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Der Tag, an dem der Gottkönig kam#

Revolution im Iran am 1. Februar 1979: Vor 40 Jahren schlägt die Geburtsstunde des politischen Islam.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 1. Februar 2019

Von

Michael Schmölzer


Am 1. Februar 1979 landetet Khomeni, aus Paris kommend, auf dem Flughafen Teheran.
Am 1. Februar 1979 landetet Khomeni, aus Paris kommend, auf dem Flughafen Teheran.
Foto: en.wiki:User:Sa.vakilian and fa.wiki:User:Mrostam. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 3.0

Wien/Teheran. Iran, 1. Februar 1979: Vor genau 40 Jahren landet die Maschine des greisen Schiitenführers Ajatollah Khomeini auf dem Teheraner Flughafen. Ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr so, wie es war.

Mehr als eine Million begeisterter Menschen bevölkerten die Straßen, dem Heimkehrer, der 15 Jahre im Pariser Exil war, wurde ein triumphaler Empfang bereitet. "Wenn der Teufel geht, kommt der Engel", hieß es in der religiös aufgeladenen Stimmung. Der Teufel, das war der Schah, der das Land bereits am 16. Jänner fluchtartig verlassen hatte. Der Engel, das war Khomeini. Der bärtige, von Gott legitimierte Revolutionsführer, der in allen Belangen das letzte Wort haben sollte.

Die Befürchtungen iranischer Intellektueller, Linker und säkularer Nationalisten bewahrheiteten sich rascher als gedacht. Weniger als zwei Wochen nach seiner Ankunft waren Khomeinis Leute an den Schalthebeln der Macht, genau zwei Monate dauerte es, bis die Islamische Republik ausgerufen war. Die Revolution verwandelte das Land von einem angehenden Industriestaat westlicher Prägung in einen "Gottesstaat", in dem Religion zum allein bestimmenden Faktor wurde. Die neue Führung verstaatlichte die Banken, Investoren zogen sich zurück, die Wirtschaft kam gleich zu Beginn der neuen Ära vollständig zum Erliegen. Die Rechte der Frauen, die unter dem Schah das Wahlrecht erhalten hatten, wurden beschnitten. Es gilt bis heute Verhüllungspflicht im öffentlichen Raum. Politische Gegner werden eingekerkert, Prostituierte, Homosexuelle und Ehebrecher zum Tod verurteilt.

Der Westen reagierte auf den Umsturz verunsichert. Denn das immer repressiver agierende Schah-Regime hatte nach und nach alle Sympathien verspielt und konnte zuletzt nur mehr sehr bedingt auf westliche Unterstützung bauen.

Vorbild auch für Sunniten#

Was in den Tagen des Umsturzes nicht gesehen wurde: Die Revolution im Iran war ein Wendepunkt, denn damals schlug die Geburtsstunde des politischen Islam. Ein Faktor, der künftig eine ungeheure Rolle spielen sollte. Der Iran wurde ab 1979 zum Vorbild für zahlreiche, auch sunnitische islamistische Strömungen. Ein "role model", dem nachgeeifert wurde und das die Weltordnung mehr als einmal beträchtlich ins Wanken brachte. Die islamistischen Bewegungen, die sich in den folgenden Jahrzehnten ein Beispiel am Iran nahmen, waren allerdings auf lange Sicht nicht so erfolgreich wie die Mullahs.

Die Taliban hatten Afghanistan zwar fest im Griff, das beschränkte sich allerdings auf ein paar Jahre. Die Hamas bleibt auf den Gazastreifen limitiert. Die Muslimbrüder in Ägypten kamen demokratisch an die Macht, diese wurde ihnen von der Armee dann schnell wieder entzogen. Auch der selbst ernannte Islamische Staat scheiterte spektakulär.

Die Lehre: Eine religiöse Ideologie alleine reicht offensichtlich nicht aus, um sich politisch dauerhaft an der Macht zu halten. Das beste Beispiel dafür ist paradoxerweise der Iran selbst. Denn gerade dort war es nicht so, dass eine einheitlich fanatisierte religiöse Masse den verhassten Schah mit dem Koran in der Hand aus dem Land vertrieben hat. Das behauptete die iranische Propaganda.

Tatsächlich war es eine breite Bewegung - Säkulare, Linke und Nationalisten -, die an dem Sieg über den verhassten Diktator Reza Pahlewi beteiligt war. Der Umsturz war ein Kraftakt verschiedener ideologischer und politischer Strömungen. Das unterschied die Revolution im Iran von allen anderen islamistischen Bewegungen, die auf sich allein gestellt waren.

In den Wochen nach der Flucht des Schah etikettierte Khomeini die Revolution als "islamische" um, Angehörige aller anderen politischen Lager wurden vertrieben, eingesperrt oder gleich umgebracht. Das Zweckbündnis war schnell Geschichte. Viele linke Intellektuelle, die aus dem Ausland gekommen waren, um den "Regime-Change" zu unterstützten, wandten sich entsetzt ab. Viele hatten eine demokratische oder sozialistische Wende erhofft und konnten dann froh sein, wenn sie sich irgendwie aus dem Land retten konnten.

Kulturrevolution#

Was folgte, war eine Kulturrevolution der schiitischen Art, die alle Lebensbereiche umfasste. Der Westen war mit dem Teufel ident, alles Westliche musste ausgerottet werden. Juristen, Lehrer und Professoren, die als "Vasallen teuflischer Ideologien" an ausländischen Universitäten studiert hatten, wurden von ihren Posten entfernt und durch Mullahs ersetzt. Sogenannte "Mudjtahids" säuberten die Lehrpläne an den Schulen vom "Schmutz westlichen Wissens" und durchkämmten die Bibliotheken nach unbotmäßiger Literatur. Anstelle eines im Westen üblichen Steuersystems trat die "Zakat", die urislamische Almosensteuer. Es sollte die perfekte Ordnung Allahs eingeführt werden, nur noch die reine, islamische Lehre gelten.

Seit 40 Jahren existiert der schiitische Khomeini-Staat, länger als die Herrschaft des gestürzten Schahs. Der Revolutionsführer ist mittlerweile tot und die Stimmung in der Bevölkerung so ähnlich, wie sie zu Ende des Schah-Regimes war. 2009, als die Hardliner die grüne Reformbewegung um ihren Wahlsieg brachten, gingen Millionen Demonstranten auf die Straßen und auf die Dächer der Häuser. Vorerst umsonst: Ein Ende der "Islamischen Republik" ist (noch) nicht absehbar.

Wiener Zeitung, 1. Februar 2019