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Ein verwundetes Land: Kambodscha #

Einst wurde das Land von Angkor Wat aus regiert. Selbst die Roten Khmer respektierten den Ort. Wunden von gestern und heute bleiben dennoch. #


Mit freundlicher Genehmigung aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (30. August 2018)

Von

Ursula Baatz


Angkor Wat
Angkor Wat. Ab dem 10. Jh. wurde die Tempelanlage errichtet. Das hinduistische Heiligtum wurde Ende des 13. Jhs. zu einer buddhistischen Kultstätte, die bis heute eine maßgebliche Rolle für die nationale, kulturelle und religiöse Identität Kambodschas spielt.
Foto: Foto: © Baatz

Wenn man abends in Phnom Penh mit einem der Touristenboote den Mekong befährt, sieht man auf der einen Seite die Neon-Skyline von „Nagaworld“, einem riesigen Kasinokomplex, von Chinesen für Chinesen gebaut – den Kambodschanern ist Glücksspiel verboten; daneben Hochhäuser mit glitzernden Fassaden, dann die dunklen Baumkronen der alten französischen Viertel und die Lichtgirlanden auf den Mauern des Königspalastes. Geht man später auf den Nachtmarkt in der Nähe der Mekong-Promenade, mischen sich bei dem reichen kulinarischen Angebot der Essstände Einheimische, Touristen und ausländische NGO-Mitarbeiter. 40 Jahre nach dem Ende der Roten Khmer ist Phnom Penh wieder eine lebendige Stadt. Mopeds, Autos und Tuk-tuks versuchen, auf den zentralen mehrspurigen Straßen der Stadt alle gleichzeitig voranzukommen, was zu Stoßzeiten in beachtlichen Staus resultiert.

Man kann sich kaum vorstellen, dass Phnom Penh im April 1975 binnen einer Woche in eine Geisterstadt verwandelt wurde. Die Bewohner der Millionenstadt wurden von den Roten Khmer mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihre Wohnung sofort verlassen und zu Fuß mit wenigen Habseligkeiten aufs Land zu wandern. Als vietnamesische Soldaten im Jänner 1979 die Stadt befreiten und die Energieversorgung notdürftig wiederherstellten, rannen plötzlich Wasserhähne und drehten sich Ventilatoren, die damals niemand mehr abgedreht hatte. So zu sehen in „Kampuchea-Sterben und Auferstehen“ (1980) von den DDR-Filmern Walter Heynowski und Gerhard Scheumann.

Auf dem Hügel der Frau Penh #

In den vier Jahren der Herrschaft der Roten Khmer kam ein Viertel der Bevölkerung Kambodschas – rund zwei Millionen Menschen – um. Zum Teil wurden sie bestialisch ermordet, zum Teil starben sie an Hunger oder wegen fehlender Medikamente. Das Ziel der Roten Khmer war die radikalere Version der chinesischen Kulturrevolution. Die Idee war, zu vorindustriellen Zeiten zurückzukehren, als im Khmer-Reich, das damals von Angkor Wat aus regiert wurde, alle von Landwirtschaft gut leben konnten. In dem Agrarkommunismus sollte zudem das Kollektiv bestimmen, und jede Form der alten – feudalen, ethnischen – Kultur inklusive Religion sollte vernichtet werden. Rund 90 Prozent der Elite – Lehrer, Künstler, Handwerker – wurden getötet. Bis heute werden nicht nur in Phnom Penh, sondern in jeder Provinzhauptstadt in Kambodscha die „Killing fields“ gezeigt, an denen die Roten Khmer die Menschen folterten und töteten. Allein in Phnom Penh dürften dies um die 200.000 gewesen sein. Ihre Schädel sind heute in einem riesigen Stupa hinter Glas aufgeschichtet.

Von all dem ist in Phnom Penh heute wenig zu merken. In Wat Phnom, dem populären Heiligtum, ist an Feiertagen Hochbetrieb. Der Überlieferung nach wurde es im Jahr 1372 von einer wohlhabenden Witwe namens Dau Chi Penh errichtet, um fünf im Mekong gefundene Buddhastatuen zu beherbergen. Phnom heißt „Hügel“ in der Sprache der Khmer, der ethnischen Mehrheit Kambodschas. Der Tempel hat der Stadt den Namen gegeben – Hügel der Frau Penh. Dafür hat sie im Tempel ihren Platz vis-à-vis einer der Buddhastatuen. Wer einen Wunsch hat, hinterlässt bei ihrer Statue Geldscheine, Blumen oder Obst. Die meisten Scheine und Früchte liegen freilich vor der Buddhastatue, und hin und wieder lässt jemand – als wohltätiges Werk – nach einem Gebet Spatzen frei, die zuvor bei der Verkäuferin vor dem Tempel erstanden wurden. In einem kleineren Tempel nur wenige Schritte bergab können chinesische Bewohner Phnom Penhs taoistischen Gottheiten huldigen, und unten am Mekongufer, gegenüber den Mauern des königlichen Palastes stehen zwei kleine Tempel, in denen an Feiertagen hinduistische Priester Heilungsrituale durchführen und vor denen die Leute Schlange stehen. Der Theravada-Buddhismus verdrängte ab dem 14. Jahrhundert Hindu-Traditionen und Mahayana-Buddhismus und ist heute Staatsreligion in Kambodscha (zwei Prozent sind Muslime und 0,5 Prozent Christen). Die Khmer-Überlieferung ist durch Kultur und Religionen Indiens geprägt. Die südindische Pallava-Schrift (ca. 6. Jh.) diente als Vorlage für die Khmer-Schrift. Die Hindu-Gottheiten Vishnu, Indra und Shiva und ihre Gefährtinnen ebenso wie der Mahayana-Buddhismus bestimmen die Bilderwelt der Tempel, wie man etwa an den riesigen Tempelanlagen von Angkor Wat sehen kann. Das nahegelegenen Städtchen Siem Reap lebt davon. Rund 2,5 Millionen Touristen kommen pro Jahr, davon viele Tagestouristen aus China.

Schäde in einem riesigen Stupa
Killing Fields. Allein in Phnom Penh dürften von den Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 um die 200.000 Menschen ermordet worden sein. Ihre Schädel sind heute in einem riesigen Stupa hinter Glas aufgeschichtet. Foto: © Baatz

Für die Kambodschaner ist Angkor Wat ein heiliger Ort, vor dem selbst die Roten Khmer Respekt hatten. Touristen mangelt meist diese Perspektive. Immer wieder werden Leute verhaftet, die „Oben Ohne“-Fotos o. ä. vor der Kulisse der alten Tempel knipsen. Dabei gilt Kambodscha noch immer als eine Hochburg der Kinderprostitution, obwohl Prostitution offiziell verboten ist. Eine wesentliche Ursache ist die bittere Armut, denn der wirtschaftliche Aufschwung kommt nur einer kleinen Schicht zugute. Täter sind nicht nur Touristen, sondern auch Kambodschaner – Gewalt gegen Frauen ist hier alltäglich.

Rote-Khmer-Kader bis heute nicht belangt #

Bis Ende der 1990er-Jahre beherrschten die Roten Khmer Teile von Kambodscha. Unter dem Einfluss Chinas und der USA blieben sie bis 1998 die Vertreter Kambodschas bei der UNO. Zwar gab es ab 2007 Prozesse gegen einige wenige führende Mitglieder der Roten Khmer, die 2010 beziehungsweise 2014 mit Verurteilungen endeten. Doch das betraf nicht die niederen Chargen der Roten Khmer. Auf den Dörfern wohnen bis heute die Täter von damals ungestraft neben ihren Opfern. Nur in Ausnahmefällen wurde dies mit Hilfe internationaler Gelder thematisiert. So lancierte die Organisation „Kdei Karuna“ das Projekt „Justice and History Outreach“, das Dialog und Konflikttransformation unterstützt.

In einem der Projekte wurde Tätern ein Video mit Erzählungen ihrer Opfer gezeigt. Doch nicht alle zeigten Einsicht oder konnten um Vergebung bitten. Gelang dies jedoch, dann hielten buddhistische Mönche eine traditionelle Heilungszeremonie ab: Täter wie Opfer wurden mit Wasser zur Reinigung bespritzt. Solche Zeremonien sollen die „bösen Geister“ austreiben und zur Stabilisierung geistiger Gesundheit verhelfen. Das ist in einem Land, in dem die ältere Generation zuerst durch US-Bombardements (Kambodscha galt als Basis des Vietkong) und dann durch die Gräuel der Roten Khmer schwer traumatisiert ist, sehr wichtig.

1979 gab es nur mehr 4000 Mönche. Heute leben rund 70.000 in rund 5000 Tempeln. Doch nur auf den ersten Blick sieht alles ganz traditionell aus: Die meisten Tempel und Statuen sind Repliken aus Beton. Der Buddhismus muss restauriert werden, sagt Venerable Vy Sovechea, der Präsident der Buddhistischen Universität in Battambang. In einem Pilotprojekt bildet er in Zusammenarbeit mit einer deutschen NGO Mönche in Konflikttransformation aus, als aktive Umsetzung der Meditationspraxis. Wie viele aus seiner Generation sucht er eine Erneuerung Kambodschas.

Ob das Land diesen 1993 begonnenen Weg in die Demokratie fortsetzt, ist nach den Wahlen im Juli mehr als zweifelhaft. Gewonnen hat Langzeit-Ministerpräsident Hun Sen, bis 1977 Führungskader der Roten Khmer und seit 1979 die Politik Kambodschas bestimmend. Bereits im Vorfeld hatte er die Oppositionsparteien verbieten lassen und kritische Medien zum Schweigen gebracht – alles Vorzeichen einer Diktatur. Denn Demokratie ist mehr als eine Wahl abhalten.

DIE FURCHE, 30. August 2018