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Fast jedes Werk ein Einzelfall #

Das Leopold Museum prasentiert den ersten osterreichischen Expressionisten Richard Gerstl und setzt sein Werk dabei anhand von Gegenuberstellungen in den damaligen wie gegenwartigen Kontext. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (10. Oktober 2019)

Von

Theresa Steininger


Die Schönberg-Familie. Gemälde, 1907
Die Schönberg-Familie. Gemälde, 1907
Foto: © IMAGNO/Austrian Archives (AA)

In der Schau sind auch die Gemälde zu sehen, die Richard Gerstl von Mathilde Schönberg schuf. Nach dem Bekanntwerden ihrer Affäre nahm sich Gerstl vereinsamt und isoliert das Leben.

Er war ein Rasender in der Malerei, ein Formzertrümmerer, ein oft ungestüm und dick auftragender Berserker, der sich keinesfalls einordnen lässt, weil sein Experimentierwille groß und sein Bestreben nach Ismen-Zugehörigkeit gering war. Richard Gerstl war der erste echte österreichische Expressionist, noch vor Kokoschka und Schiele. Er schuf ein eigenständiges OEuvre voll stilistischer Neuerungen, das von rastlosem Suchen zeugt und davon, wie er alle Anregungen der damaligen Zeit aufsaugte, um sie dann neu zu deuten, respektive zu konterkarieren.

Wenn das Leopold Museum nun die erste monografische Ausstellung zu Richard Gerstl seit Jahrzehnten präsentiert, wird auch anhand von Gegenüberstellungen offenbar, wie er sich von konträren Positionen der internationalen modernen Kunst inspirieren ließ und aus jedem Stil etwas Originäres herausholte. Einerseits soll gezeigt werden, welche Vorbilder es für Gerstl gab, andererseits möchte man „dem freien Spiel der Assoziationen folgend zeigen, welche Response er bei zeitgenössischen Künstlern hat“, wie Direktor Hans- Peter Wipplinger beschreibt. Nicht umsonst heißt der Untertitel der in Kooperation mit dem Kunsthaus Zug entstandenen Schau „Inspiration – Vermächtnis“, neben rund 50 Gerstl-Arbeiten werden annähernd 150 weitere Exponate, Archivalien eingeschlossen, gezeigt.

Zwischen den Stilen #

Da hängt Gerstls lachendes Selbstbildnis, das teils manisch, teils überbordend fröhlich wirkt, neben jenem von Van Gogh. Die flirrende, impulsiv-dynamisierende Flecken- und Strichmalerei des Niederländers war ihm hier Vorbild, „aber wie immer macht er etwas Neues daraus, indem er einen expressiven Bruch hineinbringt“, sagt Wipplinger. „Er spielte generell auf der Klaviatur der Stile und holte sich Versatzstücke aus den einzelnen Ismen heraus, um etwas Eigenes daraus zu kreieren.“ Wie heißt es so treffend im Katalog zur Ausstellung: „Fast jedes Werk ist ein Einzelfall.“

Mal ist es eine gestische, sich zur Abstraktion hin öffnende Malerei, mal pastos aufgetragene Farbe, mal deskriptiv-realistische Tendenzen, dann wieder die ganz eigene Verarbeitung von pointillistischen oder symbolistischen Elementen. Gerstl blieb über die wenigen Jahre seines Schaffens ein Suchender, ein Schwankender zwischen den Stilen. Auch Chaim Soutine und Edvard Munch waren ihm Inspirationsquelle und sind nun im Leopold Museum Dialogpartner, zu welchen auch Willem de Konning, Francis Bacon und Eugène Leroy werden. Gerstls expressive Landschaftsbilder hat man neben solche von Pierre Bonnard und Olga Wisinger-Florian gehängt, aber auch neben solche von Herbert Brandl und Arnulf Rainer. Gerstls bekanntes Selbstbildnis mit nacktem Oberkörper und starrem Blick wird mit Baselitz’ Selbstporträt konfrontiert, für den er Inspirationsquelle war. „Es war genau das, was ich vorhatte zu machen“, soll Baselitz über seinen ersten Kontakt mit Gerstls OEuvre gesagt haben. Stark vertreten ist auch Martha Jungwirth, die vor allem von Gerstls „Bildnis der Schwestern Fey“ inspiriert wurde und sich seinen ungestümen, wilden Farbauftrag zum Vorbild nahm. Ein eigener Raum mit Arbeiten von Gerstl, Schwarzkogler und Brus beschäftigt sich mit dem „unrettbaren Ich“.

Das Ende einer Affäre #

„Was wir mit den Dialogen neben dem Eröffnen neuer Blickwinkel auch wollen, ist, dass der Zuschauer in der Betrachtung hinter den Gegenstand zurücktritt und beim eigentlich Ästhetischen landet,“ sagt Diethard Leopold, dessen Vater Rudolf die weltweit bedeutendste Gerstl-Sammlung zusammentrug. Die aktuelle Ausstellung hat Diethard Leopold nun gemeinsam mit Hans-Peter Wipplinger verantwortet.

Thema der Schau ist auch Gerstls Beziehung zu Arnold Schönberg, der ihm als Harmonie- Zertrümmerer seelenverwandt war, und die Affäre mit dessen Frau Mathilde, deren Entdeckung mit zum frühen Selbstmord Gerstls führte. Der letale Ausgang derselben steht in der Ausstellung nicht so sehr im Vordergrund, sondern vielmehr die Gemälde, die Gerstl von Mathilde schuf. Außerdem zeigt man Otto Muehls und Terese Schulmeisters Film „Back to fucking Cambridge“, der eben diese tragische Liaison im Kontext des Wiener Kultur- und Geisteslebens zeigt. Das unmittelbare Ende von Gerstls Leben beschloss ein Künstlerdasein, das in seiner rasanten Entwicklung und seiner Radikalität wegweisend war.

DIE FURCHE (10. Oktober 2019)