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April 1841
lange; nachher wurden den Damen geweihte Blumen ausgetheilt, und da ich
unter lauter damen, gfin goës, ludolf, ihre töchter, d’oultremont, molly
Zichy etc. stand, so konnte ich auch mehrere damit beglücken. um 2 uhr
endlich war es aus, und ich und mit mir die meisten fuhren schachmatt und
todtmüde nach hause, obwohl noch viele zu den nachfolgenden functionen
blieben, die heute kein ende nehmen.
ich aber zog mich um, déjeunirte, machte geimüller eine kurze visite we-
gen des letztlichen diners, und machte dann eine kleine promenade al monte
Pincio.
unter mehrern andern Briefen fand ich zu hause einen von gräfin lot-
tum noch immer aus lausanne, welches sie aber jetzt verläßt, um über
Zürch, wo sie ihren onkel Putbus auf ein Paar tage sehen wird, nach nor-
den und dann später nach Kissingen zu wandern; ihre Gesundheit und mehr
noch ihr gemüth scheinen mir übel daran, und trübe ihre Aussichten in die
Zukunft; die arme Frau, ihre Briefe machen auf mich immer einen eigenen
eindruck, weil sie mich an einen schönen moment meines lebens erinnern,
und mir neben ihrem sturmbewegten leben mein eigenes so klein, so lang-
weilig, so unleidlich miserabel vorkömmt; schade, das wäre so ganz eine
frau gewesen, die für mich gepaßt hätte.
Um 5 Uhr fuhr ich wieder, jedoch dießmal en Civil nach der Peterskirche;
da gab es eine Menge Spectakel; zuerst der Cardinal Gran-Penitenziario, der
sich auf einen thron setzt und den einzeln herannahenden gläubigen mit
einem großen goldenen stab auf den kopf klopft, und hiemit Absolution, Ab-
laß, etc. ertheilt; eigentlich ist die Hauptbestimmung dieser Feyerlichkeit
die nachlassung sämmtlicher casus reservatis [sic], es ist aber vornehmlich
eine Art devotion, und unter der unzähligen menge der niederknieenden
war die ganze crème der fremden, lord schrewsbury [sic],1 gräfin goës,
molly Zichy, ludolf, mad. Potemkin, und eine menge katholischer englän-
der; ich that nicht ein Gleiches, weil es mir als eine Art Mummerey vorkam
und man solche dinge nicht als scherz behandeln soll.
hierauf und während dem war große procession sämmtlicher verkappten
und verbarten [sic] Bruderschaften und Pilger, welche letztere durch 3 tage
gespeist werden, zum heiligen grabe, und nach beendigten lamentationen,
welche während der ganzen Zeit in der kirche (in der sixtinischen kapelle
war es ebenfalls, so wie gestern) stattfanden, ein magnifiques miserere, wel-
ches ich mit anhörte und bey der einbrechenden dunkelheit in sankt Peters
wunderbaren dome, bey dem herrlichen concert der unsichtbaren stimmen
und der himmlischen composition wahrhaft ergreifend fand. mittlerweilen
1 John talbot, earl of shrewsbury. er war der vater der 1840 verstorbenen fürstin gwendo-
line Borghese, seine zweite tochter war mit fürst filippo doria Pamphili verheiratet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien