Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Der Menstruationsmann#

Ein Inder revolutioniert das Binden-Business und bekämpft damit Tabu und Armut.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 15. Juni 2018

Von

WZ-Korrespondentin Daniela Schröder


Frauen bei der Binden-Produktion in Südindien
Frauen bei der Binden-Produktion in Südindien.
Foto: © Schröder

Coimbatore. Alles begann mit einem schmutzigen Lappen. Kurz nach seiner Heirat war es, als der junge Inder Arunachalam Muruganantham, Muruga genannt, bei seiner Frau Shanti ein blutverschmiertes Stück Stoff entdeckte. Sie versuchte es vor ihm zu verstecken, doch er begriff sofort. "Damit würde ich nicht einmal den Motorroller putzen!", rief Muruga entsetzt. "Ich weiß", sagte Shanti. "Aber Damenbinden sind zu teuer, eine einzelne kostet so viel wie ein halber Liter Milch." Muruga, ein gelernter Schlosser, sah das Problem als Herausforderung - und machte sich auf die Suche nach einer Lösung. Er analysierte zig Binden internationaler Markenhersteller, besorgte Materialien, und beschloss, selbst eine Maschine zum Herstellen von Damenbinden zu entwickeln.

Gut 20 Jahre ist das her, heute gehört Muruga das Unternehmen Jayashree Industries, Sitz ist die südindische Stadt Coimbatore, Bundesstaat Tamil Nadu. Jayashree Industries, das sind zwei Schuppen außerhalb der Stadt.

An der Wand hängen Urkunden, Muruga wurde in Indien und im Ausland ausgezeichnet. Er ist Gewinner von Innovationspreisen, die indische Regierung verlieh ihm für Verdienste zum Wohl der Menschen den Ehrentitel ‚Padma Shri‘. Seit kurzem gibt es einen Bollywood-Film über ihn, das US-Magazin "Time" kürte ihn zu einem der hundert bedeutendsten Menschen des Jahrhunderts. Weil er eine simple Maschine erfunden hat, mit der Frauen Damenbinden herstellen.

In der Werkstatt summen Neonröhren, der Ventilator weht, ein Moskito schwirrt durch den Raum und landet auf einer von zwei riesigen Holzkisten. "Da sind Maschinen drin, die morgen nach Afrika gehen", sagt Muruga. "Wir exportieren mittlerweile in alle Welt." Die Produktion läuft auf Hochtouren, vier Arbeiter schrauben, löten und schweißen. Murugas Handy klingelt. "Nein, Sir, wir haben keine Vertriebspartner. Wir sind ein Sozialunternehmen, und wir verkaufen direkt an die Hersteller. Mailen Sie mir Ihre Kontaktdaten, und ich schicke alle Informationen."

An einer Wand hängt ein Plakat mit einer Industriemaschine, meterlange Hightech, wie es in den Fabrikhallen großer Bindenhersteller steht. Produktion per Knopfdruck, sekundenschnell. "So eine Anlage kostet mindestens eine Million Dollar", sagt Muruga. "Ich habe den Fertigungsprozess auf vier einfach konstruierte Maschinen aufgeteilt. Billig zu bauen, also kann ich sie günstig verkaufen. Einfach zu bedienen und leicht zu reparieren, das ist optimal für die Frauen, die mit den Maschinen arbeiten."

Mit Murugas Maschinen eine Binde zu produzieren, dauert zehn Minuten, es sind vier Arbeitsschritte plus das Verpacken. Zwei Typen von Maschinen stellt Jayaashree Industries her, eine mit der Hand zu bedienen, eine halbautomatisch mit kleinem Motor. Geräte wie aus einer vergangenen Zeit.

Für indische Frauen und Mädchen sind die Maschinen eine Revolution. Auf dem Land, wo die meisten Inder wohnen, leben Frauen während ihrer Periode isoliert. Menstruierende gelten als unrein, sie dürfen keine Lebensmittel berühren, nicht in den Tempel gehen, nicht neben ihrem Ehemann schlafen. Allgemein ist die Menstruation ein Tabuthema, zum weiblichen Körper existieren zig Mythen.

Ein Tabu, das tötet#

Nur gut jede zehnte Inderin benutzt Binden, Tampons sind ohnehin ein Tabu. Die meisten fangen ihr Blut mit Tüchern auf, selbst gemacht aus alter Kleidung. Andere Frauen nehmen Zeitungspapier, trockene Blätter, kleine Beutel voll Sand oder Asche, manche setzen sich immer wieder auf ein Büschel Gras oder Heu. Stoffbinden könnten eine hygienische Option sein - gut gewaschen und getrocknet. Doch die Frauen und Mädchen schämen sich und verstecken die Lappen in einer Zimmerecke, anstatt sie in der Sonne zu trocknen.

'Menstruationsmann' Muruga (r.) in seiner Maschinen-Werkstatt
"Menstruationsmann" Muruga (r.) in seiner Maschinen-Werkstatt.
Foto: © Schröder

Die traditionellen Monatshygiene-Methoden gelten als eine der Hauptursachen von Gebärmutterhalskrebs, da sie Infektionen fördern, die das Krebsrisiko erhöhen. In keinem anderen Land der Welt erkranken und sterben so viele Frauen an Gebärmutterhalskrebs wie in Indien. Die Infektionen lösen Früh- und Totgeburten aus, Babys kommen behindert zur Welt, junge Frauen werden unfruchtbar.

Muruga kennt die Statistiken und Studien im Detail. Seine Muttersprache ist Tamil, Englisch hat er sich selbst beigebracht, er ist versiert in Managementwissen, ein klassischer Autodidakt. Mit zehn brach Muruga die Schule ab, sein Vater war bei einem Autounfall gestorben, der einzige Sohn musste die Familie ernähren. Heute spricht Muruga auf Wirtschaftstagungen weltweit über Sozialunternehmertum, an indischen Universitäten doziert er über "Innovation als Unternehmensbasis".

"Autos, Mode, Zigaretten, wir Männer kennen zig Marken. Aber wer kennt eine Binden-Marke?", fragt Muruga die Teilnehmer einer Unternehmer-Konferenz in Coimbatore. "Genau das ist der Grund", sagt er, "warum so wenige Frauen in Indien Binden benutzen. Wir sind Sohn, Ehemann, Vater, Großvater, wir verbringen unser ganzes Leben mit Frauen. Und trotzdem wissen wir Männer nicht, was im Körper einer Frau passiert."

Muruga aber weiß, wie es sich mit Menstruation lebt. Mehrere Jahre tüftelte er an Geräten, und als er keine weibliche Testperson fand, band er sich die Gummiblase eines Fußballs um den Bauch, befüllt mit Ziegenblut und klebte sich eine Binde in die Unterhose. Zwei Wochen hielt er den Selbstversuch durch. In seinem Dorf galt Muruga als Perversling, die Nachbarn verstießen ihn als einen von bösen Geistern Besessenen, seine Frau Shanti dachte über Scheidung nach.

Doch sie ist längst wieder bei ihm, die beiden haben eine kleine Tochter. Fast 3500 Binden-Maschinen hat Muruga seither verkauft, knapp die Hälfte davon in Indien, die anderen in Länder wie Kenia, Nigeria, Nepal und Bangladesch - an Frauengruppen, Hilfsorganisationen, Schulen, Kommunen.

Mehr als ein Hygienethema#

Nordöstlich von Coimbatore, in einem Dorf der ärmsten Ecken des Landes, in einem flachen Haus steht eine Frau an einem Tisch, auf dem ein Metalleimer vibriert. Nach einigen Minuten drückt sie einen Knopf, holt Watte aus dem Eimer, stopft pappeähnliche Stücke hinein, das Ding röhrt wieder los. Im Nachbargebäude wiegt eine Frau Wattebüschel ab, eine andere drückt sie in eckige Formen, die nächste macht mit einer Handpresse Wattekerne daraus, welche andere in ein Vlies hüllen, dann legt eine Frau die Wattepads auf ein Blech und schiebt dieses in eine Art Backofen. "Ein UV-Gerät", erklärt sie. "Das ultraviolette Licht tötet die Bakterien."

Vor wenigen Jahren startete die Binden-Produktion, finanziert von der lokalen Regierung. Muruga reiste mit seinen Maschinen an, zeigte, wie alles funktioniert. "Ein Tag nur, und wir waren eingearbeitet", sagt die Frau an der Handpresse. In der Produktion sind 28 Arbeiterinnen, verteilt auf mehrere Schichten, um die 800 Binden fertigen sie an einem Tag. In Indien wird pro Tag der Periode eine Binde gerechnet, ein Paket mit sechs Stück kostet 13 Rupien, halb so viel wie die Binden der internationalen Hersteller. Ein Teil der Produktion geht an kleine Läden und Medizinstationen, der andere an Schulen im Bezirk, Schülerinnen bekommen Binden umsonst.

"Die abgelegenen armen Gegenden im Nordosten, die interessieren mich am meisten", sagt Muruga. Er sitzt in seinem alten Land Rover, auf dem Weg zum Mittagessen. "Warum für die wenigen Reichen auf der Welt produzieren, wenn der Markt für die Milliarden armer Menschen noch unerschlossen ist? Die großen Konzerne sind nur am Profitmachen interessiert, die sind wie Parasiten. Ich will wie ein Schmetterling sein, der Blüten bestäubt. Ich will der Gesellschaft helfen, sich selbst zu entwickeln."

Es geht Muruga nicht allein um Hygiene, Frauen sollen selbst Binden produzieren, erklärt er, damit in den schwachen Gegenden Indiens Einkommensquellen entstehen.

Wiener Zeitung, 15. Juni 2018