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Vatikanische Kommission „Diakoninnen“ bleibt wirkungslos#

Erneuter Beleg für die Unfähigkeit zu Reformen der klerikalen Autokratie und für steigenden Glaubwürdigkeits- und Bedeutungsverlust#


Von

Willibert Kurth

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 304/2019


Die Presse berichtete am 9. Mai 2019, dass die vom Papst vor zwei Jahren eingesetzte Arbeitsgruppe „Diakoninnen“ ihren Abschlussbericht vorgelegt hat: Es ist unstrittig, dass es in der Frühkirche Diakoninnen gegeben hat. Aber dann ist man sich in der Arbeitsgruppe nicht einig, ob die weiblichen Diakone denselben Status und dieselben Aufgaben wahrgenommen hätten. Weiheformeln hätten sich unterschieden etc. Und insbesondere wären die „Visionen“ der Arbeitskreismitglieder, wie denn ein Diakoninnenamt aktuell auszufüllen sei, unterschiedlich. Wegen dieses divergierenden Ergebnisses entschied der Papst – wen wundert es noch –, am Status quo nichts zu ändern. Aber die Ergebnisse seien sehr hilfreich und würden für die weitere Klärung eine wichtige Rolle spielen...

Selbst mit laienhaften Kenntnissen in der Thematik kann man sich bei so windelweichen Ausreden und Endlosvertröstungen nur an den Kopf fassen. Ist nicht in den frühchristlichen Zeugnissen, vor allem in den Paulusbriefen (gerade im Brief an die Gemeinde in Rom, der Aufschluss gibt über das Leben dort), mehrfach und klar davon die Rede, dass Frauen selbst in der Leitung der Gemeinden und der Leitung des Herrenmahles den Männern gleichgestellt sind. Und beides meist gemeinsam von einer Frau und einem Mann, meist Ehepaaren, in deren Häusern sich die Gemeinde versammelt, ausgeübt wird. Die Erkenntnis der Arbeitsgruppe, ob dann, wenn ein Amt die gleiche Bezeichnung hat, es unterschiedlich aufzufassen ist, wenn es von einem Mann oder einer Frau wahrgenommen wurde, ist für mich nicht nachvollziehbar und wirkt an den Haaren herbeigezogen und konstruiert, um die derzeit völlig unbefriedigende, diskriminierende und unbiblische, ja Jesus-widrige Praxis und Strukturen in der katholischen Kirche fortzuschreiben und zu zementieren. Denn klar ist, dass es mit dem Schließen dieses Window of Opportunity in dieser und wohl auch in anderen Fragen auf absehbare Zeit zu keinen weiteren Schritten kommen wird.

Und auch was die divergierenden Visionen für die Zukunft des Diakoninnenamtes angeht, ist doch allen klar, dass dies dem der Männer völlig gleichgestellt sein muss. Dass in vatikanischen Köpfen oder Personen, die in solchen Arbeitskreisen mitwirken, überhaupt Vorstellungen existieren, dass hier prinzipielle Unterschiede bestehen könnten, ist schon sehr aufschlussreich. Dass sich das Amt dann, wenn es durch eine Person ausgeübt wird, ja nach den eigenen und auch geschlechtsspezifischen Charismen, ausgestaltet und entwickelt, ist ja klar. Aber es kann hier keine prinzipiellen Unterschiede geben, die ansonsten – selbst bei der Öffnung des Diakonenamtes für Frauen – Wertigkeitsunterschiede eher noch verstärken als beheben würden, quasi als ein Diakon zweiter Klasse.

Allein die Tatsache, dass es solche Gedankengänge und „Argumentationsmuster“ gibt und Personen, die dies ernsthaft vertreten, zeigt, wie abseitig und fern aller Fakten und Realität viele in der Katholischen Kirche leben und denken. Und eine Kirche mit solchen Denk- und Verhaltensmustern und einem Leiter, der solche „Argumentationen“ auch noch ernsthaft übernimmt und vertritt und darauf Entscheidungen gründet, kann von keinem vernünftigen Menschen mehr ernstgenommen werden. Dies erinnert schon sehr stark an einem Leben in einer selbst zusammengebastelten Realität und einem Handeln aufgrund von „Fake News“.

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In der gleichen, abgehobenen vatikanischen Realität lebt und bewegt sich leider auch Kardinal Schönborn, wenn er zwar in dem Gespräch mit Doris Wagner konstatiert, dass die Ungleichbehandlung von Frauen ein Urproblem der Kirche sei und es „Gewaltenteilung“ dringend brauche, dann aber sagt, er wisse nicht wie und habe keinen Lösungsansatz. Dabei ist die Lösung ganz klar: Ende der Diskriminierung von Frauen in allen Bereichen; und darüber hinaus auch von Laien bei allen wichtigen Entscheidungskompetenzen. Dass es damit gerade beim Amt und dem Frauenpriestertum einen gewissen Entwicklungspfad braucht, ist klar, gerade angesichts der damit verbundenen Empfindsamkeiten und der tief verwurzelten Tradition. Hier braucht es einen behutsamen Weg, der je nach Regionen auch verschieden sein kann und sollte. Die Bedeutung und Handlungsfähigkeit der Bischofskonferenzen ist hier aufzuwerten und verstärkt ins Spiel zu bringen. Und dieser behutsame Weg müsste über Diakoninnen und Viri probati gehen und würde sicher einige Jahre, wenn nicht Jahrzehnte erfordern; aber die Richtung müsste einmal eingeschlagen werden und der Zielpunkt klar sein. Diakoninnen und Viri probati dürften auch nicht das Trostpflaster sein, bei dem man auf halbem Weg stehen bliebe. Aber mit der jetzigen Entscheidung in Rom zu den Diakoninnen wird klar, dass dieser Weg nicht einmal beschritten, geschweige denn, das Ziel des Frauenpriestertums ins Auge gefasst wird.

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Daneben ist die Diskriminierung von Laien in dieser klerikalen Autokratie in allen wichtigen Entscheidungsbereichen von Seelsorgestrukturen über Lehrinhalte bis hin zur Ernennung von Bischöfen und Papst das noch grundlegendere Übel als die in sich schwerwiegende Diskriminierung von Frauen beim Ämterzugang. Denn der nötigen Reform der Katholischen Kirche an Haupt und Gliedern brächte es nichts, wenn der männliche Klerikalismus dann bei der (völlig utopischen) Zulassung der Frauen zu den Ämtern abgelöst würde durch einen Klerikalismus von Männern und Frauen. Und diese Diskriminierung der Laien ist, anders als der notwendige behutsame Weg bei der Amtsfrage, möglichst schnell abzuschaffen. Denn diese Diskriminierung der Laien ist sowohl eine gravierende Ursache für viele Fehlentwicklungen wie auch ein großes Hindernis bei der Aufarbeitung von Problemen.

Entscheidend muss die Kompetenz sein und nicht das Geschlecht. Nachdem Wirtschaft und Politik dies in den letzten Jahrzehnten begriffen und sehr erfolgreich umgesetzt haben, fragt man sich, wann dieses notwendige Umdenken endlich in der Kirche zu den längst überfälligen Veränderungen führt. Die jetzig Entscheidung des Papst macht klar: auf absehbare Zeit nicht. Und angesichts der rasanten Veränderungen in allen Gesellschaften und der zunehmenden Mobilität der Menschen, was die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen wie Kirchen angeht, bedeutet dieser Stillstand und die Verweigerung nötiger Reformen ein weiter steigendes Abwandern aus der Katholischen Kirche und ein zunehmender Verlust von Glaubwürdigkeit und Bedeutung.

Zudem widerspricht die Diskriminierung von Frauen und Laien diametral sowohl dem Kern der Botschaft Jesu wie auch zentralen Grundwerten eines Rechtsstaates, etwa dem Gleichheitsgrundsatz der Geschlechter und dem Diskriminierungsverbot. Daher ist die Frage mehr als berechtigt, ob eine Institution wie die Katholische Kirche in einem Rechtsstaat aufgrund dieser tiefgreifenden Diskriminierung von 99 Prozent ihrer Mitglieder (das sind alle, die nicht zum geistlichen Amt „geweiht“ sind) überhaupt zulässig ist oder verboten gehört. Ganz abgesehen davon, dass die Katholische Kirche in vielen Ländern große Privilegien und eine Sonderstellung genießt, etwa in der Bildung und an den Universitäten sowie vielfach im Steuerrecht, Personal- und Arbeitsrecht etc. Ich bin sicher, dass es in den nächsten 10 Jahren in EU-Staaten oder auf europäischer Ebene in der EU (Gerichtshof der Europäischen Union) oder im Europarat (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) entsprechende Klagen geben wird gegen die Katholische Kirche, wo diese Frage der rechtsstaatlichen Zulassung und Vereinbarung der Katholischen Kirche thematisiert wird. In Fragen des Sonder-Arbeitsrechts kirchlicher Einrichtungen hat es solche Entscheidungen jüngst schon gegeben, wo auf der Ebene der europäischen Gerichtsbarkeit ausgesprochene Kündigungen für ungültig erklärt wurden, nachdem das deutsche Verfassungsgericht der Kirche noch Recht gegeben hatte. Das Ergebnis ist für mich letzten Endes klar und absehbar.

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Die Aufhebung der Diskriminierung von Frauen und Laien in der Kirche ist eine ganz entscheidende Notwendigkeit, will die Katholische Kirche noch eine Zukunft haben. Ansonsten wird auch hier die Entwicklung unvermeidbar sein, dass immer mehr Menschen aus dieser diskriminierenden, Fakten der Geschichte und zentrale Aussagen der Bibel negierenden Kirche, die Kernbotschaften Jesu verrät, ausziehen werden, sei es in Kirchen der Reformation und zu den Altkatholiken, wie es viele schon derzeit tun; sei es in die Indifferenz. Und der erzkonservativdogmatische Teil der übrig bleibenden Katholiken wird sich um den Papst in einer Art Wagenburgmentalität scharen, ergänzt um jene, die aus Traditionspflege und weil es immer schon so war, in der Kirche bleiben.

Der Unterschied zu den Protestanten ist, dass sich dort die offiziellen Kirchen in die richtige Richtung entwickelt haben und die Fundamentalisten daher nur eine Randerscheinung darstellen. In der Katholischen Kirche wird es anders herum sein: die Kirche selbst, die sich immer mehr (die unsägliche Verlautbarung „Dominus Jesus“ lässt grüßen) als die allein wahre Kirche ansieht, wird immer fundamentalistischer; denn hier sitzt die genannte Randerscheinung in der Mitte, hat das Heft fest in der Hand und versucht, alle Kritiker zu marginalisieren oder überhaupt mundtot zu machen.

Damit wird der ökumenische Dialog mit den evangelischen Kirchen. der unter einem Papst Benedikt/ Josef Ratzinger ohnedies nur noch in frostiger Atmosphäre stattfand (man denke nur an die die Protestanten offen abweisende Begegnung bei seinem zweiten Besuch als Papst in Deutschland in Erfurt), ja nahezu zum Erliegen kam, zunehmend verunmöglicht. Und dies wird weitere negative Folgen haben für das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche in der Welt von heute und bei den Menschen; und für das Ansehen des Christentums insgesamt in einer immer säkularer werdenden Welt, die angesichts der Schnelligkeit von Veränderungen und der Zunahme von Unsicherheit mehr denn je der Orientierung bedarf. Wenn das Christentum so immer weniger in der Lage sein wird, den Menschen Orientierung und Antworten auf die Sinnfragen zu geben, werden sie dies zunehmend anderswo suchen, sei es in kollektiven Entwicklungen wie den verschiedenen Nationalismen, sei es individuell in der Flucht in virtuelle Welten, in Drogen und/oder sonstige Süchte.

Und dabei sind – wie schon kurz erwähnt - die Diskriminierung von Laien und die klerikalintransparenten Strukturen sowohl als Ursache von Fehlentwicklungen (etwa der Gewalt in der Kirche) ganz entscheidend wie auch bei deren unzureichender Aufarbeitung. Letzteres haben ganz klar die US-amerikanischen Bischöfe festgestellt in aller Ernüchterung, nachdem ihre jahrelangen Bemühungen um Aufarbeitung vielfach fehlschlugen und weitgehend sehr unbefriedigend blieben. Erst Gerichte und staatlich angeordnete, unabhängige Untersuchungen brachten Ergebnisse. Als die US-Bischöfe daraufhin 2018 Kommissionen einsetzen wollten, in denen mehrheitlich Laien mitarbeiten und die auch von Laien statt von einem Bischof geleitet werden könnten, wurde dies von Rom aus unterbunden. So sieht die vatikanische Realität dann im Konkreten aus – jenseits aller salbungsvollen Worte und Bekenntnisse zu Transparenz und Aufklärung, Dialog und Neuerung.

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Wenn man das alles aus der Zuschauerperspektive und als an solchen Vorgängen nicht unmittelbar Beteiligter betrachtet, dann mag man zur vorstehenden Analyse bloß zustimmend (vielleicht gar achselzuckend) nicken. Wenn man es aber in den vergangenen Jahren selbst im ganz Konkreten hier vor Ort in Wien erlebt hat, dann wirft einen das aktuelle Verhalten des Papstes vollends aus den Schuhen. Und als jemand, der die gleichen negativen Erfahrungen, Intransparenzen sowie Verweigerung von Dialog und Aufklärung in einem Fall „mehrerer gravierender Grenzüberschreitungen“ in einer Wiener Pfarre gemacht hat – in diesem Jahrzehnt (also nach allen hehren Bekundungen der Bischöfe) – bin ich hier völlig desillusioniert über diese klerikal vermachtete Kirche. Und weiß, dass auch hier in Europa nur dadurch etwas in Bewegung gebracht wurde, dass seinerzeit ein Jesuit in Berlin an die Presse gegangen ist und dies entsprechenden medialen Widerhall gefunden hat.

Die Katholische Kirche aus sich heraus ist zur Erneuerung, wie es einmal mit dem Zweiten Vatikanum möglich war, nicht mehr in der Lage. Der Kairos, diesen großartigen Erneuerungsimpuls aufzunehmen und in der Praxis fortzuschreiben, ist wohl in den siebziger und achtziger Jahren vertan worden. Heute laufen innerkirchliche Reformbewegungen gegen eine Wand, hinter der sich das klerikale System einbetoniert hat. Bewegung ist nur möglich aufgrund der Wirkung von Medien und staatlichen Gerichten. Und so ist es ein Hoffnungszeichen, dass derzeit in dem genannten Wiener Fall ein Strafverfahren läuft. Denn hier müssen jetzt jene Priester Rede und Antwort stehen, die sich dem Dialog, der Aufarbeitung und der Transparenz über Jahre verweigert haben; und die nicht einmal als Leitungsverantwortliche auf Eingaben zu entsprechenden Missständen geantwortet und die Ombudsstelle eingeschaltet haben, womit sie aus meiner Sicht klar gegen die Richtlinie der Bischofskonferenz aus 2010 verstießen. Innerkirchlich waren die verantwortlichen Stellen in Wien nicht willens oder in der Lage zu ermöglichen, dass das Gespräch mit diesen Leitungsverantwortlichen stattfinden konnte. Das findet nun im staatlichen Strafverfahren statt, dem sich jene, die sich dem kirchlichen Aufarbeitungsprozess noch verweigern konnten, nicht entziehen können.

Und es werden nun im Prozess Dokumente als Beweismittel zur Einsicht gelangen, die Betroffenen bislang versagt wurden, obwohl sie ihnen, etwa weil dort ihre eigenen Aussagen protokolliert und bewertet sind, bei ihrer Aussage zugesagt wurde, dass sie dann die entsprechenden Dokumente auch einsehen können und für sie transparent wird, wie ihre Aussage hier Eingang in das Verfahren findet. Wozu die Kirche von Wien, entgegen aller Zusagen im konkreten Fall und der allgemeinen Beteuerungen der Bischöfe zu Dialog und Transparenz, nicht in der Lage war, wird durch ein staatliches Verfahren jetzt – nach Jahren - endlich ermöglicht. Darin liegt die große Errungenschaft des modernen Rechtsstaates, der sich auch die kirchlichen Verantwortungsträger unterordnen müssen; zugleich aber auch die große Gefahr für diese klerikal verkrustete Kirche angesichts ihrer überkommenen, diskriminierenden Strukturen. Dass sich daran innerkirchlich unter diesem Papst und auf absehbare Zeit nichts ändern wird, dafür ist seine Stellungnahme zur Kommission zum Thema Diakoninnen ein weiterer niederschmetternder Beleg. Im Vatikan gilt weiter für alle Reformansätze: sie verpuffen.

Willibert Kurth ist Unternehmensberater und Sprecher des Lainzer Kreises an der Kardinal König Akademie, Wien-Lainz