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Interferenzen 2019#

(Eine Reflexion)#

von Martin Krusche
„Das Wesen der Tugend liegt mehr im Guten als im Schweren.“
(Thomas von Aquin)
Der hier anschließende Text ist Grundlage einer kommenden
Publikation zur Arbeit des Fotografen Richard Mayr

Der Alltag fordert uns laufend mit praktischen Aufgaben, möge daher gelingen. Zwischen all dem sind immer Nischen, in denen wir von zweckrationalen Zusammenhängen frei sein möchten. Das Neue entsteht vor allem dort. Da wirken Instanzen, die sich meist nur leise bemerkbar machen. Diese Instanzen haben in der Kunst ein spezielles Metier. Das Reich des symbolischen Denkens. Die Fähigkeit zur Abstraktion.

(Foto: Richard Mayr)
(Foto: Richard Mayr)

Wir brauchen diese Kompetenzen überall in menschlicher Gemeinschaft, wir geben ihnen in der Kunst den größten Spielraum, um sich zu entwickeln. So hat der Mensch die Möglichkeit, Dinge zu denken, die es nicht gibt. Das erlaubt uns brauchbare Annahmen über die Zukunft, die wir nicht vorhersehen können. Es ermöglicht Prognosen.

Symbolisches Denken hilft uns beim Planen. Dadurch sind wir auch in der Lage, Erlebtes zu reflektieren, also eine erhellende Rückschau zu pflegen, unsere Erfahrungen auszuwerten. Es ermöglicht uns schöpferisches Tun, einfallsreiche Problemlösungen, es befähigt uns zu Erfindungen.

In der Wissenschaft kennen wir die Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung und angewandten Verfahrensweisen. Der eine Modus soll uns Wege ebnen, um über verschiedene Barrieren in die nahe Zukunft zu gelangen. Die andere Option soll uns dafür den praktischen Nutzen solcher Erkenntnisse erschließen. Würden wir immer nur auf die Nützlichkeit des Denkens achten, wir kämen nicht vom Fleck, würden im Kreis rennen, zu antiquierten Wesen verkommen.

So verlockend es oft erscheinen mag, den Fokus unserer Tätigkeiten allein in Richtung der praktisch anwendbaren Dinge zu verschieben, damit Ertrag möglich wird, Profit lukriert werden kann, das hat nach einiger Zeit noch jedes Mal zur völligen Stagnation geführt. Die Welt verändert sich immer. Wir müssen also in unserem Verständnis all dieser Dinge beweglich bleiben.

Letztlich teilt uns die Evolution völlig unaufgeregt mit, daß eine Spezies, die dabei nicht Schritt zu halten vermag, notfalls verschwindet. Eine ganz banal scheinende Redewendung drückt das aus: „Niemand soll sich auf seinen Lorbeeren ausruhen“. Wir Menschen sind daher gut beraten, Muße zu üben, um uns zu entwickeln, aber andrerseits tätig zu sein, um vom Fleck zu kommen. So entfaltet sich das anregende Spannungsfeld zwischen Kontemplation und vita activa.

Die Philosophin Hannah Arendt hat in ihrem Werk mit eben diesem Titel („Vita Activa“) den tätigen Umgang und das zurückgezogene Nachdenken (vita contemplativa) einander gegenübergestellt. Verkürzt ausgedrückt: das Handeln und das Betrachten sind zwei ganz unterschiedliche Aufgaben. Auf keine davon kann zugunsten der anderen verzichtet werden. Eine etwas saloppe Empfehlung lautet in dieser Sache, wir sollten Aktion und Reflexion beieinander halten.

Fleißig oder tüchtig?#

Ein Bauer aus Laßnitztal hat mir vor Jahren erklärt, daß er zwischen Fleiß und Tüchtigkeit zu unterscheiden wisse. Fleißig ist, wer viel tut. Aber es müsse dabei auch etwas herausschauen. Dazu reiche der Fleiß nicht, man habe sich als tüchtig zu erweisen.

Fleißig zu sein kann hier als Aktivität verstanden werden. Das allein bewirkt aber wenig. Die Tüchtigkeit bedeutet, daß der Fleiß von Klugheit geleitet wird. Die Klugheit verlangt, daß man seine Erfahrungen auswertet, Geschehenes reflektiert, daraus schöpferisch wird. Es geht also um Annahmen darüber, was nun vorzugsweise getan werden sollte. All das bedeutet vielleicht auch, daß man Probleme auf eine Art löst, die einem noch niemand gezeigt hat. Soweit der Alltag. Oder man geht solche Wege um ihrer selbst willen. Das sind Schritte persönlicher Entwicklung. Das kann auch Richtung Kunst führen.

In der Antike, als die Griechen vom Mythos zum Logos übergingen und die abendländische Philosophie entstand, galt die Überlegung, daß wir Theorie brauchen, wenn wir mit der Realität kollidieren. Das meint, wo wir in der praktischen Erfahrung ratlos bleiben, steht es uns frei, Annahmen zu entwickeln. Also Theorien. Plinius soll gesagt haben, die Theorie möge sich erweisen, nicht lohnen. Damit ist gemeint, der Erkenntnisgewinn gehe in solchen Angelegenheiten vor materiellen Gewinn.

In der eingangs erwähnten Alltagsbewältigung ist daher das Handeln gefragt, ein möglichst erfolgreiches Handeln. In der alten agrarischen Welt galt hierzulande allgemein: Wer sich nicht schindet, gilt nichts. Das hat sehr tiefe Wurzeln. Es zeigte sich im Grunde seit der Neolithischen Revolution so, als die Menschen seßhaft wurden und mit der Landwirtschaft begannen. Da war die Schinderei vor allem in der Tatsache begründet, daß bäuerliche Arbeit sehr anstrengend ist und daher unser Brot im Schweiße des Angesichtes verdient werden mußte, wie ja die Bibel berichtet.

Später, als die Geldwirtschaft aufkam, wurde bei der Arbeit strenge Disziplin nötig, um größere Profite möglich zu machen. Die Landwirtschaft blieb freilich trotz zunehmender Mechanisierung eine Schinderei. Seither fragen wir uns wieder öfter, was denn der „eigentliche Sinn“ des Arbeitens sei. Das sind dann unter anderem Momente der Kunst und der Kultur, wenn zum Beispiel solche Sinnfragen oder Fragen nach ästhetischer Qualität auftauchen. Doch noch heute erscheinen uns oft jene verdächtig, die ihr Brot verdienen, ohne sich dabei körperlich zu plagen. Das wird im Zusammenhang mit Kunst und der Kultur laufend zur Debatte gestellt. Die Plackerei kann einen neidisch machen.

An all das und die Ursprünge solcher Ansichten erinnert immer noch die bittere Geschichte von Kain und Abel. Der eifersüchtige Ackerbauer erschlägt den Hirten. Gegen diese „Ideologie des Abrackerns“ hatte sich schon Thomas von Aquin in seiner „Summa theologica“ gewandt, wobei er festhielt: „Das Wesen der Tugend liegt mehr im Guten als im Schweren.“ Heute würde man vielleicht sagen: „Don’t work hard, work smart!“ Arbeite nicht hart, sondern klug, dann bleiben Dir vielleicht noch Kraft und Zeit für weitere Dinge, die Bedeutung haben.

Seit uns Schriften überliefert sind, in denen Menschen den Lauf der Dinge deuten und unsere Kulturen beschreiben, wissen wir auch von der Muße, die der praktischen Tätigkeit gegenüber steht. Muße und praktische Tätigkeit sind in Wechselwirkung miteinander verflochten.

Der Philosoph Josef Pieper hat diesem Thema im Zuge seiner Befassung mit Aristoteles und Thomas von Aquin ein ganze Buch gewidmet: „Muße und Kult“. Er betrachtet darin die Nachrichten aus der Antike über den Kontrast zwischen vita contemplativa und „knechtlichen Arbeiten“. Dabei unterstreicht er: „Wir arbeiten um der Muße willen“. Er mißtraut mit den alten Meistern der „Überbewertung der Mühe und des Schweren“ und schreibt über die Tugend als „Verwirklichung des Guten“ an einer Stelle: „…sie mag sittliche Anstrengung voraussetzen, aber sie erschöpft sich nicht darin, sittliche Anstrengung zu sein“.

Kunst und Technik#

In der Antike unterschieden die Menschen zwischen artes mechanicae und artes liberales. Die praktischen Künste als das Angewandte, das Nützliche, hießen im Altgriechischen téchne. Dem standen die freien Künste gegenüber, wie sie von gebildeten Menschen ausgeübt wurden, ohne sich dabei dem Alltagsnutzen zu widmen. Oder, um es mit Pieper zu sagen, eine Freiheit der Künste liegt darin, „daß sie nicht verfügbar sind für Zwecke, daß sie sich nicht zu legitimieren brauchen aus der sozialen Funktion, nicht daraus, daß sie Arbeit sind“.

Heute sprechen wir von einer Autonomie der Kunst. Sie gibt sich selbst ihre Regeln, wie sie ihre Aufträge aus sich selbst bezieht und darin keiner äußeren Instanz bedarf. Daher unterscheiden wir auch zwischen Kunst und Kunstfertigkeit. Nicht alles, was eine Kunst ist, ist auch Kunst im Sinn der Gegenwartskunst. Die artes mechanicae, zu denen man Geschick und Erfahrung braucht, also Kunstfertigkeit, sind ein anderes Genre als die artes liberales, die wir heute Gegenwartskunst nennen. Wer geschickt, wer kunstfertig ist, wird dadurch noch nicht zu Künstlerin oder Künstler, wie eben auch ein Tisch kein Sessel ist und eine Tür kein Fenster. So viel Trennschärfe muß in den Begriffen sein, sonst wissen wir nicht, worüber wir reden.

Aber wir leben in einer Zeit, wo über teils merkwürdige Ecken wieder allerhand Verpflichtungen eingeführt werden. Wir erleben eine zunehmende Ökonomisierung menschlicher Beziehungen. Es muß was nützen, es muß einen Profit bringen. Dazu gehört beispielsweise eine skurrile Tendenz, herkömmliche Sozialarbeit als Kunstpraxis auszugeben. Damit will dann so manches an Intervention seine Wirkung entfalten. Im Kontrast dazu solle aus anderen Positionen irgendein Publikum abgeholt werden. Stets muß da die Kunst auch für etwas Nützliches herhalten, damit sich die Menschen über die Tatsache beruhigen, daß eine Gesellschaft in ihr geistiges Leben Geld investiert.

Das ist Marktlogik, kombiniert mit soziologischen und sozialen Erwägungen. Die Kunst ist darauf aber nicht angewiesen. Philosoph Robert Pfaller erinnert an Denktraditionen, die von einem tiefen Mißtrauen dagegen geprägt sind. Er stellt das gegen die Annahme, „Aktivität“ sei grundsätzlich gut, umfassend und zuverlässig. Immerhin kennen wir in unserer Kultur den „Primat der Tat“, wie er etwa im Faschismus konstituierend war. Diese Aktionsfreudigkeit, bei der jegliches Denken und Reflektieren des Einzelnen als verdächtig denunziert wird, hat Spielarten der Intellektuellenfeindlichkeit ausgelöst hat, die bis heute wirken.

Dabei erkennt man aber auch leicht eine ideologische Bürde, die den subalternen Schichten einst von den klassischen Eliten (Adel und Klerus) aufgeladen wurde. Der Pöbel solle sich nicht weiter mit dem Denken befassen sondern arbeiten; nämlich genug Mehrwert hereinarbeiten. Genau jenen Mehrwert, dank dessen sich wenige bevorzugte Menschen sehr gut der Muße, der Beschaulichkeit widmen konnten.

Diese Wenigen genossen, daß die Vielen sich für sie krummlegten, was mit Ideologie begründet und abgesichert werden mußte. Das ist heute noch eine prominente Quelle des Mißtrauens gegenüber Kunstschaffenden. Arbeiten die was? Soll das Arbeit sein? Dabei haben wir längst eine völlig veränderte Arbeitswelt, die den Menschen gewöhnlich einige Freizeit sichert, welche man ganz nach eigenem Ermessen nutzen darf, also auch für hemmungslose Muße.

In seiner „Ästhetik der Interpassivität“ schreibt Pfaller gegen die Gschaftlhuberei in der Kunst an und warnt: „Die Bestrebungen nach verstärkter Partizipation zielen darauf, die Individuen, gegen deren offensichtliche Widerstände, zur Identifizierung mit den jeweiligen Kulturprozessen oder politischen Vorgängen zu bringen.“ Das ist Zurichtung, wie sie auch im 18. Jahrhundert am Beginn der Volkskultur-Pflege stand, mit der ein aufstrebendes Bildungsbürgertum sich damals in den subalternen Schichten jemanden zum Erziehen und Bevormunden suchten.

Pfaller bleibt dem aktuellen Kulturbetrieb gegenüber skeptisch und betont durchaus provokant: „In der interpassiven Kunst beispielsweise betrachtet das Werk sich selbst, befreit dadurch den Betrachter von der Aufgabe bzw. dem Genuss des Rezipierens.“ Bei so radikalen Positionen verbleiben wir im laufenden Kulturbetrieb meist nicht.

Arbeit statt Attitüde#

Das bringt mich nun zur Arbeit von Richard Mayr. Ich befasse mich seit rund 30 Jahren mit Kultur- und Wissensarbeit abseits des Landeszentrums. Darin hat die Gegenwartskunst ihr eigenes Feld mit einigen Schnittstellen zu den anderen Bereichen. An Mayr fiel mir über die Jahre auf, daß er in seiner fotografischen Arbeit auf verschiedenen Feldern tätig ist, zwischen ihnen nach Laune wie nach Bedarf pendelt. Darunter befindet sich unter anderem das Terrain der Kunst, ohne daß er sich mit dem Selbstverständnis des Künstlers oder mit einschlägigen Attitüden befassen würde. Er macht das einfach; und Punkt.
Richard Mayr (Foto: Martin Krusche)
Richard Mayr (Foto: Martin Krusche)

Man könnte sagen, er hat anderes zu tun, als diese Fragen nach der Kunst zu bearbeiten. Das wurzelt vermutlich in einem durch und durch geschäftigen Leben, worin er sich zu einem wesentlichen Teil als Unternehmer bewährt hat. Zugleich blieb er immer ein Reisender, hat sich in höchst unterschiedlichen Zusammenhängen erhebliche Kompetenzen als Fotograf erarbeitet.

Sie finden in dieser Publikation einige Beispiele dessen, was mich in dem Zusammenhang so interessiert hat. Nachdem ich Mayr Jahre über die Schulter blicken konnte und wir in dieser Zeit manchmal einen gemeinsamen kulturellen Akzent gesetzt haben, scheint mir deutlich, wie anregend es ist, wenn man Mayrs praktisches Handeln verfolgt, das sich laufend zwischen den Grundlagen, dem Angewandten und den freien Formen bewegt.

So finden Sie in diesem Bändchen drei Bereiche seiner fotografischen Arbeit. Ein Teil ist strikt der geschäftlichen Funktion unterworfen, wo er unter anderem praktisch die Werbefotografie für seinen vormaligen Betrieb erledigte. Da müssen die Fotografien nicht sich selbst, sondern einem anderen, einem streng definierten Zweck dienen, nämlich ein Publikum ansprechen, das sich im Geschäft und schließlich an der Kasse einfinden möge.

Einen anderen Teil des Mayr’schen Fotografierens sehe ich im Bereich der Reportage, der Betrachtung von Menschen, Kultur und Natur. Die Aufträge dafür sind nicht mehr im Bereich des strengen Lastenheftes der Werbefotografie und sind noch nicht in der prinzipiellen Autonomie der Kunst angelegt.

Schließlich finden sich da Fotografien, welche ganz den individuellen ästhetischen Erfahrungen entspringen, also seinen Wahrnehmungserfahrungen, die genau genommen nur dem gewidmet sind: eigene Geschmackserlebnisse, Lebenserfahrungen, Denkanstöße.

Wahrnehmungserfahrungen. Also ästhetische Erfahrungen. Da wäre sie wieder, die Muße. Das absichtslose Schauen, wie es genau nicht einer rationellen Nutzung unterstellt wird, sondern völlig frei sein darf.

Pieper notierte in seinem Nachdenken über Aristoteles und Thomas von Aquin: „Hingegen gehört es zur Natur des Kultes, daß er, selbst bei äußerer Armut im Materiellen, einen Raum des Überflusses und des Reichtums hervorbringt – weil in der Mitte des Kultes das Opfer steht.“ Damit betont er freilich etwas anderes als sich aufzuopfern: „Was nämlich heißt Opfer? Freiwillige, schenkende Darbietung, gerade nicht Nutzung, just das denkbar äußerste Gegenteil von Nutzung.“

Damit mag deutlich werden, was ich an Mayrs Arbeit so interessant finde, daß er sich nämlich in der Fotografie dieses ganze Spektrum offen und zugänglich hält, um auf jedem der genannten Felder Erfahrungen zu sammeln. Damit ist dann auch das Genre Kunst in seiner Bedeutung bestätigt. Es gilt ja beides gleichermaßen. Jeder Mensch muß sein Brot erwerben können. Jeder Mensch hat spirituelle und kulturelle Bedürfnisse. Das sind die Bereiche, welche Mayr mit seiner Arbeit je nach Laune und Anforderung durchquert.

P.S.: Wie eingangs erwähnt, der hier vorliegende Text ist Grundlage einer kommenden Publikation zur Arbeit des Fotografen Richard Mayr. Daher lösen sich einige Querverweise auf diese Publikation hier noch nicht ein. Doch wenn das Druckwerk verfügbar ist, wird es hier auch in elektronischer Form deponiert und somit dieser Text abgerundet.