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„Selbst“ ist nicht nur der Mensch #

Schimpansen, Delfine und Elefanten haben eines gemeinsam: Sie bestehen den Spiegeltest. Über die Wurzeln des Ich-Bewusstseins. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (19. Juni 2019).

Von

Klaus M. Stiefel


Makake im Spiegel eines Motorrads; Jaipur/Indien
Spiegeltest. Menschenaffen wie Schimpansen und Orang-Utans können sich im Spiegel selbst erkennen. Bei Rhesusaffen lässt sich diese Fähigkeit zumindest trainieren (Bild: Makake im Spiegel eines Motorrads; Jaipur/Indien).
Foto: APA /AFP /Dominique Faget

Mancher Leser, manche Leserin hat es vielleicht schon erlebt nach einer durchfeierten Nacht: Lippenstiftspuren auf dem eigenen Gesicht im Spiegel zu erblicken. Üblicherweise würde man dann kurz lachen und die rote Farbe wegwischen. Diese nur anscheinend triviale Handbewegung ist allerdings ein Anzeichen unserer Fähigkeit, uns selbst zu erkennen und zu verstehen, dass das menschliche Gesicht, das uns aus dem Spiegel entgegenlacht, das eigene ist. Die moderne Verhaltensforschung hat sich diesen Zusammenhang zwischen der Wiedererkennung der eigenen Person im Spiegel und der mentalen Kapazität der Selbsterkenntnis zunutze gemacht. Der sogenannte Spiegeltest setzt ein Versuchstier einer ähnlichen Situation aus.

Dabei muss ein Tier zuerst einmal lernen, das Konzept eines Spiegels zu verstehen. Was Wissenschaftler oft beobachten ist, dass ein Versuchstier zuerst die eigene Reflexion als Gegenspieler missversteht und mit Drohgesten attackiert. Erst langsam gewöhnt sich das Tier dann an die ungewöhnliche Situation, das eigene Abbild sehen zu können. In einem zweiten Schritt betäubt der Wissenschafter das Versuchstier kurz und pinselt dann einen Farbfleck auf einen Körperteil des Tieres. Wenn das Tier wieder zu sich kommt und diesen Farbfleck abwischt, ist das ein starker Hinweis auf einen ausgeprägten Sinn, sich als „Selbst“ wahrzunehmen. Menschliche Kinder (die bepinselt man im Schlaf oder wenn sie abgelenkt sind und nicht unter Narkose!) schaffen das ab etwa dem achtzehnten Lebensmonat. Die meisten Tierarten aber gar nicht – es gibt allerdings interessante Ausnahmen.

Smarte Krähen, gewiefte Putzerfische #

Auch als biologisch interessierter Laie kann man die Tierarten, die den Spiegeltest bestehen, wohl zumindest teilweise erraten. Zuerst werden einem natürlich die uns so ähnlichen Menschenaffen in den Sinn kommen. Die fantastischen Forschungsarbeiten von Jane Goodall und Kollegen in Tansania haben gezeigt, zu welch hochentwickelten Fähigkeiten Schimpansen in der Lage sind. Auch den Spiegeltest bestehen sie mit Bravour.

Alle, die in den 1970-er-Jahren als Kinder ferngesehen haben, kennen Flipper, den schlauen Delfin. Und auch Flipper erkennt, wenn man ihm einen Punkt auf die Delfinnase malt. Bei diesen Meeressäugetieren ist es etwas schwieriger, einen Spiegeltest durchzuführen, denn die Tiere haben natürlich keine Hände, mit denen sie einen Farbfleck wegwischen können. In diesem Fall drehen und wenden sich die Tiere wiederholt so, dass sie den Farbfleck im Spiegel betrachten können.

Auch Elefanten meistern den Spiegeltest. Erneut handelt es sich um Tiere, die ein großes Gehirn und ein komplexes Sozialleben haben. Der ständige Kontakt und Austausch mit Artgenossen sind es wohl erst, die ein „Selbst“ im Kontrast zum „Du“ definieren. Etwas überraschend ist vielleicht, dass auch Krähen sich selbst im Spiegel erkennen können. Besonders die Krähenart der Pazifikinsel Neukaledonien hat, in der Abwesenheit von Raub-Säugetieren, komplexe mentale Fähigkeiten entwickelt. So sind diese Vögel unter Verhaltensforschern für ihren geschickten Werkzeuggebrauch bekannt. Unter den Vögeln bestehen auch Elstern, Tauben und Keas (eine Art neuseeländischer Papageien) den Spiegeltest.

Zu aller Überraschung hat auch der in in tropischen Korallenriffen beheimatete Putzerfisch den Spiegeltest bestanden. Dieser etwa fingerlange Lippfisch ist darauf spezialisiert, anderen Fischen Parasiten vom Körper zu entfernen. Der Putzerfisch wartet dabei unter Vorsprüngen im Korallenriff und signalisiert mit einer zuckenden Schwimmweise, dass er zum Putzen bereit ist. Dann kommen die „Kunden“ angeschwommen, größere Fische wie Riffbarsche oder Kugelfische, die der Putzerfisch dann am ganzen Körper auf Hautinfektionen und Parasiten untersucht. Diese Symbiose ist für Putzerfisch und Kunden gleichermaßen vorteilhaft: Der Kunden-Fisch wird von belastenden Parasiten befreit und für den Putzerfisch sind die Parasiten eine nahrhafte Mahlzeit. Für den Putzerfisch ist es notwendig, die Körpersprache seiner Kunden zu lesen, um zu erkennen, ob diese wirklich bereit sind, sich putzen zu lassen. Es ist für einen kleinen Fisch nicht ungefährlich, sich so nahe an die scharf bezahnten Mäuler von Raubfischen zu begeben! Dieser evolutionäre Druck, Körpersprache lesen zu können, hat sicher dazu beigetragen, dass diese ungewöhnlichen Fische verstehen, was sie da im Spiegel sehen. Wie bei so vielen höheren mentalen Fähigkeiten begann auch die Selbsterkenntnis nicht abrupt mit der Menschwerdung, sondern es gibt sie auch bei anderen Tierarten mit komplexem Verhalten und hochentwickelten Gehirnen.

Pharmakologische „Ich“-Auflösung #

Eine interessante Frage ist natürlich, wo im Gehirn die Fähigkeit der Selbsterkenntnis verankert ist. Die Spiegelnervenzellen in der Großhirnrinde sind für diese Funktion faszinierende Kandidaten. Ursprünglich im Rhesusaffen entdeckt, sind das Nervenzellen, die aktiv sind, wenn der Affe eine Handlung ausführt und wenn er diese Handlung nur beobachtet. Eine Spiegelzelle wird zum Beispiel Nervensignale aussenden, wenn der Affe nach einem Apfel greift und wenn der Affe einem anderen Affen oder einem Wissenschaftler dabei zusieht, wie diese nach einem Apfel greifen. Diese Fähigkeit, Handlungen in einer verallgemeinerten Weise – unabhängig vom Ausführenden – zu verstehen, ist zweifellos wichtig für die Fähigkeit, sich als Selbst zu begreifen. Die Großhirnrinde mit ihren Spiegelzellen ist aber nur eine von mehreren Hirnregionen, die mit dem Selbst zu tun haben könnten. Das Claustrum ist ein weiterer Kandidat. Nach einer besonders abgeschiedenen Kammer in mittelalterlichen Klöstern benannt, liegt das Claustrum im Inneren der Großhirnrinde.

Die mexikanische Rauschpflanze Salvia divinorum (der „göttliche Salbei“) ermöglicht interessante Experimente, denn die darin enthaltenen psychoaktiven Stoffe setzen anscheinend relativ spezifisch das Claustrum außer Gefecht. Schon die Priester der Mazateken wussten um die Potenz dieser Pflanze Bescheid und kauten sie vor ihren religiösen Ritualen. Es kommt nach dem „Genuss“ dieses Salbeis in vielen Fällen zu einer Auflösung des Selbst. Salvia- Konsumenten berichten davon, sich nicht mehr als „Ich“, als willentlich und unabhängig handelnde Kreatur zu fühlen. Nicht selten kommt es bei Salvia-Gebrauch auch zu Halluzinationen, wobei eigentümliche Wesen wie Feen, Elfen oder Außerirdische erscheinen. Diese Kreaturen entsteigen aus der Fantasie der jeweiligen Versuchsperson. Man kann sie dahin interpretieren, dass das Selbst ausgeschaltet wurde, und in diesem außergewöhnlichen Zustand eigene Absichten und Pläne vom Gehirn nunmehr als die anderer Personen gedeutet werden. Die eigene Intention, aus dem Zimmer zu gehen, würde womöglich unter Salvia- Einfluss als Beobachtung einer Fee, die das Zimmer verlässt, fehlinterpretiert. Eine Störung der normalen Funktion des Claustrums führt jedenfalls zu einer Störung im Erleben des Selbst.

Soweit man weiß, existieren die Spiegelzellen nur in Affen und Menschen, das Claustrum nur in den Gehirnen der Säugetiere. Man kann nur spekulieren, dass solche oder ähnliche Nervenzellen und Gehirnareale auch in den Gehirnen anderer Tierarten mit einem Sinn für das eigene Selbst vorkommen. All diese Beobachtungen und Messungen zeigen, dass das „Selbst“ kein metaphysisches Konzept ist, sondern etwas, das man empirisch erfassen kann – sowohl beim Menschen als auch bei einigen Tierarten; sogar bei solchen, bei denen man es gar nicht erwartet hätte.

Buchcover

Gehirn extrem. Extreme Gehirnzustände neurobiologisch erklärt

Von Klaus M. Stiefel

Hübner 2018 144 Seiten,

kart., € 17,20

Der Autor ist Biologe und populärwissenschaftlicher Autor und lebt in den Philippinen

DIE FURCHE, 19. Juni 2019