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"Nicht jeder hat Anspruch darauf, alles zu erfahren"#

Georg Semler, Großmeister der Großloge von Österreich, über das Geheimnis der Freimaurerei.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 24. Juni 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Heike Hausensteiner


Georg Semler
"Unsere Kernbotschaft ist: Veredle dich selbst, solange, bis dein rauer Stein besser in die Welt passt." (Georg Semler)
Foto: © Nurith Wagner-Strauss

"Wiener Zeitung": Herr Semler, derzeit wird in der Nationalbibliothek die Ausstellung "300 Jahre Freimaurerei" gezeigt. Wurde sie von der Großloge kuratiert?

Georg Semler: Nein. Und ich bin froh darüber. Das soll ja keine Jubelschau sein, sondern ein realistisches und interessantes Abbild des Bundes und der Ideen, die dahinter stehen. Die Nationalbibliothek - der Wissenschaft verpflichtet, eine Van Swieten- und damit Aufklärungs-Gründung - ist auf uns zugekommen, um darüber zu berichten. Es konnte uns nichts Besseres passieren. Der Kurator ist kein Bruder von uns, darauf lege ich auch Wert. Wir haben nur bei historischen Themen ausgeholfen und Exponate aus unserem Archiv oder aus unserem Museum in Rosenau zur Verfügung gestellt.

Im 18. Jahrhundert schien die Freimaurerei ideologisch ein passendes "Setting" zu sein, um die Welt aufzubrechen.

Das ist seit 300 Jahren das Thema. Wenn ich an unsere Ideale wie Toleranz, Humanität, Brüderlichkeit, soziales Gewissen denke - wären diese Ziele erreicht, könnten wir uns in einen Debattierclub verwandeln. Ich glaube, dass sie nicht erreicht sind und man sich manchmal eher weiter davon wegentwickelt hat, als dass man ihnen näher gekommen wäre.

In London können Besucher freimaurerische Tempel besuchen. Ginge das auch in Wien?

Es gibt Fotos unseres Großen Tempels, sowohl im Netz wie in Publikationen. Der Tempel an sich ist ja nichts Geheimnisvolles. Der gedankliche Tempel des Freimaurers entsteht durch das Ritual. Erst durch das Auflegen von Ritualgegenständen wie Zirkel und Winkelmaß wird für die Freimaurer der Raum zum Tempel. Wir machen keinen Tag der offenen Tür, an dem wir die Leute durchs Haus führen. Wenn Sie bei mir zu Hause mein Arbeits-, Wohn- und Badezimmer fotografieren wollten, würden das meine Frau und meine Kinder auch ablehnen. Immer alles öffentlich zu zeigen, grenzt für mich an Voyeurismus. Es ist nicht so, dass jeder darauf Anspruch hat, alles zu erfahren. Spätestens bei der eigenen Sphäre wird mit Datenschutz argumentiert, aber bei allen anderen interessanten Dingen wird Transparenz gefordert - das ist ein ungleiches Spiel.

Sie sagen, die Freimaurerei sei nichts Geheimes. Andererseits verstecken sich die Freimaurer hinter dem Geheimnis. Das ist zweischneidig. Dadurch wirkt das Ganze für Außenstehende mysteriös.

Was dem Geheimnis unterliegt, sind die Namen der aktiven Mitglieder. Die Deckung endet mit dem Zeitpunkt des Todes. Jeder Freimaurer kann seine Deckung offenlegen. Er muss sich dabei bewusst sein, dass er wie überall im Leben auf eigenes Risiko handelt. In manchen Bundesländern könnten ihm dadurch berufliche Nachteile erwachsen. Der Gewerkschaftsbund gibt seine Mitgliederlisten auch nicht in die Zeitung oder die Bank Austria eine Liste ihrer Kunden oder Mitarbeiter heraus. Was also im Wirtschaftsleben üblich ist, nämlich die Zugehörigkeit anderer nicht preiszugeben, ist auch bei uns das einzige Geheimnis. Wenn wir ein Geheimbund wären, würden wir wohl keine Ausstellung über uns in der Nationalbibliothek machen lassen. Die Gedanken der Freimaurer werden ständig irgendwo publiziert. Möglicherweise weiß der Konsument nur nicht, dass das freimaurerisches Gedankengut ist, was er gerade liest. Wenn ein Freimaurer etwas zu einem Thema schreibt, fließen diese Gedanken natürlich mit ein. Was wir als Geheimnis der Freimaurerei bezeichnen, ist das Erlebnis beim Ritual im Tempel; das Geheimnis kann nur in dieser speziellen Atmosphäre erfahren und sensitiv aufgenommen werden.

Warum tut man sich in Österreich im Vergleich zu Großbritannien mit Offenheit so schwer?

Vor allem aufgrund katholischer Herrscherhäuser wie der Habsburger im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, die Freimaurer seit 1731 verbannten. Die protestantischen Länder hatten dieses Problem nie. Es hatte auch die jüdische Glaubensgemeinschaft nie ein Problem mit der Freimaurerei. In der katholischen Kirche ist das ein Relikt, obwohl die gesetzlichen Grundlagen seit dem Codex Iuris Canonici 1983 geklärt und entschärft sind - über heftigste Bemühungen von Kardinal König, der damals mit uns intensiv im Gespräch war. Da wurde die Mitgliedschaft bei der Freimaurerei als Exkommunikationsgrund - ein starker Sanktionsgrund - entfernt. Überall, wo die katholische Kirche im vorvorigen Jahrhundert viel Einfluss hatte, wurden die Freimaurer verfolgt und verbannt.

In Großbritannien bekennen sich auch noch lebende Musiker zur Freimaurerei, wie etwa Phil Collins.

Bei uns hat etwa Karl Hodina, der kürzlich verstorben ist und uns an seiner Musik hat teilhaben lassen, seine Mitgliedschaft nie an die große Glocke gehängt. Oder Schauspieler wie Helmut Lohner. Weil er sich gesellschaftlich nicht rechtfertigen wollte. Aber in dem Moment, wo ein Bruder nicht mehr unter uns ist, gilt die Deckung nicht mehr. Oft wissen nicht einmal alle Angehörigen, dass ein Verstorbener Freimaurer war. Die nahen Angehörigen wissen sehr wohl davon. Es hätte ja keinen Sinn, dass ich irgendeinen Briefmarkenclub erfinde, um meiner Frau zu sagen, ich gehe da jeden Donnerstag hin. Entferntere Verwandte erfahren oft erst beim Begräbnis, dass der Verstorbene Freimaurer war. Da werden drei verschiedenfärbige Rosen in einer bestimmten Dreiecksform angeordneten, das ist ein sehr berührendes Trauerritual, wie mir erst unlängst ein prominenter katholischer Geistlicher bestätigte.

Georg Semler
Georg Semler im Gespräch mit Heike Hausensteiner.
Foto: © Nurith Wagner-Strauss

Warum sind Österreichs Freimaurer nicht offensiver und beteiligen sich etwa an der allgemeinen Wertediskussion?

Ich tue das - als Georg Semler. Was ich in der Öffentlichkeit äußere, ist meine persönliche Meinung. Denn es gibt keine Meinung der Großloge von Österreich. Zu keinem Thema. Wir haben 3600 Mitglieder, die sich gegenseitig das Recht einräumen, unterschiedlicher Meinung zu sein. Ich kann gar keine 3600 Meinungen zusammenfassen. Wir sind keine Partei, keine NGO, wir haben idealisierte Ziele. Was das für die einzelne Problemstellung bedeutet, kann nur jeder für sich formulieren.

Es herrschen aufklärerische Grundwerte wie Toleranz, Humanität, Freiheit, Gleichheit, gleichzeitig sind alle politischen Ideologien vertreten. Wie passt das zusammen?

Alle möglichen Ideologien sind nur dann vertreten, sofern sich derjenige auf unsere Grundwerte verständigen kann. Damit fallen politische Strömungen weg, die Absolutheitsansprüche, extreme oder diktatorische Positionen haben, nur manche Menschenrechte respektieren und andere als störend empfinden. Bei uns hat nur jemand Platz, der alle Menschenrechte akzeptiert.

Potenzielle Mitglieder können auch abgelehnt werden.

Natürlich.

Das Vorgehen ist so, dass man sich entweder aktiv dafür interessiert, oder man wird gefragt. Das erweckt den Eindruck eines elitären Zirkels.

Wenn Sie elitär im Sinn von hohen moralischen Ansprüchen meinen, freue ich mich, dass ich hier Mitglied bin. Wenn Sie elitär so definieren, dass ich vermögend bin, eine schwarze Kreditkarte bekomme oder Generaldirektor sein muss, sehe ich uns gar nicht als elitär. Die Struktur der Mitglieder ist ganz unterschiedlich. Grundsatz ist: Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, die guten Willens sind, die das Leben aber nicht zusammengeführt hätte: Intellektuelle, Künstler, auch Handwerker, vielleicht keine Fliesenleger, aber Goldschmiede...

...Fliesenleger würden Sie nicht nehmen?

Ich hätte kein Problem damit. Wenn jemand die Voraussetzung dafür hat, an sich zu arbeiten, ist der ausgeübte Beruf völlig gleichgültig. Unsere Kernbotschaft ist: Veredle dich selbst, solange, bis dein rauer Stein besser in die Welt passt. Diese Voraussetzung ist eher bei Menschen anzutreffen, die gewohnt sind, geistig zu arbeiten. Es gibt überhaupt keine soziale Schranke, insbesondere was die wirtschaftliche Situation betrifft. Brüder, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind, werden von der Gemeinschaft mitgezogen. Dann wird der Stuhlmeister eine Lösung finden, dass niemand sein Gesicht verliert. Voraussetzung ist die Einstellung. Sonst hat er nichts davon, und wir haben auch nichts von ihm.

Der raue Stein
Der raue Stein steht bei den Freimaurern symbolhaft für den Menschen, wie er ist, solange er nicht beginnt, an sich zu arbeiten...
Foto: © Nurith Wagner-Strauss

Was wollen Sie davon haben?

Offenheit, Haltung.

Die Brüder sollen an sich arbeiten, bis der Stein glatt ist, was aber nie erreicht werden kann.

Es ist ein idealisierter Zustand. Hier am Tisch haben wir einen schönen metaphorischen Stein: An dieser Stelle ist alles rau. Wenn alle sechs Seiten so glatt sind wie hier, kann der Stein nahtlos mit anderen glatten Steinen eingefügt werden in den - wie wir sagen - "Bau der allgemeinen Menschenliebe".

Hat die Allgemeinheit auch etwas von der Freimaurerei?

Ich glaube, die Allgemeinheit hat sehr viel davon.

Warum ist dann die Freimaurerei nicht präsenter, wo doch derzeit viele in der Bevölkerung meinen, die allgemeine Moral liege darnieder.

Warum sind Sie sich so sicher, dass nicht viele Brüder an vielen Stellen versuchen anzuschieben?

Ich bin mir da gar nicht sicher.

Eben. Diese Brüder treten nur nicht vor die Presse und erklären, das oder jenes müsste gemacht werden. Sie tun das in ihrer jeweiligen beruflichen Position. Es gibt Menschen, die zum moralischen Gewissen im Land zählen, ob sie von Beruf Journalisten, Autoren oder etwas anderes sind, und diese lassen ihr freimaurerisches Gedankengut einfließen. Dass die Gesellschaft nur von Toleranz, Humanität und sozialer Rücksichtnahme geprägt ist, wird ein idealisierter Zustand bleiben. Aber jede Veränderung in diese Richtung ist ein kleiner Fortschritt.

Hat die Freimaurerei eine größere Tragweite als etwa der Rotary Club?

Wir machen auch karitative Aktionen. Aber uns genügt es, dass ein Rettungswagen, für den wir gespendet haben, fährt. Es muss nicht draufstehen, wer ihn zum Fahren gebracht hat, wie etwa bei den Rotariern. Das gehört zu unserem Selbstverständnis, dass man nicht ständig in der Öffentlichkeit steht und sich auf die Schulter klopft.

Ist die Freimaurerei in 300 Jahren so zahnlos geworden, dass sie keine Feinde mehr hat?

Solange es in Teilen der österreichischen Bevölkerung möglich ist, in einer politischen Auseinandersetzung um das Amt des Bundespräsidenten dem anderen Kandidaten Freimaurer-Verbindungen vorzuwerfen, müssen wir uns um unsere Feinde nicht kümmern. In einer Zeit, wo komplizierter werdende Abläufe von manchen Politikern mit einfachen Antworten erklärt werden, indem Ausländer, Freimaurer oder andere sogenannte Weltverschwörer als Schuldige ausgemacht werden, ist es kein einfaches Unterfangen, Informationen über die Freimaurerei bereitzustellen.

Sie sagten, Freimaurer wollen auch etwas davon haben, wenn jemand Bruder wird. Kann Geschäftemaurerei ausgeschlossen werden?

Das ist in unseren Reihen unerwünscht. Die Freimaurerei sollte mit Geschäften überhaupt nichts zu tun zu haben. Wann immer jemand in Versuchung kommt, seine Kontakte, Möglichkeiten, Freundschaften, die er in der Freimaurerei findet, zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil auszunützen, ist das in meinen Augen schon Geschäftsmaurerei und hat hier nichts verloren. Das ist überhaupt kein Ziel der Freimaurerei, wird uns aber immer wieder angedichtet. Wenn ich andererseits in meiner Firma Aufträge zu vergeben habe und unter drei Angeboten stammt eines von einem Freimaurer oder seines liegt gleich auf mit einem zweiten Anbot, kann ich sagen, der hat die gleiche moralische Einstellung wie ich, vielleicht tue ich mir mit ihm leichter in der Abwicklung.

Georg Semler
Georg Semler: "Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, die guten Willens sind."
Foto: © Nurith Wagner-Strauss

Manchmal kommt es ja auch zum Ausschluss von Mitgliedern.

Das haben wir in der - auch jüngeren - Geschichte immer wieder gehabt, zuletzt im Fall Hochegger.

Es gibt Mitglieder, die von sich aus den Verein verlassen, weil er nicht ihren Vorstellungen entsprochen hat. Sind das Momente, wo Freimaurer diese Organisation selbstkritisch hinterfragen?

Ja. Ich habe gerade so einen Fall in meiner eigenen Loge. Da beginnt sofort die Diskussion, ob wir selbst zu oberflächlich waren. Wie der Hirtenhund, der auf die Schafe schaut und trotzdem eines verliert. Das sind für eine Loge überaus heilsame Erfahrungen, weil es sensibilisiert. Wir verstehen uns als eine Gemeinschaft, müssen uns aber auch so benehmen.

Warum sind Frauen von der englischen Freimaurerei ausgeschlossen, nicht aber von der französischen, die wiederum von der ursprünglichen englischen Freimaurerei nicht anerkannt wird?

Es gibt die englische und die französische Freimaurerei, und der Urkonflikt liegt auch darin, dass sich diese zwei starken Länder gegenüberstanden. Ich versuche als Großmeister, einen pragmatischen Weg zu gehen. Formell sind wir getrennt. Da wir gemeinsame Grundwerte haben, gibt es eine Fülle an Möglichkeiten, den Weg gemeinsam zu gehen: bei Ausstellungen, künstlerischen und gesellschaftlichen Aktivitäten oder gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit. Durch diesen österreichischen Weg entspannt sich die Trennung. Auch weil viele Brüder mit Frauen verheiratet sind, die Mitglied bei der weiblichen Freimaurerei sind, kann ich nicht sagen, das Thema gibt es nicht. Ich muss mich der Realität stellen. Wenn wir gemeinsame Aktivitäten entfalten, die nicht ganz streng nach dem Ritual ablaufen, hat die englische Freimaurerei kein Problem damit. Und alle haben Recht.

Information#

Georg Semler kam vor drei Jahrzehnten, mit 28 Jahren, durch einen väterlichen Freund zur Freimaurerei. Er ist studierter Jurist, Unternehmer und Aufsichtsratschef der Wiener Privatklinik Rudolfinerhaus sowie Obmann von dessen gemeinnützigem Trägerverein. Vor wenigen Wochen wurde er für eine zweite dreijährige Amtsperiode als Großmeister ("Obmann") der Großloge von Österreich, einem Art Dachverband der einzelnen (Vereins-) Logen, wiedergewählt. Er ist verheiratet und zweifacher Vater.

Heike Hausensteiner war zehn Jahre lang politische Redakteurin der "Wiener Zeitung" und ist seit 2006 als freie Journalistin und Autorin tätig.

Wiener Zeitung, Samstag, 24. Juni 2017

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