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Das Ende des Ewigkeitsanspruchs #

War das Buch nur ein Intermezzo? – Sollte die Zeit der mündlichen Überlieferung zurückkehren? #


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 19. Juli 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Symbolbild: leeres Buch
Illustration: Getty/Maguma

Sieben Medizinstudenten sitzen im Halbkreis um ihren Professor. Sie haben keine Bücher. Sie schreiben nicht mit. Anhand von Merksätzen (vielleicht mit Endreimen, durch sie wird ein Text einprägsamer) lernen sie gerade die Grundbegriffe der Herztransplantation.

Oder diese Szene: Die drei Anglistik- Studenten brauchen kein Lehrbuch. Sie hören der Dozentin nur zu. Die Vokabel merken sie sich durch mehrfaches Wiederholen, auch hier tun Merksätze (salopp gesagt: Eselsbrücken) gute Dienste.

Wer braucht noch das Buch? Vorwiegend Kreise deutscher Intellektueller spielen immer öfter ein Gedankenexperiment durch: Könnte das Buch ein Zwischenspiel gewesen sein? Steht das Gutenberg- Zeitalter vor seinem Ende und ein Zeitalter des Sprechens und Hörens kehrt wieder?

Dass komplexe Inhalte ohne schriftliche Erfassung überlieferbar sind, lehrt außerdem die Geschichte. Das gesamte Wissen der Kelten etwa beruht auf mündlicher Überlieferung. Andererseits wissen wir dadurch von den Kelten verhältnismäßig wenig: Aus erster Hand nur, was Funde an Rückschlüssen erlauben. Alles andere ist das Ergebnis – ja: schriftlicher Aufzeichnungen anderer Kulturen, etwa der Römer. Auch die Inkas an der Westküste von Südamerika kannten keine schriftlichen Aufzeichnungen – dennoch verfügten sie über ein durchstrukturiertes Verwaltungssystem und bauten Straßen und Städte unter abenteuerlichen tektonischen Vorgaben. Könnte es am Ende sein, dass uns die schriftliche Aufzeichnung nur deshalb unabdingbar scheint, weil wir in einer von schriftlichen Aufzeichnungen geprägten Kultur sozialisiert sind?

Akustische Überlieferung #

Doch es geht in dem Gedankenexperiment nicht um die 1:1-Wiederkehr der Mund-zu-Ohr-Überlieferung aus dem Gedächtnis. Längst lässt sich die gesprochene Mitteilung unverändert bewahren. Zum Beispiel konkurrieren schon jetzt Audio-Bücher mit den gedruckten Versionen, und es ist keineswegs nur Unterhaltungs- und Spannungslektüre, die sich die Audiobuch- Liebhaber vorlesen lassen; immer öfter sind es schwierige Klassiker und auch Sachbücher.

Der Schritt vom Sachhörbuch zum Lehrhörbuch scheint vorgezeichnet. Dass ein rein akustisches Erfahren von Zusammenhängen möglich ist, beweisen blinde Studentinnen und Studenten, die vor allem in humanistischen Fächern weltweit mit Abschlüssen glänzen, die jenen ihrer sehenden Kolleginnen und Kollegen nicht nachstehen. Die grundlegende Frage ist allenfalls, ob es einen Grad der Komplexität gibt, der rein akustisch nicht mehr erfassbar ist. Wie steht es um mathematische Aufgabenstellungen? Spätestens bei vierstelligen Zahlen nehmen auch gute Mathematiker sogar für Grundrechnungsarten gerne Papier und Bleistift zur Hand, um ihre gedankliche Leistung zu unterstützen. Blinde Spitzenmathematiker wie der Russe Lew Semjonowitsch Pontrjagin sind absolute Ausnahmeerscheinungen.

Doch während die einen das Ende der Buchkultur prophezeien, wird von immer mehr Menschen mehr geschrieben als je zuvor – allerdings nicht in den herkömmlichen papierbasierten Schreibmedien, sondern digital. Die schriftliche Ausdrucksweise erlebt einen Höhenflug: Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder VKontakte mögen ihre Mitglieder mit einer noch so großen Flut von Urlaubs- Videoclips und Katzenbildern überschwemmen – letzten Endes basieren auch sie auf der schriftlichen Mitteilung. Und sei es nur, dass man dem öden Strandvideo mit dem bierbäuchigen Mann eine Textzeile verpasst wie „Onkel Fredi vor der Begegnung mit dem Haifisch“ oder das Foto der ballspielenden Katze mit „Ronaldo, pass auf!“ kommentiert.

Auch zahlreiche Internetforen pflegen den schriftlichen Austausch, beispielsweise Philo-Welt über Philosophie oder Politik-Talk über Politik, Tamino über klassische Musik oder Literatur-Forum über Literatur. Tatsächlich gibt es kaum einen Bereich des modernen Lebens, über den nicht ein oder mehrere Diskussionsforen existieren.

Alles schreibt #

Das Verblüffende an diesen Foren ist, dass Menschen schriftlich mitdiskutieren, die in Vor-Internetzeiten sich allenfalls mündlich zu den Themen geäußert hätten, also interessierte Laien, Unkundige, die mehr erfahren wollen, schriftlich Fragen stellen und – ebenso schriftlich – Antworten bekommen. Welche sachkundige Qualität die Beiträge haben, soll hier nicht zur Diskussion stehen, und zweifellos ist das Phänomen der absichtlichen Fake-News und der aus purer Unkenntnis in die Welt gesetzten Mitteilungen die Kehrseite der Medaille.

Jedenfalls scheint die Flut der schriftlichen Mitteilungen auf einen ersten Blick unvereinbar mit der Überlegung, das Buch könnte ein Zwischenspiel gewesen sein, das demnächst endet.

Dennoch ist der Widerspruch nur ein scheinbarer – dann nämlich, wenn man beide Phänomene auf eine andere Ebene hebt. Möglicherweise geht in unserer Zeit nicht Lesen und Schreiben wieder in mündliche Überlieferung über, sondern wir erleben das Ende des Ewigkeitsanspruchs.

Das beschriebene Papier erhob diesen Ewigkeitsanspruch zu jeder Zeit. Ob Bücherverbrennungen durch die Katholische Kirche, die Französische Revolution oder durch orthodoxe Talmudschüler in Or Yehuda: Stets richtete sich die Verbrennung (und sei sie nur symbolisch erfolgt) gegen eine Überlieferung, die den Anspruch erhob, ihre Mitteilung bis in alle Ewigkeit zu bewahren.

Genau diesen Ewigkeitsanspruch erheben die elektronischen Medien nicht mehr. Das „quod scripsi, scripsi“ (was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben) des Pilatus hat seine Gültigkeit verloren. Was man geschrieben hat, kann man verändern oder löschen und neu schreiben, und wenn das nicht möglich sein sollte, wird es ohnedies durch eine Flut neuer schriftlicher Mitteilungen überdeckt. Dadurch sinken die Hemmschwellen.

So ist die Gefahr für die schriftliche Überlieferung paradoxerweise nicht ein Zuwenig an Geschriebenem, sondern ein Zuviel. Entsprechend den Mönchen, die eine Erfahrung der Stille machen, könnte nur die individuelle Erfahrung einer Zeit der Schriftlosigkeit den Wert des Geschriebenen neu definieren. Denn mitunter beschreibt den Wert allein der Verzicht.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 19. Juli 2017