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„Denn wie er ganz zuletzt war …“ #

Theodor Fontane 2.0? Anlässlich des 200. Geburtstages des vielseitigen Schriftstellers finden 2019 diverse Veranstaltungen und Kongresse statt, die die Aktualität Fontanes beleuchten. Der Buchhandel wartet mit interessanten Neuerscheinungen auf.#


Mit freundlicher Genehmigung aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (17. April 2019)

Von

Johann Holzner


Theodor Fontane, 1890. Foto von J. C. Schaarwächter
Theodor Fontane, 1890. Foto von J. C. Schaarwächter.
Foto: http://germanhistorydocs.ghi-dc.org. Aus: Wikicommons, unter PD

Es hat ziemlich lange gedauert, bis er seine eigentliche Berufung selbst entdeckt hat. Über Jahrzehnte war er als Apotheker, als Journalist, als Korrespondent, als Kriegsberichterstatter, als Reiseschriftsteller oder auch als Theaterkritiker tätig. In literarischen Kreisen kannte man seine Balladen, aber dass er einmal als Autor von Erzählungen und Romanen, als erstrangiger Repräsentant des Realismus in den Kanon der deutschsprachigen Literatur aufrücken sollte, das hat sich erst in seinen letzten Lebensjahren abgezeichnet, nach seinem 60. Geburtstag.

Mittlerweile feiert Theodor Fontane den 200. Geburtstag. Das heißt, die Fontanestadt (so nennt sie sich inzwischen) Neuruppin, in der er am 30. Dezember 1819 als Spross einer angesehenen hugenottischen Familie das Licht der Welt erblickt hat, feiert unter dem Titel „fontane.200“ das ganze Jahr hindurch seinen Geburtstag. Und das Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam lädt im Juni 2019 zu einem großen internationalen Kongress, „Fontanes Medien (1819– 2019)“, der das Werk und das Wirken des Autors in seinem ganzen Facettenreichtum, seiner Geschichtlichkeit und seiner Aktualität neu beleuchten soll.

Vorträge, Lesungen und Ausstellungen sind indessen nicht nur in Brandenburg geplant. Anders als viele Autorinnen und Autoren des 19. Jahrhunderts, die ebenfalls einen Logenplatz im Kanon relativ sicher haben, wird Fontane nämlich nicht nur viel gelobt, sondern nach wie vor auch allerorten gern gelesen; und mag auch über die Rangordnung weiterhin heftig gestritten werden – Flauberts „Madame Bovary“, Tolstois „Anna Karenina“ und Fontanes „Effi Briest“ stehen ganz unanfechtbar auf demselben Regal der Weltliteratur.

Auf dem Weg zum Schriftsteller #

1819. Fontanes Eltern, Louis Henri Fontane und Emilie Labry, übernehmen die Löwen- Apotheke in Neuruppin. Aber der Vater enttäuscht sehr bald auf allen Linien, als Ehemann, als Erzieher, auch als Kaufmann; was auch immer die Apotheke abwirft, verliert er umgehend am Spieltisch. Ständig ist er also gezwungen umzuziehen, von Neuruppin nach Swinemünde und weiter nach Mühlberg (bei Dresden) und Letschin (im Oderbruch). Dort verspielt er auch die vierte Apotheke. Die Mutter kehrt daraufhin nach Neuruppin zurück, er selber lebt fortan als Einsiedler in Schiffmühle. Sein Sohn Theodor aber kommt jedes Jahr wenigstens einmal auf Besuch, und am Ende stellt er dem Vater trotz allem ein schönes Zeugnis aus. „Denn wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich.“ – Der Satz wird gelegentlich auch auf den Autor selbst umgemünzt. Vorgezeichnet ist Fontane nämlich nur die Apothekerlaufbahn, er macht kein Abitur, absolviert kein Studium. Aber schon früh schreibt er Gedichte, und er tritt in verschiedenen literarischen Zirkeln auf, im Lenau-Verein, im Platen-Klub, schließlich auch im „Tunnel über der Spree“, den Moritz Saphir, der aus Wien nach Berlin gekommen ist, gegründet hat. Dort treffen sich Beamte und Offiziere, die sich für Literaten halten, Maler und Bildhauer, aber doch auch einige renommierte Schriftsteller (durchwegs Männer), darunter Emanuel Geibel, Paul Heyse (der später den Nobelpreis für Literatur erhalten wird), Theodor Storm. Ein Netzwerk, alles in allem ziemlich konservativ.

1850 heiraten Theodor Fontane und Emilie Rouanet-Kummer. Seine Eltern leben zu dieser Zeit schon getrennt. Er muss also Verantwortung übernehmen, für die Familie sorgen; von da an bezeichnet er sich als Schriftsteller, nicht länger als Apotheker. So arbeitet er u. a. in der Berliner „Centralstelle für Preßangelegenheiten“ als England-Korrespondent, als Journalist für die reaktionäre „Kreuz-Zeitung“, dann lange als Theaterkritiker bei der liberalen Konkurrenz, nämlich bei der „Vossischen Zeitung“, und er amtiert nicht zuletzt als Kriegsberichterstatter (1864, 1866, 1870). Von einer geradlinigen Karriere kann mithin keine Rede sein; aber das Netzwerk funktioniert, und nationale Töne, die in dieser Phase in Preußen immer schriller zu hören sind, versagt er sich, immerhin.

Die Wanderjahre #

1859 unternimmt Fontane die erste Wanderung durch die Mark Brandenburg. Sie führt ihn ins Ruppiner Land … dorthin also, wo er seine Kindheit und die Jugendzeit verbracht hat. Auch sein letzter Roman wird in dieser Gegend spielen, „Der Stechlin“. Erst 1872 bezieht Fontane endlich festes Quartier: Berlin, Potsdamer Straße 134c. Es dauert dann noch lange, bis sein erster Roman abgeschlossen ist: „Vor dem Sturm“ erscheint zuerst einmal als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Daheim“ 1878, in einer gekürzten Version; beizeiten kommen einige wohlwollende Kritiken, von einem Durchbruch kann jedoch noch keine Rede sein. Anschließend allerdings geht es Schlag auf Schlag: „L’Adultera“ erhält schon glänzende Besprechungen, und einflussreiche junge Literaturkritiker wie Paul Schlenther und Otto Brahm stellen Fontane neben Ibsen und Strindberg und Émile Zola.

Es folgen u. a. „Schach von Wuthenow“, „Irrungen, Wirrungen“, „Frau Jenny Treibel“ und schließlich „Effi Briest“ (1895), der erste Bestseller: Eine junge Frau heiratet, findet jedoch nie das ersehnte Glück, auch nicht in einer Affäre, und stirbt schon nach wenigen Jahren, am Ende immerhin mit Gott und den Menschen versöhnt. Allen Bemühungen, die Handlung dieses Romans weiter ausholend oder gar erschöpfend darzustellen, ist stets eines gemeinsam: Sie halten fest, was sich an der Oberfläche abspielt, und können nicht erfassen, was zugleich zwischen den Zeilen alles aufleuchtet. Erst dort aber ist ein komplexes System von Zeichen und Andeutungen zu entdecken, das dafür sorgt, dass der berühmteste deutsche Ehebruchsroman sich zu einem Zeitroman erweitert, in dem substanzielle soziale Krisen des 19. Jahrhunderts sichtbar werden und darüber hinaus noch ganz anderes, eine höchst aktuelle Stimme, zum Vorschein kommt, das Votum nämlich, sich mit vorschnellen Urteilen oder Verurteilungen bedachtsam zurückzuhalten. Eine unglaublich fesselnde Geschichte.

Unter den Neuerscheinungen, die der Buchmarkt zum Fontane-Jahr präsentiert, ist wohl zuallererst die Biographie von Regina Dieterle zu nennen. Ein monumentales Werk, in dem die privaten Verhältnisse und die Arbeitsweise des Autors ebenso wie die politischen Entwicklungen seiner Ära anschaulich dargelegt werden und kritische Lektüren zu seinen autobiographischen Schriften, Erzählungen und Romanen zugleich nie zu kurz kommen; gründliches, ja exzessives Studium der Quellen, zahlreiche eigene Vorarbeiten und eine wohlfundierte Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur sind die Ingredienzien einer rundum imponierenden Publikation, die sich auf Anhieb unter die Highlights der Fontane-Forschung einreiht und sich dennoch ungemein flüssig liest. Ein seltener Glücksfall. Chapeau! Ausdrücklich sei hervorgehoben, dass Fontanes Verhältnis zu den Frauen und seine (keineswegs immer linienförmigen) Einstellungen zu den zeitgenössischen Debatten über die Frauenrechte in diesem Buch umfassend verhandelt werden. So kippt es denn auch an keinem Punkt um zu einer Hagiographie. Und bleibt doch von der ersten bis zur letzten Seite eine charmante Einladung zu einer Re-Lektüre der großen wie auch der weniger bekannten Arbeiten Fontanes. Der Anhang, der eine Zeittafel, ein Literatur- und Quellenverzeichnis sowie ein Personen- und Ortsregister umschließt, insgesamt gut hundert Seiten, verdient es ebenfalls unbedingt, ausdrücklich erwähnt zu werden.

Salopp formulierte Biographie #

Anders als Dieterle hat Hans-Dieter Rutsch in erster Linie Leserinnen und Leser vor Augen, die nicht recht wissen, wie man nach Neuruppin gelangt, und noch weniger sich zurechtfinden in der weiten Welt Fontanes. Im Mittelpunkt seiner betont salopp formulierten Biographie steht gleichwohl allein der Lebensweg des Autors und nur ganz am Rande dessen Werk. Der Weg des lange Zeit rast- und ruhelosen „Wanderers“, der oft in Berlin oder in der Umgebung dieser Stadt gelebt hat, auch im Oderbruch, in Leipzig, in Dresden, an der Ostsee, in London, in Schottland, in Dänemark, in Frankreich und andernorts, ehe er, inzwischen schon über 50 Jahre alt, endlich doch in Berlin sein Zuhause findet, dieser Weg wird von Rutsch penibel nachverfolgt; Prägungen aus der Kindheit, so der Hintergedanke, bestimmen den Verlauf der Karriere und am Ende auch die Grundzüge aller journalistischen und literarischen Unternehmungen Fontanes. Finanzielle Probleme, Krankheiten, Sinnkrisen … Fontane hätte zeitlebens vieles durchgemacht, was die Literaturwissenschaft, so Rutsch, geflissentlich übersehen habe, um an dem einmal errichteten Denkmal nie mehr rütteln zu müssen. – Es ist nicht zu übersehen, dass Rutsch, der als Autor, Dramaturg und Regisseur Dokumentarfilme, Features und Reportagen realisiert hat, das Werk Fontanes liest, als wäre es allein aus einer Familienskulptur schon zu erklären; um Grundfragen der Erzähltheorie und Erträge der Forschung kümmert er sich bestenfalls bisweilen.

Anregung zum Nachlesen #

Hans Dieter Zimmermann arrangiert in seinem Buch über Fontane frei nach Goethe drei Entwicklungsstufen: Lehrjahre, Wanderjahre, Meisterjahre. Er überblickt die einschlägige Forschung, aber genauso die lange Geschichte der Literatur, auf die Fontane rekurriert und die er schließlich ja auch tüchtig mitgestaltet hat. So zeichnet Zimmermann unterhaltsam, beinah gesprächsweise ein Bild des Romanciers, in das alles Wissenswerte über dessen Leben und dessen Lebensanschauungen einfließt und das überdies höchst anregend Einblicke vermittelt in seine Erzählungen und Romane, in seine Kriegsbücher, die Theaterkritiken, die Gedichte (die man durchaus viel kritischer betrachten könnte), die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und die Korrespondenzen.

Das Hauptanliegen Zimmermanns ist es, zum Nach- und Wiederlesen anzuregen, aufmerksam zu machen auf Texte, die noch immer erst zu entdecken wären, wie Fontanes Briefe beispielsweise oder der Roman „Unwiederbringlich“, und weiterhin hinzuweisen auf seine ganz besonderen Stärken: etwa die Landschaftsschilderungen, die Führung der Gespräche oder auch die Methoden des Beschreibens und Umschreibens von Empfindungen (die Zimmermann an Marcel Proust erinnern, der, gut 50 Jahre jünger als Fontane, ebenfalls eine untergehende Gesellschaft porträtiert hat). – Fontane steht, darüber herrscht Konsens, an der Schwelle zur Moderne, ein einsamer Riese.

Literatur#

Buchcover
Theodor Fontane

Biografie

Von Regina Dieterle

Hanser 2018

832 Seiten, geb., € 35,–


Buchcover
Der Wanderer.

Das Leben des Theodor Fontane

Von Hans-Dieter Rutsch

Rowohlt 2018

333 Seiten, geb., € 26,80


Buchcover
Theodor Fontane

Der Romancier Preußens

Von Hans Dieter Zimmermann

C. H. Beck 2019

458 Seiten, geb., € 28,80

DIE FURCHE, 17. April 2019