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Ausgeprägte Individuen #

Die Wiener Philharmoniker feiern demnächst ihr 175-Jahr-Jubiläum. Nun sind dazu zwei neue Bände erschienen, verfasst vom „Le Figaro“-Kritiker Christian Merlin. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 9. März 2017)

Von

Walter Dobner


Wiener Philharmoniker: Foto aus dem Jahr 1864
Wiener Philharmoniker Das Orchester feiert sein Jubiläum in Wien am 28. März 2017, dem Tag, an dem vor 175 Jahren das erste Konzert gegeben wurde. Im Bild: Foto aus dem Jahr 1864.
Foto: IMAGNO/Austrian Archives

Natürlich kann man es auch so sehen: Schon wieder ein Buch über Wiens Meisterorchester. Aber Christian Merlins Buch ist nicht bloß eine Ergänzung der bisherigen Literatur zu diesem Thema, sondern eine wesentliche Erweiterung. Im Übrigen war es gar nicht geplant. Merlin war auf der Suche nach einem Thema für seine Habilitation an der Sorbonne, erzählt der aus Paris stammende Germanist und Musikologe. „Warum wollen Sie nicht über etwas schreiben, was Ihren beiden Gebieten entgegenkommt“, riet ihm ein Professor. „Ein deutsches Orchester“, lautete der Vorschlag. „Könnten es nicht auch die Wiener Philharmoniker sein?“, antwortete Merlin, und schon hatte er jene Thematik gefunden, mit der er sich 2014 habilitierte.

Das Ganze und die Einzelnen #

Jetzt ist daraus ein Buch entstanden, und zwar nicht eines, sondern zwei. Die Frage, welcher der beiden Bände der interessantere ist, wird wohl unterschiedlich beurteilt werden. Denn der erste, „Die Wiener Philharmoniker. Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute“, fasst die Historie des Klangkörpers aus heutiger Sicht und mit den aktuellen Erkenntnissen zusammen. Der zweite listet, was es in dieser Form noch nicht gegeben hat, alle bisherigen Wiener Philharmoniker auf. Genau 851 sind es, wie Merlin in akribischer Archivarbeit herausgefunden hat. Dafür musste er sich auch ins Archiv der Wiener Staatsoper begeben, denn nur hier – und nicht bei den Philharmonikern – liegen die Personalakte der einzelnen Musiker auf. Eine Fundgrube für jeden, der sich künftig mit den Wiener Philharmonikern auseinander setzen wird, zugleich eine Einladung, zu einzelnen ihrer Mitglieder die Forschung noch zu intensivieren.

Denn genau darum ging es dem Autor: Nicht die Geschichte eines Klangkörpers aus dem Blickwinkel einer Gemeinschaft zu schreiben, sondern zu zeigen, dass es sich um ein Kollektiv von ausgeprägten Individuen handelt. Dies kommt bei den üblichen Orchestergeschichten meist zu kurz oder findet kaum Berücksichtigung. Warum Merlins Wahl überhaupt auf die Wiener Philharmoniker gestoßen ist: „Zum ersten Mal hörte ich sie in den 1980er-Jahren unter Riccardo Muti mit der Vierten Beethovens und der Zweiten Brahms und war sofort von ihrer Spielweise, ihrem Klang fasziniert, obwohl ich zuvor die Berliner unter Karajan gehört hatte. Bald stellte ich mir die Frage, vorher kommt dieser Klang, was sind seine besonderen Merkmale? Irgendwie hängt das auch mit meiner Familiengeschichte zusammen. Mein Großvater wurde in der Bukowina geboren, wusste aber später nie genau, war er Rumäne, Jude oder Österreicher und lebte schließlich in Frankreich.“

Tatsächlich stieß Merlin bei seinen Forschungen auf Erstaunliches. Der Ursprung des Wiener Geigenklangs stammt von einem in Frankreich ausgebildeten Ungarn, die Wiener Oboe hat, wenn auch adaptiert, ihre Wurzeln in Dresden, der Kontrabassklang kommt aus Tschechien. Genau definieren, was den Charme des Wiener Klangs ausmacht, kann man bis heute nicht, resümiert er auch. Denn er ist er gleichermaßen „rund und warm“, wie er ebenso „höchste Kraft und Energie“ ausstrahlen kann. Wobei, weiß Merlin aus seinen Untersuchungen, auch die Dirigenten eine wesentliche Rolle spielen. Ein Beispiel: „1928 spielen sie unter Franz Schalk sehr weich, gemütlich, fast ein wenig schlampig. Nur wenige Jahre später, unter Clemens Kraus, strahlt ihr Spiel Kühle aus, besticht durch Exaktheit und Akkuratesse.“

Apropos Franz Schalk: Seine Persönlichkeit war der Grund, weshalb Merlin eines seiner vier Großkapitel, die wieder in 14 kleinere Kapitel unterteilt sind, den philharmonischen Ereignissen in der erste Republik widmet (die übrigen Großabschnitte tragen die Überschriften „Die Anfänge“, „Der Nationalsozialismus“ und „Von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart“). In dieser Zeit wirkte Schalk als Staatsoperndirektor und Dirigent der Wiener Philharmoniker. Merlin ist überzeugt, dass man bisher seine Bedeutung unterschätzt hat: „Er war der erste, der mit den Wiener Philharmonikern zu einer großen Reise nach Südamerika aufgebrochen ist, er hat sie als Hauptorchester bei den Salzburger Festspielen durchgesetzt“, begründet der 53-jährige Autor seine Sicht.

Seine wesentlichen Erkenntnisse gewann er vor allem aus der genauen Durchsicht der Protokolle der verschiedenen philharmonischen Versammlungen. Merlin: „Demokratie, das wissen wir, hat ihre Tücken, aber würden die Philharmoniker auf ihr System der Selbstverwaltung verzichten, würden sie sich ihrer Identität begeben. Aber auch, was zuweilen in der Kritik steht, wie „zu wenig Proben, manchmal zu viel Selbstvertrauen und der Verzicht auf einen Chefdirigenten“, sieht er ebenso als Pluspunkte des Orchesters.

Ambivalentes Verhalten #

Genauer hat sich Merlin auch mit dem Verhalten des Orchesters während des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Sein Urteil: „Ambivalent, sie wollten ihre Eigenständigkeit als Verein behalten, nicht wie die Kollegen in Berlin zu einem Staatsorchester werden. Dafür mussten sie sich eine Instrumentalisierung gefallen lassen.“

Auch wenn zu diesem Thema zuletzt viel geforscht wurde, ist dennoch einiges offen. Etwa die vor Jahren heftig diskutierte Frage, wer nach 1945 Baldur von Schirach den Ehrenring des Orchesters überbracht hat. Die erste Antwort, der damalige Geschäftsführer Wobisch, scheint sich zu relativieren. War es nicht doch der einstige Vorstand Wilhelm Jerger oder ein anderer? Hier steht die letzte Klarheit noch aus. Ein künftiges Thema für Merlin?

Die Balance zwischen Opern- und Konzertorchester und die damit verbundene Flexibilität macht für Christian Merlin den spezifischen Reiz der Wiener Philharmoniker aus. Eine Erweiterung der ohnedies schon großen Reisetätigkeit könnte die Orchesterqualität gefährden. Für die Zukunft sieht er sie als „internationales und offenes Orchester, fern von allen nationalistischen oder chauvinistischen Zügen“, dessen Klang sich wohl auch weiterhin einer genauen Definition entziehen wird. Aber was wäre Größe ohne Geheimnis?

Buchcover

Die Wiener Philharmoniker 1: Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute,

2: Die Musikerinnen und Musiker von 1842 bis heute.

Von Christian Merlin. Amalthea 2017.

368, 272 S., geb., bis 31.5. €108,–

DIE FURCHE, Donnerstag, 9. März 2017