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Mord mit Stil#

Georges Simenon und die Frage, welche Rolle die Sprache in einem guten Krimi ausmacht.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 15. November 2018

Von

Edwin Baumgartner


Georges Simenon 1965
Ohne Pfeife kein Georges Simenon.
Foto: Name. Aus: Wikicommons, unter CC BY 4.0

Ja, was denn nun? - Meisterstilist oder Stümper? So ganz einig wird sich die literarische Welt wohl nicht mehr über Georges Simenon. William Faulkner beispielsweise fühlte sich gar an Anton Čechov erinnert, und André Gide meinte gar, Simenon sei "möglicherweise der größte und natürlichste Romancier, den die französische Literatur heute besitzt." Na bitte: Zwei Literaturnobelpreisträger können nicht irren. (Es ist eine übersehbare Unstimmigkeit, dass Gide den belgischen Autor für die französische Literatur reklamiert.) Was zählt da schon die Stimme des deutschen Feuilletonisten Jochen Schmidt, der Simenon für heillos überschätzt hielt? Andererseits: Schmidt war zwar vor allem Tanz-Experte, aber auch für die literarischen Dinge hatte er eine feine Nase.

Irgendetwas scheint nicht zusammenzupassen. Der "Fall Simenon" hält die Literaturkritik weiter in seinen Klauen. Der "Fall Simenon" - das geht auf den französischen Autor Robert Brasillach zurück, der bereits 1932 zwei Charakteristiken Simenons herausgearbeitet hat: Seiner Auffassung nach stehen Simenons Beobachtungsgabe und das Gespür für Atmosphäre einer sprachlichen Nachlässigkeit gegenüber.

Der Vielschreiber#

Nahezu ein Wunder wäre es, wäre es anders. Simenon war nämlich ein Vielschreiber: 75 Kriminalromane über seinen weltweit bekanntesten Helden, den Kommissar Maigret, 118 Nicht-Maigret-Romane, 167 Erzählungen, dazu kommen Reportagen, Hörspiele und Drehbücher, weiters ungefähr 200 Romane für Groschenhefte, die Simenon unter Pseudonymen verfasst hat, und mehr als 1000 ebenfalls unter Pseudonymen veröffentlichte Erzählungen. Wo hat der Mann nur die Zeit hergenommen, obendrein, seiner eigenen Aussage zufolge, mit 10.000 Frauen zu schlafen? Nun gut, seine Frau meinte, die Zahl sei arg übertrieben, es seien nur ("nur"!) etwa 1200 gewesen. Dennoch. . .

Was die literarische Produktion Simenons betrifft: Dass zwei Verlage des deutschen Sprachraums, der Schweizer Kampa und der deutsche Hoffmann und Campe, kürzlich eine Simenon-Ausgabe gestartet haben, ist also ein gewaltiges Unterfangen - auch dann, wenn bei etlichen Romanen die alten Übersetzungen nur überarbeitet werden. Alle "Maigrets" sind versprochen, dazu "alle großen Nicht-Maigrets". Aber was heißt schon "groß"? Oder wird es doch eine "Gesamtausgabe", wie es im deutschen Feuilleton mehrfach geschrieben steht? Die Verkaufszahlen werden wohl die Entscheidung treffen. Erschienen sind vorerst jedenfalls einmal die "Intimen Memoiren" und, richtiges Zählen vorausgesetzt, zwölf Maigrets und zehn Nicht-Maigrets, darunter ein Band mit vier kurzen Kriminalerzählungen.

Damit zurück zur Gretchenfrage: Was ist dran an Simenon? Ist das nun stilistischer Mist, oder hat Simenon ein geniales schriftstellerisches Konzept entworfen mit einer bewussten Reduktion auf einen begrenzten Grundwortschatz? Lediglich rund 2000 Wörter umfasst Simenons Wortschatz, "Autorenwörter" hat Simenon stets vermieden. Den Rat zur sprachlichen Vereinfachung hat er von Colette bekommen.

Und überhaupt: Haben Fragen des Stils etwas mit einem Krimi zu tun? Genügt es nicht, wenn ein Krimi nur Lesefutter ist, eine Leinwand für das Kino im Kopf?

Dementsprechend kümmert sich Christian Schärf in seinem Duden-Ratgeber "Spannend schreiben" kaum um Fragen des Stils. Raymond Chandler nennt er im Kapitel über die Sprache als Vorbild - nicht Simenon, den er bei der Dialogführung zitiert. Nur macht einerseits ein Chandler, bei allen Verdiensten, nicht automatisch einen gelungenen Krimi-Stil aus - und dann sind da auch noch die bewundernden Autoren-Urteile über den von anderen Seiten als sprachlich nachlässig gescholtenen Simenon.

Skizzen einer Szene#

Ein stilistisches Experiment gefällig? Die Situation: Ein bärtiger Mann wartet im Nieselregen an einer Straßenecke - das Warum spielt keine Rolle.

Krimi Nummer eins: "Unter nässendem Himmel wartete der Gebartete, gekleidet in einen Mantel von nächtlich dunklem Blau, der, als er ihn vom Schneider abgeholt hatte, Jahre ist es her, von schöner Eleganz und dem Vermögen des Besitzers gekündet haben mochte, im Lauf der Jahre aber, wie sein Besitzer, an Erscheinung verloren hat, im klandestinen Schummern der Straßenlaterne."

Krimi Nummer zwei: "Der Mann: bärtig, fett, in einen nachtblauen Mantel gewickelt. Wartet. An der Straßenecke. Nieselregen. Autoscheinwerfer im nassen Spiegel der Straße. Zeit rinnt."

Krimi Nummer drei: "Der Mann wartete an der Straßenecke. Er achtete kaum auf das Nieseln. Nur den Mantel zog er um sich, soweit es sein Bauch zuließ. Hin und wieder verfolgte er mit seinem Blick das Licht eines Autoscheinwerfers, das sich auf der Fahrbahn spiegelte."

Alle drei Szenenbeschreibungen transportieren die ungefähr gleiche Menge an Informationen. Krimi Nummer eins erfreut sich an umständlichem Satzbau und gesuchten Wörtern. Das ist charakteristisch für einen Autor, der, unabhängig vom gerade erzählten Inhalt, auf sich selbst aufmerksam machen will. (Dank an den für seinen Stil gerühmten Fantasy-Autor Wolf von Niebelschütz für die Wortpreziosität "gebartet".) Auch der Autor von Krimi Nummer zwei will auf sich selbst aufmerksam machen, nur mit einer anderen Methode: Statt gesuchter Wörter und Konstruktionen verknappt er, zerstückelt die Sätze, streut Interpunktionen als Stolpersteine für den Leser.

Krimi Nummer drei ist ungefähr die Methode Simenon: Kein Wort zu viel, die Atmosphäre (feucht-kühler Abend) teilt sich mit, die Sätze sind korrekt gebaut und erheben keinen Anspruch auf Raffinesse. Oder um einen echten Simenon zu zitieren (aus dem Meisterwerk "Maigrets Nacht an der Kreuzung"): "Es war eine kühle Nacht. Von den Feldern stieg Nebel auf und dehnte sich wellenartig einen Meter über dem Erdboden aus."

Unter Schund-Verdacht#

Besonders im deutschsprachigen Raum herrscht ein Argwohn gegenüber leicht schreibenden Autoren. Nur im Ringen liegt die Kunst - ganz, als wäre die Genialität ein Muskel. Simenon pflegte die Hintergründe seiner Romane zu recherchieren, die Beziehungen der Personen und die Handlung zu skizzieren und dann den Roman in einem tranceähnlichen "Zustand der Gnade", wie Simenon es nannte, in rund vierzehn Tagen niederzuschreiben. Keine intellektuelle Kontrolle, keine polierende Hand: Da erhebt sich der Schund-Verdacht.

Was aber, wenn die Kriterien, nach denen in der Regel "große Literatur" beurteilt wird, falsch sind? Wie lange hat Homer an der "Odyssee" geschrieben? Was, wenn Ovid die "Metamorphosen" seinem Sekretär in ein paar Tagen in Griffel und Wachstafel diktiert hat? Umgekehrt: Würde nun nachgewiesen, dass sich Rosamunde Pilcher "Blumen im Regen" abgerungen hat und erst mit der siebenten Version des Romans zufrieden war - würde das an der Bewertung etwas ändern? (Abgesehen davon, dass die Pilcher lange nicht so schlecht ist wie ihr Ruf.)

Und überhaupt: Wer bestimmt, was bedeutende Literatur ist, und hat dazu ein allgemeingültiges Instrumentarium? Und während manch einer mit Diskussionen darüber trefflich Zeit verbringt, liest ein anderer Simenons "Maigrets Nacht an der Kreuzung" oder "Die Pitards" und begreift, dass Gide und Faulkner durchaus recht hatten. Nun gut, Simenon war kein zweiter Čechov und wohl auch nicht der bedeutendste frankophone Autor seiner Zeit - aber Genreliteratur so zu schreiben, dass sie aus dem Genre heraustritt in die Welt der großen Literatur: Das muss einer können. Und überhaupt: Wen kümmert es, ob es nun große Literatur ist oder Schund, wenn ein Kommissar Maigret ermittelt oder "Das blaue Zimmer" einen Traum in einen Albtraum verwandelt?

Wiener Zeitung, 10. November 2018