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Kein Schnitzel auf dem Mars#

"AmPuls"-Diskussion des Wissenschaftsfonds FWF und der "Wiener Zeitung" zur Zukunft der bemannten Raumfahrt.#


Von der Wiener Zeitung (8. Dezember 2019) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Eva Stanzl


Vor 50 Jahren betraten Neil Armstrong und Buzz Aldrin den Mond. Acht Jahre davor, 1961, hatte Jury Gargarin als erster Mensch die Erde umkreist. Seitdem gab es 300 bemannte Raummissionen. "Als Kind verstand ich nicht wirklich, was bei der Mondlandung vor sich ging", berichtete der Planetologe Georg Kargl vor rund 600 Zusehern zum Thema "50 Jahre Mondlandung" bei der 67. AmPuls-Veranstaltung des Wissenschaftsfonds und der "Wiener Zeitung" diese Woche. "Da hüpften Männer in sehr schlechter Bildqualität auf und ab und die Erwachsenen waren furchtbar aufgeregt", blickte er zurück. Später sollte dem Geophysiker und Planetologen des Instituts für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz klar werden: "Es war eine gigantische Leistung."

Planetologe Günther Kargl: 'In 50 Jahren werden wir eine dauerhaft besetzte Forschungs station auf dem Mond unterhalten.'
Planetologe Günther Kargl: "In 50 Jahren werden wir eine dauerhaft besetzte Forschungs station auf dem Mond unterhalten."
Foto: © Christine Miess/FWF

Sieben Jahre, nachdem US-Präsident John F. Kennedy verkündet hatte, auf dem Mond landen zu wollen, war das Vorhaben schon umgesetzt. "Man zeigte, wie schnell man etwas an der Grenze des Machbaren durchziehen kann, wenn der politische Wille gegeben ist", räumte Kargl ein: "Dabei ist die Rechnerleistung in heutigen Smartphones ein Vielfaches dessen, was damals Computer konnten." Es folgte das goldene Zeitalter der Raumfahrt mit Missionen zu Mars, Venus und Titan und der Erkundung des Sonnensystems. Mit der Internationalen Raumstation (ISS) hat die Menschheit heute einen Außenposten im All und sich daran gewöhnt, einen eine Tonne schweren Rover zum Mars bringen zu können.

Eine Fähre zum Mond#

Und nun? Nach dem Wunsch von US-Präsident Donald Trump sollen 2024 die ersten Astronauten auf den Mond zurückkehren. Die Nasa konzentriert sich auf den Bau neuer Raketen, Weltraumkapseln und Landefahrzeuge, das US-Raumfahrtunternehmen SpaceX testet eine Schwerlastrakete. "Derzeit ist eine Tonne das Gewichtigste, das wir auf dem Mars absetzen können. Es gibt keine Fallschirme, mit denen man größere Lasten sanft ablegen könnte. 20 Tonnen mit fünf Astronauten existieren nur im Film", erläuterte Kargl. Einige Schlüsseltechnologien würden fehlen: "Selbst auf dem Mond könnten wir nicht an einer bestimmten Stelle punktgenau landen."

'Austronaut' Franz Viehböck: 'Ich glaube nicht, dass wir schon in den kommenden Jahren am Mars sein werden. Aber ich denke, dass ich es erleben werde.'
"Austronaut" Franz Viehböck: "Ich glaube nicht, dass wir schon in den kommenden Jahren am Mars sein werden. Aber ich denke, dass ich es erleben werde."
Foto: © Christine Miess/FWF

Der bisher einzige Österreicher mit universeller Erfahrung ist Franz Viehböck. Er arbeitete als Assistent an der Technischen Universität Wien, als eine Stelle für einen Kosmonauten für das österreichisch-russische Weltraumprojekt Austromir ausgeschrieben wurde. Am 2. Oktober 1991 startete er ins All. Viehböck gab Einblicke, wofür sich Raumfahrer rüsten müssen. "Bevor man in eine Rakete einsteigt, muss man wissen, wie ein Raumschiff aufgebaut ist und wie man es navigiert. Man muss die Himmelsmechanik intensiv verstehen, die Geräte betreiben und reparieren können."

In Simulationen werden Start, Landung und Notsituationen trainiert, in Humanzentrifugen das Gefühl beim Abheben, in Parabelflügen jenes in der Schwerelosigkeit. "Der Orbit ist in neun Minuten erreicht. Dann umkreist man die Erde in einer Geschwindigkeit von 28.000 Stundenkilometern. Für eine Umrundung brauchen wir 90 Minuten. Somit erleben wir in 24 Stunden 16 Mal Tag und Nacht", sagte der "Austronaut".

Die Personen auf einer Raumstation müssen ihre Schlafsäcke fixieren, weil sie sonst schwebend schliefen, Kopfposter benötigen sie keine. Auch die Kleidung ist angebunden und "die WC-Anlage funktioniert im Prinzip wie ein Staubsauger. Aus einem Liter Urin kann man 0,7 Liter Wasser gewinnen", setzte Viehböck fort. In der Schwerelosigkeit bildet Wasser allerdings eine Kugel, die auf der Haut gleitet, diese aber nicht wäscht. Erst durch die Beigabe wässriger Kugeln wird gefriergetrocknetes Pulver zu Schnitzel mit Kartoffelsalat, zugegeben in etwas anderer Konsistenz.

Ein frisches Wiener Schnitzel gibt es auf dem Mars also wahrscheinlich nicht. Dorthin wäre man zudem drei Jahre unterwegs. Wann es losgehen kann, ist offen. "Die nötigen Technologien sind in Einzelstücken vorhanden. Die Kombination garantiert aber nicht die Funktion - man kann ja auch nicht in einer Autolagerhalle Ersatzteile aus den Regalen nehmen und einen Wagen bauen", beschrieb Kargl das komplexe Vorhaben, das nur alle 26 Monate unternommen werden kann, wenn die Planeten einander nahe sind. Pioniergeist lässt es dennoch attraktiv erscheinen. "Ich glaube zwar nicht, dass wir schon in den nächsten Jahren auf dem Mars sein werden, aber ich denke, dass ich es noch erleben werde", sagte der heute 59-jährige Viehböck.

Trabant als eigenes Ziel#

Näher am Horizont erscheint ihm die geplante Raumstation "Lunar Orbital Platform-Gateway" der Agenturen Nasa, ESA, Roskosmos, der japanischen Jaxa und der kanadischen CSA. Sie soll den Mond umkreisen, aber anders als die ISS nicht durchgängig besetzt sein. "2024 ist zwar etwas zu optimistisch, aber die Astronauten trainieren bereits", sagte Viehböck. Kargl ging noch weiter: "Es ist eine Raststation mit Fähre zum Mond, wo man eine permanente Präsenz aufbauen will. In 50 Jahren werden wir eine dauerhaft besetzte Forschungsstation auf dem Trabanten unterhalten", sagte er.

"Ich finde den Mond langweilig und sehe ihn als Ablenkung. Man will etwas machen, aber es soll nicht zu riskant sein", zitierte Moderatorin Birgit Dalheimer vom ORF Mars-Express-Leiter Rudolf Schmidt von der ESA. Als Geologe sah Kargl es so: "Das Erde-Mond-System ist einzigartig. Wenn man den Mond besser untersucht, kann man die Erde besser verstehen. Man müsste ihn nicht als Zwischenstation, sondern als eigenes Ziel sehen." Hätte er selbst zwischen der Raumstation Mir und dem Mond wählen können, "wäre es eine klare Antwort gewesen", fügte Viehböck hinzu: Mond.

Wiener Zeitung, 8. Dezember 2019