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„Der Pessimismus ist seiner Natur nach impotent“ #

Am 11. November jährt sich der Todestag Viktor Adlers zum 100. Male. Ein Versuch der Würdigung des etwas in Vergessenheit geratenen Einigers der österreichischen Sozialdemokratie. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 3. November 2018

Von

Werner Reisinger


Viktor Adler, Photographie. Um 1910
Viktor Adler, österr. Politiker. Photographie. Um 1910
Foto: IMAGNO/ÖNB

Wien. „Zu Beginn der Sitzung sprach der Bürgermeister den sozialdemokratischen Mitgliedern der Konferenz zu dem schweren Verluste, den die Partei durch das Ableben ihres Führers Dr. Viktor Adler erlitten, das tiefste Beileid aus.“

In ihrer Ausgabe am 12. November 1918 berichtet die „Wiener Zeitung“ ausführlich über die Würdigungen, die Viktor Adler im Wiener Gemeinderat wie auch im Reichsrat zu Teil wurden – auch von christlichsozialen und deutschnationalen Abgeordneten. Adler stirbt zu einer Zeitenwende. Der Krieg ist zu Ende, die Monarchie ist Geschichte. Was der Bericht an jenem schicksalhaften Tag in der Folge ausführt, spiegelt nichts Geringeres als den vorläufigen Höhepunkt der Bestrebungen der damals noch jungen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP): „Mit Rücksicht auf die künftig bevorstehende starke Vertretung der Sozialdemokraten im provisorischen Gemeinderat ergibt sich die Notwendigkeit, dieser Partei eine erhebliche Vertretung im Präsidium des Gemeinderates sowie im Wiener Stadtrat und in den Ausschüssen des Gemeinderates einzuräumen.“ Es ist der Beginn der Hochzeit des „roten Wiens“, das ohne die Leistungen des Arztes, Journalisten und Politikers undenkbar wäre.

Die Hochburg der österreichischen Sozialdemokratie dankte es ihrem Gründervater mit steinernen Ehrungen. Bekannt ist der Viktor-Adler-Markt in Favoriten, am Ring findet sich Adlers Büste am Denkmal der Republik zwischen Ferdinand Hanusch und Jakob Reumann, ein Gemeindebau wurde nach ihm benannt. Unweigerlich kommt Robert Musils Wort von der österreichischen „Kultur des Vergessens, die sich als Kultur der Erinnerung tarnt“, in den Sinn. Steinerne Ehrungen sollen Adlers Andenken Genüge tun, er selbst und vor allem sein politischer Weg liegen heute für viele Österreicher im Dunkeln.

Das mag auch daran liegen, dass Adler in der sozialdemokratischen Erinnerungskultur nie aus dem Schatten Otto Bauers, des Begründers des Austromarxismus, hervorzutreten vermochte. Bauers theoretische Arbeit bleibt für die Partei lange programmatisch, war vor allem in der Ära Kreisky und noch bis in die 80er und 90er Jahre ideologischer Referenzpunkt. Was von Adler bleibt, sind Marksteine: Der Hainfelder Einigungsparteitag 1888, der Reformer und Revolutionäre zusammenfinden ließ, das Brünner Programm 1899, sein zentrales Mitwirken an der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts 1906 und vor allem seine publizistischen Leistungen in den von ihm gegründeten Blättern „Gleichheit“ und der „Arbeiterzeitung“. Ein großer Marxist und Theoretiker war Adler nicht. Auch das mag mitspielen, wieso manche Linke bis heute in ihm bisweilen einen Grundsteinleger der parteinternen Bürokratie sehen, deren lähmende Auswirkungen die Partei gerade jetzt (vorerst erfolglos) zu beseitigen versucht – weil Parteien jetzt auf postdemokratische Weise eine „Bewegung“ sein müssen, um reüssieren zu können. Für andere ist Adler heute eine neu entdeckte Ikone der Integration und des Kompromisses, der Basisarbeit, der Integrität und Bodenständigkeit, von der sich die von internen Intrigen gebeutelte und orientierungslose Parteispitze bitteschön dringend eine Scheibe abschneiden möge.

Viktor Adler, der große Einiger und damit Begründer der Stärke der Partei? Oder der Bremsklotz des revolutionären Elans des Wiener Proletariats? Wer verstehen will, was das politische Wesen des Begründers der SDAP ausmachte, muss ernst nehmen, wo Adler herkommt. Wie sein Vater, der mit Immobiliengeschäften in Wien ein beträchtliches Vermögen gemacht hatte, war Adler in jüngeren Jahren überzeugter Deutschnationaler und im Umfeld der Anhänger von Georg von Schönerer aktiv – wenn auch mit einer sehr früh und stark ausgeprägten sozialen Ader. Von Adlers sozialen Anliegen wollten die Schönerianer bald nichts mehr wissen. Der immer aggressiver werdende Antisemitismus der Deutschnationalen führte zum Bruch und zur Hinwendung zur – in radikale und weniger radikale Vereine und Vereinigungen zersplitterten – Arbeiterbewegung. Zeit seines Lebens wurde Adler Ziel von antisemitischen Attacken, wohl auch deshalb tritt er, gemeinsam mit seinem Vater, in den 1880er Jahren aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus. Wie so viele Wiener damals will Adler seine als Stigma erlebte jüdische Herkunft abstreifen. Ein klassischer assimilierter Wiener Jude, vermögend und bürgerlich – und vor allem hochgebildet. Der promovierte Mediziner arbeitet als Armenarzt, lässt sich im 7. Bezirk am Spittelberg in einem Haus nieder, das später Sigmund Freud bewohnen sollte. Und Adler beginnt rege internationale Beziehungen zu pflegen. Bald zählen Friedrich Engels und August Bebel zu seinen engen Vertrauten. Mit Engels, der ihn auch finanziell unterstützt, pflegt Adler bis zu seinem Lebensende eine enge Freundschaft. In seinen Briefen an den großen Denker und Marx-Mitstreiter, nachzulesen in einem Büchlein des Wiener Publizisten Robert Misik, erleichtert sich Adler über die oft mühsame Parteiarbeit: „Aber der tägliche, stündliche Kampf mit der Dummheit, Kleinlichkeit, Brutalität im eigenen Lager, das wird nie gewogen, das versteht auch keiner, der es nicht durchgemacht.“

Adlers Beziehungen verleihen ihm parteintern Gewicht, wo es ihm an eigener Hausmacht fehlt. Zu einer idealen Integrationsfigur macht ihn vor allem sein enormes publizistisches Gewicht. Kaum bekannt ist, dass Adler einer der ersten Investigativjournalisten der Geschichte war. Er schleicht sich in die Wienerberger Ziegelwerke ein, in einer Serie von aufsehenerregenden Artikeln in der „Gleichheit“ prangert er das Elend der Arbeiter an, er wird ihre Stimme. Nach dem Verbot der „Gleichheit“ entfaltet Adlers Publizistik in der „Arbeiterzeitung“ eine „ungeheure Deutungsmacht“, sagt Oliver Rathkolb. Für den Wiener Zeithistoriker überwiegt bei Adler deutlich dessen reformistische Grundhaltung. Adler verhindert einen Generalstreik, freut sich in einem Brief an Engels, dass in der Partei „die letzte Spur von Anarchisterei verschwunden ist“. Er verhandelt mit der Regierung über die soziale Frage – und Adler will die Monarchie retten.

Die innerparteiliche Debatte, vor allem zwischen Adler und Bauer, über die Haltung zum Habsburgerreich und zur großdeutschen Frage, ist auch als Geschichte des schon im ausgehenden 19. Jahrhunderts beginnenden Niedergangs der k.u.k. Monarchie zu lesen. Er habe „immer eine zweite Option gehabt“, unterstreicht Rathkolb den Pragmatismus Adlers: „Noch in seiner letzten Rede vor der provisorischen Nationalversammlung am 21. Oktober 1918 drängt Adler auf einen freien Völkerbund als Nachfolger der Monarchie. Erst als zweite Option will er den Anschluss an das Deutsche Reich.“ Für Bauer, überzeugter Anhänger des Anschlusses, kam die Fortführung der Monarchie als Völkerbund nicht in Frage.

Variantenreichtum und Pragmatismus – Eigenschaften, die zweifelsohne Generationen von sozialdemokratischen Politikern zum Erfolg genutzt hatten. „Ich bin Optimist durch und durch, aus Temperament und aus Prinzip. Aus Temperament – dafür gibt es weder Vorwurf noch Entschuldigung, aus Prinzip, weil ich glaube, bemerkt zu haben, dass nur der Optimismus was zuwege bringt. Der Pessimismus ist seiner Natur nach impotent.“ Im Brief Adlers von 1890 an seinen Bruder Siegmund findet sich die Essenz seines Denkens.

Die Ausrufung der Republik erlebte der pragmatische Einiger der Sozialdemokratie nicht mehr. Am 11. November, einen Tag vor dem definitiven Ende der Monarchie, stirbt Viktor Adler im Alter von 66 Jahren in Wien. Am nächsten Tag, es ist der Geburtstag der Ersten Republik, scheitert ein Putschversuch der Kommunisten.

Wiener Zeitung, 3. November 2018