unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Bauhütte der Humanität#

Die internationale Freimaurerloge feiert heuer ihr 300-jähriges Bestehen. Ein Rückblick auf die Geschichte dieses Bundes und seiner Ziele.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 24. Juni 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Helmut Reinalter


Schärpe eines Kommandeurs
Eine freimaurerische Zierde: Schärpe eines Kommandeurs des 33. Grades, Großloge von Österreich, 19. Jahrhundert.
Foto: © Österreichische Nationalbibliothek

Als die eigentlichen Vorläufer der modernen Freimaurerei gelten in der heutigen Forschung die handwerklichen Bruderschaften, die Bauhütten und Baumeister, auf deren Brauchtum sehr viel maurerisches Gedankengut zurückgeführt werden kann. Während der Reformation wurde den Bauhütten der Vorwurf gemacht, sie würden geheime Zusammenkünfte abhalten und die Gesetze des Staates und der Kirche missachten. So verloren sie langsam an Bedeutung und wurden schließlich im Laufe des 17. Jahrhunderts aufgelöst.

Auch in Deutschland gingen nach der Gotik Bedeutung und Einfluss der Bauhütten zurück, während es den Lodges in England gelang, aus der Werkmaurerei einen größeren humanitären Bund zu gründen. Für die Entwicklung der Freimaurerei in England wurde in diesem Zusammenhang besonders wichtig, dass die Gilden auch Nicht-Werkmaurer in ihre Reihen aufnahmen.

Die Gilden in England lassen sich weit zurückverfolgen. Die Zusammenhänge mit der Freimaurerei belegen vor allem die Charges, die Gesetze und Pflichten, die schon seit dem Ende des 14. Jahrhunderts schriftlich präsent waren. Zu erwähnen wäre hier vor allem das wichtige "Regius-Manuskript" 1390, ein altenglisches Lehrgedicht, das von einem Geistlichen verfasst wurde und in dem der Begriff "Loge" bereits erwähnt ist.

Die "Vier Gekrönten"#

Im Regius-Manuskript befindet sich darüber hinaus auch eine Berufung auf die Zunftheiligen der Steinmetze, die sogenannten "Vier Gekrönten". Einige mittelalterliche Bauhütten feierten daher nicht nur das Johannisfest, sondern auch den Jahrestag der "Vier Gekrönten". Nach ihnen benannt sind auch die masonischen Forschungslogen "Quatuor Coronati".

Seit dem Mittelalter haben die maurerischen Konstitutionsmanuskripte einen Kodex des gewerblichen und sittlichen Verhaltens aufgenommen. Die ersten noch vorhandenen maurerischen Konstitutionsmanuskripte, das erwähnte Regius- und Cooke-Manuskript, wurden später abgeschrieben, wobei der Gedanke der Einübung ethischen Verhaltens eine zentrale Rolle spielte. Dabei handelte es sich aber nie um einen vollständigen Moralkodex und auch um keine Religion.

Konkreteres über die englischen Gilden erfährt man erst seit dem 14. Jahrhundert. Sie hießen damals Crafts oder Mysteries und waren anerkannte Zunftorganisationen. Der Begriff Freemason taucht zum ersten Mal in einer Londoner Urkunde 1376 auf. Unter dieser Bezeichnung verstand man den qualifiziert ausgebildeten Maurer und Steinmetz, der den freistehenden Stein kunstvoll bearbeiten konnte. Im "Letterbook H" der Stadt London findet sich der Begriff "freemason" im Zusammenhang mit einer Aufzeichnung über eine Vertreterversammlung der städtischen Gilden in London. Im Jahre 1396 enthält eine Arbeiterliste vom Bau der Kathedrale von Exeter auch das Wort "freemason", und häufiger ist gleichzeitig das Wort "mason" erwähnt.

Die Bezeichnung "Lodge" findet sich sowohl in England als auch in Schottland und wurde in einer dreifachen Bedeutung verwendet, was wahrscheinlich mit drei verschiedenen Entwicklungsstadien parallel lief: Zuerst die Bedeutung als Werkstätte der bei einem Bauwerk beschäftigten Masons, dann die Gesamtheit dieser Masons und auch eine territoriale Zunftorganisation der Masons. Wurden die Baugilden unter dem englischen König Heinrich VI. noch unterdrückt, nahmen sie später einen Aufschwung. Ein Vergleich der Zunftgesetze in England mit den deutschen Steinmetzen zeigt eine doch weitgehende Übereinstimmung. Darin gab es genaue Regeln für Lehrlinge und Gesellen, auch ein spezielles Brauchtum mit eigenen geheimen Zeichen und Symbolen sowie Hinweise zu einer Geheimhaltung der Mitgliedschaft.

Öffnung der Gilden#

Die Gilden öffneten sich dann bald auch Nicht-Werkmaurern. Um 1670 überwogen diese bereits in einzelnen Logen, so dass die Forschung davon ausgeht, dass sich um die innere Gilde der Steinmetze ein äußerer Ring gebildet habe, der sich aus Lieferanten, Söhnen von Maurern, Ortsgeistlichen, Bauhandwerkern verwandter Berufe, Zimmerleuten, Spenglern und Glasmalern zusammensetzte, die sich später in den inneren Kern integrierten.

Man unterscheidet in dieser Zeit zwischen "Gentlemen masons" und "Accepted masons". In dieser Unterscheidung bestand auch die große Differenz zwischen englischen und deutschen Logen, weshalb die moderne Freimaurerei von England und nicht von anderen Staaten ausgegangen war. Bereits 1660 stand in einem alten Protokollbuch die erste Aufnahme eines "Operative Mason". Die Forschung bezeichnete diese wichtige Übergangsphase in der Geschichte der frühen Freimaurerei als Entwicklung von der "operativen" zur "spekulativen" Maurerei. Da es sich hier um ethische und philosophische Spekulationen (Ideen) handelte, wird noch heute diese Formulierung verwendet.

Der Sitz der Vereinigten Großloge Englands in London
Der Sitz der Vereinigten Großloge Englands in London zeigt das Gründungsdatum 1717 über dem Eingangsportal.© Eluveitie/Wikimedia Commons.

In der Freimaurergeschichte Englands bestand eine weitgehende Kontinuität in der Überlieferung, was für den kontinentaleuropäischen Raum nicht zutreffend war. So ist die Schottische Loge "Mary’s Chapel No. 1" in ununterbrochener Folge Eigentümer der Protokollbücher seit 1599, aus denen der erwähnte Übergang von der operativen zur spekulativen Freimaurerei dokumentiert werden konnte. Elias Ashmole, Offizier, Physiker, Astrologe, Alchemist, Botaniker und Historiker in Oxford, sehr breit gebildet, wurde 1646 in Warrington in eine Loge aufgenommen. Historiker gehen davon aus, dass es sich im Rezeptionsritual tatsächlich um eine Initiation mit esoterischem Myste-rium gehandelt haben könnte, was immer man damals darunter verstanden haben mag.

Am 24. Juni 1717 soll es durch vier Londoner Einzellogen zur Gründung einer Großloge gekommen sein, deren erster Großmeister Anthony Sayer war. Der Gründungsakt, durch den sich die Logen in London neu formierten, und der Anspruch, die erste Großloge im modernen Sinne konstituiert zu haben, stellt eine masonische Hypothese dar, die quellenmäßig nicht eindeutig belegt werden kann, zumal auch kein Gründungsprotokoll überliefert ist. Anderson hat in seinem Konstitutionenbuch von 1738 eine Geschichte erfunden, die aufgrund neuester Forschungen wohl als Fantasiegebilde dazu dienen sollte, die Gründung hoffähig zu machen.

In jüngster Zeit geht man davon aus, dass die vermeintliche Geburt der Freimaurerei und die Gründung der ersten Großloge 1717 ein Mythos sei, der von James Anderson 1738 in der zweiten Auflage der "Alten Pflichten" von 1723 zurückprojiziert wurde. Wahrscheinlich handelt es sich in diesem Zusammenhang um einen schon seit ca. 1715 in Gang gekommenen Prozess.

Expansion#

Die Freimaurerei im 18. Jahrhundert ist durch das unterschiedliche Entwicklungstempo in Wirtschaft und Gesellschaft auf der einen und Staat und Politik auf der anderen Seite sowie durch die dadurch erzeugten Spannungen gefördert worden. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts stand die freimaurerische Expansion in einem engen und komplizierten Verflechtungsprozess mit der europäischen Politik. Im Jahre 1717 (wahrscheinlich aber erst ca. 1721) wurde die Londoner Großloge gegründet, sechs Jahre später erschienen die Konstitutionen von James Anderson, womit der Übergang von der Werkmaurerei zur spekulativen Maurerei vollzogen wurde.

Die Freimaurerei war zu diesem Zeitpunkt in England in das Spannungsfeld von Jakobiten und Anhängern der neuen Hannoveraner Monarchie eingebettet. Die Jakobiten brachten die Freimaurerei von Großbritannien nach Spa-nien, Italien, Frankreich und vielleicht auch bis nach Russland. Politische Motive verdeutlichen die Trennung nationaler Logen von der Londoner Großloge während verschiedener kriegerischer Auseinandersetzungen und die enge Verbindung von Logen und Geheimgesellschaften zu späteren nationalen Unabhängigkeitsbewegungen, wie etwa in Irland seit den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts und während der Stände- Revolution in den österreichischen Niederlanden 1787/88, in Ungarn, Polen und in den Satellitenstaaten Napoleons.

Die europäische Freimaurerei war zwar kein Kind der Aufklärung, wurde aber von deren Ideen stark beeinflusst. Dabei spielte der politische Aspekt eine besondere Rolle. Die Freimaurerei war die einzige Institution der Bürger, die dem absolutistischen Herrschaftsanspruch Rechnung tragen konnte, gleichzeitig war sie auch als Geheimgesellschaft mit Arkandisziplin bemüht, ihm zu entgehen.

In der Habsburgermonarchie unterstützten die Freimaurer die Reformpolitik Maria Theresias und Josephs II. Manche Forscher betonten sogar, dass Joseph II. in der Instrumentalisierung des Bundes für seine politischen Ziele und Absichten als Vorläufer Napoleons bezeichnet werden könne. Leopold II. fasste über die Motive Josephs II. hinaus zur Realisierung seiner Politik sogar die Gründung einer "geheimen Assoziation" ins Auge.

Kultur und Politik#

Die Freimaurerei hat zweifelsohne als gesellschaftliche Formation die Aufklärung mitgeprägt und im Aufgeklärten Absolutismus eine wichtige soziale Rolle gespielt. Mit ihren strukturellen Gemeinsamkeiten stellte sie eine spezifische Antwort auf das System des Aufgeklärten Absolutismus dar. Verschiedene Gruppen, wie der antiabsolutistische Adel, das finanzkräftige Bürgertum und die Philosophen, die sozial anerkannt, aber teilweise ohne politischen Einfluss waren und in den bestehenden Einrichtungen des absolutistischen Staates keinen adäquaten Raum fanden, trafen sich in den Freimaurerlogen, um Kunst, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaftspolitik zu betreiben.

Schon zur Zeit der Aufklärung entwickelte die Freimaurerei in den Logen ein in Ansätzen demokratisches Potenzial, das sich nicht nur in der ständischen Nivellierung, in der Verwirklichung der gesellschaftlichen Gleichheit in den Logen und im humanen Prinzip "Mensch unter Menschen" manifestierte, sondern auch in der Selbstordnung und Selbstverwaltung, in der relativ stark ausgeprägte Formen der Willensbildung erkennbar waren, und im offenen Bekenntnis zur Demokratie.

Revolutionäre#

Auch im Verhältnis zwischen Freimaurerei und Französischer Revolution zeigte sich die Rolle der Logenbrüder, die Einfluss auf das Revolutionsgeschehen nahmen. Wohl waren einzelne Freimaurer an der Vorbereitung und am Verlauf der Revolution aktiv beteiligt, die Bauhütten in der Spätaufklärung und am Beginn der Revolution waren aber weder Zentren der Konspiration noch ideologische Kommissionen oder "Generalstäbe des Umsturzes", sondern in erster Linie Treffpunkte, Diskussionsrunden und Kommunikationszentren.

Die Freimaurerei verstand sich immer als eine international verbreitete humanitäre Vereinigung, die unter Achtung der Würde des Menschen für Aufklärung, Toleranz, freie Entwicklung der Persönlichkeit, für Menschenrechte und allgemeine Menschenliebe eintritt. Sie ist stark auf den einzelnen Menschen ausgerichtet und bemüht, ihn ethisch zu vervollkommnen. Sie hat aber keine ethischen Lehrsätze aufgestellt, da nach ihrer Auffassung ethische Normen einem ständigen Wandel unterliegen.

Die Freimaurerei ist zweifellos wegen ihrer Geschichte (die Ursprünge und Anfänge reichen bis in das Spätmittelalter und in die Frühe Neuzeit zurück) ein Traditionsverein, will aber ihre Geschichte im Sinne eines Fortschritts weiterentwickeln. Eine einigermaßen realistische Einschätzung ihrer gesellschaftlichen Wirkung stützt sich vor allem auf die Selbstbildung als Persönlichkeiten, die Kongruenz ihres Selbsterziehungsprogramms und auf ihre Ziele und Auseinandersetzungen mit den wesentlichen Denkströmungen der jeweiligen historischen Epoche. Dies bedeutet, dass die Freimaurerei sich heute erneut und noch intensiver als bisher mit den gesellschaftlichen und geistigen Strömungen der Zeit beschäftigen muss.

Neue Zielsetzungen#

Die Freimaurer, die von den fortschrittlichen Ideen der Frühen Neuzeit überzeugt waren, traten für eine humane Veränderung der damaligen Gesellschaft ein. Aus heutiger Perspektive muss allerdings betont werden, dass die Eindeutigkeit eines Geschichtsprozesses in Bezug auf Fortschritt und Reaktion nicht mehr gegeben erscheint. Ein konservatives Verhalten kann heute durchaus fortschrittlich sein, und vieles, was unter dem Etikett "Fortschritt" läuft, muss nicht unbedingt dem Fortschritt dienen.

Dies bedeutet für die Freimaurerei, dass sie sich mit ihren tragenden Kategorien und Werten auf dem Wissensstand der Zeit neu befassen muss. Es geht um:

  1. Die Selbstverpflichtung, an der sich Freimaurer zu messen haben;
  2. die Entfaltung einer geistigen Haltung, deren Ausprägung sich im Diskurs der Brüder gestaltet (Diskursethik);
  3. die Entwicklung einer freimaurerischen Lebensphilosophie als "Lebenskunst" (im Sinne Michel Foucaults);
  4. eine neue ethische Orientierung am dynamischen Wandlungsprozess der globalisierten Gesellschaft und eine aktive Toleranz;
  5. die Freimaurerei als Idee und lebendige gemeinschaftliche Praxis;
  6. eine verstärkte Verpflichtung zur praktischen Humanität, zum Aufklärungs- und Vernunftdenken und zur Brüderlichkeit;
  7. eine kritische Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der Zeit und
  8. eine aufklärerisch-ideologiekritische Haltung.
Diese wichtigen Aufgaben und Ziele sind für die Freimaurerei als geistige, humanitäre und ethische Gemeinschaft und damit auch für unsere globalisierte Welt von aktueller Bedeutung.

Information#

Ausstellung "Das wahre Geheimnis"#

In der soeben eröffneten Ausstellung "300 Jahre Freimaurer. Das wahre Geheimnis" präsentiert die Österreichische Nationalbibliothek einen Blick hinter die Kulissen der ebenso bekannten wie geheimnisvollen Bruderschaft.

Die Ausstellung im Prunksaal in der Wiener Hofburg erzählt die Geschichte der Bewegung in über 150 einzigartigen Exponaten aus nationalen und internationalen Sammlungen. Franz Stephan von Lothringen und Joseph Haydn, Joseph von Sonnenfels und Wolfgang Amadeus Mozart zählen zu den prominentesten Vertretern in den Anfängen der österreichischen Freimaurerei. Kaum aufgeblüht, wird die Maurerei in Österreich bis 1918 verboten. In der Ersten Republik treffen sich Sozialpolitiker, Kulturschaffende und Pazifisten in den Logen und haben bald Nationalisten und Faschisten als Gegner. Während des Dritten Reichs werden Tausende, vor allem jüdische Mitglieder, verfolgt und ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind es Politiker und Kulturschaffende, die sich in den Logen - jenseits von Parteiinteressen und Ideologien - begegnen.

Die Ausstellung ist bis 7. 1. 2018 zu sehen (täglich 10.00 bis 18.00 Uhr). Zahlreiche Führungen und Begleitveranstaltungen werden angeboten. Mehr unter: https://www.onb.ac.at

Helmut Reinalter war Professor für Geschichte an der Universität Innsbruck und leitet das Institut für Ideengeschichte. Er war lange Zeit wissenschaftlicher Leiter der Freimaurer-Akademie der Großloge von Österreich.

Wiener Zeitung, Samstag, 24. Juni 2017

Weiterführendes#