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Die seelenlose Übersteigerung #

In den Szenarien der Transhumanisten soll der Mensch gleichsam gottgleiche Fähigkeiten erlangen. Doch welche Qualitäten sind hier überhaupt gemeint? #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 14. Dezember 2017).

Von

Martin Tauss


Auge technisiert
Techno- Visionen. Im Transhumanismus erscheinen Menschen als „Informationsobjekte“. Emotionalität wird oft mit Irrationalität verwechselt.
Foto: Foto: Shutterstock

Ist Friedrich Nietzsche der große Ahnherr des Transhumanismus? Diese Frage wird unter Philosophen kontrovers diskutiert. „Ich lehre euch den Übermenschen“, heißt es in seinem Werk „Also sprach Zarathustra“. So wie der Affe für den Menschen nur „ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham“ sei, so blickt Nietzsches Übermensch auf den gewöhnlichen Menschen herab. Das passt natürlich zu den aktuellen Fantasien des Transhumanismus – eine Denkrichtung, die darauf abzielt, die menschlichen Möglichkeiten durch den Einsatz technischer Mittel radikal zu erweitern. Siehe: Auf dem heiklen Weg zum Techno-Doping

Doch die spätere Instrumentalisierung durch die Herrenmenschen-Ideologie der Nationalsozialisten liegt wie ein Schatten über der Vorstellung vom Übermensch. Nick Bostrom, ein Vordenker des Transhumanismus an der Universität Oxford, etwa lehnt Nietzsche als Vater dieser Denkrichtung ab. Man streife eben nicht gern an das Erbe des deutschen Denkers an, meint Stefan L. Sorgner. Der in Rom lehrende Philosoph beschreibt in seinem Buch „Transhumanismus“ (Herder, 2016) hingegen fundamentale Gemeinsamkeiten zwischen Nietzsches Ideen und den aktuellen Ambitionen, die menschlichen Beschränkungen zu überwinden und damit in eine Phase des „Posthumanen“ zu gelangen.

Naturalistische Weltsicht #

Auch der Historiker Yuval Noah geht in seinem Bestseller „Homo Deus“ (C.H. Beck, 2017) davon aus, dass die neuen Technologien dem Menschen gleichsam gottgleiche Fähigkeiten verleihen und das Leben auf eine völlig neue Stufe der Evolution heben werden. Doch so eindrucksvoll solche Phrasen auch klingen mögen, ist zu hinterfragen, welche der menschlichen Fähigkeiten hier „gottgleich“ gemacht werden sollen. Transhumanisten gehen oft von einem eingeschränkten Menschenbild aus. Sie neigen zu einer atheistischen und naturalistischen Weltsicht (der Mensch als rein körperliches und „seelenloses“ Wesen). Ihre Optimierungsstrategien zielen auf den Körper, der mit technischer Hilfe aufgerüstet werden soll – vor allem das Gehirn, das in den kühnsten Fortschrittsfantasien an den Datenstrom der Künstlichen Intelligenz angeschlossen wird. Freilich wird auch die „Verbesserung“ von Emotionen angedacht. Diskutiert wird hier etwa der Einsatz von Psychopharmaka bei Gesunden, um die Stimmung zu heben und das soziale Verhalten zu stimulieren. Doch das ändert nichts daran, dass der Mensch in den transhumanistischen Debatten als rein rationales Wesen optimiert werden soll. Was ihn ausmacht, ist demnach das Rechnen und Denken, das heute durch Supercomputer eine ungeahnte Steigerung erfahren könnte. Was aber ist mit anderen zutiefst menschlichen Eigenschaften – etwa unserer Liebesfähigkeit?

Liebe als Jungbrunnen #

Dass die Liebe gleichsam als Medikament wirken kann, hat der Philosoph und Psychotherapeut Martin Poltrum kürzlich beim „Menopause, Andropause und Anti-Aging Kongress“ in Wien gezeigt. „Anti-Aging“ steht auf der transhumanistischen Agenda ganz oben; doch auch der Liebe wird seit jeher eine verjüngende Kraft zugeschrieben – egal wie alt man ist. Welcher Verliebte würde das bestreiten? Besonders schön zeigt sich das im Gemälde „Der Jungbrunnen“ von Lucas Cranach dem Älteren: Dort erfahren die Menschen eine wundersame Verjüngung in einem Wasserbecken, dessen Quell von Amor und Venus behütet wird. Der Jungbrunnen, so die Botschaft, ist eigentlich ein Liebesbrunnen – auch wenn er nur im Inneren sprudelt.

„Der Mensch ist, ehe er ein ens cogitans ist oder ein ens volens, ein ens amans“, betont der Philosoph Max Scheler in seiner Schrift „Ordo Amoris“ (1914-16). Wenn der Mensch primär als „liebendes Geschöpf“ verstanden wird, versagen technologische Optimierungsfantasien. Durch Liebe wird man vollkommener, wusste übrigens auch Nietzsche. Das aber ist eine Vollkommenheit, die ganz ohne Technik zu haben ist.

DIE FURCHE, Donnerstag, 14. Dezember 2017