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Helmut Kohl 1930 – 2017#

Deutschlands Kanzler der Einheit und der europäischen Einigung verstarb im Alter von 87 Jahren.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 17. Juni 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

WZ Online, APA, AFP


Helmut Kohl
Kohl am Tegernsee in Bad Wiessee in Süddeutschland, 2013.
Foto: © APAweb/ AP/dpa, Leonhardt

Berlin. "Die deutsche Einheit und die europäische Einigung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille." Unter dieses Credo stellte Helmut Kohl sein politisches Wirken. Als Kanzler der Einheit und Wegbereiter von Europäischer Union und Euro sicherte sich der Ehrenbürger Europas den Eintrag in die Geschichtsbücher. Doch der Glanz wurde getrübt durch die CDU-Spendenaffäre, in der sich Kohl ein Jahr nach seiner Abwahl über die Gesetze stellte und einen Bruch mit seiner Partei provozierte. In den folgenden Jahren saß er aber auch diese Schwierigkeit – wie so viele zuvor – aus und wurde wieder geachtet und hofiert. Am Freitag starb Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren.

16 Jahre, länger als Konrad Adenauer und länger als jeder andere seiner Vorgänger und Nachfolger, war Kohl Bundeskanzler. Zielstrebig hatte er auf das höchste Regierungsamt hingearbeitet. Mithilfe der FDP stürzte er den SPD-Amtsinhaber Helmut Schmidt 1982 über das bisher einzige Misstrauensvotum in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Kaum ein anderer deutscher Spitzenpolitiker wurde so unterschätzt wie Kohl. In den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft sah sich der Pfälzer Spott und Häme wegen seiner Volksverbundenheit und der zunehmenden Körperfülle ausgesetzt. "Birne" war wohl der bekannteste Schmähruf seiner Gegner.

Ängste vor wiedervereinigtem Deutschland zerstreuen#

Bei seinem Aufstieg wie während seiner Amtszeit baute der Machtmensch auf das sprichwörtliche System Kohl. Durch langjährige und regelmäßige Kontakte mit den CDU-Orts- und Kreisvorsitzenden schuf er sich eine derart starke Machtbasis, dass er nicht auf das klassische Partei-Establishment angewiesen war. Das System Kohl funktionierte auch auf internationaler Ebene. Die von ihm gesuchten und gepflegten engen persönlichen Beziehungen zum französischen Präsidenten François Mitterrand, zu Michail Gorbatschow und Boris Jelzin sowie zu den US-Präsidenten George Bush und Bill Clinton waren wesentliche Voraussetzungen dafür, Ängste vor einem wiedervereinigten Deutschland zerstreuen zu können.

Ein weiteres Merkmal war das schon legendäre Aussitzen von Problemen und Krisen. Das führte allerdings auch dazu, dass angekündigte und notwendige Reformen nur schleppend umgesetzt wurden. Die Unzufriedenheit mit dem Kanzler, der für eine "geistig-moralische Wende" angetreten war, gipfelte 1989 in Putschplänen seiner innerparteilichen Widersacher.

Wenig später sprach niemand mehr davon, denn die Mauer und der Eiserne Vorhang fielen. Kohl ergriff die einzigartige Chance, und es gelang ihm auch durch seine persönlichen Vertrauensverhältnisse zu Bush, Mitterrand und Gorbatschow, Widerstand gegen die deutsche Einheit zu zerstreuen. Vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche rief er 1989 aus, dass von deutschem Boden nie mehr Krieg und immer Frieden ausgehen müsse.

Immer wieder setzte Kohl auf symbolträchtige Gesten - nicht immer mit Erfolg. Im September 1984 trafen sich Kohl und Mitterrand auf dem Schlachtfeld von Verdun, um der Toten der beiden Weltkriege zu gedenken. Doch ein halbes Jahr später löste der gemeinsame Besuch Kohls und des US-Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg heftige Kontroversen aus: Auf dem Friedhof sind auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt.

Wegen Euro-Einführung Rücktritt verschoben#

Helmut Kohl
Helmut Kohl auf einem Archivbild aus dem Jahr 2010.
Foto: © APAweb/AP, Michael Probst

Nicht nur in der Regierung, auch in der Partei setzte Kohl Rekorde: 70 Jahre Parteimitglied, 25 Jahre Parteivorsitzender. 1998 wählten ihn die Bürger ab, Gerhard Schröder und Joschka Fischer sorgten für die erste rot-grüne Regierung. Bereits 1996/97 wollte Kohl zurücktreten: "Ich glaubte, 14 Jahre waren genug", sagte er dem NDR. Er wollte den Weg freimachen für Wolfgang Schäuble – doch dann rückte die Euro-Einführung näher und Kohl sah sich als Garant, die damalige knappe schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag zu sichern. "Es gab damals ja Gerede, eine Währung, in der Italiener und Griechen dabei sind, kann niemals eine ordentliche Währung werden", sagte Kohl. Bei der Vorführung des Interviews 2015 lachten die Zuschauer an dieser Stelle. Griechenland stand vor der Staatspleite und belastete die Gemeinschaftswährung.

Der Mythos Kohl verblasste nach seiner Wahlniederlage rapide, dafür sorgte auch die CDU-Spendenaffäre ab 1999. Kohl weigerte sich, die Namen der Spender zu nennen, die ihm nicht deklarierte 1,5 bis zwei Millionen Mark zusteckten. Es folgte der Bruch zwischen ihm und der Partei. Und es war Angela Merkel, die als Generalsekretärin die CDU von ihrem Übervater emanzipierte. Für viele markiert das den Beginn ihrer fortan wachsenden Stärke bis zur eigenen Kanzlerschaft seit 2005. Kohl sah er sich gezwungen, den Ehrenvorsitz der CDU abzugeben.

In dieser Zeit musste Kohl auch einen privaten Schicksalsschlag einstecken. Seine Frau Hannelore, die an einer unheilbaren Lichtallergie litt, nahm sich 2001 das Leben. 2008 heiratete Kohl die mehr als 30 Jahre jüngere Regierungsdirektorin Maike Richter. Sie wird von verschiedenen Seiten verantwortlich gemacht für Kohls Entfernung von seinen Söhnen Walter und Peter und alten Wegbegleitern. Kohls früherer Ghostwriter Heribert Schwan veröffentlichte 2014 ein Buch mit von Kohl nicht freigegebenen Zitaten über Angela Merkel ("Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen") und andere hochrangige Politiker. Der Ex-Kanzler klagte mit Erfolg gegen die Veröffentlichung und erhielt im April die Rekord-Entschädigung von einer Million Euro zugesprochen.

Kohls letzter großer Auftritt datiert vom April 2016. Er empfing den ungarischen Premier Viktor Orbán, als die Flüchtlingskrise Thema Nummer eins war. Als Spitze gegen Angela Merkel wollte er es offiziell aber nicht verstanden wissen.

Letzte Grüße an früheren Parteichef auch im Internet#

Im Gedenken an den verstorbenen deutschen Altkanzler Helmut Kohl hat die CDU in ihrer Parteizentrale in Berlin ein Kondolenzbuch aufgelegt. Außer vor Ort im Konrad-Adenauer-Haus können letzte Grüße an den früheren CDU-Vorsitzenden auch auf der Internetseite der Partei unter https://www.cdu.de/kondolenzbuch abgegeben werden.

Wiener Zeitung, Samstag, 17. Juni 2017