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Zwischen Weihrauch und Schwefel#

Mit "Holl - Bilanz eines rebellischen Lebens" liefert Harald Klauhs mehr als die Biografie eines schillernden Religionssoziologen.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 1. April 2018

Von

Heiner Boberski


2002 wurde Adolf Holl mit dem Östereichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet., Foto: © apa/Barbara Gindl
2002 wurde Adolf Holl mit dem Östereichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet.
Foto: © apa/Barbara Gindl

"Ich bete für einen neuen Papst": Wenn ein Priester oder Ordensmann Kritik am gerade amtierenden Papst von sich gibt, muss er mit Ärger rechnen. Erst kürzlich wurde der britische Historiker Henry Sire für sein unter Pseudonym verfasstes Buch "Der Diktator-Papst" vom Malteserorden, dessen Mitglied er ist, suspendiert.

Vor 50 Jahren packte der Wiener Kaplan Adolf Holl seine Unzufriedenheit mit dem damaligen Pontifex Paul VI. in den eingangs zitierten Satz, und zwar am 31. Juli 1968 in der von Helmut Zilk moderierten TV-Sendung "Stadtgespräche". Es ging um das gerade veröffentlichte, als "Pillen-Enzyklika" in die Geschichte eingegangene päpstliche Lehrschreiben "Humanae vitae - Über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens", das Katholiken den Gebrauch künstlicher Mittel zur Empfängnisverhütung untersagte.

Holl stand mit seiner Kritik an "Humanae vitae" nicht allein. Die Wogen gingen in der ganzen katholischen Kirche hoch, und die Österreichische Bischofskonferenz sah sich veranlasst, in der "Mariatroster Erklärung" vom September 1968 den Gläubigen ein Hören auf ihr Gewissen und "verantwortete Elternschaft" zuzugestehen. Das wurde natürlich sehr vorsichtig formuliert und mit der Mahnung verbunden, dass sich die richtige Bildung des Gewissens am kirchlichen Lehramt zu orientieren habe.

In einem "Revolution" betitelten Abschnitt behandelt Harald Klauhs, seit 1996 Literaturredakteur der "Presse"-Wochenendbeilage "Spectrum", davor Redakteur der katholischen Wochenzeitung "Die Furche", in seinem neuen Buch "Holl - Bilanz eines rebellischen Lebens" den Wirbel, der damals - im auch politisch sehr aufgeladenen Jahr 1968 - Adolf Holl schlagartig im ganzen Land berühmt und in konservativen katholischen Kreisen vollends berüchtigt machte.

Der schon zuvor durch kritische Töne auffällige Holl war damals nicht nur Kaplan in der Wiener Pfarre Neulerchenfeld, sondern auch Dozent an der Theologischen Fakultät der Universität Wien und - diese Funktion verlor er sehr rasch - Geistlicher Assistent der Fernsehkommission im diözesanen Katholischen Zentrum für Film, Funk und Fernsehen.

1966 galt er als Anwärter für den Wiener Lehrstuhl für Religionswissenschaft, doch wurde ihm Hubertus Mynarek vorgezogen, der es später sogar zum Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät brachte, ehe er heiratete und aus der Kirche austrat, nicht ohne ihr Heuchelei vorzuwerfen.

Durch das Leben von Adolf Holl ziehen sich zwar ähnliche Probleme mit dem System Kirche, mit Glaubenssätzen und mit dem Zölibat, aber Harald Klauhs stellt fest: "Holl ging einen anderen Weg. Ein derartiger Bruch wäre für ihn einer Amputation von Gliedern seiner Biografie gleichgekommen." Die Wahl des Priesterberufs sei eine Lebensentscheidung, hat ihm seine Mutter mitgegeben.

Holl ist bis heute Priester geblieben, wiewohl er 1976 von Kardinal Franz König von diesem Amt suspendiert wurde und keine priesterlichen Funktionen mehr ausüben darf. König war sicher kein Hardliner, stand aber einerseits unter großem Druck seitens der vatikanischen Glaubenskongregation und anderseits einem gerne provozierenden und wenig kompromissbereiten Theologen gegenüber.

In seinem 1994 erschienenen Buch "Was ich denke" sieht Holl seine Lebensgeschichte "als Kurzfassung der abendländischen Geistesgeschichte". Daran orientiert sich auch die Biografie von Harald Klauhs. Nach einem "Prolog im Himmel" folgen die Überschriften "Spätantike, Völkerwanderung, Christianisierung, Kampf gegen die Welt, Humanismus, Säkularisierung, Zeit des Zorns, Profanisierung, Etablierung" und ein "Epilog auf der Erde".

Affären & Kartenspiel#

Es ist wohl kein Zufall, dass der längste Abschnitt sich auf die Jahre 1968 bis 1976 bezieht und "Zeit des Zorns" heißt. In diese Jahre fallen die großen kirchlichen Turbulenzen, auch der Entzug der Lehrbefugnis im Jahr 1973 als Folge von Holls Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft", aber auch der Tod seiner Mutter und der Beginn seiner dauerhaften Beziehung mit der Journalistin Inge Santner-Cyrus. Harald Klauhs verschweigt in seinem Buch nicht, dass Holl dem Zölibat schon 1959 mit der Gattin eines Heurigenmusikers untreu wurde, wonach es zu weiteren Affären kam. Bis dahin hatte sich Holl gerne dem Kartenspiel gewidmet, berichtet Klauhs: "Seit seiner Entdeckung lustvollerer Freizeitbeschäftigungen hatte er dafür allerdings kaum noch Zeit."

"Weihrauch und Schwefel" heißt eines von Holls Büchern, zwischen diesen Substanzen lief auch sein Leben ab. Harald Klauhs erweist sich als äußerst belesener Mann, der nicht nur Holls Werdegang detailreich beschreibt, sondern viel historischen Hintergrund in diese Biografie hineinholt und sie mit einer Fülle von Zitaten von und über Adolf Holl bereichert. Wer diese Zeit erlebt hat, bekommt etliche Ereignisse und Personen der jüngeren Kirchen- und Zeitgeschichte in Erinnerung gerufen, die heute fast in Vergessenheit geraten sind.

Man erfährt zum Beispiel, dass Holl als Kaplan einen ehemaligen Schüler, den Wehrdienstverweigerer Heinz Knienieder, vor den Behörden versteckt hat, einen marxistischen Intellektuellen, der Holl stramm "auf Linkskurs" gebracht habe. Manche mag es wundern, dass ein "Progressiver" wie Holl dem alten lateinischen Messritus mit seiner Magie nachtrauert: "Diese Aura hat das Zweite Vatikanum wegreformiert. Sehr zum Zorn von Adolf Holl." Weniger überrascht, dass Holl in Zyklen und Zeitaltern denkt: "Mit den Ewigkeiten hält er’s nicht so. Nicht einmal in Bezug auf Gott. Der ist für ihn keineswegs unwandelbar."

Der am 13. Mai 1930 geborene Adolf Holl trägt zwar den Namen des arbeitslosen Karl Wilhelm Holl, mit dem seine Mutter Josefine am 29. Jänner 1930 eine kurze Scheinehe eingeht, sein wirklicher Vater, ein verheirateter Oberbaurat in der Niederösterreichischen Landwirtschaftskammer, stirbt 57-jährig im November 1931, zum Begräbnis kommt einige Prominenz, darunter auch der damalige Landwirtschaftsminister Engelbert Dollfuß.

Ministrant in Kirchberg#

Adolf Holl wächst in einem Frauenhaushalt in Wien-Breitensee auf, mit seiner katholischen Mutter und der freidenkerisch-sozialdemokratischen Beamtenwitwe Karoline Walch als Ziehgroßmutter. Als Hitlerjunge liebäugelt er noch im Sommer 1941 - imApril ist Frau Walch gestorben - mit einer Karriere als Nationalsozialist, bis sich das Ende des "Tausendjährigen Reiches" abzeichnet.

1942 beginnt Holl mit einem Tagebuch. Die prägendste Zeit in seinem Leben erlebt Holl, so Klauhs, vermutlich im ersten Halbjahr 1944, als er im Zuge der "Kinderlandverschickung" nach Kirchberg ob der Donau kommt, dem gütigen und heiteren Pfarrer Anton Panholzer begegnet und erstmals als Ministrant am Altar steht. "Dort hat ihn der Zauber des Christentums gepackt", schreibt Harald Klauhs.

Nach der mit Vorzug bestandenen Matura tritt Holl im Herbst 1948 ins Wiener Priesterseminar ein, 1954 weiht ihn Kardinal Theodor Innitzer zum Priester. 1955 wird er nach einer Dissertation über den heiligen Augustinus zum Doktor der Theologie promoviert, 1961 erwirbt er noch das Doktorat der Philosophie. "Holl hätte zu einem ebenso bedeutenden wie langweiligen Augustinus-Forscher werden können", schreibt Klauhs, das stellte sich zumindest sein wichtigster Lehrer, der Tiroler Fundamentaltheologe Albert Mitterer, vor.

Es kam ganz anders. Als Priester ohne Amt widmete sich Holl ab 1976 noch mehr der Rolle des Querdenkers, schrieb religionssoziologische Bücher und stand gerne für kirchenkritische Interviews zur Verfügung. "Die Tatsachen sind die Fragen, die Geschichten sind die Wahrheiten" heißt es in der Vorbemerkung zu Holls Büchlein "Wo Gott wohnt".

Dieser Satz könnte als Motto über dem publizistischen Werk Holls stehen, meint Klauhs, der den Holl des frühen dritten Jahrtausends treffend so beschreibt: "Aus dem sarkastischen Revoluzzer von einst war ein sophistischer Schelm geworden, der mit gelassener Heiterkeit den Niedergang seiner Kirche begleitete."

Das deckt sich mit dem, was Walter Famler, Nachfolger von Heinz Knienieder "als samstäglicher Mittagsgast in Holls Arbeitswohnung in der Hardtgasse", im Vorwort zu dieser Biografie schreibt. Holl wolle - analog zur Zahl der Lebensjahre Jesu - 33 Bücher schreiben, 32 seien fertig, das 33. mit dem Arbeitstitel "Leibesvisitationen" sei in Arbeit.

Wird es zu Holls Neunziger erscheinen? Findet Holl einen Platz im Pantheon der österreichischen Geistesgeschichte? Holls Reaktion auf solche Fragen laut Famler: schelmisches Lächeln.

Buchcover
Buchcover

Harald Klauhs

Holl. Bilanz eines rebellischen Lebens

Residenz Verlag, Wien 2018, 368 Seiten, 28,- Euro.

Wiener Zeitung, 1. April 2018