unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Mein Jerusalem - so viel Heiligkeit, so viel Schmerz! #

Jerusalem – das ist die Stadt, die ich kenne wie keine zweite. Ein Übermaß an Frömmigkeit auf engem Raum. Und wenig Bereitschaft, den Glauben des jeweils anderen zu akzeptieren. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Freitag, 8. Dezember 2017)

Von

Wolfgang Sotill


Jerusalem mit Klagemauer und Felsendom 2013 im Schnee
Warum regen ein paar Tausend Quadratmeter die Welt auf? Jerusalem mit Klagemauer und Felsendom 2013 im Schnee
Foto: AP

Wer einmal vor dem muslimischen Felsendom in Jerusalem gestanden ist, und erst recht, wer dieses frühislamische Bauwerk von innen betrachtet hat, der weiß: Nicht nur Musik, sondern auch die vollkommene Harmonie eines Bauwerks kann Menschen körperlich berühren. Ehrfürchtiges Schaudern oder innere Erregung – alles ist angesichts des 691 eingeweihten Oktogonalbaus möglich, in dessen Mitte ein unbehauener Felsen liegt.

Auf diesem Stein soll Abraham bereit gewesen sein, seinen Sohn Isaak zu opfern, ehe Gott ihm Einhalt gebot. Von hier aus soll der Prophet Mohammed für einen kurzen Augenblick in den Himmel entrückt worden sein, wie es in der Sure 17,1 zu lesen ist: „Preis sei dem, der seinen Diener bei Nacht von der heiligen Moschee zur fernsten Moschee, die Wir ringsum gesegnet haben, reisen ließ, damit Wir ihm etwas von unseren Zeichen zeigen.“

Mit diesem Vers schaffte es Jerusalem, das übrigens kein einziges Mal im Koran namentlich erwähnt wird, nach Mekka und Medina zur drittheiligsten Stadt des Islam aufzusteigen. Solange der Prophet noch die Hoffnung hatte, die jüdischen und christlichen Stimmen Arabiens für seine neue Religion begeistern zu können, richtete er sogar die erste Qibla, die Gebetsrichtung, nach Jerusalem aus. Als sich die Juden und Christen der neuen Religion gegenüber reserviert zeigten, richtete Mohammed sich nach Mekka aus.

Warum aber, das habe ich noch vor wenigen Tagen einen Aufseher am Tempelplatz gefragt, der streng darüber wacht, dass kein Mann seine Frau berührt, warum frage ich, ist der Prophet hierhergekommen, wenn er doch tief in der saudiarabischen Halbinsel zu Hause war? Zudem interessiert mich, ob der Platz, auf dem der Felsendom heute steht, schon früher bebaut gewesen ist. Der Aufseher fasst sich kurz und erklärt, dass dies die „kürzeste Verbindung zwischen Erde und Himmel“ sei und dass hier zu Zeiten des Propheten Mohammed „nichts außer dem nackten Berg“ gewesen sei.

Als ich meiner Reisegruppe den tatsächlichen historischen und theologischen Hintergrund darlege, bezeichnet mich der Aufseher als „Verräter“. Das ist ein Wort, das in der arabischen Welt höchst unangenehme Folgen haben kann – es war also höchst an der Zeit, den Platz zu verlassen. Faktum aber ist, dass Mohammed in einer imaginären Reise nach Jerusalem gekommen ist, weil er die Konfrontation mit dem Judentum und dem Christentum suchen und auch gewinnen musste. Sonst hätte der Islam theologisch nie für sich in Anspruch nehmen können, die ultimativ letzte Selbstoffenbarung Gottes zu sein. Faktum ist aber auch, dass dieser Platz nicht leer war, sondern dass sich hier bereits 1600 Jahre vor der Himmelfahrt Mohammeds eine jüdische Tradition etabliert hatte.

Es war König David, der um das Jahr 1000 vor Christus einem Jebusiter den Platz ab kaufte, auf dem dann sein Sohn Salomon den ersten jüdischen Tempel errichtete. Dieser wurde 587 vor Christus zerstört, als Judäa ins babylonische Exil geführt wurde, wenige Jahrzehnte später wieder notdürftig errichtet und schließlich von Herodes dem Großen (73 bis 4 v. Chr.) mit 144.000 Quadratmetern zum größten Einzelbauwerk der antiken Welt ausgebaut. Dieser Prachtbau wurde dann im Jahr 70 nach Christus von den Römern zerstört. Was stehen blieb, war seine westliche Begrenzungsmauer, in der Gott – nach dem Verlust seines Hauses – dann „Wohnung genommen“ hat, wie Juden glauben. Deswegen ist die Westmauer auch der heiligste Ort im Judentum.

Dass Christen sie als Klagemauer bezeichnen, ist durchaus legitim, denn tatsächlich beklagen Juden dort die Zerstörung des Tempels. Aber sie tun es nur an einem Tag im Jahr, an allen anderen preisen sie Gott, sie bitten ihn und danken ihm. Und wer an einem Montag oder Donnerstag dorthin geht und sieht, mit welcher Freude 13- Jährige den Initiationsritus der Bar Mitzwa begehen, der erlebt, dass Juden dort auch feiern.

Aber genau das ist der Schmerz dieser knapp 4000 Jahre alten Stadt. Jeder will nur sehen, was er glaubt, in ihr bestätigt sehen zu müssen: die Juden, dass ihnen allein die Stadt versprochen ist, die Christen, dass die Juden dort klagen, und die Muslime, dass vor ihrer Tradition keine jüdische liegt. So erklärte der Großmufti der Al-Aksa-Moschee im Jahr 2015, dass niemals ein jüdischer Tempel auf dem Tempelberg existiert haben könne, weil dort seit 30.000 Jahren eine Moschee stehe. Geschichtslügen gehören im Nahen Osten zum Geschäft.

Die Herabwürdigung des Judentums durch Muslime in Palästina ist keineswegs neu. So wurden zwischen 1948 und 1967 jüdische Grabsteine vom Ölberg für den Unterbau einer Straße genutzt und an der Westmauer wurde ein Pissoir eingerichtet. Neu ist aber, dass die Palästinenser ihre Sicht der Geschichte zunehmend auf das internationale Parkett tragen. Angesichts der antiisraelischen Mehrheit arabischer und muslimischer Staaten in UN-Organisationen konnten die Palästinenser einige Erfolge verbuchen. Im April und Oktober 2016 sowie im Mai 2017 verabschiedete die Unesco Resolutionen, die das jüdische Erbe, die jüdische Geschichte, den jüdischen Stellenwert Jerusalems vollständig leugnen und lediglich die islamische Bedeutung herausstellen, schrieb kürzlich Marcel Serr, Mitglied des angesehenen Deutschen Evangelischen Instituts Jerusalem, in einem Aufsatz. Der amerikanische Präsident Donald Trump versucht sich nun im ideologischen Gegenschlag, indem er ausschließlich die jüdischen Traditionen Jerusalems betont.

Aber warum nur regen ein paar Tausend Quadratmeter, an denen zwei Religionen, der Islam und das Judentum, interessiert sind, die ganze Welt so auf, dass man in diesen Tagen einen Flächenbrand im Nahen Osten fürchten muss? Die Antwort ist vielschichtig: Weil Jerusalem die spirituelle Hauptstadt der halben Menschheit ist, weil jede Glaubensrichtung, jede Sekte, die hier vertreten ist, glaubt, die Stadt gehöre ihr allein. Weil die Stadt auch nach mehreren Besuchen nicht greifbar ist, da sie – etwa im Judentum – einmal als schöne sinnliche Frau, dann wieder als verletzte Prinzessin oder als schamlose Hure dargestellt wird. Weil Jerusalem die Heimat eines Gottes, die Hauptstadt zweier Völker und das Heiligtum dreier Religionen ist. Wobei das Christentum sich zumindest geografisch im Abseits hält. Zwar liegen die Via Dolorosa und die Grabeskirche ebenfalls in dem einen Quadratkilometer großen Geviert der Altstadt, aber doch weit genug entfernt, um direkte Berührungspunkte zu haben. Zudem haben die Christen den Tempelplatz schon früh gering geschätzt, diente ihnen doch der zerstörte jüdische Tempel als Beweis, dass Gott den Juden seine Zuneigung versagt und sich eine neue Liebe auserkoren hat: eben die Christen.

So viel Heiligkeit und Spiritualität, so viel Gegensätzlichkeit, so viele Prophezeiungen, wie sie in Jerusalem gemacht wurden, und ebenso viele Flüche, die über die Stadt gesprochen wurden, kann kein einzelner Ort auf der Welt ertragen. Deswegen gibt es Jerusalem als einzige Stadt des Erdkreises im Himmel noch einmal. Von diesem himmlischen Jerusalem hoffen wir, dass dort umgesetzt wird, was Juden und Muslime täglich beteuern: Shalom – Salam – Friede.

Wolfgang Sotill, geboren 1956 in Bruck an der Mur, Theologe, Journalist und Reiseleiter. Studierte in Graz und Jerusalem. Schreibt seit vielen Jahren für die Kleine Zeitung. Zahlreiche Buchpublikationen, zuletzt Mitautor von „Abrahams Kinder“.

Kleine Zeitung, Freitag, 8. Dezember 2017