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Gefahren der Technologie - Eine Mahnrede in locker-flockigem Ton #

Was wird mit dem Homo sapiens passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen? Yuval Noah Harari diagnostiziert in seinem Buch „Homo Deus“ Dehumanisierung – Handlungsanweisungen bringt der Autor aber keine.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 20. April 2017

Von

Christian Jostmann


Yuval Noah Harari. Der 1976 in Haifa geborene Historiker lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem., Foto: Wikipedia; Shutterstock
Yuval Noah Harari. Der 1976 in Haifa geborene Historiker lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem.
Foto: Wikipedia; Shutterstock

„Wir haben es in erster Linie dank unseres phänomenalen Wirtschaftswachstums, das uns mit reichlich Nahrung, Medizin, Energie und Rohstoffen versorgt, geschafft, Hunger, Krankheit und Krieg unter Kontrolle zu bringen.“ Diese Aussage stammt nicht aus einer Publikation des IWF. Sie ist die Ausgangsthese von Yuval Noah Hararis neuem Buch „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“. Der Autor hat dieses Buch vermutlich weder in Sanaa vorgestellt, der Hauptstadt des Jemen, noch in einem Flüchtlingslager im Nordosten Nigerias, noch in einem Slum von Manila. Denn die Menschen, die dort leben, dürften nicht zu seiner Zielgruppe gehören, geschweige denn, dass sie im Subjekt der Aussage – „Wir“ – inbegriffen sind.

Nein, Harari schreibt offenkundig für diejenigen, die sich bisher zu den Akteuren und Profi teuren dieses „phänomenalen Wirtschaftswachstums“ zählen durften. Für eine globale Mittelschicht, die über Schulbildung verfügt und über hinreichend Zeit und Geld, um sich Gedanken über die Zukunft zu machen und um ein Buch wie dieses zu kaufen und zu lesen. Für Menschen also, die schon sein erstes Werk verschlungen haben, das den Namen des israelischen Historikers zu einer globalen Marke gemacht hat: „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, 2013 auf deutsch erschienen.

Auch der Rezensent ist damals Hararis Parforceritt durch 70.000 Jahre Menschheitsgeschichte gern gefolgt und hat ihn den Lesern dieser Zeitung ans Herz gelegt. Denn Harari ist ein didaktisches Genie. Er versteht es, höchste historische Komplexität derart virtuos auf den Punkt zu bringen, dass man als Laie staunt und sich als Fachmann die Augen reibt. Seine Texte wie seine Vorträge – auf YouTube zu verfolgen – wirken wie eine fulminante Abfolge von Geistesblitzen: kühne Abstraktionen, verblüffende Vergleiche, anschauliche Beispiele überschlagen einander förmlich und bescheren über Hunderte von Seiten nicht nur exzellente Unterhaltung, sondern auch Erkenntnisgewinn. Sie provozieren zum Denken. Man sollte alle Geschichtslehrer von Harari coachen lassen!

Unsterblichkeit, Macht und Glück #

In „Homo Deus“ greift Harari den Faden auf, den er in seinem ersten Buch schon ausgeworfen hatte: die Frage, was wir Menschen in Zukunft tun werden, nachdem wir dank Wirtschaftswachstum und Wissenschaft die alten apokalyptischen Reiter Hunger, Krankheit und Krieg unter Kontrolle gebracht haben. Natürlich ist Harari nicht so naiv zu behaupten, dass diese großen Probleme gänzlich und für alle im gleichen Maß gelöst wären. Wohl aber für den erheblichen, wenn nicht den Großteil der Menschheit. Der hat folglich den Rücken frei, nach Höherem zu streben. Laut Harari werden das nicht hehre Ideale sein wie Gerechtigkeit oder Harmonie mit dem Kosmos, sondern ganz egoistische Ziele: Unsterblichkeit, Glück, gottderne gleiche Macht. Das alles hier und jetzt und bitteschön für mich!

Wer nun meint, das mit dem Verweis abtun zu können, Menschen hingen derartig kindischen Fantasien seit Jahrtausenden an, ohne dass ihre Realisierung auch nur jemals ansatzweise in greifbare Nähe gerückt wäre, könnte sich täuschen.

Von Nano bis Mega #

Diesmal könnte die Sache anders ausgehen. Denn in den Think Tanks und Labors der Welt, so klärt uns Harari auf, wird bereits eifrig an der Realisierung dieser Fantasien gearbeitet, und die Protagonisten verfügen über technische Mittel, die alles bisher dagewesene in den Schatten stellen: Prothetik, Pharmakologie und Gentechnik werden denjenigen, die es bezahlen können, ein theoretisch endloses Leben ermöglichen, das dank neuartiger Stimulanzien nur aus Glücksempfindungen besteht. Roboter in allen Dimensionen, von Nano bis Mega, werden den Menschen die Arbeit abnehmen, von der Säuberung unserer Arterien über Autofahren und Kriegführen bis zum Komponieren von Musik, großartiger als die von Bach. Und über all dem wird das Internet aller Dinge thronen, ein System unvorstellbar schneller und komplexer Algorithmen, das alle Datenfl üsse der Welt durch sein numinoses Netz lenkt. In der Internet- und Datenindustrie, bei Google und Konsorten, sitzen denn auch die mächtigsten Vorreiter und lautstärksten Verkünder einer bio- und computertechnisch optimierten „Menschheit 2.0“.

Dass deren utopische Visionen sich als dystopischer Alptraum erweisen könnten, dürfte Hararis größte Sorge sein. Was wird aus dem einzelnen, schwachen Menschlein in einer Welt technischer Perfektion, beherrscht von hyperintelligenten Maschinen und „transhumanen“ Wesen, die dieselben Eigenschaften wie antike Götter besitzen und sich auch so aufführen wie diese? Wird es ihm nicht ergehen wie den meisten Wirbeltieren heute, deren Daseinszweck nur noch darin besteht, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, im Zweifelsfall auf dem Teller?

Jedenfalls scheint Harari nicht darauf zu vertrauen, dass unsere altbewährten Institutionen - Menschenrechte, Demokratie, Bildung und so weiter – der bevorstehenden radikalen Umwälzung irgendetwas entgegensetzen könnten, sind sie doch selbst Agenten dieser Umwälzung. Denn es ist der mo-gottderne Individualismus, oder wie Harari es nennt: die „Religion des liberalen Humanismus“, die konsequent zu Ende gedacht in die Dehumanisierung der Welt mündet. Mit dieser Diagnose reiht sich Harari ein in die lange Prozession von Mahnern, die in einmal mehr, einmal weniger apokalyptischen Farben den Verlust der Menschlichkeit in der Moderne beklagt oder vor der Machtübernahme der Maschinen gewarnt haben, von Max Webers „stahlhartem Gehäuse“ über Heideggers „Gestell“, Lewis Mumfords „Megamaschine“, Günther Anders’ „Antiquiertheit des Menschen“, Jacques Elluls „Système technicien“ bis hin zu Thomas Wagners „Robokratie“, um nur einige zu nennen. Problematisch ist, dass Harari praktisch keinen seiner Vorgänger namentlich anführt, geschweige denn, dass er sich mit ihnen inhaltlich auseinandersetzte.

Keine Katharsis#

Problematisch ist auch, dass er zwar wie ein biblischer Prophet warnend auf die Zeichen des Untergangs deuten, aber anders als dieser keine rettende Handlungsanweisung mehr geben kann: Kehret um, sonst ...! Denn Harari, der Prophet, glaubt selbst nicht an die letzte Gottheit, die die Säkularisierung übrig gelassen hat: die Würde des Menschen. „Ich“ ist nur Schall und Rauch, oder zeitgemäßer ausgedrückt, ein nicht enden wollendes Geflimmer von Neuronen.

Angesichts solcher Erkenntnisse sollte sich der Leser fühlen wie weiland Georg Büchner beim Studium der Französischen Revolution: „wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte“. Doch der Rezensent muss gestehen, dass er beim Lesen keine Katharsis verspürt hat. Das mag auch am locker-flockigen Ton liegen, in dem diese Mahnrede vorgetragen wird. Vor allem aber liegt es daran, dass Harari nur scheinbar einen Blick in die Welt von Morgen wirft.

Denn was er als Zukunft der Menschheit beschreibt, ist für einen Teil von ihr längst Gegenwart. Die Ohnmacht eines afghanischen Jungen, dessen Vater von einer Drohne „eliminiert“ wird, dürfte kaum geringer sein als die eines antiken Bauern, dem ein himmlischer Blitzeschleuderer die Ernte zerstörte. Für unser Wirtschaftssystem sind die meisten Menschen im subsaharischen Afrika schon jetzt „überflüssig“. Sie ertrinken zu Tausenden im Mittelmeer, ohne dass irgendein Börsenindex das registriert. Und während man in Österreich über die Wartezeiten auf eine MRT diskutiert, braucht ein Kranker im Kongo sich darüber keine Gedanken zu machen: Er könnte ebenso gut auf ein Wunder warten. Auch wenn sich in seinem Land die seltene Erde Gadolinium findet, die in manchen MRT-Untersuchungen als Kontrastmittel verwendet wird.

Bild 'Buchcover'

Wenn also Hararis imaginierte Zukunft längst bittere Realität ist, wozu dann der ganze Alarmismus? Weil der Autor uns warnen will, dass auch wir, seine sorglosen mittelständischen Leser, uns bald auf der Verliererseite der Geschichte wiederfinden könnten?

Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen

Von Yuval Noah Harari

Beck 2017 576 S., geb. € 25,70


DIE FURCHE, Donnerstag, 20. April 2017

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