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Ein Hoffender und seine Sprache #

Am 14. April vor hundert Jahren verstarb Ludwik Lazar Zamenhof, der Erfinder des Esperanto. Die von ihm begründete Bewegung durchläuft gerade eine Metamorphose, das Internet hat zu einem unerwarteten Aufschwung der „Lingvo internacia“ geführt.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 13. April 2017

Von

Wolfgang Bahr


Ludwik Lazar Zamenhof, Zeitschrift „Esperanto“
Kleinodien Gr. Bild: Zamenhof mit seinem Schriftzug: „Wenn die Völker dereinst einander frei verstehen können, werden sie aufhören einander zu hassen.“ Li. oben: Bundespräsident Franz Jonas am Cover der Zeitschrift „Esperanto“.
Foto: Universala Eesperanto-Asocio

Ĝlis la bela sonĝo de l’homaro por eterna ben’efektiviĝos: So endet die von Zamenhof selbst verfasste Esperanto-Hymne. Als sie im Kriegsjahr 1917 an seinem Grab in Warschau gesungen wurde, war man von der „Verwirklichung des Traums der Menschheit vom ewigen Heil“ weiter entfernt denn je. Kurz vor seinem Ableben hatte der an Angina pectoris Leidende noch das Ende des zaristischen Regimes erleben dürfen, doch nun war Warschau von deutschen Truppen besetzt.

Zwischen Fronten hatte sein Leben auch begonnen, am 15. Dezember 1859 in Białstok, heute polnische Grenzstadt zu Weißrussland, historisch mit dem nahen Litauen verbunden. Über Zamenhofs Vornamen, seine sprachliche Identität und seine politische Loyalität sind in den letzten Jahren detaillierte Untersuchungen angestellt und publiziert worden. Das Ende des Warschauer Pakts, die Öffnung von Grenzen und Archiven hat neue Perspektiven auch in der Esperanto-Forschung eröffnet. Der majstro wird ohne das frühere Pathos, ohne nationale und ideologische Voreingenommenheit durchleuchtet.

Als Lazar/Lejzer 14 war, übersiedelte die Familie in die Großstadt Warschau. Bisher jiddisch und russisch sozialisiert, kam bei ihm jetzt das Polnische hinzu, ergänzt von den Bildungssprachen Westeuropas, und zum Lazar gesellte sich der Ludwik. Das Schulwissen verband sich mit der Suche nach Orientierung.

„Lingvo internacia“ #

Dem Zionismus stand der Medizinstudent in Moskau zunächst skeptisch gegenüber. Das Osmanische Reich, das in Europa ständig geschwächt werde, wolle auf Palästina ebenso wenig verzichten wie die dort lebenden „wilden fanatischen Räubervölkchen“. Auch die Christen hätten ein Anrecht auf Jerusalem und orthodoxe und liberale Juden würden einander in die Haare geraten. Die Wiederbelebung des Hebräischen hält Zamenhof so wie den Fortbestand des Jiddischen für zweifelhaft. Die Alternative ist für ihn die Auswanderung nach Amerika. Sollte die Sehnsucht nach Erez Israel anhalten, so würde sich diese von den USA aus immer noch leichter erfüllen lassen als aus der Diaspora. Als 1882 der Pogrom nach der Ermordung Alexanders II. unerhörte Energien für die Alija nach Israel weckte, schloss sich Zamenhof unvermutet doch den Zionisten an, weil die Juden ihre Kräfte nicht verzetteln sollten. Sein zionistisches Engagement war aber nicht von Dauer. Als Theodor Herzl auftrat, hatte sein Kosmopolitismus längst wieder die Oberhand gewonnen.

Schon im Gymnasium hatte Zamenhof erste plansprachliche Versuche angestellt. Das lag nicht nur in Osteuropa gegen den Nationalismus im Trend. 1880 hatte der badische katholische Pfarrer Johann Martin Schleyer sein Volapük vorgestellt, die erste Plansprache, die von einer ansehnlichen Anzahl von Sprechern praktiziert wurde. Ihr rascher Niedergang hat den Erfolg des leichter zu erlernenden Esperanto sowohl begünstigt als auch erschwert. Am 26. Juli 1887 erschien Zamenhofs „Lingvo internacia“, zuerst die russische Ausgabe. Da Zamenhof sich gerade erst als Arzt zu etablieren begann, wählte er den Decknamen Esperanto, Hoffender, der in kürzester Zeit auf die Sprache übertragen wurde. Zamenhof hatte seine Sprache zwar mit Freunden erprobt, aber letztlich doch im Alleingang kompiliert. Den Wortschatz entnahm er europäischen Sprachen, ohne die Wörter wie Schleyer zu verballhornen (world speak in volapük), und die sechzehn Grundregeln erlauben ein fehlerfreies Beherrschen der Sprache nach vergleichsweise kurzem Studium. Dass die Auswahl der Phoneme und die vielen diakritischen Zeichen die Handschrift eines Dilettanten trugen, war leicht nachzuweisen, doch kein Reformversuch war von Dauer.

Was ist Sprache überhaupt? #

Zum Unterschied von Schleyer war Zamenhof anfangs sogar selbst bereit Änderungen zu akzeptieren. Doch die Leser der ersten Esperantozeitschrift, des Nürnberger Esperantisto, lehnten 1894 solche Eingriffe ab. Auch eine heftige Genderdiskussion wurde geführt, wird im Esperanto die weibliche Form doch stets von der männlichen abgeleitet: Die Partikel -in macht aus dem sinjoro die sinjorino. Und was ist Sprache überhaupt? Ist sie ein Organismus oder ein System? Die derzeit in der Kunsthalle Wien laufende Ausstellung „Mehr als nur Worte (über das Poetische)“ stellt diese Fragen interdisziplinär.

Zu heftigen Kontroversen kam es, als das Esperanto in Frankreich Fuß fasste. Der jüdisch- christliche Messianismus traf hier auf einen laizistischen Utilitarismus. Der sanftmütige kreinto des Esperanto konnte da ordentlich in Rage geraten: „Mit einem solchen Esperanto, das ausschließlich Zwecken des Handels und praktischem Gebrauch dienen soll, wollen wir nichts gemein haben“, so Zamenhof beim 2. Weltkongress in Genf 1906. Immer stärker widmete er sich der Ausprägung des Hilelismus – einer am Talmud anknüpfenden Universalreligion, die schließlich in den Homaranismus, die „Menschheitslehre“ mündete. Die Spra- che war nur mehr einer von mehreren Aspekten der Versöhnung der Menschen miteinander – angesichts der Diskussion um den Ethikunterricht wieder eine hochaktuelle Thematik. Beim 8. Weltkongress in Krakau zog Zamenhof die Konsequenz aus dieser Ausweitung seiner Interessen und legte seine Führungsrolle in der Esperantobewegung zurück.

Die Donaumonarchie hat in der frühen Esperantobewegung nur eine periphere Rolle gespielt, obwohl sowohl dem Schöpfer der Sprache als auch seinen Adepten in der Habsburgermonarchie bewusst war, dass diese für die Anwendung der Plansprache prädestiniert wäre. In seinem „Brief an die Diplomatie“ aus dem Kriegsjahr 1915 fasste Zamenhof seine Visionen noch einmal zusammen: „Jedes Reich gehört moralisch und materiell allen seinen natürlichen und naturalisierten Bewohnern, welcher Sprache, Religion oder vermuteten Abstammung sie auch sei; kein Volksstamm im Reich darf über größere oder kleinere Rechte und Pflichten verfügen als die anderen Volksstämme …“

In der Republik kam es zu einem Aufschwung vor allem in der Arbeiterbewegung, für die der Name Franz Jonas steht. Der einstige Redakteur des Socialisto verabsäumte es als Bundespräsident bei Staatsbesuchen nie, auch mit Esperantisten zusammenzutreffen. Heinz Fischers Eltern sprachen im Krieg miteinander Esperanto, wenn der Sohn Verfängliches nicht verstehen sollte. Wenig bekannt ist hingegen, dass auch die Ständestaatskanzler Dollfuss und Schuschnigg die Esperantobewegung förderten.

Esperanto im Aufschwung #

Schon 1929 hatte Bundespräsident Miklas im Prunksaal der Nationalbibliothek das dieser angegliederte Internationale Esperantomuseum eröffnet, das heute passenderweise zusammen mit dem Globenmuseum im Palais Mollard in der Herrengasse untergebracht ist. Es beherbergt die größte Plansprachensammlung der Welt und erfreut sich so wie das Esperanto steigenden Interesses. Tauchte man früher in einem entlegenen Stockwerk der Hofburg in ein Sammelsurium von Druckwerken ein, das im „Panteono“ mit der Büste Zamenhofs gipfelte, so trifft man in den zwei ebenerdigen kleinen Räumen im Palais Mollard vor allem auf Touchscreens und kann sich historische Aufnahmen Zamenhofs, aber auch Häppchen von Homers Kunstsprache bis zum Klingonischen aus dem Film „Star Trek“ anhören. Das Internet hat zu einem unerwarteten Aufschwung des Esperanto geführt. Man lernt es nicht mehr in muffigen Klubräumen, sondern in Plattformen wie Lernu und sucht sich seine Gesprächspartner individuell aus.

DIE FURCHE, Donnerstag, 13. April 2013