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Tagebücher160
war es nacht geworden, und nun begann die ceremonie des Abwaschens
des haupt-Altars mit dem heiligen Weine, und hierauf wurden dem versam-
melten volke unter großen feyerlichkeiten von einer hohen estrade in der
kirche selbst die 3 großen reliquien gezeigt, nähmlich die spitze der lanze,
die des heilands seite durchbohrte, ein stück des heiligen kreutzes und das
schweißtuch der heiligen veronica mit dem Bildniß. Auch dieser moment
war malerisch, die kirche bey fackelschein, die auf die kniee niedergefal-
lene menge, etc. hierauf fuhr ich endlich fort und speiste (es war 1/2 8 uhr
Abends) mit Tiesenhausen und Karaczonji beim Leyre; der Eindruck, wel-
chen die gesammtheit all dieser kirchlichen functionen auf mich macht, ist
ein durchaus ungünstiger; sie kommen mir bald als Comödie, bald als ein
wahrer Götzendienst vor; doch aber muß er auf Andere anders wirken, té-
moin stolbergs Bekehrung,1 témoin die ganze neuerliche Bekehrung zweier
russen bey der gesandtschaft, stackelberg und gallitzin, welche Beyde hie-
durch Vermögen, Adel und Anstellung verloren haben; was mich betrifft, so
könnte ich in rom protestantisch werden.
um 8 uhr Abends war alla trinità ai pellegrini fußwaschung, wo don
miguel die männer und die herzogin von cambridge die frauen waschen
sollte; jedoch haben dort die Damen und hier die Herren keinen Eintritt; alle
Welt ging hin, ich aber dispensirte mich aus müdigkeit und andern ursa-
chen.
[rom] 9. April
ich schrieb heute morgen Briefe, welche ich durch den gesandtschafts-cour-
rier bestellen wollte, weßhalb ich nach 11 uhr auf einen Augenblick zur Bot-
schaft fuhr; dann fuhr ich in die Dataria auf den Quirinal zu Signore Evan-
gelisti, um ihm Adieu zu sagen. ich wollte dann meinen reisegefährten den
maler finetti und seine Bilder besuchen, wie ich es ihm wiederholt verspro-
chen hatte, fand ihn aber nicht zu hause, und fuhr dann nach san Pietro,
um da auf die Kuppel zu steigen; jedoch war es noch zu früh und keiner der
custodi da, und ich wollte eben wegfahren, als tiesenhausen in derselben
Absicht angefahren kam, und so verging eine halbe stunde, bis man endlich
Einlaß erhielt; wir stiegen denn hinauf, ein sehr wenig beschwerlicher, je-
doch endloser Gang; erst gegen das Ende wird die Stiege, auf den unendlich
schmalen Schneckenstiegen, schwieriger; wir kamen bis oben, d.h. bis unter
das kreutz, und genossen von da die herrlichste Aussicht auf rom und seine
Umgebung, welches Alles wie eine Landkarte unter uns ausgebreitet lag;
besonders aber erhält man erst von da oben einen Begriff von den dimensio-
1 der als dichter bekannte friedrich leopold graf stolberg-stolberg konvertierte 1800 ge-
meinsam mit seiner gattin zum katholizismus.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien