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Peter Handke: "Die Langsamkeit ist das Geheimnis"#

In seinem großen Schreib-Projekt der Sorgfalt bewahrt der Nobelpreisträger vieles auf, was aktuell nicht zählt.- Anmerkungen zu seiner Poetologie.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 12. Oktober 2019

Von

Evelyne Polt-Heinzl


Peter Handke
Peter Handke in seinem Garten in Chaville, nach Verkündung des Nobelpreises.
Foto: © AFP/Alain Jocard

Von der Literatur "sind mir Sachverhalte gezeigt worden, deren ich nicht bewußt war oder in unbedachter Weise bewußt war. Die Wirklichkeit der Literatur hat mich aufmerksam und kritisch für die wirkliche Wirklichkeit gemacht". So formulierte Peter Handke 1967 zu Beginn seines Essays "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms", und genau diesen Titel gab er 1972 einem Sammelband mit Betrachtungen über die Literatur, den Film und das Leben. Dieses Bekenntnis zum Elfenbeinturm wirkte damals provokant, die Stimmung wies in Richtung Kritik und Engagement, und es nimmt Handkes Entscheidung für eine Lebens- und Arbeitsform abseits des Zeitgeists vorweg.

Als er 2012 seinen "Versuch über den Stillen Ort" vorlegte und damit tatsächlich das stille Örtchen meinte, hat das die Kritik zum Staunen gebracht. Dabei hätte man es wissen können, schließlich hatte Handke in "Mein Jahr in der Niemandsbucht" (1994) schon angedeutet, dass das durchaus ein lohnendes Thema sein könnte. Niemand aber kann sich wie Handke diesem Ort des Rückzugs wie der Begegnung nähern und fast beiläufig seine "Entschlüsselung" liefern. Denn es hat System, wie die streng geometrischen Muster die Prozesse der so gar nicht abgezirkelten menschlichen Kreatürlichkeit überkacheln.

Repräsentant des Neuen#

Das ist vielleicht eine der am wenigsten beachteten Seiten von Handkes Werks: seine große Sensibilität für gesellschaftspolitische Implikationen und Entwicklungen. Das gilt keineswegs nur für das Frühwerk, das die damals in der Luft liegende Kritik an Sprache, Sprechweisen und Formvorgaben aufgreift, dabei jedoch immer einen Schritt über die bloße Zerschlagung von Modellen hinausgeht.

Der junge Handke als Popstar der Literaur
Der junge Handke als Popstar der Literaur: Blick in die Handke-Dauerausstellung im Stift Griffen.
Foto: © APA/Gert Eggenberger

In Phasen gesellschaftlicher Umbrüche werden mitunter Figuren als Repräsentanten des Neuen wahrgenommen, die das vielleicht nur zufällig sind und sich - wie Handke - rasch in der ihnen zugedachten Rolle nicht mehr wiederfinden. "Als ich die ‚Publikumsbeschimpfung‘ geschrieben hab, war ich wirklich das reine Kind meiner Zeit", so Handke in einem Interview. Das Bild trifft Handkes medienstarken Auftritt im Jahr 1966 - bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton und mit seinem Erfolgsstück "Publikumsbeschimpfung" - ziemlich genau und erklärt seine lebenslängliche Auseinandersetzung mit der Frage der Zeitgenossenschaft.

Handke war der Kultautor des Aufbruchs im Zeichen der Popkultur, der die Jugend mobilisierte. Als 1971 mehr als tausend jugendliche Besucher zu einer Lesung in die Grazer Neue Galerie drängten, wurde dem verspätet eintreffenden Handke der Zutritt verwehrt. "Handkemenge" titelte "Die Zeit" spöttisch.

Niemand ahnte damals, wie viele Themen etwa bereits in seinem ersten Roman "Die Hornissen" (1966) angedacht sind, die seine Poetologie prägen und ihn sein ganzes Leben beschäftigen werden. Während frühe Arbeiten wie "Kaspar" oder "Die Unvernünftigen sterben aus" den Missbrauch der Sprache zur Behübschung von Herrschaftsstrukturen thematisieren, öffnete er 1972 mit "Wunschloses Unglück" den Blick auf Figuren und Milieus, die meist nur in kurzen Phasen als literaturfähig gelten. Handke schildert das Leben seiner Mutter im Kontext ihrer Kärntner Keuschlerherkunft mit slowenischen Wurzeln und den Lebensverwicklungen durch die Zeitgeschichte, und daraus entsteht eine literarische Analyse der strukturellen Gewalt, die das Leben der Benachteiligten immer prägt und dabei so schwer namhaft zu machen ist.

Kriegshandlungen#

Seit "Wunschloses Unglück" ist auch evident, wie sehr Krieg und Faschismus die Folie von Handkes Schreiben bilden. Überblendungen mit Kriegshandlungen, die seinen Buchgegenden eingeschrieben sind, finden sich schon lange vor seinem Entsetzen über den Kriegsschauplatz Jugoslawien mitten in Europa. Die einseitige Berichterstattung darüber hat ihn zu einer nicht weniger einseitigen Parteinahme geführt, die seine Leserinnen und Leser bis heute zu vielen harschen und manchen gewundenen Distanzierungen zwingt.

An seiner Klarsicht in vielen anderen Bereichen ist jedoch nicht zu zweifeln. 1981, als das Wort Urbanität im Feuilleton gerade auftauchte und alle erwartungsfroh auf die Metropolen starrten, empfiehlt Handke "Über die Dörfer" zu gehen - und tut es. Für den ländlichen Raum aber interessierte sich damals niemand. Verdrängen kann man nicht nur die NS-Vergangenheit, sondern auch die eigene Herkunft aus ländlichen oder kleinstädtischen Verhältnissen, aus denen sich dann dank der Kreiskyschen Bildungsreform erstmals in der Geschichte Österreichs das Gros der jungen Intellektuellen rekrutierte.

Handke hat seine Herkunft freilich nie verleugnet. Die Internatsjahre brachten dem Keuschlerkind nicht nur die Erfahrung des Außenseiters, sondern auch der Entfremdung von allen Dorfbewohnern - in globalen Dimensionen gedacht -, denen ein Ausbruch in die Welt der Bildung, Kunst und Phantasie verwehrt bleibt. Soziale Aufsteiger aber behalten oft eine lebenslängliche Unsicherheit im neuen Milieu, und das meint hier nicht Fragen der Etikette, sondern etwas Prinzipielleres.

Wer weiß, was alles für das Leben so vieler nicht von Bedeutung sein kann, gerät in Rechtfertigungsnotstand, weshalb er es dennoch für (über-)lebenswichtig hält, zum Beispiel die Literatur. Handkes Werk durchzieht eine dichte Spur von phantasierten Richtersprüchen, dass sein Werk "ungültig" sei und ihm "Verdammnis" drohe, wie es dem Erzähler in "Nachmittag eines Schriftstellers" im Traum verkündet wird.

Ein Blick in Handkes Journal
Eifriger Notierer: Ein Blick in Handkes Journale in der Dauerausstellung im Stift Griffen.
Foto: © APA/Gert Eggenberger

"Die Langsamkeit ist das Geheimnis", heißt es in "Langsame Heimkehr". Das verstand 1979 niemand, schließlich war die ökonomische Lage gut und die Stimmung optimistisch. Handke nahm ein Unbehagen vorweg, das erst gut ein Jahrzehnt später mit dem Schlagwort "Entschleunigung" Thema wurde. Viele, die bis dahin in Handkes Büchern den Ausdruck ihres Lebensgefühls gesehen hatten, wandten sich nun ab. Manche kehrten mit der literarischen Hommage an seine "fluidale" Balkan-Heimat "Die Wiederholung" (1986) zurück, andere noch später. Während "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" (2002) wieder zwiespältig aufgenommen wurde, landeten "Don Juan (erzählt von ihm selbst)" (2004), "Gestern unterwegs" (2005) oder "Kali" (2007) in den Bestsellerlisten - und "Die Morawische Nacht" (2008) gar auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Die Konjunktur des Konzepts der Achtsamkeit hat offenbar viele der einst unwilligen "Pathos"-Kritiker für die Bedächtigkeit des "Wortklaubers" Handke sensibilisiert.

Verlusterlebnisse#

Es sei "die Summe seines bisherigen Werkes", schrieb ein Kritiker 1986 über "Die Wiederholung"; bei Handke trifft dieser Satz auf fast jedes neue Buch zu, auch weil er immer weiter an der Frage arbeitet, was alles im Zivilisationsprozess falsch gelaufen ist. Unreflektierter Fortschrittsbegeisterung setzt er sein Schreib-Projekt der Sorgfalt entgegen und bewahrt dadurch vieles auf, was aktuell nicht zählt, wie die Brachflächen in den urbanen Randlagen. Was er beschreibt, ist oft aus allen ökonomischen und medialen Verwertungszusammenhängen herausgefallen, seien es Gesten, Haltungen, Dinge, Wörter oder kulturelle wie literarische Formen und Muster. In diesem Sinn ist sein Werk eine Art Katalog der Verlusterlebnisse der Moderne.

Gegen Ende seines voluminösen Berichts "Mein Jahr in der Niemandsbucht" wird dem Chronisten bewusst, dass die Niemandsbucht gar keine Bucht ist, sich zumindest nicht gegen das Umland abgrenzt. Das hebelt die gesamte Erzählkonstruktion aus und lässt sie in sich zusammenstürzen wie ein Kartenhaus.

Noch radikaler inszeniert Handke das Verwirrspiel mit Autor-Anmaßung, Erzählstimmen, Realitätspartikeln und Spuren aus Leben wie Werk in "Die Morawische Nacht" (2008); im Schlussbild zeigt er das sorgsam errichtete Erzählgebäude als evidenten Kulissenzauber und kippt das Ganze in die Inexistenz - nicht Irrealität - eines Tagtraums. "Wer oder was war schimärisch, die Welt? Das Zeitalter? Ich?", lautet eine der unbeantworteten Fragen, die Handke immer häufiger zulässt. Das ist nicht ein zunehmend unsicheres Erzählen, sondern ein gelasseneres, das mehr im Offenen belassen kann und damit den "Zwischenräumen" im Text neue Möglichkeiten erobert.

Epos für die Gegenwart#

Das Epos für die Gegenwart zurückzuerobern und mit neuen Inhalten und Valenzen aufzuladen, daran arbeitet Handke seit vielen Jahren. Mit "Immer noch Sturm" schrieb er 2010 das Epos der Kärntner Slowenen, das viele Motivstränge seines Werks gleichsam bei einer Sitzbank im Kärntner Jaunfeld vertäut. Ausgangspunkt ist die Geschichte seiner Familie mütterlicherseits, aber wie stets schneidet er die Fakten mit Bedacht und poetischer Kraft schräg an, auch wenn konkrete Vorbildfiguren zu finden sind.

Was Handkes Bücher immer stärker einfordern, ist die Bereitschaft, sein Werk als poetisches Paralleluniversum zu lesen, und daran ist die Kritik mitunter tragisch gescheitert.

14-bändige Werkausgabe
2018 hat Suhrkamp eine 14-bändige Werkausgabe des nunmehrigen Literaturnobelpreisträgers herausgegeben
Foto: © AFP

",PARZIVALS SCHWESTER‘? ,DIE OBSTDIEBIN‘? . . . (,Letztes Epos‘)". So lautet ein Eintrag im 2016 erschienenen Journalband "Vor der Baumschattenwand nachts". Nur ein Jahr später erschien "Die Obstdiebin Oder Einfache Fahrt ins Landesinnere". Die Geschichte einer dreitägigen sommerlichen Fußreise in die Picardie im Nordwesten von Paris ist eine Art Werk- und Lebensbilanz. Tatsächlich sind fast alle Werke Handkes mit dem Titel, einem Zitat oder einem indirekten Verweis präsent, ebenso wie seine Lebensthemen: die geduldige Arbeit an der beschreibenden Wahrnehmung von Natur, Dingen und Menschen, die Bürde familiären Erbes, die Tragik verfehlter Eltern-Kind-Beziehungen oder die schwierige Balance zwischen Sehnsucht nach Zugehörigkeit und dem Bedürfnis nach Distanz.

Zugleich lässt sich das Buch als Roadmovie und Adventure-Spiel lesen. Handke gibt seiner jugendlichen Obstdiebin auf ihrer Reise Items der anderen Art an die Hand - magische Momente, Rituale, Fingerzeige - und lässt sie im rechten Moment auf Verbündete treffen.

Genau dieses rasche poetische Reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen macht Handkes Werk so einzigartig - und den Literaturnobelpreis so hochverdient. Ein Glücksfall, dass der Suhrkamp Verlag 2018, leicht verspätet zum 75. Geburtstag des Autors, eine längst überfällige Werkausgabe in 14 Bänden herausgebracht hat.

Evelyne Polt-Heinzl, geboren 1960, Literaturwissenschafterin, Staatspreis für Literaturkritik 2017, Autorin u.a. des Buches "Peter Handke. In Gegenwelten unterwegs" (Sonderzahl, Wien 2011).

Wiener Zeitung, 12. Oktober 2019