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Der Befreiungstheoretiker #

Er versuchte, Psychoanalyse und Marxismus zu verbinden und landete letztlich wieder in der religiös inspirierten Welt seiner Herkunft. Zum 40. Todestag von Erich Fromm. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (12. März 2020)

Von

Gerhard Benetka


Erich Fromm (1900–1980) Sozialpsychologe, Psychoanalytiker, Kulturkritiker und Humanist: An den 40. Todestag wird am 18. März, an den 120. Geburtstag am 23. März erinnert. (Bild von 1974)
Erich Fromm (1900–1980) Sozialpsychologe, Psychoanalytiker, Kulturkritiker und Humanist: An den 40. Todestag wird am 18. März, an den 120. Geburtstag am 23. März erinnert. (Bild von 1974)
Foto: Müller-May. Aus: Wikicommons

Wer von Erich Fromm nur die „Kunst des Liebens“ und „Haben oder Sein“ kennt, weiß nur wenig von den Quellen, aus denen sich sein Denken speist. Beide Bücher sind für ein großes Publikum geschrieben. In beiden geht es um Kulturkritik: darum, dass die Art und Weise, wie wir unser gesellschaftliches Zusammenleben auf Wettbewerb und Profitmaximierung gründen, den Einzelnen und damit die Gesellschaft als Ganzes krank macht; aber auch darum, Alternativen aufzuzeigen, wie man sich in einer verrückt gewordenen Welt eine auf Liebe und schöpferische Kreativität gegründete Menschlichkeit bewahren kann.

Prophetischer Ton #

In beiden Büchern fällt der prophetische Ton auf, in dem sie geschrieben sind. Das Prophetische war für Fromm grundsätzlich positiv konnotiert: Propheten sind, wie er schreibt, „Menschen, die Ideen verkündigen und die diese Ideen gleichzeitig leben“. Gerade die jüdischen Propheten hätten gewusst, „dass der Mensch eine Antwort auf seine Existenz finden müsse und dass die Antwort in der Entwicklung seiner Vernunft und seiner Liebe bestehe“. Aufgrund seiner Herkunft aus orthodox-jüdischem Milieu wusste Fromm, wovon er sprach. Als junger Mann war er fasziniert von der traditionell- jüdischen Lebenspraxis, die sich standhaft jeder Assimilation verweigerte. Er hatte intensive Talmud-Studien betrieben, verkehrte in zionistischen Zirkeln, 1920 zählte er in Frankfurt zu den Begründern und ersten Dozenten des „Freien Jüdischen Lehrhauses“, einer Art jüdischer Volkshochschule. Bei Alfred Weber, dem Bruder des 1920 verstorbenen Max Weber, promovierte er 1922 in Heidelberg mit einer Dissertation über „Das jüdische Gesetz. Ein Beitrag zur Soziologie des Diasporajudentums“.

Sein späterer Bruch mit der traditionell-jüdischen Lebensform war nicht zuletzt der Begegnung mit der Freud’schen Psychoanalyse geschuldet. Fromm hatte Frieda Reichmann kennengelernt, die seit 1924 in Heidelberg ein privates psychoanalytisches Sanatorium führte. Er heiratete seine Analytikerin und wollte nun selbst Analytiker werden. 1929/30 schloss er am psychoanalytischen Lehrinstitut in Berlin seine Ausbildung ab und eröffnete eine eigene Praxis. Für seine weitere intellektuelle Entwicklung bedeutsam wurden aber die Möglichkeiten, die sich zur selben Zeit in Frankfurt auftaten. Von Max Horkheimer erhielt Fromm 1930 am Frankfurter Institut für Sozialforschung die Leitung einer eigenen Sozialpsychologischen Abteilung übertragen. Schon im Jahr zuvor hatte er dort mit einer empirischen Erhebung zu Lebensgewohnheiten und politischen Einstellungen unter Arbeitern und Angestellten im Rheinland begonnen. Der grundlegende Gedanke war, dass das gemeinsame Lebensschicksal vieler Menschen deren individuelle Triebstruktur in gleicher Weise formt. Aus der letztlich durch die ökonomische Situation aufgenötigten Triebunterdrückung resultieren kollektive Haltungen und Einstellungen, die funktional seien für eine Anpassung an die bestehenden Verhältnisse. Was Fromms analytische Sozialpsychologie also zu leisten beanspruchte, war eine psychologische Erklärung dafür zu entwickeln, warum Menschen auf die erzwungene Unterdrückung ihrer Triebwünsche nicht mit Rebellion, sondern mit Unterwerfung reagieren.

Die Arbeiter- und Angestelltenerhebung sollte zeigen, dass nicht jede Form des politischen Protests Ausdruck einer auch entsprechend emotional verankerten revolutionären Haltung sein muss. Der Fragebogen enthielt neben eindeutig politischen Fragen auch Punkte, die nicht einfach mit eingelernten Parteiparolen zu beantworten waren: zum Beispiel Fragen zur Prügelstrafen in der Kindererziehung, zur sexuellen Aufklärung, zur Berufstätigkeit von Frauen, dann auch über Frauenmode – kurze Röcke, Seidenstrümpfe, Bubikopf, Verwendung von Puder, Parfüm, Lippenstift etc. Die Antworten wollte Fromm wie die freien Einfälle in einem psychoanalytischen Setting verwerten: als Indizien, die Rückschlüsse auf unbewusste Einstellungen und Motivlagen zulassen. Die Ergebnisse waren ernüchternd: Auch bei einem großen Teil politisch links organisierter Arbeiter fanden sich Inkonsistenzen zwischen progressiver politischer Haltung und latent autoritärer Charakterstruktur.

Als „Charakter“ bezeichnete Fromm das psychologische Produkt der Anpassung der Triebstruktur an die je bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen. Die Gesellschaft bringt einen Typus von Mensch hervor, dessen psychische Ausstattung gewährleistet, dass Individuen gewohnheitsmäßig und freiwillig (d. h. lustvoll!) das tun, was zum Fortbestand und zur Weiterentwicklung der Gesellschaft notwendig ist. Dem von Max Weber postulierten „Geist“ der kapitalistisch- bürgerlichen Gesellschaftsformation ordnete Fromm als Gesellschafts-Typus den nach Freud durch Ordnungsliebe, Geiz und Eigensinn gekennzeichneten analen Charakter zu. Angesichts des Siegeszugs des europäischen Faschismus wurde schließlich der sadomasochistische Charakter als „normaler“ Menschentypus der autoritären Gesellschaftsordnung bestimmt: jener „autoritäre“ Menschentypus, der gegenüber Stärkeren mit Unterwürfigkeit, gegenüber Schwächeren mit Verachtung reagiert, nach oben buckelt und nach unten tritt. Das Bild, das Fromm entwarf, war mehr als düster. Es ist so, als würden die Menschen in einem Käfig sitzen, der da Kapitalismus oder Faschismus heißt, in dem sie sich eingerichtet haben, im Grunde zufrieden mit sich und dieser Welt. Wo soll da Aussicht, Hoffnung auf Veränderung sein? Fromms Theorie nach seiner Emigration lässt sich als fortgesetzter Versuch interpretieren, den pessimistischen Konsequenzen jenes Standpunkts, zu dem er durch die Kombination von Psychoanalyse und Marxismus gelangt war, zu entrinnen. Ohne „Adaptierung“ seiner Prämissen war das freilich nicht möglich.

Letztlich rückte Fromm ab von den triebtheoretischen Konzepten der klassischen Psychoanalyse. Aus gesellschaftlichen Libidostrukturen wurden durch zwischenmenschliche Beziehungen vermittelte gesellschaftliche „Charakterorientierungen“, darunter „produktive“ und „nicht-produktive“. Zu den unproduktiven Orientierungen zählten weiterhin der anale und sadomasochistische Charakter; neu hinzu kam u. a. der nekrophile Charakterzug. Vor dem Hintergrund der Gefahr eines Atomkriegs wollte Fromm damit die, wie er glaubte, zunehmende Tendenz zu Lebensfeindlichkeit und Zerstörung erfassen. Die Beschreibung der produktiven Charakterzüge erlaubte ihm aber die Rückkehr zu seinen Wurzeln in der mystisch-religiösen Welt des Judentums: zu seinem Glauben, dass der Mensch sich doch frei machen kann von seinen Bindungen an eine im Grunde feindliche Welt – und dass diese Freiheit die Voraussetzung dafür ist, die in jedem Menschen angelegten Kräfte der Vernunft, der Liebe und der schöpferischen Produktivität zu verwirklichen.

Der Autor ist Univ.-Prof. und Dekan der Fakultät für Psychologie an der Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) Wien.

DIE FURCHE (12. März 2020)