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Eruptionen gebaren eine ganz große Idee#

Der Urvater der Genossenschaften Friedrich Raiffeisen kam heute vor 200 Jahren zur Welt. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (30. März 2018)

Von

Uwe Sommersguter


Friedrich Wilhelm Raiffeisen
200 Jahre Friedrich Wilhelm Raiffeisen (KK)

Am 30. März 1818 erblickte Friedrich Wilhelm Raiffeisen als siebentes von neun Kindern in Hamm an der Sieg das Licht der Welt. 36 Tage später folgte ihm Karl Marx im 183 Kilometer entfernten Trier. Beide wuchsen in derselben Gegend auf, beide gingen als Sozialreformer in die Geschichte ein. Mit dem gleichen Hintergrund: Ende der 1840er-Jahre suchten Hungerwinter Europa heim, weil 10.000 Kilometer entfernt im Indischen Ozean die Vulkane Merapi und Fonualei ein Inferno entfachten. Monatelang spien sie Asche in die Atmosphäre, die Temperaturen in Europa sanken, Krankheiten befielen Kartoffeln, die Preise schnellten in die Höhe.

Während Marx mit Friedrich Engels 1848 ein 23- seitiges Dokument namens „Kommunistisches Manifest“ veröffentlichte und die Arbeiterklasse zur Revolution aufrief, begründete Raiffeisen die Idee bäuerlicher Selbsthilfe und Selbstverwaltung. Um die ärgste Not zu lindern, beantragte Raiffeisen bei der Regierung Korn. Er initiierte einen Brotverein, überzeugte Reichere, ihr Geld in einen Fonds einzuzahlen, und gab Getreide auf Schuldscheine aus. Ein Backhaus entstand, Saatkartoffeln wurden auf Kredit an Bedürftige abgegeben. Raiffeisen unterstützte Arme materiell, verlangte aber stets auch Gegenleistungen.

Der christliche Sozialethiker diente dem Militär acht Jahre, fürs Gymnasium fehlte das Geld. In jungen Jahren wurde er Bürgermeister – in Weyerbusch, dann Flammersfeld und Heddesdorf. Er gründete „Hülfsvereine“ und „Darlehnskassenvereine“, die erste Genossenschaftsbank. Anders als Marx sah er im Staat die gottgewollte Ordnung, die es mithilfe von Reformen zu bewahren galt. „Er schrieb nicht das Kapital, er nahm es in die Pflicht“, heißt es in einem Werbeprospekt. Raiffeisens Geburtshaus an der Grenze zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein- Westfalen ist heute Zielort für Pilger aus aller Welt. Dabei hätte sich der bescheidene, asketische Raiffeisen, der mit 70 Jahren verstarb, gegen jede Personenverehrung gewehrt. Dafür fand seine Idee reißenden Absatz: 800 Millionen Genossenschafter gibt es weltweit, 2016 wurde seine Idee zum immateriellen Unesco-Welterbe.

In Österreich ist Raiffeisen mit 1600 Genossenschaften, 200.000 Beschäftigten und 500 Beteiligungen ökonomischer und politischer Machtfaktor. Das Giebelkreuz, Symbol für Schutz und Sicherheit, ist flächendeckend präsent.

Kleine Zeitung, 30. März 2018