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Leopold Figl: Landwirt und Staatsmann #

Der erste Kanzler der Zweiten Republik pflegte eine pragmatische Politik, ohne seine Grundsätze zu vernachlässigen.#


Von der Wiener Zeitung (24. Dezember 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Johannes Schönner


Vor 75 Jahren, am 20. Dezember 1945, wurde Leopold Figl als erster Bundeskanzler der Zweiten Republik angelobt, am 24. Dezember wandte er sich im Radio in seiner legendären Weihnachtsansprache an die Bevölkerung: "Glaubt an dieses Österreich", lautete sein flammender Appell ans kriegszerstörte Land. Die Rede bildete die Grundlage eines Mythos, eines Denkmals, zu dem Figl werden sollte. Dieses Denkmal - nicht bloß jenes am Minoritenplatz, sondern im Bewusstsein der Österreicher - steht auf den Säulen persönlicher Bescheidenheit, moralischer Glaubwürdigkeit und natürlicher Volksnähe. Kein Wunder, dass nun der St. Pöltner Bischof Alois Schwarz ein Seligsprechungsverfahren einleiten will und kürzlich der Steinsaal im Bundeskanzleramt wird in Leopold-Figl-Saal umbenannt wurde.

Johannes Schönner ist Geschäftsführer des Karl von Vogelsang Instituts
Johannes Schönner ist Geschäftsführer des Karl von Vogelsang Instituts.
Foto: © Karl von Vogelsang Institut

Denkmäler haben es freilich heutzutage sehr schwer, in einer Zeit, in der Heroen vom Sockel gestürzt, Entdecker und Weltkriegssieger Zusatztafeln bekommen oder gänzlich der "damnatio memoriae" anheimfallen. Obwohl sich auch die Gegenwart nach genau diesen genannten Attributen sehnt, würde Figl in der heutigen Mediengesellschaft vermutlich scheitern, vielleicht sogar der Lächerlichkeit preisgegeben.

1945 beinahe exekutiert#

Die ersten zehn Jahre nach Kriegsende gelten heute als eine Pionierzeit der Zweiten Republik. Sie werden mit keiner anderen Persönlichkeit so sehr identifiziert wie mit Figl. Er verkörperte den Selbstbehauptungswillen des jungen demokratischen Österreichs, das 1945 daranging, Elend und Not des Zweiten Weltkriegs zu überwinden und eine neue Gesellschaft aufzubauen. Die Prägung seiner bäuerlichen Herkunft in Niederösterreich muss man berücksichtigen, will man seine Entwicklung und besonders seine Entscheidungen verstehen. Stets unumstößlich war seine kompromisslose Ablehnung von Nationalsozialismus und Marxismus.

Schon am 12. März 1938 wurde Figl von den Nazis verhaftet. Er kam mit dem ersten Prominententransport ins KZ Dachau, später ins KZ Flossenbürg, und wurde erst 1943 entlassen. Folter, Dunkelzelle und wochenlange Isolationshaft konnten ihn nicht brechen. Er verkörperte das Bild des "Geistes der Lagerstraße" in besonderer Weise. Durch die dramatischen Einschnitte der Zwischenkriegszeit entscheidend geprägt, gab es für ihn nur den Weg einer konsensualen Demokratie.

Nach dem Attentat auf Adolf Hitler und der folgenden Verhaftungswelle wurde Figl im Herbst 1944 neuerlich inhaftiert und ins KZ Mauthausen gebracht. Ende Jänner 1945 brachte man ihn ins Wiener Straflandesgericht - nur der rasche Vormarsch der Roten Armee auf Wien verhinderte am 5. April 1945 seine Exekution. Wenige Tage später, am 12. April 1945, holte ihn der sowjetische Marschall Fjodor Tolbuchin in eine provisorische Staatsregierung.

Am 15. April 1945 gründete Figl die Österreichische Volkspartei mit. Das christlich-soziale Lager nominierte ihn für die Verhandlungen mit den Sowjets. Nebenbei organisierte er als provisorischer Landeshauptmann den Neuaufbau der niederösterreichischen Landesverwaltung. Als Spitzenkandidat der ÖVP holte er am 25. November 1945 bei der ersten demokratischen Wahl in Österreich seit 1932 die absolute Mehrheit. Dennoch entsprach es dem politischen Grundkonsens, dass er mit der SPÖ und der KPÖ - trotz deren vernichtender Niederlage - eine Koalition bildete.

Feilschen um Staatsvertrag#

Das Bild eines mutigen und unerschrockenen Figl, der mit sowjetischen Generälen, ohne ein Wort Russisch zu können, um jede Tonne Getreide feilschte und sich trotz Drohungen nichts gefallen lässt, imponierte damals wie heute. Österreich war zwar mit Kriegsende befreit, aber nicht frei. Laut Moskauer Deklaration wollten die Alliierten Österreich seine demokratischen Einrichtungen zurückgeben. Doch der beginnende Kalte Krieg verhinderte eine baldige Souveränität. Figl war es, der in zermürbenden Verhandlungen mit den unberechenbaren Sowjets Österreich selbstbewusst und klug gegen die kommunistische Agitation verteidigte. Von der Londoner Außenministerkonferenz 1947, auf der erstmals über den Staatsvertrag verhandelt wurde, bis zur Berliner Außenministerkonferenz 1954 war es immer Figl, der im Ringen darum an vorderster Stelle stand.

Leopold Figl unterzeichnet den Österreichischen Staatsvertrag
Leopold Figl unterzeichnet den Österreichischen Staatsvertrag.
Foto: © IMAGNO/Austrian Archives

Als nach der Nationalratswahl im Februar 1953 die ÖVP erstmals stimmenmäßig hinter der SPÖ zurückblieb, nominierte sie Julius Raab als neuen Kanzler. Schon damals personifizierte Figl den österreichischen Politiker der "Stunde null", und der "Poidl", wie er volkstümlich genannt wurde, galt als moralische und politische Autorität. Im November 1953 von Raab an die Spitze des Außenministeriums berufen, war mit dem Abschluss des Staatsvertrags 1955 Figls politischer Zenit erreicht. Er wurde 1959 Erster Präsident des Nationalrats und 1962 niederösterreichischer Landeshauptmann. Es war die letzte, zugleich aber befriedigendste und glücklichste Periode seiner langen Karriere. Kurz nach dem 20-jährigen Jubiläum der Gründung der Republik und der ÖVP starb Figl am 9. Mai 1965 an Krebs.

Politischer Instinkt#

Figl ersetzte Theorie durch politischen Instinkt, der sich auch gegenüber politischen Gegnern mit einer besonderen Menschlichkeit verband. Er pflegte eine pragmatische Politik, ohne dabei seine politischen Grundsätze zu vernachlässigen. Im Gegenteil, gerade weil er durch seine Herkunft, seine Religion und seinen eigenen Lebensweg über ein unerschütterliches geistiges und weltanschauliches Fundament verfügte, war er in der Lage, auf politisch Andersdenkende zuzugehen und Kompromisse zu schließen.

Niemand kann so ein Denkmal stürzen, ohne dabei gleichzeitig sich selbst zu diskreditieren. Solange die österreichische Geschichte über eine "tausendjährige Kulturtradition" und ein "christliches Fundament" definiert wird, steht Figls Denkmal unbeirrt. Wenn allerdings eine dieser beiden Grundlagen unwiderruflich wegbricht, dann bricht auch das Figl-Denkmal zusammen. In diesem Fall wird sein gestürztes Denkmal allerdings nicht das letzte in Europa sein.

Wiener Zeitung, 24. Dezember 2020