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Kinder und was Sprachen für sie bedeuten#

Ein Selbstbekenntnis#


Von

Günther Jontes


Heute kann jedermann direkt oder über alle Medien fremde Sprachen, die über die eigene Muttersprache hinausgehen, mit Ohr und Aug aufnehmen. Das war nicht immer so. Zur Zeit der Monarchie und in der Zwischenkriegszeit gab es Unterricht in fremden Sprachen nur in Höheren Schulen, in Realgymnasien Latein, in Akademischen auch Altgriechisch. Das gehörte zum gehobenen Bildungskanon und ebnete auch den Zugang zu den Universitäten. Erst in den Vierziger Jahren trat Englisch, in traditionell geführten Mädchengymnasien wie dem Sacre Coeur auch Französisch auf den Plan. Und selbst in den Hauptschulen gab es nun einen wenngleich nicht sehr effektiv weiterwirkenden Englischunterricht.

Von meinen Eltern hatte ich keinerlei Unterstützung für fremde Sprachen zu erwarten, waren sie doch in der frühen Zwischenkriegszeit in die Hauptschule, die damals noch Bürgerschule hieß, gegangen.

Als Beispiel für die Rezeption fremder Sprachen, das gleichzeitig für zeitgeschichtliche Geschehnisse dienen kann, werde ich hier mein eigenes kindliches und jugendliches Leben und Lernen ins Spielbringen.

Heute kann der durchschnittlich Gebildete – wollen wir beim Maturanten bleiben – die während dieser acht Jahre erlernte Fremdsprache nur dann sinnvoll verwenden, wenn er sie bewusst in seine Konversationverläufe etwa bei Auslandsreisen einsetzt. Das wird zumeist Englisch sein. Aber er erkennt sicherlich vom Klang her das Französische, Italienische, Spanische, auch wenn er von deren Wortschatz – bis auf Fragmente – und Grammatik keine Ahnung hat. Dem Klang nach slawische Sprachen differenziert zu erkennen, wird ihm schon schwerer fallen, vielleicht ist ihm das so klangvolle Russisch eher erkennbar, aber Polnisch und Tschechisch, Slowenisch und Kroatisch? Da wird es Fehlanzeigen geben.

Gehen wir nach Außereuropa, so wird es noch komplizierter. Ich selber traue mir zu, dem Klange nach Arabisch und Türkisch zu unterscheiden, in Ostasien Mandarin-Chinesisch, Japanisch, Koreanisch und Mongolisch. Und das deshalb, weil ich die Länder dieser Sprachen wiederholt bereist habe.

Ich blicke nun in meine Kindheit zurück und kann zum Erstaunen meiner Umwelt vermelden, dass meine frühesten gestammelten Wörter ausgerechnet dem Russischen entstammten. Das hat mit der Zeitgeschichte dieser Tage zu tun. Bekanntlich war die Oststeiermark zwar in schweren Kämpfen im Frühjahr 1945 von der Roten Armee erobert, Graz den Sowjets aber durch besonnene Leute kampflos übergeben worden. Zuvor war meine Großmutter mit Tochter, Schwiegertöchtern und deren Kindern, zu denen auch ich damals Sechsjähriger zählte, von Graz-Eggenberg, wo mein Elterhaus stand, bis in die Gegend des weststeirischen Hitzendorf geflüchtet, wo wir mehrere Wochen ausharrten, bis sich die Lage in Graz wieder beruhigt hatte, Vergewaltigungen, Plünderungen und Brandschatzungen zurückgegangen waren. Zwei Monate lang blieb ein großer Teil der Steiermark aber sowjetisch besetzt. Meine spätere Volksschule, die Eggenberger Knaben-Volks- und Hauptschule, die Hasner-Schule, war allerdings zum Quartier von Rotarmisten geworden. Ihre Panzer waren vor dem Schulgebäude geparkt. Als Quartier hatten sie auch hier übel und unzivilisiert gehaust, aber nicht die Verwüstungen wie im Schloss Eggenberg angerichtet, deren Beseitigung viele Jahre dauerte, um daraus wieder das heutige Weltkulturerbe der UNESCO zu machen, das es heute ist.

Die „Russen“, wie man sie allgemein nannte, waren in ihrem Charakter und ihrem Auftreten nach sehr unterschiedlich. Da gab es den Menschen, der voller Wehmut an seine eigenen Kinder dachte, von denen er vielleicht gar nicht wusste, ob es sie noch gäbe. Dann gab es Soldaten, die unter dem Vorwand der Suche nach Waffen auch nachts in Wohnungen eindrangen und nach Brauchbarem herumsuchten. Bei einem solchen „Besuch“ wurden meinem Großvater die einzige Taschenlampe, die wir noch hatten, gestohlen. Gleichzeitig aber bekamen wir aus dem Schlaf gerissenen Kinder jedes ein Stück Schokolade.

Es wundert nicht, dass die Eltern der heimischen Kinder diesen einschärften, sich nicht auf der Straße aufzuhalten, da das Gerücht umging, dass die Russen auf Kinder entführten, was sich aber die bewahrheitete. Kinder stiegen auch in russische Jeeps und deren Fahrer drehten zum Gaudium dieser Passagiere tolle Runden um die Häuserblöcke der Lilienthal- und Rochelgasse. Manchen Eltern blieb das Herz im Leibe stecken.

Auch ich wagte mich gegen die Willen meiner Eltern auf die Straße. Mein Elternhaus lag nur wenige hundert Meter von der Hasnerschule entfernt. Neugierig näherten wir uns immer wieder diesem fremdartigen Soldaten. Diese sprachen uns auch öfters auf Russisch an. Als Antwort bekamen sie – und das waren nun meine ersten Laute jenseits meiner Muttersprache, die wir auf der Straße aufgeschnappt hatten: Nix ponimai! Das heißt, ich stammelte Russisch und meinte damit, dass ich nichts verstünde. Als Erwachsener beschäftigte ich mich auch mit dieser schönsten der slawischen Sprache und kann dazu bemerken, dass die grammatisch richtige und vollständige Antwort hätte phonetisch transkribiert lauten müssen Ja nje panimaju njet! So gehört es sich mit schöner Verbalform in der ersten Person und der doppelten Verneinung.

Im Juli zog die Rote Armee dann ab, nannte sich von nun Sowjetskaja Armija und besetzte in Österreich und Deutschland die auf der Potsdamer Konferenz von den Alliierten zugewiesenen Gebiete, von welchen sie in Österreich erst 1955 nach dem Staatsvertrag wichen-

Nun kamen die Engländer und damit eine andere Sprache. Wir bitterarme Kinder gewöhnten uns damals eine damals nicht ungewohnte, später als verachtenswert für sonst Wohlerzogene angesehen Unsitte an: Wir bettelten die neuen Soldaten an! Dabei verwendeten wir Worte, die sicherlich von Erwachsenen lanciert worden waren, die dabei hofften, an Dinge heranzukommen, die Kinder leichter geschenkt bekämen als sie selber. Wir stellten uns dabei dort auf, wo die Briten regelmäßig hinkamen, zum Beispiel bei der Bäckerei Steiner, wo sie mit einem Lastauto das Gebäck abholten, das die in der ehemaligen SS-, heute Belgierkaserne untergebrachten Soldaten bekamen.

Unsere Bettelfragen klangen ungefähr so: Blies gif mi sigaret oder Blies gif mi tschicklet, womit man Kaugummi meinte, der mit dem ursprünglichen indigenen Namen für Rohkautschuk benannt. Den Begriff Chewing gum „Kaugummi“ gab es nicht und wir wussten auch nicht dass man bestimmte Arten von Kaugummi mit dem eigenen Luftstrom auch aufblasen konnte.

Mit der erbettelten Zigarette erhofften wir, ein gutes Tauschmittel in der Hand zu haben, um damit Raucher, die in ihrer kaum zu befriedigenden Nikotingier hinter jedem Tschick her waren, zu bezirzen. Selbst weggeworfene Stummel wurden nicht verschmäht.

Das eben Geschilderte geschah zu der Zeit, wo bald darauf für mich der reguläre Englischunterricht im Realgymnasium geschah, dem in der dritten Klasse das Latein folgte. Beides wurde für mich für mein künftiges Leben unabdingbar. Dazu traten dann außerhalb der Schule noch Italienisch, Französisch und Spanisch. Als Werkstudent tat ich mich sprachlich auch in Schweden um.

Ich hatte das Glück, im Gymnasium von drei sehr versierten Englischprofessoren unterrichtet zu werden. Ein kleines Lächeln gönne ich Ihnen meinen Lesern noch. Eine der gängigsten und wichtigsten Phrasen lernte ich von ihnen nicht, dass man nämlich auf das Dankeswort Thankyou mit You are welcome antwortet.