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Wie lange noch ... ?#

Die Verankerung des christlichen Glaubens in der mediterranen Gedankenwelt des 4. Jhdts.#


Von

Hans Stetter

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 221/2017


In seinem Vortrag zum Gottesbegriff nach Auschwitz: "Warum lässt Gott so ein unbeschreibliches Leid zu?“ („Abschied von der Allmacht ?", 8.11.16, Otto Mauer-Zentrum Wien) geht Professor J. H. Tück (Dogmatik, Uni Wien) von der These des jüdischen Religionsphilosophen H. Jonas aus, "dass sich Gott bei der Initiierung der Entwicklung unserer Welt aus unerkennbarer Wahl dafür entschied, sich bei seinem Eingehen in das Abenteuer von Raum und Zeit dem Zufall, dem Wagnis der endlosen Mannigfaltigkeit des Seins, gänzlich anheimzugeben.[1] Seit dem Erscheinen des Menschen begleitet er sein Tun mit angehaltenem Atem, hörend und werbend, mit Befriedigung und Enttäuschung, ohne doch in die Dynamik des weltlichen Schauplatzes einzugreifen." Damit müsse die Allmacht Gottes in Bezug auf den Verlauf der Weltdinge fallengelassen werden.[2]

Im weiteren Verlauf des Vortrags werden in diesem Zusammenhang einige Eigenschaften Gottes aus verschiedenen Sichtweisen diskutiert, wobei häufig Stellen der Bibel als "Beweise" verwendet werden. Durchwegs geht es aber um Eigenschaften aus der menschlichen Vorstellungswelt, deren Anwendung auf Gott sowieso also unzulässig erscheint. Wenn wir (wie es der Konzeption von Gott als höchstem Wesen entspricht) Gott als transzendentes GeistWesen sehen, dann ist die einzige Eigenschaft, die wir ihm zuschreiben können, seine immerwährende Allgegenwart in unserer realen Welt und in allem, was sie enthält (also auch in uns selber). Nun sind das aber keine Gedankenspiele von Theologen, sondern tragischer Weise sind unterschiedliche Auffassungen bezüglich der "Beschaffenheit" Gottes und Folgerungen daraus ein wesentlicher Grund für die Aufsplitterung des christlichen Glaubens in eine Vielzahl von "Konfessionen",[3] wobei jede von ihnen beteuert, den "wahren Glauben" zu besitzen! Und damit sind wir beim Kern des Übels, der Verwendung des Begriffs "wahr" im transzendent-religiösen Zusam-menhang.

Dieser Begriff der deutschen Sprache[4] bedeutet in seiner Anwendung auf eine Aussage die nachprüfbare Richtigkeit derselben, mindestens eine prinzipiellen Nachprüfbarkeit. Eine Aussage über Gott kann also niemals "wahr" sein; sie ist ja weder nachprüfbar noch widerlegbar, weil Gott nicht mit menschlichen Begriffen beschreibbar ist. Eine solche Aussage kann man nur "glauben" oder nicht glauben.

Wenn also eine solche Aussage von einer obersten Glaubensbehörde als "wahr" bezeichnet wird, so kann das nur bedeuten: Wenn du unserer Glaubensgemeinschaft angehören willst, dann musst du das glauben! Die Bezeichnung "wahr" dient also dazu, die Zugehörigkeit zu einer Konfession bekundbar zu machen, und gleichzeitig die Abweichungen zu markieren, die als Austritt aus dieser aufgefasst werden. Zu diesem Zweck der Identifikation und Disziplinierung der "Christen" hat wohl Kaiser Konstantin im Jahr 325 in Nicäa in der von ihm einberufenen und geleiteten Versammlung von ihm ausgewählter Bischofe den Begriff des Dogmas als einer "wahren Aussage" in die religiöse Sprache eingeführt, um damit die Position des "christlichen Glaubens" als Staatsreligion des (west-)römischen Reiches zu festigen. Dieses Werkzeug führte dazu, dass in den 4 Konzilien des 4./5. Jhdt. ein in vielen Details reich strukturiertes (z.B. Trinität) "wahres" Gottesbild entstand, das von da an den (römisch-)christlichen Glauben weiter definierte, obwohl seine Vorstellungen und Begriffe der menschlichen Welt des Mittelmeerraums und Vorderen Orients der damaligen Zeit angehören. Nach dem jüdischen Glauben hätte man sich zudem von Jahwe sowieso keine in Worte oder Bilder gefasste Vorstellung machen dürfen!

Schon damals akzeptierten verschiedene kleinere christliche Glaubensgemeinschaften im nicht von Rom unterworfenen Teil des Vorderen Orients nicht alle diese Dogmen und entwickelten ihren Glauben separat. In der Spätzeit des 1. Jahrtausends stritten sich dann römisch-christliche und oströmisch-christliche Theologen über zweitrangige Aussagen der frühen Konzilien. Dies führte im Verein mit politischen Entwicklungen zur offiziellen Separierung der oströmischen Kirche von der römisch-christlichen mit dem Papst als einer in allen religiösen Angelegenheiten auch politisch machtvollen obersten Instanz. Die Selbst-Bezeichnung "orthodox" = rechtgläubig der oströmischen Konfession zeigt noch einmal die verhängnisvolle Wirkung des Begriffs "wahr". Weitere dogmatisierte Aussagen entstanden auf jetzt nur mehr von Rom beschickten Konzilien bis in unsere Zeit herauf.

Das wirkliche Verhängnis des konstantinischen "Wahrheitsbegriffs" liegt jedoch in der zusätzlichen Festsetzung, dass diese Aussagen nie mehr geändert werden dürften, da sich Gott ja nicht ändere! Darüber hinaus konnten alle diese anthropomorphen Aussagen über transzendente Sachverhalte sowieso im eigentlichen Sinn nicht "wahr" sein, da sie noch aus einer ganz bestimmten lokalen und zeitlichen Gedankenwelt heraus geprägt waren. Dass deshalb eine Anpassung an die tiefgreifenden geopolitischen Entwicklungen des Geisteslebens ganz besonders notwendig sein musste, ist von der Kirchenleitung in Rom offenbar zu keinem Zeitpunkt der Geschichte verstanden worden. Die "ewigen Wahrheiten" der Dogmen waren viel zu bequeme Instrumente für die Beherrschung des sich ausbreitenden Christentums und die Identifizierung von selbständigen Gedanken als "ketzerisch"! Zwar gab es Gedanken von einigen Koryphäen der Theologie (wie Thomas v. Aquin), ja sogar konziliare (nicht-dogmatisierte) Aussagen,[5] die die "Wahrheit" der Dogmen direkt unterliefen oder mindestens ernsthaft in Frage stellten. Unter dem Eindruck der reformatorischen Glaubensspaltung im 16. Jhdt. wurden solche Feststellungen eilends "schubladisiert"; im Konzil von Trient (1545-1563) wurden alle römisch-christlichen Glaubens-aussagen endgültig festgeschrieben.

Man sollte meinen, dass wenigstens in den Universitäten, die sich mit Theologie als zentralem Wissenschaftsbereich im 2. Jahrtausend über Europa verbreiteten, von Beginn an dieser Umstand zu einem Schwerpunkt der theologischen Forschung und Entwicklung hätte werden müssen. Warum dies nicht geschah und wie die vatikanischen Behörden noch heute jeden Ansatz dazu mit Amtsgewalt unterbinden, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Nicht einmal der jetzige Papst Franziskus scheint es zu wagen, sich hierzu grundsätzlich zu äußern, auch wenn er dem individuellen Glauben der Christen eine große Spannweite einräumt und einem christlichen Handeln einen höheren Wert beimisst als einem folgsamen Glauben. Auch in an-deren christlichen Konfessionen sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten.

Inzwischen scheint es jedoch selbst nicht wenigen hohen Vertretern der Kirche klar geworden zu sein, dass der überwiegende Teil ihrer offiziellen Mitglieder (d.h. der getauften Christen) mit den meisten Lehraussagen weder in Bezug auf die Formulierung noch auf den Inhalt etwas anfangen kann, ja sie gar nicht kennt. Formales Verbleiben in der Kirche (soweit es überhaupt stattfindet) beruht auf Gewohnheit, Vertrautheit und gesellschaftlichen Umstanden. Aber die Bischöfe sind so sehr gewohnt, nur Ausführungsorgane des Vatikans zu sein, dass sie sich mit Eigeninitiativen zur Behebung dieses Mangels zurückhalten. So fußt die Pastoral und die Lehre unserer Kirche noch im 21. Jhdt. im Wesentlichen auf der Gedankenwelt des Mittelmeerraums vor 1600 Jahren!

Erfolgreiche Anstöße zur Änderung dieser Situation können offenbar nur über besonnene Initiativen von Gruppierungen der „Gläubigen“ erwartet werden. Dabei ist zwar eine Vernetzung der Einzelinitiativen anzustreben, aber diese dürfen nicht bis dorthin zurückgestellt werden. Und die Konzentration auf einige wesentliche zentrale Punkte erscheint für einen Erfolg wichtiger als eine breite aber oberflächliche Diskussion.

Fußnoten#

[1] Diese Vorstellung stimmt vollständig mit den naturwissenschaftlichen Vorstellungen von der Evolution unserer Welt überein
[2] aus Hans Jonas: Der Gottesbegriff nach Auschwitz, eine jüdische Stimme, Frankfurt/M., 1987
[3] vgl. die Barriere des „filioque“ zwischen den römischen und den orthodoxen Christen
[4] die folgenden Überlegungen gelten aber genauso für alle Sprachen, in denen theologische Aussagen möglich sind
[5] Das 4. Lateran-Konzil formulierte 1215, dass es "zu jeder (scheinbaren) Ähnlichkeit von Gott und Mensch eine noch größere Unähnlichkeit“ gebe.