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Das „Nicht-Selbst“ Ergründen #

Yuval Noah Harari zählt zu den einflussreichsten Denkern der Gegenwart. Er glaubt an visionäre Technologie und an buddhistische Meditation. Was heißt das für sein Menschenbild?#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (13. Juni 2019).

Von

Martin Tauss


Yuval Noah Harari
Yuval Noah Harari (Foto aus 2013). Der israelische Historiker ist Bestseller- Autor und lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem.
Foto: CityTree. Aus: Wikicommons

Welche ethischen Fragen werfen Wissenschaft und Technologie im 21. Jahrhundert auf? Wie verhalten sich Geschichte und Biologie? Und wurden die Menschen im Laufe der Geschichte eigentlich glücklicher? Yuval Noah Harari hat eine Neigung zu innovativen Fragestellungen. Und er versteht es, diesen Fragen in seinen Büchern geistreich und witzig nachzugehen. Das hat den israelischen Historiker zu einem der einflussreichsten Weltendeuter gemacht. Mehr als 19 Millionen Bücher hat der 43-Jährige bis Ende 2018 weltweit verkauft. Nachdem er in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (2011) historische Prozesse im Schnelldurchlauf erklärt hat, skizziert Harari in „Homo Deus“ (2015) die für ihn wichtigsten Menschheitsprojekte der nahen Zukunft. Beide Bücher wurden in über 50 Sprachen übersetzt. Der bislang letzte Wurf ist „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (2018), eine Art Zeitdiagnose angesichts der drängenden politischen und technologischen Herausforderungen.

Auf dem Weg zur Unsterblichkeit?#

In den letzten Jahren war Harari u. a. bei Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel ein gefragter Gast. Heuer sprach er mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg über die Zukunft der Künstlichen Intelligenz und mit dem damaligen Kanzler Sebastian Kurz über die Zukunft von Europa. Doch auch in Wien kam Harari auf seine Lieblingsthemen zu sprechen: visionäre Technologie, an der er sein Denken ausrichtet, und buddhistische Meditation, die er selbst zwei Stunden täglich (!) praktiziert. Hinter diesen Themen verbirgt sich ein gemeinsames Motiv: die „conditio humana“ im Angesicht von Alter, Krankheit und Tod.

Als Zukunftsforscher glaubt Harari an einen „disruptiven Wandel“ und an den posthumanen Menschen, aufgerüstet mittels Bio-Engineering und regenerativer Medizin. Gerade der Kampf gegen Alter, Krankheit und Tod könnte dadurch rasante Fortschritte machen. Dann geht es nicht mehr nur um medizinische Erfolge und effektives Anti-Aging: „Im 21. Jahrhundert werden die Menschen vermutlich ernsthaft nach der Unsterblichkeit greifen“, schreibt der Autor allen Ernstes in „Homo Deus“. Doch der Historiker weiß, dass dies – sollte es jemals eintreten – ein Elitenprojekt bleiben wird, und er weiß, dass selbst der gewonnene Kampf um die ewige Jugend nicht zu dauerhaftem Glück führen würde, sondern vielmehr zu einer „beispiellosen Epidemie von Wut und Angst“. Wie auch sonst würden Menschen reagieren, wenn sie plötzlich feststellen, dass nur sie sterben müssen, während manche Reiche auf ewig jung und schön bleiben?

Auch ein technologisches Schlaraffenland, in dem intelligente Maschinen jeden nur erdenklichen Wunsch von unseren Lippen ablesen, würde letztlich nicht zu einer anhaltenden Befriedigung und Zufriedenheit führen. Auch das weiß Harari, der in seinen Werken einer alten Weisheitslehre besonderes Augenmerk schenkt: dem Buddhismus. Denn diese Philosophie geht von einer unumstößlichen Gegebenheit aus, die zur existenziellen Situation des Menschen gehört: „Dukkha“, auf Deutsch „Leid“ und „Ungenügen“. Dieses Ungenügen ist nicht abhängig von äußeren Umständen, sondern wird allein durch die blinde Tätigkeit des menschlichen Geistes erzeugt. Die geistige Last von „Dukkha“ kann das Leben somit selbst unter paradiesischen Umständen erschweren.

Glück auf der Agenda #

Den Schlüssel zu dauerhaftem Glück zu finden, für Harari ebenso ein großes Zukunftsprojekt der Menschheit, ist also nicht so einfach. „Es hat den Anschein, als würde unser Glück gegen irgendeine rätselhafte gläserne Decke stoßen, die es ihm trotz all unserer beispiellosen Errungenschaften nicht ermöglicht, weiterzuwachsen.“ Um dieses Problem anzugehen, könnte man auch die Biochemie im Gehirn manipulieren, doch der buddhistische Ansatz der Geistesschulung erscheint dem Autor sympathischer: „Die biochemische Lösung besteht darin, Produkte und Behandlungsmethoden zu entwickeln, die den Menschen einen endlosen Strom angenehmer Empfindungen verschaffen (…). Buddhas Vorschlag hingegen bestand darin, unser Streben nach angenehmen Empfindungen zurückzuschrauben und es ihnen nicht zu gestatten, über unser Leben zu bestimmen.“ Harari sieht im Buddhismus jene Religion, die der Frage nach dem Glück die vermutlich größte Bedeutung einräumt. Hinzuzufügen wäre allerdings, dass Glück nur eine Begleiterscheinung am buddhistischen Weg ist. Das höchste Ziel ist dort strikt ex negativo definiert: Nirwana bezeichnet das restlose Ausmerzen von Leid und Ungenügen, eben die völlige Entwurzelung von „Dukkha“.

Die buddhistische Lehre lässt sich als Antwort auf eine Frage verstehen, der sich ihr Begründer Siddhartha Gautama (der spätere Buddha) gegenüber sah, als er seinen königlichen Palast verließ und der Überlieferung nach vier einschneidende Begegnungen hatte: Er stieß auf einen gebrechlichen Greis, einen siechenden Kranken und einen verwesenden Leichnam. Als er am Ende auch noch einen wandernden Bettelmönch traf, folgte er dessen Beispiel und machte sich auf eine spirituelle Suche, um dem existenziellen Dilemma von Alter, Krankheit und Tod beizukommen. An eine technologische Lösung für dieses Dilemma war damals, im sechsten vorchristlichen Jahrhundert, noch nicht zu denken. Als Resultat seiner Suche empfiehlt der Buddha im „edlen achtfachen Pfad“ die Übung von Erkenntnis (Weisheit), tugendhaftem Verhalten (Ethik) sowie die Läuterung von Herz und Geist (Meditation).

Auch Harari empfiehlt Meditation, und zwar als letzte seiner „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“. Er selbst hat diese Praxis bei S. N. Goenka (1924–2013), einem indischen Meditationslehrer, kennengelernt. Dessen Instruktionen, die Achtsamkeit auf den Atem zu richten und den eigenen Geist zu beobachten, waren für ihn „das Wichtigste, was jemals irgendjemand zu mir gesagt hatte“, bemerkt der Historiker in seinem letzten Buch: „Das Erste, was ich lernte, als ich meinen Atem bewusst wahrnahm, war, dass ich trotz all der Bücher, die ich gelesen, und all der Seminare, die ich an der Universität besucht hatte, so gut wie nichts über meinen Geist wusste (…).“

„Wissenschaft des Geistes“ #

Harari sieht Meditation nicht zwangsläufig als religiöse Praxis, sondern als Instrument, um den Geist direkt in den Blick zu nehmen – eine unmittelbare „Wissenschaft des Geistes“. Doch Hararis Erläuterungen sind teils simplifizierend, denn Meditation bedeutet nicht „einfach nur wahrnehmen“ bzw. „nichts tun“, sondern hat gerade zu Beginn sehr viel mit geistiger Aktivität und geschickter „Selbststeuerung“ (Joachim Bauer) zu tun. Buddhistische Meditation dient letztlich der Selbsterkenntnis: Es heißt nicht nur, die Bewegungen des eigenen Geistes zu verstehen, sondern auch das eigene Wesen, die eigene Natur zu ergründen. Doch dort findet sich der buddhistischen Tradition zufolge „Anatta“, auf Deutsch meist als „Nicht-Selbst“ übersetzt: die Abwesenheit eines fixen Ich-Kerns; nichts, was man als „Ich“ oder „mein“ identifizieren könnte. Dieser Einsicht wird befreiende Wirkung zugeschrieben. Glaubt man der Tradition, verändert das auch den Blick auf Alter, Krankheit und Tod.

Dass Harari die Meditation aus dem Gesamtkontext der buddhistischen Lehre herauslöst, ist letztlich typisch für den westlichen „Meditationsbuddhismus“, der hier primär im Dienst der Glückssuche steht. Ethische Überlegungen zu heilsamer Rede, heilsamem Handeln und einem moralisch einwandfreien Lebenserwerb tauchen gar nicht erst auf. Doch Ethik ist ein integraler Bestandteil des buddhistischen Weges – und letztlich das Fundament für Meditation, wie Anagarika Munindra (1915–2003), ebenfalls ein bekannter Meditationslehrer des 20. Jahrhunderts, in einem schönen Bild zu veranschaulichen wusste: Wer ohne eine ethische Einstellung meditiert, ist wie jemand, der in einem Boot rudert, das mit einem Seil am Ufer festgebunden ist: Er oder sie wird dann nicht besonders weit kommen.

Buchcover

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert.

Von Yuval Noah Harari.

Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn

C. H. Beck 2018 459 Seiten, geb.,

€ 25,70

DIE FURCHE, 13. Juni 2019

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