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Roboter als Präsidentschaftskandidaten#

Maschinen schaffen Menschen im Arbeitsleben ab, sagt der Soziologe Dirk Helbing: Daher muss sich die Gesellschaft umgestalten.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 24. Jänner 2018

Von

Eva Stanzl


Roboter
Roboter
© afp/mandel ngan

Eine Welt ohne Arbeit könnte der Menschheit bevorstehen, wenn Roboter immer mehr Tätigkeiten übernehmen. Die Maschinen werken schneller und billiger als hunderte Menschen - und das rund um die Uhr. Schaffen Automaten den Menschen ab? Welche Arbeit wird es in zehn oder zwanzig Jahren noch geben? Dirk Helbing, Soziologe und Komplexitätsforscher an der ETH Zürich, blickt in eine Zukunft, in der Rekord-Beschäftigung von gestern sein wird.

"Wiener Zeitung": Zeitreise ins Jahr 2030: Werden die Menschen noch Arbeit haben?

Dirk Helbing: Technisch gesehen kann die künstliche Intelligenz (KI) schon heute viele Tätigkeiten erledigen: Arbeiten, die auf Regeln, Wiederholung und Mustererkennung beruhen, führt sie zum Teil besser aus als Menschen. Und ihre Fähigkeit dazu wächst exponentiell. Ursprünglich nahm man an, dass es superintelligente Systeme bis 2040 geben würde. Heute sagen viele Experten, dass wir sie schon in drei bis fünf Jahren haben werden. Insofern muss man die Konkurrenz durch solche Systeme schon ernst nehmen. Sie sollen medizinische Diagnosen stellen, im juristischen Bereich zum Einsatz kommen, qualifizierte Bürojobs übernehmen und in Führungsteams Expertenmeinungen abgeben. Weiters wird über KI als Assistenzprofessoren diskutiert und es gibt sogar den Plan, 2020 einen Roboter in das Wettrennen um den Posten des Staatspräsidenten von Neuseeland zu schicken. Viele Roboter sind vernetzt und geben einander alles, was sie lernen, sofort weiter. Sie müssen nicht viele Jahre die Schulbank drücken und sich Wissen aneignen, das heute oft schon nach drei Jahren zur Hälfte veraltet ist.

Wie realistisch sind diese Szenarien?

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis viele Tätigkeiten automatisiert werden. Der Grund sind technischen Möglichkeiten und die Kosten. Menschen werden müde, machen Urlaub, beklagen sich über die Arbeit und kosten ein Gehalt und Sozialabgaben. Das fällt bei Robotern weg - die sich übrigens auch im öffentlichen Dienst bewähren könnten: Wenn der Staat sparen muss, könnten sie auch in der Verwaltung arbeiten.

Bringen neue Technologien auch neue Jobs?

Wie die neuen Berufe aussehen werden, lässt sich kaum vorhersagen. Auch können wir nicht davon ausgehen, dass sie im selben Tempo entstehen, wie alte verloren gehen. Man kann nur vermuten, dass Jobs, in denen es um Kreativität, soziale Interaktion und Umwelt geht, am längsten überleben.

Derzeit haben wir Rekord-Beschäftigung. Geht es ab jetzt nur bergab?

In der ersten Industrierevolution dauerte es mehr als eine Generation, bis sich die Wirtschaft vom Automatisierungsschub erholt hatte. Dazwischen gab es Revolution, Krieg und Wirtschaftskrise. Das stünde uns heute auch ins Haus, wenn wir die Rahmenbedingungen nicht verändern. Unsere Gesellschaft kann nicht mehr lange so weiter bestehen, wie sie ist. Die Kunst wird sein, eine Veränderung auf den Weg zu bringen, die mehr für alle bringt. Rekordbeschäftigung ist vielleicht das falsche Ziel. Vielleicht liegt die größte Chance unserer Zukunft sogar in der Massenarbeitslosigkeit, wie der Philosoph David Precht meinte, denn sie erfüllt einen Menschheitstraum: Maschinen nehmen uns die ermüdenden, schweren und langweiligen Tätigkeiten ab, die wir ohnehin nicht gerne machen. Wir können uns damit befassen, was uns wirklich Spaß macht - Kunst und Kultur, soziale Interaktion, Kreativität aller Art. Aber es muss sichergestellt sein, dass wir Nahrung, Wohnung und was wir zum Leben brauchen, bezahlen können. Ansonsten kippt das System und die Wenigen, die Roboter beschäftigen, bestimmen, was passiert. Das ist mit Demokratie nicht vereinbar und dadurch spitzt sich ein Konflikt zu zwischen Kapitalismus und Demokratie.

Wie retten wir im digitalen Kapitalismus die Demokratie?

Viele befürchten, dass die Demokratie im digitalen Kapitalismus auf der Strecke bleibt. Um das zu verhindern, müssen wir uns jetzt mit diesen Szenarien befassen, damit das Schicksal nicht einfach seinen Lauf nimmt, sondern wir bewusst unsere Zukunft so gestalten, wie wir sie möchten.

Was halten Sie von einem bedingungslosen Grundeinkommen?

Das Grundeinkommen ist keine perfekte Lösung. Im Übergang würde es aber den Leuten existenzielle Sorgen nehmen, den Unternehmen den Absatz sichern und die Gesellschaft stabil halten. Vor allem aber würde es uns den Rücken freihalten, um uns im Strukturwandel neu zu erfinden. Denn wir wollen ja nicht um jeden Preis Jobs ausüben, die nicht mehr zeitgemäß sind. Zwar könnte man versuchen, die digitale Transformation zu verzögern, aber wer zu lange zögert, hat einen Wettbewerbsnachteil. Also müssen wir uns dieser Transformation jetzt mutig und vorausschauend stellen. Das geht am besten ohne existenzielle Sorgen und mit dem Gefühl, zur Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft beitragen zu können.

Ein Grundeinkommen garantiert eine flache Einkommensstruktur - jedoch ohne Leistungsanreize. Funktioniert das?

Bisher haben sich Leistungsanreize bewährt. Diese könnte man durch eine Investment-Prämie schaffen. Eine Zentralbank, die allen gehört, würde dieses zusätzliche Geld erzeugen und gerecht verteilen. Das Grundeinkommen würden die Menschen selbst konsumieren, die Investment-Prämie würde die Bank an Innovateure und Menschen geben, die sich für Hilfsbedürftige einsetzen oder sich in sozialen oder Umwelt-Projekten engagieren. Es wäre ein Crowdfunding für alle, das uns erlaubt, Dinge auf den Weg zu bringen, die wir für wichtig halten.

Ich halte es für einen Wesenskern des Menschen, mitgestalten zu wollen. Ein Ideenwettbewerb um die Investmentprämie könnte dafür sorgen, dass die besten Ideen gewinnen und umgesetzt werden. Wenn dieser Wettbewerb fair durchgeführt würde, könnte ein im wahrsten Sinne demokratischer Kapitalismus resultieren, bei dem die besten Eigenschaften der Systeme, die sich am besten bewährt haben, kombiniert würden. Den Rest würden wir automatisieren. Jene Länder, die schon jetzt proaktiv Maßnahmen in diese Richtung auf den Weg bringen, werden die führenden sein.

Dirk Helbing geboren 1965, ist Professor für Computer- und Sozialwissenschaften und Mitglied des Informatikdepartments der ETH Zürich.

Wiener Zeitung, 24. Jänner 2018