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Diagnosen und Geschichten #

Krankheiten von historischen Personlichkeiten werden oft von wilden Geruchten begleitet. Was weiß man aus heutiger Sicht daruber? #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 14. März 2019

Von

Martin Tauss


Wolfgang Amadeus Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart. Gemälde von B. Krafft
Foto: © Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, für AEIOU
John F. Kennedy
John F. Kennedy.
Foto: Cecil Stoughton, White House. Aus: Wikicommons, unter PD
Marie Curie
Marie Curie.
Foto: Generalstabens Litografiska Anstalt Stockholm. Aus: Wikicommons, unter PD
Prominente Patient(inn)en. 100 Krankengeschichten berühmter Persönlichkeiten hat der Medizinjournalist Thomas Meißner zusammengestellt, darunter jene von Wolfgang Amadeus Mozart, John F. Kennedy und Marie Curie.

Wolfgang Amadeus Mozart war ein kränkliches Kind. Als er mit seinem Vater Leopold durch Europa tourte, fesselten ihn Katarrhe, Hautausschläge oder Fieber teils wochenlang ans Bett. Papa Mozart behandelte seinen Sohn unter anderem mit „Schwarzpulver“, einer wilden Mischung aus Myrrhe, Regenwürmern, Froschherzen und anderen mehr oder weniger appetitlichen Zutaten. Wolferl überlebte trotz dieser Behandlungen. Doch ein langes Leben war ihm nicht gegönnt. Zuletzt erkrankte er an „hitzigem Frieselfieber“, wie die finale Diagnose hieß. Damals übliche Therapien wie Aderlässe, Klistiere, Brech- und Abführmittel haben seinen Tod wohl nicht verzögert, sondern eher beschleunigt. Noch auf dem Sterbebett soll es eine Probe für das berühmte Requiem (KV 626) gegeben haben, bei der Mozart angeblich selbst mitgesungen hat.

Welche Meisterwerke hätte der österreichische Ausnahmemusiker noch komponieren können, wäre er nicht mit knapp 36 Jahren aus dem Leben gerissen worden? Welche künstlerischen Entwicklungen wären noch möglich gewesen? Wie bei allen Genies, die frühzeitig verstorben sind, kommt diese Frage fast zwangsläufig auf. Sie taucht die Spekulationen um Mozarts Tod und Krankengeschichte in ein bedeutungsschwangeres Licht.

Nietzsches rätselhafter Verfall #

Doch in der Medizingeschichte liegt das 18. Jahrhundert weit zurück. Sehr weit: Im Gegensatz zu den wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Entwicklungen jener Zeit sind die damaligen Krankengeschichten nur mehr schwer nachzuvollziehen. Zwar lassen sich triftige Indizien aus historischen Dokumenten, Briefen oder Berichten sammeln. Doch es ist schwierig, das Puzzle zusammenzusetzen und es wäre wissenschaftlich unseriös, daraus gleich eine Diagnose zu rekonstruieren.

Zumindest die Gerüchte um Mozarts angebliche Vergiftung entbehren aus heutiger Sicht jeder Grundlage. Am wahrscheinlichsten ist, dass der Komponist an einer – wie auch immer gearteten – Infektion verstorben ist, wie Thomas Meißner in seinem Buch „Der prominente Patient“ (Springer, 2019) erklärt. Darin hat der deutsche Arzt und Medizinjournalist 100 Krankengeschichten quer durch die Weltgeschichte zusammengestellt, von wichtigen Künstlern ebenso wie von Politikern, Philosophen und Wissenschaftlern. Meißner hat dazu die einschlägige Fachliteratur gesichtet, um neuere Erkenntnisse in Form von kurzweiligen Kurzporträts aufzubereiten – einschließlich der heftigen Kontroversen, die sich angesichts der vielen Gerüchte und Spekulationen leicht entzünden. Der Autor nimmt dabei lediglich die Rolle des Erzählers ein, der diese „Pathografien“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen will. Schließlich sind diese Krankengeschichten ein bislang wenig beachteter Teil der Menschheitsgeschichte.

Eine Art von Gerüchteküche gehört also zu diesem Thema wie das Salz in die Suppe. So wird spekuliert, dass sich Friedrich Nietzsche bei Bordellbesuchen mit der Syphilis, einer schwerwiegenden Geschlechtskrankheit, angesteckt haben könnte. Der Philosoph habe sich „zweimal spezifisch infiziert“, heißt es in seiner Baseler Krankenakte. Eine jüngere Analyse spricht jedoch dafür, dass Nietzsches geistiger Verfall auf eine Krankheit des Gehirns (MELAS-Syndrom) zurückzuführen war. Auch die Biographie von John F. Kennedy bietet besten Nährboden für Klatsch und Tratsch. Der beliebte Politiker versprühte jugendliche Vitalität, war aber bereits ein schwer kranker Mann, als er als 35. US-Präsident in das Weiße Haus einzog. Seiner Familie ist es gelungen, die volle Wahrheit über seinen Gesundheitszustand lange zu verschleiern. Das Ausmaß seiner Krankheitslast ließ sich erst im letzten Jahrzehnt ermessen, als Ärzten und Historikern Einblick in die medizinischen Unterlagen gewährt wurde. Forscher vermuten, dass Kennedy an einem Komplex von Autoimmunkrankheiten litt und dass die Therapie mit Cortison-Präparaten zu Osteoporose führte. Zudem quälten ihn chronische Rückenschmerzen. Häufige Injektionen und ein Haufen Medikamente gehörten daher zu seinem stressigen Alltag. Dass der charmante US-Präsident vom Promi-Arzt „Magic Max“ Jacobson die aufputschende Droge Amphetamin verabreicht bekam, krankhaft sexsüchtig war und sogar Callgirls ins Weiße Haus kommen ließ, wird bei Meißner nicht erwähnt. Gut möglich jedenfalls, dass der übersteigerte Sexualtrieb des Spitzenpolitikers durch einen der Wirkstoffe aus seinem Medikamenten- Cocktail befeuert wurde.

Durch die Brille der Leibärzte #

Wissenschaftler können Krankheiten trotzen und weiterhin Spitzenleistungen vollbringen. So wie Marie Curie, die trotz symptomatischer Strahlenschäden bis zu 14 Stunden an ihrem Institut arbeitete. Bei Künstlern können Krankheiten in deren Werk hineinwirken – etwa bei Fjodor Dostojewski, dessen Epilepsie in seinen literarischen Figuren wiederzufinden ist oder bei Frida Kahlo, deren Gemälde fast völlig von körperlichem Schmerz und seelischer Qual geprägt sind. Bei Politikern wird es heikel, sofern sich Krankheiten in deren Handeln widerspiegeln. Tania Crasnianski hat in ihrem Buch „Le pouvoir sur ordonnance“ (2017, noch nicht ins Deutsche übersetzt) Führerfiguren des 20. Jahrhunderts durch die Brille ihrer Leibärzte dargestellt, welche die Geheimnisse ihrer Patienten – darunter Hitler, Stalin, Mao und Mussolini – oft erst posthum in ihren Memoiren preisgegeben haben. Bei Meißner hingegen bleibt die Darstellung oberflächlicher. Das zeigt sich besonders deutlich im Beitrag zu Adolf Hitler, der die Problematik lapidar verkürzt: Die jüngste Debatte über Sucht und Drogenkonsum des „Führers“, die durch Norman Ohlers Buch „Der totale Rausch“ (2015) losgetreten wurde, wird hier leider gar nicht mehr berücksichtigt.

Thomas Meißners Buch ist aus einer Artikelserie für eine Fachzeitschrift entstanden, entsprechend anekdotisch bleibt die Anmutung. Es fehlt der große Wurf, eine zugrunde liegende These oder Theorie. Ein schönes Nachschlagewerk mit illustren Geschichten ist es dennoch geworden.

Bild 'Buchcover1'

Der prominente Patient. Krankheiten berühmter Persönlichkeiten.

Von Thomas Meißner Springer

2019 408 Seiten,

kart., € 44,90

DIE FURCHE, 14. März 2019