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Alban Berg und die Frauen #

Alban Bergs „Lulu“ steht wieder am Spielplan der Staatsoper. Die Doppelmoral, um die es in der Oper geht, ist auch Teil seiner Biografie. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 16. November 2017).

Von

Franz Zoglauer


Alban Berg mit seiner Familie. V. l. n. r. : Schwester Smaragda, Steffi, Mutter Johanna, Hermann, Neffe Erich Alban, Alban und der Hund 'Whisky'. Photographie. Nachlass Alban Berg. Um 1908., IMAGNO/Wienbibliothek im Rathaus
Alban Berg mit seiner Familie. V. l. n. r. : Schwester Smaragda, Steffi, Mutter Johanna, Hermann, Neffe Erich Alban, Alban und der Hund "Whisky". Photographie. Nachlass Alban Berg. Um 1908.
IMAGNO/Wienbibliothek im Rathaus

Alban Bergs „Lulu“ wird ab 3. Dezember in der Wiener Staatsoper nach mehr als drei Jahrzehnten wieder in der von Friedrich Cerha komplettierten dreiaktigen Fassung gespielt. Die Verführerin „Lulu“ und der Komponist der Oper stellen Musikfreunde und Biografen vor viele Rätsel. Ursprünglich wollte Alban Berg Gerhart Hauptmanns Märchenfigur Pippa zur Titelfigur einer Oper machen. Die Okarina, das Instrument, zu der Pippa tanzen sollte, liegt auch heute noch in seiner, seit seinem Tod 1935 nach dem Wunsch der Witwe Helene unverändert erhaltenen Wohnung in Wien-Hietzing, in der Trauttmansdorffgasse 27. Bergs Freund, Soma Morgenstern, erinnerte sich, dass Verlagsrechte und das aufdringliche Benehmen von Gerhart Hauptmann, dem Bergs Frau gut gefiel, das Projekt zum Scheitern brachten.

Wedekinds Erdgeist-Tragödie „Lulu“ begeisterte Berg schon deshalb, weil er diesem mädchenhaften Geschöpf, das bei Wedekind vor allem kalte Zerstörerin ihrer Opfer ist, das Elementare und Menschliche mit seiner Musik hinzufügen konnte. Allerdings hinterließ er ein Fragment, das seine Witwe trotz vorhandenem Material aus sehr persönlichen Gründen nicht vollenden lassen wollte.

Vieles verschwiegen #

Helene Berg war, wie ich mich bei zahlreichen Besuchen mit meiner mit ihr befreundeten Mutter erinnern konnte, eine hochgewachsene Frau mit aristokratischer Haltung, deren Schönheit noch im hohen Alter spürbar war. Sie lebte in Wien und im Sommerdomizil am Wörthersee in den Räumen und der Welt ihres verstorbenen Mannes, mit dem sie behauptete, noch immer in Kontakt zu sein.

Sie hatte mir nicht ohne Stolz auch den Ring gezeigt, den ihre Mutter von Kaiser Franz Josef zum Abschied bekommen hatte. Anna Nahowski war 14 Jahre lang Vorgängerin von Katharina Schratt als Freundin des Kaisers und Helene eine Tochter aus der Beziehung mit ihm. Auch ihr Bruder Frank war ein Kaisersprössling, ein begabter Maler, der viele Jahre in geschlossenen Anstalten verbringen musste und sich 1930 zu Kaisers Geburtstag den kleinen Finger der linken Hand abgeschnitten hatte, um ihn am Sarkophag seines Vaters in der Kapuzinergruft zu deponieren.

Helene machte aus ihrer Herkunft keine Geheimnisse. Alles, was ihren Mann Alban Berg betraf, musste in der Öffentlichkeit jedoch makellos sein. Sie hatte Albans Leben zu organisieren gewusst. Nach seinem Tod sorgte sie, dass seine Manuskripte beisammenblieben. Ihr ausdrücklicher Wunsch, dass das Kärntner Waldhaus in Auen im Sommer jungen Komponisten als Sommerdomizil dienen sollte, hat die Bergstiftung bis heute nicht erfüllt. Bergs Ford A 1930 wurde nach Wien ins Technisches Museum gebracht. Bei den Musikverlagen, die jede Note Bergs so rasch und effektiv auswerten wollten, war sie unbeliebt, bisweilen auch gefürchtet. Um die Fertigstellung der „Lulu“ bemühte sie sich zunächst vergeblich und versuchte, sie später aus Angst vor einer Verfälschung zu verhindern.

Die Arbeit von Friedrich Cerha konnte erst nach ihrem Tod 1979 uraufgeführt werden. Die sehr persönlichen Briefe ihres Mannes veröffentlichte sie nur unvollständig. Es blieb bei Huldigungen und Briefküssen an das geliebte „Pferscherl“, den „Goldfasan“ und „Lebensbalsam“. Das Andenken ihres Mannes sollte nicht beschmutzt werden. Sie verschwieg vieles, das sie wusste und möglicherweise auch manches, das ihr selbst nicht bekannt war.

Von Bergs unehelicher Tochter Albine wusste sie, wie mir Bergs Neffe erzählte. Das Dienstmädchen im Gutshaus von Bergs Eltern hatte mit dem 17-jährigen Mittelschüler eine Liebesaffäre. Berg hatte nie gewagt, die Vaterschaft öffentlich einzubekennen, hielt jedoch bis zu seinem Lebensende heimlichen Kontakt mit „Bienchen“.

Aus Angst, die Tochter eines Freundes von Arnold Schönberg zu sein, verschwieg Albine Scheuchl wegen des antisemitischen Zeitgeistes ihre Herkunft und stellte bis zu ihrem Tod 1954 keinerlei Ansprüche. Nur so konnte Helene Tantiemen beziehen und die Alban Berg-Stiftung als alleinige Rechtsnachfolgerin einsetzen.

Von Bergs späteren Affären hatte wohl jene mit der Schwester des Dichters Franz Werfel, der Frau des Prager Industriellen Hanna Fuchs-Robbetin, die größte Bedeutung für sein Werk. Berg war bei der Familie in Prag eingeladen und bewunderte die Schönheit und sinnliche Ausstrahlung der Gastgeberin. Bei Wien-Besuchen musste Freund Soma Morgenstern Schmiere stehen und bei Einladungen vor Helene so tun, als ob er in Hanna verliebt wäre. Aus den Briefen an die ferne Geliebte in Prag kann man herauslesen, wie viel diese Frau Alban Berg bedeutete. In der Komposition „lyrische Suite“ fand „das anfangs Ahnungslose, Geheimnisvolle, das Flüsternde unseres Beisammenseins“ – wie er an Hanna schrieb – Niederschlag. Auch die Konzertarie der „Wein“ ist aus dieser Beziehung entstanden. Berg selbst hat auf zwei Seelen in seiner Brust hingewiesen, eine bürgerliche für die Öffentlichkeit bestimmte, und eine künstlerische, die ihn zu leidenschaftlichen Verhältnissen und unerfüllter Sehnsucht antrieb und für neue Impulse für seine Arbeit sorgte.

Schwester und Rivalin #

Nach außen hin war Berg, der zeitlebens an Asthma litt, keine Frohnatur, hatte jedoch durchaus Sinn für Humor. Er aß gern, war ein Gourmet, trank hin und wieder guten Cognac und hatte – wie auch seine Frau Helene – eine starke Neigung zu Zahlenmystik und Aberglauben. Helene bot ihm jene Ordnung und Ruhe, die er für seine Arbeit brauchte. Gegenüber seiner Familie half sie ihm, eine besonnene Haltung einzunehmen. Nicht nur wegen Erbschafts- und sonstigen finanziellen Streitigkeiten, sondern vor allem wegen seiner Schwester Smaragda.

Diese junge, von dem Maler Richard Gerstl porträtierte Pianistin, war keineswegs bereit, sich wie ihr Bruder den bürgerlichen Zwängen unterzuordnen. Sie war zwar mit dem Sohn eines Südbahnpräsidenten verheiratet, ließ sich jedoch bereits nach acht Monaten scheiden. Das war ihr einziger Kompromiss gängigen Moralvorstellungen gegenüber. Zunächst verliebte sie sich in die Verlobte ihres Bruders, Helene, und wurde kurze Zeit sogar seine Rivalin. Es folgte die Beziehung mit der Diseuse Marya Delvard aus dem Wiener Kabarett „Fledermaus“, der sie aus einer Laune heraus ihr ganzes Erbe vermachen wollte. Eine dauerhafte Freundin wurde die Schweizer Pianistin Maria genannt „May“ Keller, die sie öffentlich zu ihrem Ehepartner erklärte und die von Helene und Alban vorurteilsfrei in der Familie aufgenommen wurde. Gestört wurde die Beziehung durch einen Besuch von Alice, der Frau von Bergs Bruder Hermann, in die sich May kurz, aber heftig verliebte. Für die drauffolgende Krise der drei Frauen rief Smaragda Alban und Helene zu Schiedsrichtern auf, die sich dieser heiklen Aufgabe allerdings entzogen.

Die rätselhaften Klänge, die sich Berg für die Gräfin Geschwitz ausgedacht hatte, aber auch seine Sicht der „Lulu“ haben wohl viel mehr mit seiner Schwester zu tun als bisher angenommen wurde. Bürgerliche Doppelmoral, um die es in dieser Oper geht, hat auch die Biografie dieses großen österreichischen Komponisten geprägt.

DIE FURCHE, Donnerstag, 16. November 2017