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Ein starker Kanzler, der die Zeit übersah #

Julius Raab schrieb sich als Kanzler des Staatsvertrags in die Geschichte ein. Seine politische Karriere ist typisch österreichisch: Er kam als starker Mann und wollte nicht von selbst gehen, als ihn die Kraft verließ. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (28. Oktober 2018)

Von

Manfried Rauchensteiner


Julius Raab als Inbegriff der Bürgerlichkeit: Er machte die „Knacker“ populär, welche den Beinamen „Beamtenforelle“ erhielt
Julius Raab als Inbegriff der Bürgerlichkeit: Er machte die „Knacker“ populär, welche den Beinamen „Beamtenforelle“ erhielt
Foto: IMAGNO/Austrian Archives

Nach heutigen Maßstäben ist Julius Raab nicht alt geworden – 72 Jahre (29.11.1891 bis 8.1.1964). Die Jahreszahlen allein sagen freilich nicht viel aus. Denn, was fiel doch alles in seine Zeit: die letzten Jahrzehnte der österreichisch- ungarischen Monarchie, der Erste Weltkrieg, die Erste Republik, der christliche Ständestaat, NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg sowie die ersten Jahrzehnte der Zweiten Republik. Raab hat sie aber nicht nur durchlebt, er hat sie zu einem Gutteil mitgestaltet. Und für ihn gilt in einem hohen Maß: Er hat nicht von der Politik gelebt, sondern für die Politik (Max Weber). Er war fromm, kein guter Redner, manchmal regelrecht einsilbig, doch energisch, zupackend und geradlinig. Sein Internationalismus endete in St. Pölten. Doch er kannte die Welt – und die Welt kannte ihn.

Raabs Vater war Baumeister – etwas, das sein Sohn Julius nie werden sollte und das ihm nur als Epitheton angedichtet wurde. Mittelschule und Matura am Stiftsgymnasium in Seitenstetten, dann Einjährig-Freiwilliger bei der Sappeur-Truppe. Den Ersten Weltkrieg machte Raab vom ersten bis zum letzten Tag mit. Schließlich rüstete er „seine“ Soldaten in einer oftmals beschriebenen Szene auf dem Bauhof seiner Familie in St. Pölten ab. Was folgte, waren einige Studienjahre, knapp vor Abschluss des Hochbaustudiums wechselte Raab in die Politik.

Als christlichsozialer Gemeinderat in St. Pölten trat er in die Heimwehr ein und schwor 1930 mit Tausenden anderen den Korneuburger Eid, der die Heimwehren auf die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie festlegen sollte. Für Raab dann doch kein gangbarer Weg. Er engagierte sich sehr viel mehr in der Handelskammer, was ihm eine kurze Ministerschaft im letzten Kabinett Kurt Schuschniggs einbrachte. Dann der Anschluss des Jahres 1938. Die Heimwehrzugehörigkeit und Kurzzeit-Ministerschaft reichten aus, um Raab den Nationalsozialisten verdächtig zu machen. Jedoch konnte er seinen Beruf weiter ausüben, profitierte von einer Bekanntschaft mit dem Hausarzt der Familie und Gauleiter von Niederdonau, Hugo Jury, die ihn bis 1945 ungefährdet sein ließ. Raab war nicht im Widerstand, zählte aber zu den Financiers der O5.

Was dann kam, war der fast unaufhaltsame Aufstieg des Julius Raab. Er gehörte 1945 zu den Gründungsmitgliedern der Österreichischen Volkspartei und wurde Staatssekretär in der Provisorischen Staatsregierung von Karl Renner, zuständig für den Wiederaufbau. Raab reaktivierte den Gewerbebund aus der Zeit des Ständestaats, der nun als Wirtschaftsbund eine der „bündischen“ Säulen der ÖVP wurde. Nach den ersten allgemeinen Wahlen im November 1945 wurde Raab von seinem Freund und nunmehrigen ersten Bundeskanzler der Zweiten Republik, Leopold Figl, als Handelsminister vorgesehen. Seine Bestellung scheiterte am Einspruch von Amerikanern und Sowjets. Für die einen war Raab wegen seiner Heimwehrvergangenheit disqualifiziert, während ihn die Russen schlicht einen „Feind der Sowjetunion“ nannten.

Nicht verhindern ließ sich, dass Raab Nationalratsabgeordneter wurde. Und er baute seine Hausmacht auf. Seit 1945 war er Landesparteiobmann der ÖVP Niederösterreich, Obmann des ÖVP Parlamentsklubs und seit 1946 Präsident der Bundeswirtschaftskammer. Raabs Einfluss wurde immer größer. Der Vizekonsul des amerikanischen Hochkommissariats in Österreich, Martin Herz, charakterisierte Raab im September 1945 mit wenigen Worten: ein stämmiger, dickköpfig wirkender, bäuerlicher Typ in den späten Vierzigern, der einen starken niederösterreichischen Dialekt spricht, gehört dem rechten Flügel der ÖVP an und ist ein ausgesprochener Pragmatiker. In seinem letzten Bericht im Dezember 1948 erstellte Herz eine Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten Österreichs. Raab stand an erster Stelle.

1951 kam dann die Stunde des Julius Raab. An ihn musste Leopold Figl die Obmannschaft der ÖVP abgeben. In den darauffolgenden zwei Jahren schaffte es aber auch der neue starke Mann nicht, die ÖVP aus einem Tief herauszuführen. Schließlich ging 1953 die Kanzlerschaft ebenfalls an Raab, und Kurt Skalnik, einer der bekanntesten Journalisten des Landes, schrieb pointiert: „Eigentlich war er schon immer da, nun verließ er endgültig die Kulisse.“ Raab, der als Innenpolitiker angetreten war, verlegte sich ganz auf die Außenpolitik. Die Gunst des Augenblicks kam ihm dabei zustatten, und er konnte den Strategiewechsel in der Sowjetunion nach dem Tod von Stalin perfekt nutzen. Er drückte den Staatsvertragsverhandlungen seinen Stempel auf und wurde schließlich zum „Staatsvertragskanzler“. Gleich darauf ging es ans Aufarbeiten. Da in den Jahren der Besatzungszeit vieles liegen geblieben war, gab es einen unerhörten Nachholbedarf. Auch dabei kam Raab seine zupackende Art zugute, die auch sein „Vize“, Adolf Schärf, durchaus anerkannte und im November 1955 anlässlich Raabs 64. Geburtstag bei der turnusmäßigen Sitzung des Ministerrats mit wenigen Worte zum Ausdruck brachte, als er bemerkte, „dass wir die kurze Angebundenheit und die raschen Entschließungen von ihm nur begrüßen können“.

Auch in der Zeit „danach“ gelang vieles, führte Raab seine Partei 1956 nochmals knapp an die absolute Mehrheit heran, ehe er einen recht unvermittelten Absturz und das Ende seiner politischen Laufbahn erlebte. Da schien sich die Geschichte zu wiederholen. Bei den Bundespräsidentenwahlen 1957 unterlag Raabs Kandidat, Wolfgang Denk. 1959 konnte die ÖVP bei den Nationalratswahlen nur ganz knapp die Mehrheit behaupten. Des Kanzlers Führungsschwäche, die nach einem Schlaganfall 1957 deutlich geworden war, wurde offen angesprochen. Er wollte es nicht wahrhaben, wehrte sich dagegen, aufs Altenteil abgeschoben zu werden, und musste dennoch nacheinander den Parteivorsitz und schließlich 1961 auch die Kanzlerschaft abgeben. Dass er dann 1963 noch als Gegenkandidat zu Adolf Schärf bei den Bundespräsidentenwahlen antrat und unterlag, verschaffte ihm einen unnötig bitteren Abgang. Letztlich blieb er denn auch nur als Staatsvertragskanzler in Erinnerung.

Kleine Zeitung, 28. Oktober 2018