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„Der Semmering war ein Zukunftslabor“ #

Der Semmering galt einst als Balkon von Wien, er war Arbeitsort und Rückzugsort zugleich. Heute braucht er dringend neue Impulse. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 25. Jänner 2018

Das Gespräch führte

Franz Zoglauer


Semmering
Semmering
Foto: © Niederösterreich-Werbung / Michael Liebert

Der Journalist und Historiker Wolfgang Kos ist ein Semmering-Experte. Der ehemalige Direktor des Wien Museums hat über diesen magischen Ort Bücher geschrieben und 1992 die dem Semmering gewidmete Landesausstellung in Gloggnitz gestaltet. Jetzt ist der sogenannte „Zauberberg“ in die negativen Schlagzeilen geraten. Der Wintersportbetrieb muss ausgerechnet in der Hochsaison immer wieder eingestellt werden und traditionsreiche Hotels wie das Panhans und das Stühlinger wurden geschlossen. All diese Objekte und Anlagen wurden an eine ukrainische Gesellschaft mit Sitz in der Schweiz verkauft, die weder über das nötige Kapital noch das Know-how verfügt.

Die FURCHE: Die Semmering-Krise hat es in sich. Das Südbahnhotel wird immer noch zum Verkauf angeboten, die Renovierung des Kurhauses scheint nicht mehr geplant zu sein und Hotels wie das Panhans und das Stühlinger mussten geschlossen werden. Auch der Liftbetrieb wird in der Hochsaison immer wieder eingestellt. Sie als Historiker scheint der Semmering-Skandal nicht wirklich zu überraschen?

Wolfgang Kos: Man muss ja nur an das Jahr 1969 denken. Dagegen ist das jetzt ein Lapperl. Damals gehörte das Grandhotel Panhans der niederösterreichischen Elektrizitätsgesellschaft Newag, die in politische Skandale verwickelt war. Als Tagungsort österreichischer Regierungsklausuren war das Hotel nicht mehr tragbar und musste verkauft werden. Das mit 19 Millionen Schilling verschuldete Panhans wurde von dem deutschen Millionenbetrüger Bruno Przetak für 50.000 Schilling erworben. Er gab sich als Diamantenhändler aus, wurde alle drei Wochen verhaftet und wieder freigelassen und veranstaltete rauschende Feste. Przetak verkaufte wertvolles Mobiliar und war ein altmodischer Gangster, der kein Geld zum Geldwaschen hatte. Nach der Eröffnung des Schilifts wurde er steckbrieflich gesucht. Die Lust der Journalisten an negativen Schlagzeilen gab es schon damals. Es ist so, wie wenn man sich freut, wenn Angelina Jolie Eheprobleme hat.

Die FURCHE: Der Semmering hat noch immer eine magische Anziehungskraft. Worin besteht der Reiz dieser einzigartigen Kulturlandschaft?

Kos: Es ist ein exterritoriales Gebiet, auch von der Nutzung und Investition her. Alle Initiativen dazu kamen aus Wien und zum Teil aus Budapest. Ermöglicht wurde die Erfolgsgeschichte von Orten wie Semmering und Reichenau durch die schnelle Erreichbarkeit mit der neuen Südbahnstrecke. Reichenau war durch die Habsburger viel konservativer geprägt. Der dreißig Jahre später gebaute Semmering war exzentrischer und großstädtischer. Man wollte nicht die Vorstadt, sondern die Stadt im Gebirge haben. Der Corso sollte jenen der Ringstraße zwischen Schwarzenbergplatz und Bristol zum Vorbild haben. Der Semmering war von Anfang an dynamischer als Reichenau. Da die Südbahngesellschaft der größte Tourismusunternehmer war, stiegen auch die Immobilienhaie groß ein.

Die FURCHE: Was war das nun für eine Gesellschaft, die der Semmering in seinen Bann zog?

Wolfgang Kos
Weiter denken. Der Semmering-Experte Wolfgang Kos hat 1992 die dem Semmering gewidmete Landesausstellung in Gloggnitz gestaltet. Eine weitere Ausstellung wäre hilfreich, meint er. Nicht nur im ehemaligen Grand Hotel (unten) ist kein Betrieb mehr.
Foto: APA / Wien Museum

Kos: Es waren die Kinder der Erbauer der Ringstraße. Der Semmering war für sie eine der wenigen Möglichkeiten zu repräsentieren. Nicht die Aristokraten waren wesentlich, nicht die katholischen Hofräte, sondern das jüdische Großbürgertum. Das hat es so attraktiv gemacht. Gestorben ist der Ort 1938 mit der Vertreibung der Juden. Die Antisemiten hassten das kultivierte Großbürgertum. Sie wollten kleine, bürgerliche Häuschen für deutsche Bürger und nicht für Vaterlandslose, wie sie die da oben nannten. Auf dem Semmering gab es aber auch die neuesten Sportarten wie Autorennen, Golf, Bob- und Schifahren. Der Semmering ist einer der Geburtsorte des neuen Wintersports.

Die FURCHE: Schmerzt es da nicht, wenn die jetzige Krise auch die Schilifte bedroht?

Kos: Ich war erst vor Kurzem auf dem Hirschenkogel Schi fahren. Da war zwar die Gondelbahn in Betrieb, die Pisten waren jedoch nicht präpariert. Es gab kein Geld für den Sprit der Pistenraupen. Mit dem Verkauf der Liftanlagen an eine ukrainische Gesellschaft hat die Politik dem Semmering die Herz-Lungenmaschine abgeschalabgeschaltet. Der Schisport hat ja dort immer die Leute angezogen.

Die FURCHE: Warum war und ist der Semmering für Künstler und Kunstinteressierte so anziehend?

Kos: Er ist nah genug, um am Wochenende das Wiener Leben ins Gebirge zu verpflanzen. Arthur Schnitzler und sein Verleger haben das neue Buch des Dichters beim Spazierengehen verhandelt. Es war Arbeitsort und Rückzugsort zugleich. Man ist ja auch mit der Freundin hingefahren, aber auch wenn ein Posten zu vergeben war wie der Bugtheaterdirektor oder eine attraktive Rolle. Dort traf man Politiker, Verleger, Journalisten, Industrielle und Künstler. Josef Kainz, einer der berühmtesten Schauspieler seiner Zeit, der bereits todkrank war und im Kurhaus behandelt wurde, wollte Festspiele auf dem Semmering begründen. Es war also großstädtisch und gleichzeitig konnte man die gute Luft schnuppern und die Natur genießen. Freilich war das nicht Liebe, sondern Landschaftsliebelei. Schnitzler fühlte sich wie von prächtigen Theaterkulissen umgeben. Für die Künstler war der Semmering der Balkon von Wien. Peter Altenberg etwa erinnerte das Gebirgspanorama an fünf übereinandergestellte Türme des Wiener Stephansdoms.

Die FURCHE: Woher kommt Ihre Beziehung zum Semmering?

Kos: Ich hatte einen eisenbahnnärrischen Vater. Er hatte sich in unserem Keller eine Gebirgsbahn gebaut und ich konnte bald die Namen aller Viadukte und Tunnels auswendig. Als ich als Bub Asthma bekam, kauften meine Eltern ein Appartement auf dem Semmering, ich bin zwar nicht wahnsinnig gut Schi gefahren, aber ich wurde Mitglied des Schiclubs.

Die FURCHE: Wie sehr hat Sie das Gesamtkunstwerk Semmeringbahn fasziniert?

Kos: Mein Vater interessierte sich ganz besonders für Carl von Ghega, der für Planung und Bau verantwortlich war. Die Semmeringstrecke war die erste Eisenbahnlinie, der das Weltkulturerbe verliehen wurde. Der Bau war ein riskantes Unternehmen. Zur Zeit von Ghegas Planung war es noch völlig unsicher, ob eine Lokomotive erzeugt werden könne, die eine derartige Steigung schafft.

Hotel Panhans
Hotel Panhans
Foto: © Wiener Alpen / Franz Zwickl

Die FURCHE: Wie kann man nun diesen Ort retten? Kulturelle Initiativen des Landes haben sich immer mehr auf den Donauraum konzentriert. Was muss geschehen, dass diese einzigartige Kulturlandschaft erhalten bleibt?

Kos: Man hatte den Eindruck, als hätte jemand den Auftrag, von irgendeinem Planeten aus den Semmering zu zerstören. Hotels können nicht ohne Engagement, Verständnis und Geld geführt werden. Ein Saurier wie das Südbahn entspricht als Hotel nicht mehr dem Verhalten der Menschen von heute. Es kann gar nicht profitabel geführt werden, da viele Zimmer als Appartements verkauft wurden. Wie die Festspiele Reichenau mit erstklassigen Schauspielern „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus in diesen einzigartigen Räumen gespielt hatten, gab es Karten im Schleichhandel wie bei den Salzburger Festspielen. Die Menschen wollten vor allem auch diese Räume wieder sehen. Im Sommer gibt es im Südbahn und im Kurhaus wieder anspruchsvolle Lesungen und Konzerte. Die Politik hat aber verabsäumt, ein Konzept für den Semmering erstellen zu lassen. Das Südbahn könnte für Theater- und Tanzveranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen, Bälle und Kongresse ganzjährig genützt werden. Das Kurhaus sollte für kulturelle Veranstaltungen weiterhin zur Verfügung stehen und das Panhans – so heißt es zumindest – wird als Hotel wieder geöffnet.

Die FURCHE: Stimmt es, dass Sie von nostalgischen Programmen nicht viel halten?

Kos: Der Semmering war einst ein Zukunftslabor und sollte das wieder werden. Heute gehört der Untergang schon zu seinem Image. Er lastet auf den Schultern der Region wie ein schweres Gewicht. Schnitzler ist tot. Es gibt junge Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler. Es muss nur eine Konstellation mit Spitzenkünstlern geschaffen werden. Eine Landesausstellung wäre auch wieder hilfreich. Wichtig ist die Haltung zur Zeit!

DIE FURCHE, 25. Jänner 2018