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Utopisch und Optimistisch #

2020 feiert die Musikwelt vor allem Ludwig van Beethoven. Auch in Wien, wo der Künstler wichtige Jahre verlebte, wird dann einiges geboten – so sind etwa gleich zwei Ausstellungen zu sehen. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (9. Jänner 2020)

Von

Walter Dobner


„Die Intimen bei Beethoven“: Der Stich zeigt neben Beethoven selbst Anton Schindler, Sigmund Anton Steiner, Georg Joseph Vogler und Gottfried van Swieten. Exponate wie dieses sind aktuell im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek zu bestaunen
Illustre Zeitgenossen. „Die Intimen bei Beethoven“: Der Stich zeigt neben Beethoven selbst Anton Schindler, Sigmund Anton Steiner, Georg Joseph Vogler und Gottfried van Swieten. Exponate wie dieses sind aktuell im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek zu bestaunen.
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Musikalisch zu feiern gibt es dieses Jahr vieles: den 325. Todestag von Henry Purcell, den 270. Todestag von Johann Sebastian Bach, Schumanns 210., Tschaikowskis 180., Lehárs 150. Geburtstag, die 125. Geburtstage von Paul Hindemith und Carl Orff. Ebenso den 160. Geburtstag von Gustav Mahler, dem zu diesem Anlass Mahler- Feste in Amsterdam und Wien ausgerichtet werden. Überstrahlt wird all dies aber durch die 250. Wiederkehr von Ludwig van Beethovens Geburtstag. Auch wenn jener erst zu Jahresende, am 16. Dezember, zu begehen sein wird, steht das Musikjahr ganz in seinem Zeichen.

„Du fragst, ob sie Beethoven heute verstehen?“, schrieb im Jahr 1900 Gustav Mahler an seine Vertraute, die Wiener Violinpädagogin und Bratschistin Natalie Bauer-Lechner. Seine unmissverständliche Antwort: „Was fällt dir ein! Nur weil sie mit seinen Werken aufgewachsen sind, weil er ‚anerkannt‘ ist, hören, spielen und lieben sie ihn vielleicht, aber nicht, weil sie seinem Fluge zu folgen vermöchten. Die können mit ihren Triefaugen nie in die Sonne schauen.“

Ob wir, denn Mahler blendet in seiner Kritik niemanden aus, schon weiter sind? Wird dieses Beethoven-Jahr dazu beitragen, noch deutlichere Einblicke zu ermöglichen in das Schaffen dieser „ganz ungebändigten Persönlichkeit, die zwar nicht ganz unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder für sich noch für andere genussreicher macht“, wie Goethe Beethoven nach einer Begegnung in Töplitz gegenüber dem einflussreichen Berliner Komponisten und Dirigenten Carl Friedrich Zelter charakterisiert hat?

Die „Neunte“ in der Nationalbibliothek #

Die Anstrengungen zum Beethoven-Jahr 2020 sind ambitioniert. Die Wiener Staatsoper spielt demnächst „Leonore“, die Urfassung seiner einzigen Oper „Fidelio“, am Theater an der Wien steht neben einer „Fidelio“-Neuproduktion eine „Egmont“- Uraufführung auf dem Programm. Die Salzburger Festspiele, um ein weiteres Beispiel zu nennen, haben Igor Levit eingeladen, sämtliche Beethoven-Klaviersonaten aufzuführen. Beethoven-Symphonien-Zyklen stehen in aller Welt an der Tagesordnung – auch im Wiener Musikverein mit den Wiener Philharmonikern unter dem diesjährigen Neujahrskonzert-Dirigenten Andris Nelsons.

Apropos Wien: In der Stadt, in der Beethoven seine wesentlichen Jahre verbracht hat, werden gleich zwei Beethoven-Ausstellungen ausgerichtet. Eine organisiert ab 25. März (bis 5. Juli) das Kunsthistorische Museum unter dem Motto „Beethoven bewegt“, eine andere läuft bereits unter dem Titel „Beethoven. Menschenwelt und Götterfunken“ (bis 19. April) im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Anhand von Originalbriefen und Manuskripten – wie dem Violinkonzert, der „Frühlingssonate“ oder einem Teil des exklusiv für diese Exhibition von der Staatsbibliothek zu Berlin zur Verfügung gestellten Autografs der neunten Symphonie – sowie exquisiten bildlichen Darstellungen wird versucht, Beethoven im Kontext seiner Zeit darzustellen, seine private Persönlichkeit in all ihrer Vielfalt zu beleuchten.

175 Stunden Beethoven #

Auch die Medien haben sich dieses Ereignisses längst angenommen oder werden es im Laufe der kommenden Monate noch tun. „Beethoven. The Complete Edition“ ist der Beitrag der Deutschen Grammophon Gesellschaft. Sie hat dafür allerdings mehr in ihren kostbaren Archiven gestöbert als Neues aufgenommen, um Beethovens Gesamtwerk auf 118 CDs, 3 Blu-Ray Audios und 2 DVDs herauszubringen. Damit werden 175 Stunden mit Beethoven angeboten. Schon im Vorjahr hat die langjährige Erste Musikkritikerin der FAZ, Eleonore Büning, die sich zeitlebens besonders diesem Thema verschrieben hat, auf der Basis ihrer einstigen Dissertation einen – wie sie es treffend nennt – „Musikverführer“ herausgebracht: „Sprechen wir über Beethoven“ (Benevento Verlag Salzburg-München). In 26 leicht lesbaren, fundiert dargestellten Kapiteln durchstreift sie Beethovens Werk, legt dabei zahlreiche originelle Bezüge offen, um am Ende durchaus kritisch anzumerken, dass Beethoven heute nicht mehr so oft erklingt wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Würde man nach seinen populärsten Werken fragen, käme als Antwort wohl die als „Mondscheinsonate“ bekannte Cis-Moll-Klaviersonate Opus 27/2 heraus. Ob man damit in einem Atemzug auch die „Neunte“, diesen Hymnus an die Freude, nennen würde, ist sie sich nicht so sicher. Wie sehr Beethoven durch Kant und Schiller beeinflusst wurde? Dem spürt in seinem wissenschaftlich angelegten Buch „Beethoven. Musik für eine neue Zeit“ (Bärenreiter/ Metzler) Hans-Joachim Hinrichsen, Professor in Zürich, nach. Sein Resümee: „Es steckt, so scheint es, viel Idealismus in Beethovens Musik. Ihr Gehalt ist utopisch und ihr Menschenbild optimistisch. Das hat nicht nur Begeisterung geweckt, sondern auch Abwehrreflexe ausgelöst, mit denen ein Nachdenken über Beethoven sich heute ebenfalls auseinandersetzen muss.“

„Die richtige Temperatur fürs Leben“ #

„Wenn ich mich im Zusammenhang des Universums betrachte, was bin ich?“ „Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiss nicht.“ „Die Hoffnung nährt mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich habe sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt, was wäre sonst aus mir geworden.“ Alles Zitate von Beethoven, die Einblicke in sein Innerstes geben, in das eines Menschen, dessen Schicksal ihn mit dem Schrecklichsten konfrontierte, was einem Musiker widerfahren kann: der Taubheit. Gerade in diesem Zustand, wo er nicht anders konnte, als nur in sein Innerstes hören, ob seine Ideen auf dem Papier tatsächlich so realisiert werden konnten, wie er es notiert hatte, entstanden seine bedeutendsten Werke: die großen Klaviersonaten, die letzten Symphonien und die letzten Streichquartette, deren Bedeutung wohl niemand treffender in Worte gekleidet hat als Igor Strawinsky, als ihn Ende der 1960er Jahre die New York Review of Books einlud, diese Werke zu rezensieren: „Diese Quartette sind meine unumstößlichsten musikalischen Glaubensartikel (ihnen gehört, kürzer gesagt, meine Liebe, von allem anderen abgesehen), ich betrachte sie als so unentbehrlich für die Wege und Ziele der Kunst – wobei ich im Sinne habe, was ein Musiker meines Zeitalters über sie denkt und von ihr zu lernen versucht – wie es die (richtige) Temperatur fürs Leben ist.“

Die richtige Temperatur wohl für das Leben aller Zeiten? Wird nicht nach wie vor Beethovens „Fidelio“ stets dort aufgeführt, wo es gilt, besonders die Liebe und Freiheit in den Mittelpunkt zu stellen, was missbräuchliche Verwendungen durch Diktaturen nicht ausschließt? Und gewiss kein Zufall, dass Europa den Schlusssatz von Beethovens „Neunter“ als Grundlage für seine Hymne gewählt hat, und zwar ohne das sonst in der Politik so oft zu hörende Wenn und Aber? „Die wahre Lehre Beethovens lautet also nicht, an den alten Formen festzuhalten und gewissenhaft die Füße in seine früheren Fußstapfen zu setzen. Man muss durch die offenen Fenster auf den freien Himmel schauen können“, urteilte niemand Geringerer als Claude Debussy über diese Beethoven-Symphonie, die auch im Mittelpunkt des symphonischen Geschehens bei den Salzburger Festspielen steht.

„Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“: Wer diesen wohl populärsten Beethoven-Satz verinnerlicht, sich einlässt auf die zahlreichen, mit vielen Überraschungen gespickten Wagnisse seiner Musik, für den kann das Beethoven- Jahr werden, was man sich von einem Gedenkjahr allemal wünscht: das persönliche Erklimmen einer höheren Stufe der Humanität. Nicht zuletzt das spricht aus Ludwig van Beethovens Werk.

DIE FURCHE (9. Jänner 2020)