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Eine andere Reise zum Mittelpunkt der Erde#

Der kaiserliche Himmelstempel in Peking#


Von

Günther Jontes

Die Aufnahmen wurden vom Verfasser in den Jahren 1991, 1994, 1997 und 1998 gemacht. Sie sind Teil des Archivs „Bilderflut Jontes“.


Ein seltsamer Titel, der an Jules Vernes berühmten Roman erinnert. Aber er hat seine Richtigkeit, wie man sehen wird. Die Chinesen in ihren vielen ethnischen Schattierungen sind das größte Volk der Welt und das mit einer historischen Tiefe, die von keiner anderen Staatsnation übertroffen wird. Ihr Reich nannten sie selbst Zhôngguó, das „Reich der Mitte“, weil sie sich in ihrer einstigen geographischen Auslegung als Zentrum unter dem Sternenhimmel betrachteten. Heute ist es die Volksrepublik China, auf chinesisch Zhônghuá Rénmín Gònghéguó.

Das Riesenreich, das am Ende des 18. Jahrhunderts unter Kaiser Qian Long seine größte Ausdehnung erreicht hatte, wurde während seiner Jahrtausende alten Geschichte von verschiedenen Städten aus regiert, in welchen der Herrscher seine Residenz aufgeschlagen hatte. Die heutige Hauptstadt Peking/Beijing (chin. „nördliche Hauptstadt“) erreichte erst im 13. Jahrhundert n. Chr. unter der mongolischen Jin-Dynastie zentrale Bedeutung. Das politische und spirituelle Zentrum der Verbotenen Stadt mit dem Kaiserpalast wurde unter dem Kaiser Zhu Zhanji/Xuan Zong (1398-1435) erbaut. Hier residierten die letzten 24 Herrscher bis zum Ende des Kaiserreiches 1911.

Der Kaiser als „Sohn des Himmels“ war als solcher auch verantwortlich für das Wohlergehen von Mensch und Natur und hatte die Pflicht, durch bestimmte Rituale den Himmel günstig und den Menschen gewogen zu stimmen. Diese religiösen Handlungen fanden alljährlich zu einer festgesetzten Zeit im Himmelstempel Tiantan gongyuan („Altar des Himmels“) statt.

Es handelt sich um die wichtigste aller kaiserlichen Kultanlagen. Die Gesamtfläche des von einer Mauer umgebenen Areals beträgt etwa 6,5 km². Sie ist damit doppelt so groß wie die des Kaiserpalastes. Es handelt sich um ein riesiges genau nach dem Gesetzen des Fengshui angelegtes und ausgestattetes Gelände, das sich entlang einer Nord-Süd-Achse hinzieht und inmitten baumbestandener Flächen zwar wenige, dafür aber eindrucksvolle Gebäude aufweist, die Funktionen innerhalb der Riten zu erfüllen hatten. Er wurde unter den Ming-Kaisern geplant und angelegt und war 1420 in seiner ersten Gestalt fertig, fand aber 1530 eine neue Form, wobei die bisher hier stehenden Altäre für Sonne, Mond und Erde wegverlegt wurden. Die Länge der Süd-Nord-Achse beträgt 1,2 km. 1998 wurde der Himmelstempelpark mit seinen Gebäuden von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben.

Himmelstempelpark
Himmelstempelpark
Himmelstempelpark
Himmelstempelpark
Himmelstempelpark
Himmelstempelpark

Auf dem Gelände des Parks stehen etwa 4000 uralte Bäume, in der Mehrzahl Zypressen, deren Stämme einen Eindruck von ihrem hohen Alter geben.

Himmelstempelpark, Zypressen
Himmelstempelpark, Zypressen
Himmelstempelpark, Zypressen
Himmelstempelpark, Zypressen - Stamm
Himmelstempelpark, Zypressen
Himmelstempelpark, Zypressen - Stamm

Konfuzius lehrte einst, dass der Mensch, weil er mit Intellekt gesegnet sei, über der Natur stehe und die Aufgabe habe, in dieser für Ordnung zu schaffen. Und ein überliefertes Bild von der Welt lautete: „Der Himmel ist rund, die Erde aber quadratisch“ (chin. tianyuan difang). Deshalb sind innerhalb dieser Kultanlage alle Tempelhallen rund und stehen auf einer erhöhten quadratischen Basis.

Himmelstempelpark, Blick auf die Tempelanlagen
Himmelstempelpark, Blick auf die Tempelanlagen

Das ganze riesige Gelände war zur Zeit der Kaiser streng abgeschirmt und nur hochrangige Mandarine begleiteten den Herrscher, wenn er die Anlagen aufsuchte, um bestimmte Rituale auszuführen. Er war ja der „Sohn des Himmels“.

Statue eines Mitglied der Mandarine
Statue eines Mitglied der Mandarine
Statue eines Mitglied der Mandarine
Statue eines Mitglied der Mandarine

Die Mandarine bildeten die Spitze der chinesischen Verwaltung des Staates. Jeder männliche Chinese, egal welchen Standes, hatte die Chance, ein solcher zu werden. Er musste ein überaus strenges Auslese, Ausbildungs-und Prüfungssystem durchlaufen, bevor er vom Kaiser ernannt wurde. Seinen Rang erkennt man an seiner Kleidung mit einem gesticktem Aufsatz auf der Brust, der eines der mythischen Wesen darstellt. Sein Hut hat einen Knopf aus verschiedenen Materialien, auf der hier gestellten Darstellung einen aus Koralle. Ebenso hat er eine genau definierte lange Halskette.

Heute ist das Gelände des Himmelstempels ganz dem Fremdeverkehr geöffnet und jedermann, Mann und Frau, können sich gegen ein entsprechendes Salär als Kaiser oder Kaiserin in das dem Herrscher vorbehaltene gelbe Gewand kleiden und darin photographieren lassen.

Himmelstempelpark, Verkleidungsmöglichkeit als Kaiser
Himmelstempelpark, Verkleidungsmöglichkeit als Kaiser
Himmelstempelpark, Verkleidungsmöglichkeit als Kaiserin
Himmelstempelpark, Verkleidungsmöglichkeit als Kaiserin

Die Folge der Riten war so gedacht, dass sie von Süden her begannen, was den Anordnungen des Fengshui entsprach, denn bedrohliche Einflüsse dachte man sich immer von Norden kommend, wo deshalb auch eine Berg- oder Hügelzone diese bösen Kräfte abschirmen sollte. Der Kaiser betrat also von Süden her dieses Gelände.

Vom Südtor aus erreicht man als erstes Bauwerk den 1530 erbauten Himmelsaltar (chin. Yuanqin) aus rein weißem Marmor. Er besteht aus drei Marmorterrassen, die stufenartig ansteigen und durch die kaiserliche Zahl 9 bestimmt werden. Die unterste Terrasse symbolisierte die Erde, die mittlere die Welt der Sterblichen und die oberste den Himmel. Im alten China sah man die ungeraden Zahlen als himmlisch an und der Neuner als die größte einstellige ungerade Zahl war dem Kaiser zugedacht. Die anderen Himmelszahlen sind 1, 3, 5, 7, also die ersten Primzahlen unter Neun

Die Altarstufenterrassen werden von Steinringen bedeckt, der innerste davon hat 9, der äußerste oder siebenundzwanzigste 253 Segmente. Auch das Datum der Errichtung steht unter dieser Zahlenmystik. Der Altar wurde im neunten Jahr der Regierung des Kaisers Zhu Houzong mit dem Epochennamen Jaijing (1521-1567) erbaut.

Himmelsaltar
Himmelsaltar
Himmelsaltar
Himmelsaltar, Segmente der Altarstufen
Himmelsaltar
Himmelsaltar, Altarstufen
Himmelsaltar
Himmelsaltar, Altarstufen

Die Maße dieser Architektur werden also durch diese Zahl oder solche, die durch 9 teilbar sind, bestimmt. Nach der chinesischen Himmel-Erde-Symbolik ruht die runde Anlage auf einer quadratischen Basis.

Himmelsaltar, Mittelpunkt der Erde
Himmelsaltar, der runde Stein symbolisiert den Mittelpunkt der Erde

Auf der obersten Terrasse, der des Himmels, ist in der Mitte ein runder Stein eingelassen, der den Mittelpunkt der Erde unter dem Sternenhimmel symbolisiert. Hier herrscht stets reges Treiben, denn jeder möchte einmal im Zentrum stehen. Sich darauf zu stellen und sich im Zentrum der Welt zu fühlen, zählt für viele Menschen zu den Höhepunkten des Besuches.

Himmelsaltar
Himmelsaltar - "Mittelpunkt der Erde"
Himmelsaltar
Himmelsaltar - "Mittelpunkt der Erde"

Neben diesem Bau opferte der Kaiser zur Wintersonnenwende, wenn der Tag am kürzesten und die Sonne am schwächsten ist, ein Tier. War dies geschehen, so wurde das Opfer in bestimmten Gefäßen verbrannt, wobei der Kaiser dieser Verbrennung zusah und daraus Schlüsse auf die Akzeptanz seines Opfers durch den Himmel zog. Das Ritual hieß Wangliao und war eine besondere Form der Verehrung des Himmels. Die dafür vorgesehenen Gefäße nannte man Fanchai und Liao. Die runden dienten zum Verbrennen kleinerer Opfertiere wie Schafe oder Ziegen. Der Altarähnliche grüne Bau dem von Rindern.

Himmelsaltar - Opferungsgefäße
Himmelsaltar, Opferungsgefäße
Himmelsaltar - Opferungsgefäße
Himmelsaltar - Opferungsgefäße
Himmelsaltar - Opferungsgefäße

Auf dem Pavillon der Tieropfer (chin. Zaishengting) wurden die zum Opfer bestimmten Tiere geschlachtet.

Pavillon der Tieropfer
Pavillon der Tieropfer
Pavillon der Tieropfer
Pavillon der Tieropfer
Pavillon der Tieropfer
Pavillon der Tieropfer
Pavillon der Tieropfer

Beim Opfer waren Himmel, Sterne, Wettererscheinungen und besonders auch die in den Himmel erhobenen vorangegangenen Kaiser in Form von Geistertafeln zugegen. Diese wurden in der Halle des Himmelsgewölbes (chin. Huángqíongyû) oder Huángqídian, „Halle des kaiserlichen Himmels“ aufbewahrt, wo sie sich noch jetzt befinden. Diese Halle wurde für Zeremonien während der Wintermonate verwendet.

Halle des Himmelsgewölbes
Halle des Himmelsgewölbes
Halle des Himmelsgewölbes
Halle des Himmelsgewölbes
Halle des Himmelsgewölbes
Halle des Himmelsgewölbes
Halle des Himmelsgewölbes
Halle des Himmelsgewölbes, kaiserliche Symbole im Gebälk

Im Gebälk tauchen überall die Symbole für den Kaiser und die Kaiserin auf. Für ihn steht der Drache (chin. long), für sie eine Art Paradiesvogel, der gemeiniglich als Phönix (chin. feng) bezeichnet wird.

Da diese Gebäude rein aus Holz und ohne alle andere Baumaterialien errichtet worden waren, hatte man größte Bedenken wegen der Feuersgefahr. Um dem zu begegnen, wurden überall große Bronzebehälter für Löschwasser aufgestellt

Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete

Der Kaiser betrachtet die hier aufbewahrten Ahnentafeln, die man für die Zeremonien in der Halle der Erntegebete benötigte.

Diese Halle liegt innerhalb eines großen Mauerrunds, der sogenannten Echomauer (chin. huángqíyû), die geflüsterte Worte weit vom Sprecher entfernt hörbar werden lässt. Am Aufgang zur Halle gibt es die drei „Steine mit dem dreifachen Echo“ (chin. Sanyinshi). Wenn man sich auf den ersten Stein stellt und in die Hände klatscht, ergibt dies ein einfaches Echo, auf dem zweiten ein doppeltes und auf dem dritten ein dreifaches.

Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete
Echomauer
Echomauer
Echomauer
Echomauer

Die Dachziegel, die hier die Himmelsfarbe Blau haben, wurden in eigenen kaiserlichen Ziegeleien für die Bedürfnisse herrscherlicher Bautätigkeit gebrannt. Auch sie tragen an den Kantenziegeln den Drachen des Kaisers.

Dachziegel
Dachziegel
Kantenziegel
Kantenziegel
Kantenziegel
Kantenziegel

Bei grüngedeckten Bauten, die mit dem Erdkult zu tun haben, gibt es wiederum Ziegel in dieser Farbe.

Kantenziegel
Kantenziegel
Kantenziegel

In Südchina leben in den Regenwäldern noch wilde Elefanten. Der weiße Elefant als sehr seltene albinotische Spielart wurde auch im alten China als glückverheißend verehrt. Auf dieser Skulptur in Himmelstempelpark trägt auch er den kaiserlichen Drachen.

Skulptur
Skulptur

Im Weiterschreiten gelangt man endlich zum Höhepunkt des riesigen Areals, zur „Halle der Ernteopfer“ (chin. Qíníandân) oder auch „Halle der Erntegebete“(chin. Dâqídiân) mit ihrem dreifach gestuften himmelblauen Dach. Sie gilt als das vollkommenste Bauwerk der chinesischen Architektur. Was wir heute sehen, stammt aus dem Jahre 1890, denn ein Jahr zuvor war diese Halle durch Blitzschlag abgebrannt und vollständig zerstört worden. Aber bereits im Jahr darauf wurde er detailgetreu mit Handwerkstechniken aus der Zeit der Ming-Kaiser wiedererrichtet.

Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete
Antrittsstein mit Reliefs
Antrittsstein mit Reliefs
Bild 'Halle_Ernteopfer_03'

Der Bau steht auf einer dreistufigen Marmorterrasse (chin. yúanqìyû. „kreisrunder Hügel“). Es gibt wie bei anderen Tempeln auch hier einen langen Antrittsstein mit Reliefs, die den kaiserlichen Drachen als Beherrschers des Wassers und des günstigen Regens zeigen.

Marmorsäulchen, wieder mit Reliefs Drache und Phönix, begleiten den, der nun die Treppen zur Halle emporsteigt.

Marmorsäulchen mit Reliefs
Marmorsäulchen mit Reliefs
Marmorsäulchen mit Reliefs
Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete

Die Halle ist 38 m hoch und hat einen Durchmesser von 30 m. Das Dach ist mit 50.000 Glasurziegeln gedeckt. Sie besteht nur aus Holz, und zwar dem des südchinesischen Douglasia-Baumes, einer Kampferart.

Der Name der Halle wurde von dem Ming-Kaiser Jiajing (1527-1566) kalligraphiert. Die „Kunst des Schönschreibens“ gilt in China als ebenbürtig mit Malerei, Graphik, Bildhauerei und Architektur. Der kundige Chinese erkennt dem Stil der Schrift nach den Kalligraphen, so wie Kunstbeflissene etwa auch in Europa eine Dürergraphik als solche zu erkennen wissen.

Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete

Der Kaiser besuchte als „Sohn des Himmels“ diese Halle jeweils am 15. Tag des 1. Monats des chinesischen Mondkalenders am sogenannten Laternenfest. Er hatte sich dafür mit Fasten und Nachtwachen gut vorzubereiten und betete nun um gutes Wetter, Wasser in günstigen Mengen und eine gute Ernte. Er hatte ja das Mandat des Himmels, war seinem Volk dafür verantwortlich und konnte theoretisch bei Misslingen seiner Bitten auch abgesetzt werden.

Halle der Erntegebete
Halle der Erntegebete

Im Zenith der Kuppel innen sieht man den kaiserlichen Drachen, der auch als das Wappentier der legendären vorgeschichtlichen Xia-Dynastie angesehen wird.

Die Halle der Erntegebete ruht auf 28 Säulen aus dem erwähnten Holz. Die innersten vier sind 20 m hoch und verkörpern die vier Jahreszeiten. Es folgen nach außen hin zwei Kränze mit je 12 Säulen, die innere für die 12 Monate, die äußere für die 12 Doppelstunden des Tages. Sie sind mit rotem Lack umgeben und tragen ungemein verfeinerte Goldornamente.

Schließlich verlässt man nach Norden hin das Gelände wieder durch den Langen Korridor (chin. Changlang). Man nimmt Abschied von einer der eindrucksvollsten Kulturleistungen der Menschheit. Die Tore haben sich wieder geschlossen.

Langer Korridor
Langer Korridor
Langer Korridor
Langer Korridor
Langer Korridor