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E-Rikschas: Batterietausch blitzschnell#

Junge Unternehmen in Indien pushen den Wandel hin zu Elektromobilität - Lokalaugenschein bei einem E-Rikscha-Startup.#


Von der Wiener Zeitung (16. Jänner 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Daniela Schröder


Raja (links) und Rahul (rechts) Gaham vom Startup Gayam Motor Works in Hyderabad mit ihren E-Rikschas
Raja (links) und Rahul (rechts) Gaham vom Startup Gayam Motor Works in Hyderabad mit ihren E-Rikschas.
Foto: © GMW

Hebel hochklappen, Batterie raus, neue Batterie rein, Hebel runterklappen. Vier Handgriffe, dann schwingt sich Vijay Kumar wieder auf den Fahrersitz, dreht den Zündschlüssel, die Rikscha fährt los. Leise surrend rollt sie auf die Hauptstraße, Kumar steuert sie durch den Wust aus Rikschas, Mopeds, Bussen, Autos, lautes Dauerhupen, dunkle Wolken Auspuffabgase. Ein später Dienstagnachmittag in Hyderabad, Südindien, Kumar ist unterwegs zu Kunden, er arbeitet als Fahrer bei der Online-Lebensmittelkette Bigbasket.

Kumars Rikscha sieht aus wie die meisten Waren-Rikschas auf Indiens Straßen. Ein Rad vorne, zwei Räder hinten, quadratische Ladefläche, an den Seiten Plastikplane. Doch Kumars Rikscha ist anders. Er fährt eine Elektro-Rikscha, die mit einer modernen Lithium-Ionen-Batterie läuft. Für Kumar ist das Fahrzeug eine Revolution. "Früher musste ich die Batterie über mehrere Stunden aufladen", erzählt er. "Wenn ich heute die leere Batterie gegen eine geladene tausche, dauert das keine Minute."

Die dreirädrigen Auto-Rikschas prägen die Städte Asiens, besonders in Indien sind sie das Hauptverkehrsmittel im urbanen Raum. Indien ist der weltweit größte Produzent und Exporteur von Rikschas. In den Metropolen wie der Hauptstadt Neu-Delhi geht ohne die Dreirad-Mobile gar nichts, sie sind die beste und oft einzige Option, um die Lücken im öffentlichen Transportnetz zu schließen. Früher fuhren Rikschas mit Benzin oder Diesel und nach wie vor sind in Indien viele alte Modelle unterwegs, sie gehören zu den größten Luftverschmutzern des Landes.

E-Rikschas sind günstiger als Diesel- oder Benzin-Rikschas#

Vor zehn Jahren fuhren die ersten elektrisch betriebenen Rikschas auf den Straßen. Während der Anteil der E-Autos in Indien bisher nur ein Prozent des Elektrofahrzeugmarkts ausmacht, liegt der Anteil der E-Rikschas bei mehr als 80 Prozent. Mittlerweile wird die Zahl der E-Rikschas in Indiens Städten auf mehr als zwei Millionen geschätzt, die pro Tag etwa 60 Millionen Menschen transportieren.

Während es in Österreich etwa mit der E-Mobilität nur langsam vorangeht, hat sich die E-Mobilität in Indien bereits stark entwickelt. Und das fast aus dem Nichts. Als die ersten batteriebetriebenen E-Rikschas auf den Markt kamen, gab es keine einzige Ladestation. Trotzdem stiegen viele Rikscha-Fahrer auf ein Elektromodell um - die Fahrzeuge waren günstiger als die mit dem klassischen Verbrennungsmotor. Das Ladeproblem lösten die Fahrer notgedrungen selbst: Viele laden ihre Rikscha illegal, sie zapfen nachts öffentliche Stromleitungen an.

Doch die erste Generation der E-Rikschas ist wenig nutzerfreundlich. Das Problem: Sie fahren mit einer Bleibatterie. Die Batterie ist das Entscheidende bei einem Elektrofahrzeug: Welche Fahrdistanz ist drin, welche Geschwindigkeit ist möglich, wie lange dauert das Laden? Eine Bleibatterie braucht acht bis neun Stunden Ladezeit, maximales Tempo sind 25 km/h, dazu kommt eine kurze Lebensdauer, nach einem halben Jahr ist eine Bleibatterie durch.

Raja und Rahul Gaham sahen diese Probleme als Chance. Die beiden Brüder in den Dreißigern sind die Gründer und Inhaber von Gayam Motor Works (GMW), ein Startup aus Hyderabad. 2010 hatten sie die stillgelegte Fabrik ihres Vaters wiederbelebt, der früher LKW und Busse gebaut hatte. Anfangs stellten GMW konventionelle Diesel- und Benzin-Rikschas her, die sie in ganz Asien verkauften. Parallel jedoch tüftelten die Brüder an einer E-Rikscha. Rahul, ein Physiker, entwickelte eine Lithium-Ionen-Batterie, wie sie auch E-Auto-Hersteller Tesla verbaut.

Batterie-Tauschsystem löst Ladezeit-Problem#

2015 brachte GMW Indiens erste E-Rikscha mit Lithium-Batterie auf den Markt. Sie ist kleiner und leichter als die Blei-Modelle, schafft 55km/h und funktioniert mehrere Jahre. Dafür kostet sie deutlich mehr als eine Bleibatterie. Für die Kunden von GMW ist das jedoch kein Problem. Sie kaufen beim Hersteller ihre Rikschas - aber nicht die Batterien. Ihr Eigentümer bleibt GMW, der Hersteller agiert wie ein Batterievermieter. "Die Batterien von den Fahrzeugen trennen, das ist für den Käufer zunächst kostenneutral und auf lange Sicht sogar günstiger", sagt Rahul.

GMW installiert bei jedem Kunden eine Ladestation. Braucht ein Fahrer für seine Rikscha frische Energie, kommt er zu einer der GMW-Stationen, lässt seine leere Batterie zum Aufladen da und setzt eine geladene Batterie ein. "Mit unserem System ist eine Rikscha in weniger als einer Minute komplett neu geladen", sagt Raja. Dazu läuft das System digital: Die Batterien sind mit einer Datencloud verbunden, über eine App erfährt der Fahrer den aktuellen Akkustand und die Route zur nächsten Ladestation. Lieferant Kumar klingt begeistert: "Ich verliere beim Laden keine Zeit, sondern kann sofort weiter zum nächsten Kunden oder zurück zum Warenlager."

"Autos sind für uns uninteressant"#

Das Tauschsystem löst das Ladezeitproblem - etwas, das selbst E-Auto-Pionier Tesla bisher nicht gelöst hat. Für ihr Konzept haben die Rahul-Brüder diverse Innovationspreise gewonnen, das Wirtschaftsmagazin "Forbes" wählte Rahul in die globalen Top 30 der unter 30-Jährigen. Käufer bei GMW sind vor allem Unternehmen, die mit den Fahrzeugen ihre Endkunden beliefern, darunter Branchenriesen wie Ikea, Walmart und Amazon. Bei Ikea in Hyderabad tanken die Rikscha-Batterien Strom aus Solarzellen, die das Möbelhaus auf seinem Gebäude installiert hat. "Künftig rüsten wir unsere Ladestationen mit Solarzellen aus", sagt Rahul Gayam.

Damit wäre sein Unternehmen der nationalen Energiepolitik einen Riesenschritt voraus. Zwar plant die indische Regierung große Investitionen in Solarenergie, doch als Hauptenergiequelle will sie weiter Kohle nutzen. Indien hat zwar doppelt so viel Sonne wie Europa - aber auch die fünftgrößten Kohlereserven der Welt. Für die E-Mobilität hat die Regierung ebenfalls viele Pläne, 2020 sollen in dem 1,3 Milliarden-Einwohner-Land sieben Millionen Elektrofahrzeuge unterwegs sein. Denn die Zahl der Menschen in den Städten, die Zahl der Großstädte und die Umweltprobleme wachsen, 14 der am meisten verschmutztesten Städte der Welt sind in Indien.

Doch obwohl das Land einen Wandel braucht, begünstigt der Staat die heimischen Hersteller von Diesel- und Benzinfahrzeugen mit einer Reihe Steuervorteilen. E-Fahrzeuge mit Lithiumbatterien sind weiterhin sehr teuer, nach wie vor gibt es kaum öffentliche Ladestationen. Anstatt auf die Politik zu warten, nehmen indische Unternehmen den Wandel selbst in die Hand.

Automobilhersteller Mahindra hat eine Produktion von privaten Rikscha mit Lithium-Batterie angekündigt. Fahrdienst-Anbieter Ola hat nahe der Hauptstadt eine Batterietausch-Station eröffnet und will 250 Millionen US-Dollar in das Entwickeln neuer E-Technologien investieren Das Startup SmartE in Neu-Delhi baut ein Netz aus Ladestationen und vermietet E-Rikscha an Fahrer, die sich selbst kein modernes E-Fahrzeug leisten können. In Uttar Pradesh und Bihar, die ärmsten Regionen Indiens, hilft das Sozialunternehmen SMV Green Solutions Rikschafahrern beim Finanzieren eines E-Fahrzeugs, denn bei Banken bekommen sie als Geringverdiener keine Kredite.

Für das Startup GMW in Hyderabad zahlt sich der klare Kurs auf die E-Mobilität längst aus. Die Gayam-Brüder planen bereits eine zweite Fabrik, ihre Batterietausch-Rikscha verkaufen sie neuerdings auch in Bangladesch und Nepal, seit Kurzem stellen sie auch E-Bikes her.

Und Gründer Rahul tüftelt an einer ganz neuen Art von Fahrzeug-Stromspeicher als Alternative zu Batterien. Die will er ebenfalls in Rikschas einbauen. "Autos sind für uns uninteressant", sagt Rahul. "Die Menschen in den Städten Indiens, in ganz Asien, fahren nun mal Rikscha. Und dieser Markt ist groß genug, um weiter zu wachsen."

Wiener Zeitung, 16. Jänner 2020