen Kirchenbühne, und da können Misstöne sehr wohl Menschen verstören, die nicht nur schöne Riten konsumieren wollen, sondern für die der Glaube der große Ernstfall ist.

Solange die Kirche sich unbeweglich, ängstlich und geradezu verstockt an religiösen Schlussfolgerungen des Altertums orientiert, ist sie für denkende Menschen nicht glaubwürdig. Die Welt bleibt nicht stehen, alles ist in Entwicklung, Gott wollte das ganz offensichtlich. Es gibt keine fertigen, einer Neuinterpretation nicht mehr zugänglichen religiösen Wahrheiten. Der Glaube ist ein ständiges Suchen, entspringend jenem Sehnen, das uns Menschen in das Herz gelegt ist. Sosehr es der Ordnung und der Achtung dessen bedarf, was sich als Glaubensgut entwickelt hat – einen verordneten Glauben gibt es in den fortgeschrittenen Gesellschaften unserer Gegenwart nicht mehr. Heute erwartet man sich, dass frei nachgedacht werden kann; zwar nicht ohne Anleitung und gutes Beispiel, aber ohne Einengung durch Wiederkauen des Althergebrachten. Die Zeit der Konfessionen und ihrer eigentlich sinnlosen Streitereien wird zu Ende gehen.

Niemand, außer unterwerfungssüchtigen Fundamentalisten, würde es der Kirche übelnehmen, wenn sie neu über die wesentlichen Elemente ihres Glaubens nachdenkt. Es würde sogar ein großes Aufatmen auslösen. Körner spricht von einer Relecture, welche die altkirchlichen Konzile im Hinblick auf die biblischen Aussagen „im Umfeld der hellenistischen Geisteswelt“ unternommen hätten. Wäre nicht eine neuerliche Relecture höchst angebracht, nun im Umfeld des seither eingetretenen wissenschaftlichen Fortschritts? Es könnte für die Kirche nur von allergrößtem Nutzen sein!

Fußnoten#

[1] Hinsichtlich der erwähnten akademischen Laufbahn von Paul Weß korrigierte Fassung
[2] Nr. 5 und Nr. 8 / 2017
[3] Furche Nr. 9 / 2017