unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
6

Anti-Fundamentalismus mit Strahlkraft #

Am 8. März jährt sich der Geburtstag des Philosophen und Kommunikationsforschers Ernst von Glasersfeld zum 100. Mal. Als Begründer des „Radikalen Konstruktivismus“ wurde er zu einem der einflussreichsten Denker der Gegenwart: Sein Werk ist gerade heute aktuell. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 2. März 2017).

Von

Michael Schorner


Ernst von Glasersfeld
Ernst von Glasersfeld
Foto: APA / Neubauer

Das Pendeln zwischen Berufen, akademischen Disziplinen und Sprachen fiel ihm leicht; dass er sich vieles als Autodidakt aneignete, war für die ungewöhnliche Karriere kein Hindernis. Trotzdem oder vielleicht deswegen konnte Ernst von Glasersfeld eine Wissenstheorie ausarbeiten, die auf Philosophie und den Naturwissenschaften aufbaut.

1917 als Sohn eines ehemaligen k. u. k. Diplomaten geboren, verbrachte er die Kindheit in Meran und einem Internat in der Schweiz. Nach dem abgebrochenen Mathematikstudium in Zürich und Wien sowie der ersten Bekanntschaft mit Wittgensteins „Tractatus“ folgte ein Intermezzo als Schilehrer und erster australischer Abfahrtsmeister. Im neutralen Irland schlug sich Glasersfeld mit seiner Frau als Farmer durch und entdeckte in „Finnegans Wake“ von James Joyce Anspielungen auf den italienischen Philosophen Giambattista Vico, ein Urvater des modernen Konstruktivismus. Dass sich eine Realität außerhalb unserer Wahrnehmung nicht belegen lässt, fand er in den Werken von George Berkeley bestätigt.

Als irischer Staatsbürger kehrte Glasersfeld nach dem Krieg zurück nach Meran und wurde Kulturredakteur. Zu der wohl folgenreichsten Begegnung kam es 1947, als er den italienischen Philosophen Silvio Ceccato kennenlernte. In Mailand arbeitete Glasersfeld mit Ceccato an einem Forschungsprojekt zur maschinellen Sprachübersetzung, für die nötige Rechenleistung sorgte ein selbstgebauter „Sperrholzcomputer“ – die Operationen führte man händisch aus. Glasersfeld, der mehrsprachig aufgewachsen war, machte einmal mehr die Erfahrung, dass „jede Sprache eine andere begriffliche Welt bedeutet“. 1966 übersiedelte er als Leiter des von der U.S. Air Force finanzierten Projekts in die USA an die Universität von Georgia in Atlanta.

Kommunikation mit Schimpansen #

Zu Bekanntheit gelangte er mit „Yerkish“, einer Symbolsprache zur Kommunikation mit Schimpansen. Die mit Heinz von Foerster und Paul Watzlawick entwickelte Theorie des Wissens erhielt 1974 das Label „Radikaler Konstruktivismus“. Mit dem Epitheton „Radikal“ intendiert Glasersfeld eine Kompromisslosigkeit im Sinne des radikalen Empirismus von William James, um zu den epistemologischen Wurzeln zurückzukehren und sich von „trivialen Konstruktivismen“ abzugrenzen.

Ceccatos Denkfabrik zur Neufundierung von Kognition und Sprache war die Keimzelle, doch der wichtigste Einfluss kam vom Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget, der die „Konstruktion der Realität“ und die Bedeutung der Anpassung an die Umwelt beschrieb. Während in den USA und England der Radikale Konstruktivismus vor allem in der Wissenschaftsdidaktik und in den Naturwissenschaften Einzug hielt, wird er in Deutschland, Österreich und Italien in der Psychologie, Pädagogik, Psychotherapie, in den Kommunikationswissenschaften, der Ökonomie und Philosophie debattiert. In den letzten Jahrzehnten hat er den Kritischen Rationalismus zunehmend als Forschungsparadigma verdrängt.

Zum losen Netzwerk der radikal konstruktivistischen Forschungstradition gehören diverse Forschungsprogramme, neben Glasersfelds Sprach- und Lerntheorie Heinz von Foersters Kybernetik zweiter Ordnung, das verwandte Konzept der Autopoiesis (H. Maturana, F. Varela), sowie Siegfried J. Schmidts Medienepistemologie. Die wichtigsten Prämissen: Wissen kann nicht von anderen übernommen werden, sondern muss konstruiert werden. Es ist ein Instrument der Anpassung und nicht ein Spiegel der Realität, wie sie ohne uns sein mag. Erfahrungen sind prinzipiell selbstreferentiell, die Erkenntnis einer vom Beobachter unabhängigen Realität ausgeschlossen. Dass aus einem naiven Realismus „common sense“ wurde, sah Glasersfeld in einer durch lange Konstruktionsprozesse vermittelten Illusion begründet.

Tagung an der Uni Innsbruck #

Nach der Emeritierung als Professor für Kognitionspsychologie in Georgia setzte er seine Forschungen in Massachusetts und als Gastprofessor in Europa und in den USA fort. Vielfach ausgezeichnet starb er 2010. Sein Nachlass befindet sich im Ernst-von-Glasersfeld- Archiv an der Universität Innsbruck. Dort findet aus Anlass seines 100. Geburtstags vom 20.– 22. April eine Tagung zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Radikalen Konstruktivismus statt. Die Zugänge zeigen, dass Glasersfelds Werk weiterhin rezipiert und entwickelt wird.

Doch wer will in einer Zeit, die als Beginn einer „postfaktischen“ Ära Ösgesehen wird, noch hören, dass alles nur konstruiert sei und wir die Wirklichkeit erfinden? Wenn aus einer akademischen „Wahrheitskrise“ plötzlich eine Alltagserfahrung wird, verwundert es nicht, dass relativistische Positionen unter Beschuss geraten. Es heißt, Postmoderne und Konstruktivismus würden die Politik von Trump und Putin, in der die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge keine Bedeutung mehr hat, erst ermöglichen. Doch wer meint, relativistische Theorien für Autoritarismus, populistische Beliebigkeit und Desinformation verantwortlich machen zu müssen, zäumt das Pferd beim Schwanz auf. „Das, wovon die Postmodernen geträumt haben, haben die Populisten verwirklicht“, heißt es in einem „Manifest des Neuen Realismus“.

Postmoderne und Konstruktivismus wurden in emanzipatorischer Absicht als Korrektiv angelegt, um Dogmatismus und Wahrheitsideale der „großen Erzählungen“ als Herrschaftsinstrumente zu entlarven. Wird der Einfluss philosophischer Positionen gar überschätzt oder braucht es, wie der konstruktivistische Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sagt, eine „Erkenntnistheorie des Widerstands“?

Reflexion von Sprachspielen #

Wenn sich Lügen, Fakten und gefühlte Wahrheiten vermischen, braucht es vor allem eine Erklärung. Der Konstruktivismus verweist auf die subjektive Interpretation als notwendige Bedingung jedes Denkens. Damit wird jedoch nicht Beliebigkeit gefördert und die Unterscheidung von Fakt und Fiktion verwischt, sondern vielmehr die Verantwortung des Einzelnen betont. Weitaus zielführender als der Verweis auf eine sogenannte Realität, die „jenseits des Diskurses steht“ (Josef Mitterer), ist die Reflexion von Sprachspielen, Konstruktionskriterien und -regeln sowie des Zustandekommens von Meinungen.

Der Radikale Konstruktivismus bietet sich als Erklärungsrahmen an, um die Prozesse und Voraussetzungen des Verstehens und Konstruierens von Bedeutungen, sowie die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen zu analysieren. Um zu verstehen, wie Trump mit „alternativen Fakten“ durchkommt oder wie das Internet durch Echokammern und Filterblasen Wahrheiten vorgibt, bringt ein Realismus keinen Vorteil. Im konstruktivistischen Modell baut das kognitive Subjekt eine intersubjektive Wirklichkeit zusammen mit den „Anderen“ auf.

Zu behaupten, der Radikale Konstruktivismus würde nicht zwischen Objektivem und Fiktivem unterscheiden, ist Unfug. Allerdings liegt die „Objektivität“ des Konstruktivisten innerhalb der Grenzen der Erfahrungswelt. Und letztlich ist es die Erfahrung, an der Lügen und Scheingebilde scheitern: Konstruktivistisches Denken schützt heute vor dem postfaktischen Sumpf.

Der Autor ist Philosoph im Glasersfeld Archiv/Brenner- Archiv der Univ. Innsbruck.

DIE FURCHE, Donnerstag, Donnerstag, 2. März 2017