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Ein ewiger Anfänger#

Der Schriftsteller Heinrich Böll versuchte zeitlebens, die Erwartungen, die an ihn gerichtet waren, zu unterlaufen. Am 21. Dezember würde er 100 Jahre alt.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Samstag, 16. Dezember 2017

Von

Christian Teissl


Heinrich Böll (1917-1985), Romancier, Essayist, Linkskatholik, Polemiker. Foto aus dem Jahr 1983., Foto: Marcel Antonisse / Anefo. Aus: Wikicommons
Heinrich Böll (1917-1985), Romancier, Essayist, Linkskatholik, Polemiker. Foto aus dem Jahr 1983.
Foto: Marcel Antonisse / Anefo. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 3.0

"Durst! Wasser! Flieger! Panzer! Jammer! Blut und Feuer! Jammer! Not, Dreck und Elend…" In großen Lettern schreibt der Gefreite Heinrich Böll im Mai 1944 an der rumänischen Front diese Worte in sein Tagebuch, dem er seine Träume anvertraut, in das er die Orte notiert, in die der Krieg ihn verschlägt, Titel von Filmen, die er im Frontkino gesehen hat, Titel von Büchern, die er gierig liest, und immer wieder, wie beschwörend, den Namen seiner Frau Annemarie. Dieses Kriegstagebuch, das Böll zwischen 1943 und 1945 führte, ist Ausdruck der Ausweglosigkeit und abgrundtiefen Verzweiflung, aber auch der unerschütterlichen Zuversicht (die Worte "Gott lebt und Gott wird mir helfen!" kehren leitmotivisch wieder). In einer sorgfältigen Faksimileausgabe liegt es nun erstmals vor, penibel transkribiert und aufschlussreich kommentiert. In ihm finden sich alle die Stichworte versammelt, aus denen Böll nach dem Krieg dann Geschichten geformt hat.

"Tiefe Empfindsamkeit"#

Geschrieben hatte der Sohn einer katholischen Kölner Handwerkerfamilie schon vor dem Krieg, hatte verträumte Verse gezimmert - Proben davon zitiert Jochen Schubert in seiner soeben erschienenen neuen, materialreichen Biographie - und unter dem Eindruck der Lektüre Léon Bloys und anderer Autoren des Renouveau catholique einen Roman mit dem Titel "Am Rande der Kirche" begonnen. Der Krieg aber machte alle seine literarischen Pläne zunichte. Ende August 1939, noch keine 22 Jahre alt, wurde er zu einer Übung eingezogen, die sich, wie er später sarkastisch bemerkte, "bis zum November 1945 hinzog". Böll durchwanderte den Krieg an verschiedenen Fronten und sandte von überall Feldpostbriefe nach Hause. "Gott hat mir nicht umsonst eine so tiefe Empfindsamkeit gegeben und hat mich nicht umsonst so leiden lassen, ich habe gewiß eine Aufgabe zu erfüllen, von der ich selbst vielleicht nicht einmal etwas ahne", heißt es in einem Brief.

Im Herbst 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in die Freiheit entlassen - das Kriegstagebuch schließt mit den Worten "Entlassung in Bonn" - kehrte er zu seiner Familie zurück und fand rasch zu seiner Aufgabe: Zeugnis ablegen von dem, was er gesehen, erlebt und erlitten hatte, an der Front, in der Etappe, im Hinterland. Dabei folgte er der Losung Wolfgang Borcherts: "Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv." Es war die Losung der Stunde. Laut und deutlich stellte Böll die Frage nach Schuld und Mitverantwortung und stellte sich, um Ausdruck ringend, dem rasch einsetzenden Vergessen und Verdrängen entgegen.

"Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später". Dieser lapidare Satz steht am Ende einer Selbstauskunft Heinrich Bölls aus dem Jahr 1958. Inzwischen zählte er bereits zu den "führenden Repräsentanten" einer neuen deutschen Literatur, war ein gefragter Beiträger damals viel gelesener Zeitschriften wie den linkskatholischen "Frankfurter Heften". Seine Kurzgeschichten erschienen im Feuilleton der "FAZ" und in zahlreichen Anthologien, Hörspiele aus seiner Feder wurden auf allen deutschen Sendern ausgestrahlt; in Diskussionen und Debatten wie etwa jener um die Remilitarisierung der jungen Bundesrepublik meldete er sich zu Wort, und sein Wort fand Widerhall, entschiedene Zustimmung und erbitterte Ablehnung.

Mochte er auch "angekommen" sein, mochte er sich mehr als andere Autoren seiner Generation im bundesdeutschen Kulturbetrieb etabliert haben, so hinderte ihn dies nicht daran, ein ewiger Anfänger zu bleiben, neues sprachliches Material zu erproben, neue ästhetische Verfahren auszuprobieren, mit Formen und Stilen zu experimentieren, auch auf die Gefahr hin, auf halber Strecke zu scheitern - oder über’s Ziel hinauszuschießen.

Schreiben blieb für ihn, auch als man ihn längst zum Gegenwartsklassiker stempelte und sein Name bereits als "literarische Marke" gehandelt wurde, ein riskanter Vorgang. Rückhaltlos bekannte er sich zum "Risiko des Schreibens": "So wenig wie Geburt und Tod und alles, was dazwischen liegt, Routine werden können, so wenig kann es die Kunst. Freilich gibt es Menschen, die ihr Leben routiniert leben; nur: sie leben nicht mehr. Es gibt Künstler, Meister, die zu bloßen Routiniers geworden sind, aber sie haben - ohne es sich und den anderen einzugestehen - aufgehört, Künstler zu sein. "

Böll scheute bis zuletzt kein literarisches Risiko. Er hätte es sich leicht machen können, hätte sich nach dem Erfolg von "Dr. Murkes gesammeltem Schweigen", jener Erzählung, die bis heute wohl zu seinen populärsten Schöpfungen zählt, ganz auf das Verfassen flüssig geschriebener, zeitnaher Satiren verlegen können, hätte die schnörkellose Romanprosa der "Ansichten eines Clowns" bis an sein Lebensende fortschreiben können - und hätte alle Erwartungen der Leserschaft erfüllt und manche Großkritiker zufriedengestellt.

"Größenblind"#

Böll aber wurde jahrzehntelang und bis zuletzt nicht müde, die Erwartungen, die man in seinen Namen setzte, zu unterlaufen: Als Curt Hohoff, ein konservativer Kritiker, 1957 Bölls "Irisches Tagebuch" mit den Worten lobte, hier habe sich ein Autor endlich von seinem Milieu und seinen Ressentiments befreit, es rieche in diesem Buch - anders als in dessen Vorgängern - nicht mehr penetrant nach Waschküche und billigem Tabak, erwiderte Böll auf dieses Lob mit einer "Verteidigung der Waschküchen": "Was das Armeleutemilieu betrifft" heißt es darin, "so frage ich mich schon lange, welche anderen Milieus es noch gibt: das Feineleutemilieu, das Kleineleutemilieu (nach dem Motto: arm, aber brav), das Großeleutemilieu; das Große-leutemilieu ist mir durch die Geschicklichkeit moderner Reklame erspart: Die Großen der Welt tragen Rolex-Uhren. Was habe ich da noch mitzuteilen? Die kleinen Leute? Ich bin größenblind, so wie man farbenblind ist, ich bin milieublind und versuche, Vorurteilslosigkeit zu üben, die gar oft mit Urteilslosigkeit verwechselt wird. Größe ist eine Vokabel, die nicht vom sozialen Ort abhängt, so wie Schmerz und Freude unabhängig vom Sozialen sind . . ."

Das "Irische Tagebuch" blieb ein Solitär innerhalb seines Werks; Böll wiederholte sich nicht. Sobald er einmal sicheren Grund unter seinen Füßen verspürte, verließ er ihn wieder. Selbst dem Komitee, das ihm 1972 den Nobelpreis für Literatur verlieh, gelang es nicht, aus ihm einen sakrosankten Klassiker zu machen, der nur noch Werke klassischen Zuschnitts der Öffentlichkeit übergibt, im Gegenteil: Nur zwei Jahre nach der Verleihung des Preises erschien sein umstrittenstes Buch, die Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", die im verfremdenden Stil einer Sachverhaltsdarstellung exemplarisch berichtet, wie die Boulevardpresse, assistiert von der Polizei und begünstigt von einer hysterisierten Öffentlichkeit, das Leben einer jungen Frau zerstört.

Das Buch, mittlerweile Schullektüre und einem breiten Publikum bekannt, nicht zuletzt durch die kongeniale Verfilmung von Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff, provozierte damals Friedrich Torberg zu einer Rezension in Form einer Parodie unter dem Titel "Jetzt böllert‘s" und den Soziologen Helmut Schelsky zu einer Streitschrift, in der er Böll vorwarf, ein naiver Denker zu sein, dem er empfahl, sich fortan öffentlicher Stellungnahmen zu enthalten.

Böll indessen wurde nicht müde, sich weiter einzumischen, mit dem einzigen Mittel, das ihm zu Gebote stand, seiner Sprache. "Er konnte zornig sein und in seinem Zorn mit Kräften austeilen", wie Ralf Schnell in seinem soeben erschienen, brillanten Essay "Heinrich Böll und die Deutschen" bemerkt. "Er machte sich angreifbar, und er wurde missverstanden. Dass er sich zu keinem Zeitpunkt taktisch verhielt, sondern die katholische Kirche ebenso attackierte wie die SPD, den politischen Konservatismus in Deutschland ebenso wie die realsozialistischen Machthaber in den Staaten des Ostblocks - diese Form des unbestechlichen Engagements sicherte ihm bis zu seinem Tod einen unruhigen Platz zwischen allen Stühlen."

Kindheitsparadies#

Für diesen unruhigen Platz war jemand wie Böll geradezu prädestiniert. Am Ende des Kaiserreiches geboren, verbrachte er seine Kindheit in der Weimarer Republik - das Köln jener Jahre empfand er später als ein verlorenes Paradies. Er war bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten, denen er von Anfang an ablehnend gegenüberstand, 17 Jahre alt, und erlebte mit 28 Jahren das ersehnte Ende des Dritten Reichs, mit 32 die Gründung der Bundesrepublik. An Staaten zu glauben fiel ihm vor diesem Hintergrund schwer, am Begriff der Heimat hielt er fest.

Seine Heimat allerdings war 1933 untergegangen, das Köln seiner Kindheit war durch Krieg und Naziherrschaft unwiderbringlich verloren; der Wiederaufbau der Stadt brachte sie ihm nicht zurück. "Alle Spuren", bemerkte Christian Linder 1978, "die in den Büchern gelegt sind, führen zurück in seine Kindheit." Aus dieser Verteidigung der Kindheit folgt konsequent Bölls Nonkonformismus, der bei allen ästhetischen Wandlungen unwandelbar blieb von den frühen Kurzgeschichten, die Einzelschicksale aus Krieg und Nachkrieg gestalten, bis hin zum späten düsteren Panorama der Bonner Republik und ihres Machtgefüges in dem Dialogroman "Frauen vor Flusslandschaft" (1985). Nichts als die Kindheit im Gepäck, blieb Böll zeitlebens auf der Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land.

Literatur#

  • Heinrich Böll: Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind.Die Kriegstagebücher 1943-45. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 332 Seiten, 22,70 Euro.
  • Ralf Schnell: Heinrich Böll und die Deutschen.Kiepenheuer & Witsch 2017, 235 Seiten, 19,60 Euro.
  • Jochen Schubert: Heinrich Böll. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2017, 343 Seiten, 30,80 Euro.

Christian Teissl, geboren 1979, lebt als freier Schriftsteller in Graz. Näheres unter http://www.christianteissl.at.

Wiener Zeitung, Samstag, 16. Dezember 2017